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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Sechsundsechzigstes Kapitel

Begegnung mit Timothy.

————

Es mochte etwa ein Monat seit dieser Unterredung vergangen sein, als ich eines Tages einen Matrosen, der nur im Besitze eines Beines, dafür aber einer Menge Balladen war, aufs allerkläglichste singen hörte:

»Was geht's Euch an, wenn ich die Augen wische?
Die Thrän' ist eine Lust in ihrer Art –«

»Gott sei mit Euer Ehren – einen Heller für den armen Jack, der sein Bein im Dienst verloren hat. Dank Euer Ehren« – und er fuhr wieder fort:

»Ein Unsinn, wer da quiekt im Flederwische,
Doch mitleidswert ist, wer sein Mitleid spart.
Sagt unser Kapitän – werd's nicht vergessen –
›Seht, Jungens‹, sagt er, ›das ist echter Mut‹ –«

»Stellen Euer Hochehrwürden Ihr Haupttopsegel auf eine halbe Minute zurück, um einer armen abgetakelten Schaluppe beizustehen, die im Krieg in Stücke gegangen ist –«

»Im Kampf ein Löwe –«

»Mögen Eure Ehren lange leben –«

»grimmig und vermessen – «

»Kauft ein Lied, junges Frauenzimmer, um es Eurem Schatz zu singen –«

»Fromm wie ein Lamm – fromm wie ein Lamm –«

– »wenn Ihr ihm auf dem Knie sitzt in der Hundswache –«

»Im Kampf ein Löwe, grimmig und vermessen.
Fromm wie ein Lamm, wenn die Kanone ruht.«

Es wird wohl wenige geben, welche nicht große Teilnahme für den englischen Matrosen empfinden, besonders für einen solchen, der bei der Verteidigung seines Vaterlandes verstümmelt worden ist. Bei mir war dies wenigstens immer der Fall, und als ich den armen Invaliden, obgleich weder in der Stimme noch im Vortrag ausgezeichnet, seine Ballade absingen hörte, zog ich die Schublade hinter dem Rezeptiertische und nahm einige Pence heran. Ich wartete bis er aufsah, dann winkte ich ihm. Er trat in die Apotheke: »Hier, guter Freund«, sagte ich, »obgleich ich ein Mann des Friedens bin, so habe ich doch Mitgefühl für diejenigen, welche im Kriege leiden.« Mit diesen Worten gab ich ihm das Geld.

»Mögen Euer Ehren nie einen schlimmen Tag erleben«, erwiderte der Matrose, »und eine rechte Krankenzeit wünsche ich Ihnen obendrein.«

»Ei, Freund, das ist kein guter Wunsch für andere Leute«, entgegnete ich ihm.

Der Matrose heftete seine Augen auf mich und schien ganz erstaunt; denn er hatte mich bis jetzt nicht näher angesehen.

»Warum blickt Ihr mich so an?« fragte ich.

»Guter Gott!« rief er aus, »das ist – nein, er kann's nicht sein.«

»Was nicht sein, Freund?«

Er eilte zur Thür hinaus, las die Firma, kam wieder herein, und sank auf einen Stuhl neben dem Rezeptiertische: »Japhet!« rief er mit schwacher Stimme, »endlich habe ich Dich gefunden.«

»Guter Gott, wer seid Ihr?«

Er warf seinen Hut ab, an welchem falsche Locken inwendig befestigt waren, und ich erblickte Timothy. Im Augenblicke war ich über den Tisch gesprungen und lag in seinen Armen. »Ist es möglich?« rief ich nach einem kurzen Schweigen auf beiden Seiten, »daß ich Dich, Timothy, als invaliden Matrosen sehen muß?«

»Ist es möglich, Japhet«, gab Tim zurück, »daß ich Dich als einen breitrandigen Quäker finden muß?«

»So ist es, Timothy, ich bin wirklich und wahrhaftig einer.«

»Dann bist Du weniger maskiert, als ich«, versetzte Timothy, schleuderte sein hölzernes Bein weg und stand auf seinem natürlichen, das er hinaufgebunden und in den weiten blauen Schifferhosen verborgen hatte. »Ich bin so wenig ein Matrose, als Du, Japhet, und habe, seit Du mich verließest, das gesalzene Wasser, wovon ich so viel singe und sage, nicht mit den Augen gesehen.«

»Dann hast Du betrogen, Timothy, was mir sehr leid thut.«

»Nun merk' ich, daß Du ein Quäker bist«, erwiderte Tim; »aber schilt mich nicht, bis Du meine Geschichte vernommen hast. Gott sei Dank, daß ich Dich endlich finde. Aber sage mir, Japhet, Du schickst mich nicht wieder weg, nicht wahr? Wenn auch Deine Kleidung anders geworden ist, so hast Du doch noch das alte Herz. Ich bitte Dich, antworte mir, ehe ich ein Wort weiter rede. Du weißt, ich bin hier zu gebrauchen.«

»Gewiß, Timothy, ich habe Dich oft herbeigewünscht, seit ich hier bin, und es wird ganz Deine eigene Schuld sein, wenn wir nicht zusammenbleiben. Du sollst mich in der Apotheke unterstützen, aber die Quäkertracht kann ich Dir nicht erlassen.«

»Erlassen! Hab' ich mich nicht immer gekleidet, wie Du? Als wir von Smithfield auszogen, waren wir da nicht gleich gekleidet? Gingen wir nachher nicht in Flitterjacken zusammen? Hab' ich nicht Deine Livree getragen und Dir angehört? Ich will alles anziehen, Japhet – nur laß uns nicht mehr voneinander gehen.«

»Nein, lieber Timothy, ich hoffe, es wird nicht geschehen. Aber ich erwarte jeden Augenblick meinen Gehilfen und wünsche nicht, daß er Dich in diesem Aufzuge treffe. Geh' in ein kleines Wirtshaus am nächsten Ende dieser Straße; und wenn Du mich vorüber gehen siehst, so komm' heraus; dann wollen wir uns aufs Feld begeben und miteinander sprechen.«

»Mein Quartier ist in einem Häuschen nicht weit von hier, wo ich auch einige Kleider habe. Ich will mich anders anziehen und Dich auf der Straße treffen. Adieu inzwischen, Japhet.«

Timothy raffte seine Balladen, welche zerstreut auf dem Boden lagen, zusammen, band sich den Fuß hinauf, schnallte die hölzerne Stelze an und eilte fort, nachdem er mir noch einmal stumm die Hand gedrückt hatte.

Nach einer halben Stunde kam mein Gehilfe, den ich in der Apotheke bleiben hieß, während ich einen Geschäftsgang machen wollte. Hierauf ging ich zu dem verabredeten Platze, wo sich Tim alsbald zu mir gesellte. Er hatte seine Matrosentracht abgelegt und trug, was man einen schäbig-gentilen Anzug nennt. Wir begrüßten uns noch einmal und dann bat ich ihn, mich seine Schicksale seit unserer Trennung wissen zu lassen.

»Du kannst Dir nicht vorstellen, Japhet, wie mir zu Mute war, als ich aus Deinem Schreiben erfuhr, daß Du mich verlassen habest. Ich hatte wohl gemerkt, wie unglücklich Du seit einer geraumen Zeit gewesen warst, und litt ebenso sehr, obgleich ich die Ursache Deines Kummers nicht wußte. Ich hatte keine Ahnung davon, daß Du all das Deinige verloren habest, bis ich Deinen Brief erhielt. Nun berührte es mich noch schmerzlicher, daß Du mich in einer solchen Lage verließest, als wenn Du es in einem behaglichen und unabhängigen Zustande gethan hättest. Dir nachzuspüren, hielt ich für einen fruchtlosen Versuch; also wandte ich mich auf der Stelle an Herrn Masterton, um ihn zu fragen, was ich anfangen solle. Er hatte Deinen Brief erhalten und sah recht unmutig aus. ›Ein ganz unvernünftiger Junge!‹ sagte er, ›aber es läßt sich da gar nichts machen. Er ist verrückt, das ist alles, was man zu seiner Entschuldigung sagen kann. Du mußt thun, was er Dich heißt, und versuchen, wie Du Dich durchzuschlagen imstande bist. Ich will Dich auf jede mögliche Weise unterstützen, mein armer Junge; Du mußt nicht weinen.‹ – Ich ging nach Deinem Hause zurück und raffte Deine Papiere zusammen, die ich versiegelte. Da ich nun wußte, daß das Haus nach ein paar Tagen in andere Hände kommen würde, verkaufte ich das Geräte, sowie auch den Rest Deiner Garderobe und andere Dinge von Wert, die Du zurückgelassen, mit einem Worte, Dein ganzes Hab und Gut, außer dem Toilettenkästchen und Major Carbonnells Pistolen, von denen ich dachte, Du möchtest sie vielleicht einmal gern wiederhaben.«

»Wie lieb von Dir, Timothy, auf solche Weise an mich zu denken! Wahrhaftig, es soll mich freuen; doch nein! was habe ich mit Pistolen und silbernen Toilettesachen zu thun? Sie passen nicht für mich, aber ich bin Dir deshalb nicht weniger dankbar.«

»Der Erlös von dem Hausgerät und den andern Gegenständen belief sich auf vierhundert und dreißig Pfund nach Abzug aller Unkosten.«

»Das freut mich für Dich, Timothy. Aber nach Deinem gegenwärtigen Aufzuge zu schließen, muß ich fürchten, daß das Geld Dir nicht sonderlich zugute gekommen sei.«

»Weil ich keinen Gebrauch davon gemacht habe, Japhet. Was sollt' ich mit all' dem Gelde thun? Ich trug es zu Mr. Masterton nebst Deinen Papieren, dem Toilettenkästchen und den Pistolen. Dort liegen die Sachen alle und warten auf Dich, bis Du sie verlangst. Er war sehr freundlich zu mir und bot mir jegliche Hilfe an; aber ich beschloß zu gehen und Dich zu suchen. Ich hatte bei Deinem Fortgange mehr Geld als gewöhnlich in der Tasche. Mit dem Überschuß dessen, was Du für die Rechnungen zurückließest, besaß ich wohl zwölf oder vierzehn Pfund. Nun sagte ich Herrn Masterton Adieu und bin seither auf der abenteuerlichen Jagd nach meinem Herrn gewesen.«

»Nicht nach Deinem Herrn, Timothy; sage vielmehr, nach Deinem Freunde.«

»Beides richtig, wenn Dir's beliebt, Japhet. Und recht hübsche Abenteuer hab' ich bestanden, das kann ich Dir sagen; dazu einige, bei denen ich nur mit knapper Not entkam.«

»Ich denke, wenn wir unsere Rechnungen gegeneinander halten, Timothy, so wird die meinige die größte sein; aber das wollen wir auf ein andermal verschieben. Für jetzt sage mir, bei wem glaubst Du, daß ich wohne?«

»Bei einem Quäker, vermutlich.«

»Erraten so weit; aber wer glaubst Du, daß dieser Quäker sei?«

»Das weiß ich freilich nicht.«

»Mr. Kophagus.«

Bei dieser Kunde machte Tim einen Satz in die Höhe drehte sich auf dem Absatz um und taumelte mit unmäßigem Lachen in das Gras.

»Kophagus ein Quäker!« rief er zuletzt; »o ich sehne mich, ihn zu sehen! ›Näseln, näseln – breitrandiger Hut – weite Schöße und so,‹ Kapital!«

»Ja, ja, Tim, aber Du mußt die Überzeugung nicht verspotten.«

»Das war nicht meine Absicht, Japhet; wenn nur der Gedanke nicht etwas so unendlich Komisches hätte! Ist es aber nicht die allersonderbarste Begebenheit, daß wir nach einer so langjährigen Trennung alle wieder zusammentreffen sollten? – Mr. Kophagus – eine Apotheke – Du hinter dem Rezeptiertische – und ich hoffentlich als der alte Arzneiausträger. Nun ja, ich will im nämlichen Boote rudern und so gut wie ihr beide den Quäker machen.«

»Gut. Gehen wir jetzt nach Hause. Ich will Dich Herrn Kophagus vorstellen, der sich ohne Zweifel freuen wird, Dich wieder zu sehen.«

»Zuerst, Japhet, solltest Du mir eine Quäkeruniform verschaffen; es wäre mir lieber.«

»Du sollst einen Anzug von mir haben, wenn Du es wünschest, aber es ist nicht so dringend notwendig; auch wird man es nicht einmal zugeben, daß Du ohne vorläufige Prüfung in die Gemeinde trittst.«

Hierauf begab ich mich in die Apotheke, schickte den Gehilfen hinaus und holte aus meiner Wohnung einen Anzug von mir, welchen ich eilends meinem Freunde brachte. Er zog die Kleider in der Apotheke an; dann trat er hinter den Rezeptiertisch und sagte: »dies ist mein Platz und hier bleib' ich, so lange Du da bist.«

»Das will ich hoffen, Timothy. Meinem gegenwärtigen Gehilfen kann ich leicht eine andere Stelle verschaffen; auch wird er nicht ungern gehen, denn er ist verheiratet und kein Freund dieser eingesperrten Lebensart.«

»Ich hab' einiges Geld«, sagte Timothy, aus seinen alten Kleidern einen schmutzigen Lumpen hervorlangend, welcher gegen zwanzig Pfund enthielt. »Ich bin in guten Verhältnissen, wie Du siehst.«

»Wahrhaftig, ja«, erwiderte ich.

»Es geht nichts über einen Matrosen mit einem Stelzfuß und Balladen. Weißt Du wohl, Japhet, daß ich mit dieser Rolle zuweilen mehr als ein Pfund des Tages eingenommen habe?«

»Nicht sehr ehrlich, Tim.«

»Mag sein, Japhet; aber es ist sehr sonderbar und doch ganz gewiß, daß ich, wenn ich ehrlich war, es zu nichts bringen konnte, bei dem Betrug aber mich immer ganz wohl befand.«

*

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