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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Achtundsechzigstes Kapitel

Schluß von Timothys Erzählung.

————

»Ich verfluchte alle Eton-Schüler samt ihren Vorgesetzten, die ihnen nicht ebenso gut, wie Griechisch und Latein, auch die Ehrlichkeit eintrichterten, und machte mich auf den Weg. Mein Absteigequartier war eine sehr armselige Baracke, wo man Dünnbier schenkte und ein Nachtlager um zwei Pence, mit einem Haufen Flöhe gratis, gab. Hier traf ich mit einigen Bänkelsängern und Bettlern zusammen, die sich lustig machten und mich fragten, was es gäbe. Ich erzählte ihnen, wie ich behandelt worden war; sie lachten mich aus, da sie mir aber zu essen gaben, so konnte ich ihnen wohl verzeihen.

»Ein alter Mann, der den Vorsitz in der Gesellschaft führte, fragte mich, ob ich Geld bei mir habe. Ich zog mein unermeßliches Kapital von acht Pence hervor. ›Haufengenug, wenn Du gescheidt bist‹, sagte er, ›haufengenug! Mancher, der mit der Hälfte anfing, ist zuletzt in seiner eigenen Kutsche gefahren. Ein Mann mit Tausenden hat nur den Vorsprung von ein paar Jahren vor Dir. Du zahlst Dein Nachtlager und verwendest den übrigen Sechspence zu Schwefelhölzchen, die Du in der Stadt herum verkaufst. Wenn Du glücklich bist, so hast Du Deinen Shilling morgen Abend. Außerdem kommst Du in Vorzimmer, mitunter auch in eine Küche, wenn die Köchin gerade die Treppe hinauf ist; da giebt's eine Menge Sachen aufzugabeln‹. – ›Aber ich bin ein ehrlicher Mensch‹, sagte ich. – ›Immerhin, jeder nach seinem Geschmacke. Ich meine nur, wenn Du es nicht wärest, so würdest Du um so eher in Deiner Kutsche fahren.‹ – ›Aber‹, fuhr ich fort, ›wenn ich dies verliere, oder niemand mir meine Schwefelhölzchen abkaufen wollte, so müßte ich verhungern.‹ – ›Verhungern? nein, nein, niemand verhungert in diesem Lande. Dann hast Du weiter nichts zu thun, als auf einen Monat ins Gefängnis zu gehen; dort lebst Du vielleicht besser, als je zuvor. Ich habe jedes Gefängnis in England durchgemacht und kenne die guten wohl, denn auch unter den Gefängnissen ist ein großer Unterschied. Nun ist das in dieser Stadt hier eines der besten im ganzen Königreich, und ich beehre es den Winter über mit meiner Protektion‹. – Ich war sehr ergötzt über die Reden dieses Bettlers, der mir der lustigste aller alten Landstreicher in ganz Großbritannien schien. Übrigens folgte ich seinem Rate, kaufte mir Schwefelhölzchen für sechs Pence und begann meine neue Handelsreise.

»Den ersten Tag erwarb ich drei Pence, und zwar für den vierten Teil meines Vorrats. Dann kehrte ich zu demselben Orte, wo ich vergangene Nacht geschlafen hatte, zurück; aber die Brüderschaft war auf eine Expedition gegangen. Ich gab zwei Pence für Brot und Käse, einen Penny für das Nachtlager aus und ging am nächsten Morgen wieder hausieren, hatte aber einen sehr schlechten Tag, denn keine Seele schien Schwefelhölzchen zu brauchen. Nachdem ich von sieben Uhr morgens bis halb acht Uhr abends, ohne Hellerswert zu verkaufen, herumgestrichen war, setzte ich mich, müd' an Leib und Seele, unter das Vordach einer Kapelle. Endlich schlief ich ein, und wie meinst Du, daß ich aufgeweckt wurde? Durch ein Gefühl des Erstickens. Ich sprang auf, hustend, ohne Atem, in Rauch gehüllt. Ein paar boshafte Buben, die mich fest eingeschlafen sahen, hatten mir die Zündhölzchen, die ich in meiner Hand zwischen den Beinen hielt, angezündet, und ich wachte erst auf, als meine Finger schon tüchtig verbrannt waren. Damit hatte meine Spekulation in Zündhölzchen ein Ende, und mein ganzes Kapital dazu.«

»Mein armer Tim, Du dauerst mich wahrhaftig.«

»Gar nicht nötig, lieber Japhet! In allen meinen Nöten wurde ich doch nie zum Tode verurteilt; meine Unfälle waren Kleinigkeiten, über die man lachen konnte. Bei alledem fühlte ich mich damals recht elend. Im Fortgehen dachte ich daran, wie ich mich ehestens ins Gefängnis bringen könne, da mir der Bettler dies so dringend empfohlen hatte. In der Vorstadt hörte ich zwei Leute mit einander streiten und näherte mich ihnen. ›Ich feige‹, rief der eine, der ein Polizist zu sein schien, ›Ihr müßt mit mir kommen. Seht Ihr nicht das Brett hier? Alle Landstreicher müssen aufgegriffen und dem Gesetz gemäß behandelt werden‹. – ›Soll Euch doch der Teufel in die Klauen fassen, Ihr alter psalmensingender Dieb! Bin ich denn nicht ein Matrose, bin ich nicht ein Landstreicher von Profession und ganz dem Gesetz gemäß‹? – ›Das hilft nichts‹, sagte der andere, ›ich befehle Euch im Namen des Königs, Euch von mir ins Gefängnis führen zu lassen, und Euch, junger Mann‹ – wendete er sich zu mir – ›befehle ich, mir als loyaler Unterthan beizustehen‹. – ›Was wollt Ihr dem armen Burschen für seine Mühe geben?‹ hob der Matrose an. – ›Es ist seine Pflicht als loyaler Unterthan, und ich gebe ihm nichts dafür, aber ich werde ihn ebenfalls einstecken, wenn er sich weigert‹. – ›Dann, Du altes Rhinoceros, will ich ihm fünf Shillinge geben, wenn er mir hilft, und nun hat er die Wahl‹. – Jedenfalls, dachte ich, muß dies auf die eine oder die andere Weise glücklich ausfallen, aber ich will dem generösesten beistehen. Also ging ich auf den Polizisten, der ein aufgedunsener Kerl war, los, hob ihn an den Füßen auf, und patsch! fiel er mit dem Hinterkopf zu Boden. Du kennst meinen alten Griff, Japhet?«

»Ja wohl, ich wüßte nicht, daß er Dir je mißlungen wäre.«

»›Fort!‹ sagte der Matrose: ›mir schwant's, daß Ihr seinen Mastkorb beschädigt habt, also laßt uns vom Stapel laufen und alle Segel aufsetzen bis zur nächsten Stadt. Dort weiß ich, wo ich ankern kann, und so lang ich noch was Klingendes im Kasten habe, soll mich der Teufel, holen, wenn ich nicht Halbpart mit einem mache, der sich mir als Freund in der Not bewiesen hat‹?«

»Der Polizist kam nicht zu sich; er war sehr betäubt, wir lösten ihm jedoch die Halsbinde, ließen ihn liegen und machten uns davon, so schnell wir konnten. Mein neuer Gefährte, der ein hölzernes Bein hatte, hielt an einem Thore, um hinüberzuklettern. ›Wir dürfen keine Zeit verlieren‹, sagte er, ›ich muß meine beiden Beine benutzen‹. Mit diesen Worten schnallte er die hölzerne Stelze ab und ließ seinen natürlichen Fuß, welcher, wie vorhin der meinige, hinaufgebunden war, herunter. Ich machte keine Bemerkungen. Wir schritten wacker zu, und nach fünf Meilen hatten wir ein Dorf erreicht. ›Hier wollen wir über Nacht bleiben‹, sagte der Matrose, ›aber morgen mit Tagesanbruch, oder gleich darauf, werden sie nach uns sehen, deshalb müssen wir beizeiten aufbrechen. Ich kenne diese Rechtsschnüffler wohl, sie kommen vor Sonnenaufgang nicht heraus.‹ Er hielt an einem kleinen Bierhause, und bald waren wir eifrig mit einem Nachtessen beschäftigt, das viel besser schmeckte, als ich den Seilten zugetraut hätte. Aber mein neuer Freund kommandierte rechts und links, und alles flog nach seinen Winken und Befehlen. Nachdem wir noch ein paar Gläser Grog zu uns genommen hatten, legten wir uns zu Bett.

»Am andern Morgen machten wir uns vor Tagesanbruch auf den Weg nach einer andern Stadt, wo, wie mein Gefährte sagte, die Polizisten sich nicht die Mühe geben würden, auf ihn zu fahnden. Unterwegs fragte er nach meinem Gewerbe, und ich erzählte ihm meine Unfälle. ›Eine Freundschaft ist der andern wert‹, entgegnete der Seemann; ›nun will ich Euch einen Handel verschaffen. Könnt Ihr singen, habt Ihr Stimme?‹ – ›Ich kann's nicht rühmen‹, gab ich zur Antwort. – ›Ich meine nicht, ob Ihr nach der Melodie singen könnt, oder eine gute Stimme habt – das ist all' eins – ich will nur wissen, ob Eure Lunge gut ist.‹ – ›Wenn Ihr eine laute Stimme meint, ja, die hab' ich.‹ – ›Das ist alles, was Ihr braucht. So lang Ihr Euch vernehmlich machen könnt, mögt Ihr heulen, wie ein Schakal, oder brüllen, wie ein wahnsinniger Büffel; denn Mancher giebt uns etwas, nur um uns los zu werden, nicht aus Mildthätigkeit, und so lange die Gelder fließen, fragt man uns nach nichts. Ich kannte einst einen alten Kerl, der ein einziges Lied auf der Klarinette blies, und das ohne alle Melodie. Der machte sein Glück in sechs oder sieben Straßen, denn jedermann gab ihm Geld und hieß ihn gehen. Als er das merkte, kam er jeden Morgen so regelmäßig wie ein Uhrwerk. Nun gab es eine Straße, wo hauptsächlich Musikalienhändler und italienische Sänger wohnten – denn solche Ausländer nisten immer zusammen – und diese Melodie, ›woran die alte Kuh krepiert‹, wie man sagt, war immer ihr Entsetzen, so daß es halbe Pence regnete, wie er nur den Mund aufthat. Dann war auch ein Klub von jungen lustigen Vögeln in derselben Straße. Als die gewahr wurden, daß die andern dem alten Manne Geld gaben, um sein Gekrächze los zu werden, schickten sie ihm Geld und hießen ihn bleiben und ihnen spielen. Jetzt schickten ihm die andern noch mehr, um ihn fortzubringen, und in diesem Kreuzfeuer hatte der alte Kerl einen bessern Verdienst als alle Höker und Bettler in der ganzen Umgegend. Wenn Ihr nun eine starke Stimme habt, so kann ich Euch mit allem Übrigen versehen.‹«

»›Erwerbt Ihr Euch Euern Unterhalt auf diese Weise?‹«

»›Freilich thu' ich das und kann Euch sagen, daß von allen Gewerben kein anderes damit zu vergleichen ist. Seht, Herzblättchen, ich war am Bord eines Kriegsschiffes – nicht, daß ich ein Matrose oder jemals für die See bestimmt gewesen wäre – ich war nur als Landratte eingeschifft und that meinen Dienst auf dem Mitteldeck und bei der Hinterwache. Ich weiß wenig oder gar nichts vom Seemannsdienste; auch brauchte ich es nicht in meiner Lage, und habe deshalb in den vier Jahren, die ich an Bord war, nichts gelernt. Dafür lernte ich aber die Seesprache – versteht Ihr, das Schiffslatein, und das müßt Ihr jetzt von mir zu lernen suchen. Ich kniff aus und nahm meinen Weg gen Lunen, aber ich wäre bald wieder aufgegabelt und an Bord des Lichters zurückgebracht worden, wenn ich mir nicht diese hölzerne Stelze, die ich da in der Hand trage, verschafft hätte. Einen schönen Haufen Lieder wußte ich: also fing ich mein Gewerbe an und kann Euch sagen, daß es einen goldenen Boden hat. Ihr müßt wissen, wenn ein tüchtiger Sieg vorfällt, so streiche ich oft wochenlang wohl zwei Pfund des Tages ein; gewöhnlich komme ich aus fünfzehn Shillinge bis zu einem Pfund im Durchschnitt. Da Ihr mir nun von dem Landhaifisch da losgeholfen habt, der wahrscheinlich meine zwei gesunden Beine bald entdeckt und mich als Betrüger ins Loch geworfen hätte, so will ich Euer Lehrmeister in meiner Kunst sein. Ihr haltet Euch zu mir, bis Eure Lehrzeit um ist. Alsdann könnt Ihr das Geschäft allein betreiben, denn Raum ist in England genug für uns beide; aber das merkt Euch, daß Ihr keinem Euer Einkommen verratet, sonst zieht jeder Bettler auf der Insel Matrosenkleider an, und dann hat der Spaß ein Ende.‹«

»›Dies war natürlich ein Anerbieten, das nicht ausgeschlagen werden durfte, daher ich's mit Freuden annahm. Zuerst hantierte ich mit ihm als ein Einarmiger, den andern Arm an die Seite gebunden, und den Ärmel los und ledig darüber her. Da brüllten wir dann links und rechts, so daß es von allen Seiten Kupfermünzen regnete. Nach drei Wochen erklärte mich mein Freund für selbstständig. Er gab mir die Hälfte seiner Balladen und fünf Shillinge auf den Weg; dann drückten wir uns die Hände, und ich schied von dem besten Freunde, den ich jemals außer Dir besaß. Seitdem habe ich das Land in jeder Richtung durchkreuzt, die Taschen voll Geld und immer mit dem einen Auge nach Dir spähend. Da erregte zum Glück meine holdselige Stimme Deine Aufmerksamkeit – da bin ich denn, und meine Geschichte ist zu Ende. Wenn ich aber je wieder von Dir weg und in Not gerate, so verlaß Dich drauf, daß ich zu meiner hölzernen Stelze und zu meinen Balladen zurückkehren werde.«

Dies waren die Abenteuer Timothys, welcher sich jetzt in einen förmlichen Quäker verwandelt hatte. »Es wäre mir nicht lieb, Timothy«, sagte ich, »wenn Du wieder ein betrügerisches Gewerbe ergreifen würdest. Es könnte ja doch der Fall sein – denn was ist in der Welt nicht möglich? – daß Du wieder auf Dich selbst angewiesen würdest. Wäre es nun nicht besser, wenn Du Dir eine genauere Kenntnis unserer jetzigen Profession verschafftest, welche frei, ehrenwert und zugleich einträglich ist? Durch einigen Fleiß und Eifer wirst Du bald imstande sein, Arzneien zu dispensieren und Recepte zu verordnen, so gut wie ich selbst, und wer weiß, ob Du nicht eines Tages eine Apotheke wie diese besitzest?«

»Wahrlich, wahrlich, Deine Worte schmecken sehr nach Weisheit«, versetzte Tim mit gravitätischem Tone, »und ich will Deinen Rat befolgen.«

*

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