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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Fünfundsechzigstes Kapitel

Eine Abart von der Quäkergattung mit einem merkwürdigen Dualismus zwischen Körper und Seele.

————

Ich war der Welt noch nicht ganz entwöhnt, näherte mich aber diesem Zustande mit starken Schritten, als ein frischer, junger Quäker zum Besuch nach Reading kam. Er erhielt Zutritt bei Herrn und Frau Kophagus und geberdete sich bald, wie man erwarten kann, als Susannas Anbeter, ohne jedoch von ihr aufgemuntert zu werden. Er war ein Müßiggänger, der einen großen Teil seiner Zeit mit Plaudern in meiner Apotheke verbrachte. Da jedoch sein Benehmen nicht die geistliche Zurückhaltung der meisten jungen Männer unserer Sekte hatte, so wurde ich nach und nach vertraut mit ihm. Eines Tages, als mein Gehilfe eben nicht zugegen war, redete er mich an: »Freund Gnowland, sag' mir aufrichtig, hast Du mich noch niemals in Deinem Leben gesehen?«

»Nicht, daß ich mich erinnern könnte, Freund Talbot.«

»Dann ist mein Gedächtnis besser als das Deinige, und da ich nun Deiner Freundschaft, als Mitglied der Gemeinde, gewürdigt bin, so will ich auch unser früheres Verhältnis zu Dir geltend machen. Da Du noch Mr. Newland warst und Dich mit Major Carbonnell in London herumtriebst, nannte ich mich Leutnant Talbot von der ... Dragonergarde.«

Stumm vor Überraschung, starrte ich ihm ins Gesicht.

»Ja, so ist es«, fuhr er fort, und brach in ein Gelächter aus. »Du hast vielleicht geglaubt, Du seiest der einzige fashionable Mann, der diese Metamorphose durchgemacht hat; »nun siehst Du noch einen und darfst Dich also nicht länger für den Phönix der Quäkerschaft halten.«

»Ich erinnere mich allerdings dieses Namens«, erwiderte ich; »da Sie aber mit meiner Geschichte bekannt sein müssen, so werden Sie leicht begreifen, warum ich in die Gemeinde eingetreten bin, während die Gründe, welche Sie zu diesem Schritt vermögen konnten, mir unerklärlich sind.«

»Das bedarf allerdings einer Erörterung. Es war, ich muß es sagen, mein Mißgeschick, nicht meine Schuld. Nicht, daß ich mich unglücklich fühlte – im Gegenteil, ich finde mich jetzt in meiner natürlichen Stellung. Ich hätte von Haus aus ein Quäker sein sollen – nun, jedenfalls bin ich einer von Natur. Übrigens will ich morgen früh zu Ihnen kommen, und wenn Sie dann Ihren Diener anderwärts beschäftigen können, so sollen Sie meine Geschichte erfahren. Ich weiß, daß Sie mein Geheimnis für sich behalten werden.«

Am andern Morgen kam er und begann, sobald wir allein waren, folgendermaßen zu erzählen:

»Noch sehr gut erinnere ich mich, Newland, der Zeit, da Sie unter den Führern der Mode glänzten. Ich stand damals in der Dragonergarde, und obgleich nicht sehr vertraut mit Ihnen, hatte ich doch die Ehre, in Gesellschaften von Ihnen anerkannt zu sein. Auf Ehre, ich kann mich des Lachens nicht erwehren, wenn ich uns beide jetzt ansehe; aber nichts mehr davon. Natürlich verbrachte ich die meiste Zeit bei dem Regiment und in den Klubs. Mein Vater hatte, was Sie vielleicht nicht wissen, sehr hohe Verbindungen; unsere ganze Familie war in der Armee aufgewachsen, ja die Berufsfrage kam bei uns garnicht zur Debatte, denn ein Talbot wurde von jeher so naturgemäß ein Soldat, wie eine junge Ente ins Wasser geht. Nun ja, ich trat also in die Armee, bewunderte meine Uniform und wurde von den jungen Damen bewundert. Noch ehe ich mein Leutnantspatent erhielt, vertauschte mein alter Herr das Zeitliche mit dem Ewigen und hinterließ mir eines jüngern Bruders Erbe, das heißt vierhundert Pfund jährlich. Aber mein Onkel sagte, das sei ganz genug für einen Talbot, der sich schon in seiner Laufbahn poussieren würde, wie alle Talbots vor ihm. Ich wurde bald gewahr, daß mein Einkommen nicht hinreichte, um den Dienst in der Garde fortzusetzen, und mein Oheim drang sehr darauf, daß ich denselben mit einer Stelle in einem aktiven Regiment vertauschen sollte. Also kaufte ich mir eine Kompanie im dreiundzwanzigsten Regimente, welches zu einer Unternehmung gegen die französischen Kolonieen in Westindien beordert war, und segelte ab in der besten Hoffnung, mich eben so mit Ruhm zu bedecken, wie die Talbots von undenklichen Zeiten her gethan haben. Wir landeten. Nach kurzer Zeit flogen die Kugeln und Kartätschen in allen Richtungen umher, und nun entdeckte ich, was mir früher auch nicht einen Augenblick in den Sinn gekommen war, nämlich – das ich mich in meiner Bestimmung geirrt hatte.«

»Wie meinen Sie das, Talbot?«

»Wie ich's meine? Sapperlot, daß mir eine gewisse Eigenschaft fehlte, die man nie zuvor einem Talbot abgesprochen hat, – die Courage.«

»Und das wußten Sie früher nicht?«

»Niemals, auf meine Ehre. Meine Seele war immer muterfüllt, meine Phantasie baute Luftschlösser von Heldenthaten, welche alle Talbots von jenem an, der sich mit der Jungfrau von Orleans herumschlug, bis auf den heutigen Tag herab verdunkeln sollten. Ich versichere Sie, daß, so sehr auch die andern über die Entdeckung verwundert waren, dies doch keinem in so hohem Grade wie mir selbst widerfuhr. Unser Regiment wurde zum Vorrücken kommandiert. Ich führte meine Kompanie; die Kugeln kamen hageldicht; ich versuchte vorwärts zu kommen, war es aber nicht imstande; endlich gab ich, trotz alles Widerstrebens, ganz hübsch Fersengeld. Da stieß ich auf den kommandierenden Offizier, wahrhaftig, ich rannte gerade gegen ihn an. Er beorderte mich zurück, und ich begab mich ganz kaltblütig wieder zu meinem Regiment. Abermals stand ich im Feuer, abermals bekämpfte ich den Naturtrieb, jedoch ohne Erfolg, und zuletzt, wie eben gestürmt werden sollte, lief ich davon, als ob der Teufel hinter mir wäre. Ist das nicht sonderbar?«

»Ganz sonderbar, wahrhaftig!« rief ich lachend.

»Allerdings, aber Sie können sich nicht recht denken, warum. Sie wissen, was die Philosophen hinsichtlich des Wollens lehren, nämlich, daß der Körper sich von der Seele beherrschen läßt, und folglich ihr gehorcht. In meinem Falle ging es aber, wie Sie sehen, umgekehrt. Ich kann Sie in Wahrheit versichern, daß ich in meinem Innern so tapfer bin, wie irgend ein sterblicher Mensch; aber ich wurde mit einem feigen Leichnam ausgestattet, der, was noch viel schlimmer ist, sich der Seele überlegen zeigte und mit ihr davonlief. Ich hatte nicht die Absicht, davonzulaufen; im Gegenteil, ich wäre gern bei dem Sturme vorangewesen und hatte mich mit den Freiwilligen gemeldet, war aber abgewiesen worden. Wenn ich nun keinen Mut besäße, so würde ich doch sicher einen so gefährlichen Posten vermieden haben, meinen Sie nicht?«

»Es nimmt sich freilich seltsam aus, daß Sie sich erst unter die Freiwilligen zum Sturme melden und dann ausreißen.«

»Das ist's eben, was ich meine. Ich habe den Geist eines Talbot, aber einen Körper dazu, der nicht in die Familie gehört und leider dem Geist überlegen ist.«

»So scheint es. Nun vorwärts, wenn's beliebt.«

»Rückwärts hieß es, aber nicht vorwärts. Ich versuchte es an jenem Tage noch einmal, die Bresche zu ersteigen, und da das Feuer inzwischen aufgehört hatte, so gelang es mir; aber mein Charakter hatte nun schon eine Scharte bekommen, und man deutete mir an, man wolle mir Gelegenheit geben, sie wieder auszuwetzen.«

»Nun?«

»Am andern Tag war ein Fort zu erstürmen, und ich bat, mit meiner Kompanie den Vortrab führen zu dürfen. Das war doch gewiß kein Beweis von Mangel an Mut. Man bewilligte meine Bitte. Wir wurden heiß empfangen, und ich fühlte bereits, daß meine Beine mir den Dienst nach vorn versagten. Was that ich also? Ich band mir die Schärpe um den Schenkel, sagte meinen Leuten, ich sei verwundet, und gebot ihnen, mich zum Sturme zu tragen. Heißt das kein Mut?«

»Ganz unzweifelhaft; das war wie ein Talbot gehandelt.«

»Wir standen am Fuß der Bresche: als nun hier die Kugeln um mich flogen, stieß und zappelte ich so heftig, daß meine beiden Träger mich loslassen mußten, und mein schurkischer Körper wieder in Freiheit kam. Zu meinem Unglück, darf ich sagen, denn bedenken Sie nur: wenn ich mich hätte verwundet die Bresche hinantragen lassen, welchen Heldenruhm würde ich davon getragen haben! Jedoch das Schicksal hatte das Gegenteil beschlossen. Wär' ich nur ruhig liegen geblieben, als sie mich fallen ließen, so hätte es immer noch gut gehen können! Aber es drängte mich, die Bresche zu ersteigen, das heißt innerlich. – Sobald ich jedoch wieder auf meine verdammten Beine kam, liefen sie mit mir davon, und man fand mich nachher mit meiner angeblichen Verwundung eine halbe Meile weit vom Fort. Das war genug; man gab mir einen Wink, je eher je lieber nach Hause zu gehen, erlaubte mir jedoch aus Rücksicht für meine Familie, meine Stelle zu verkaufen. Nun spazierte ich als unbeschäftigter Gentleman in den Straßen umher, aber da wollte mich niemand kennen. Ich disputierte mit mehreren über den Fall; sie waren jedoch obstinat und wollten sich nicht überzeugen lassen: Es sei ganz nutzlos sagten sie, von meiner Courage zu reden, nachdem ich Fersengeld gegeben habe.«

»Das waren eben keine Philosophen, Talbot.«

»Nein, sie konnten nicht begreifen, wie Körper und Seele in Zwiespalt stehen können. Mein Disputieren half mir nichts; jene bestanden darauf, die Bewegungen des Körpers hängen von der Seele ab, und meine Seele sei so feig, wie mein Körper.«

»Nun, was thaten Sie da?«

»O gar nichts. Ich hatte große Lust, sie zu Boden zu schlagen, da ich jedoch wußte, daß mein Körper mir nicht beistehen würde, so hielt ich's für besser, es zu unterlassen. Jetzt aber neckten sie mich, nannten mich den Schlachtenläufer und trieben es so arg, daß mein Oheim mir als einem Schandfleck der Familie die Thüre verschloß mit dem herzlichen Wunsche, er wollte, die erste Kugel hätte mich niedergestreckt. Endlich ging mir die Geduld aus, und ich sah mich um, ob es nicht noch Leute in der Welt gäbe, welche die Courage nicht als conditio sine qua non betrachten. Da entdeckte ich, daß die Dogmen der Quäker das Fechten verbieten, und der Mut somit bei ihnen ein überflüssiges Geräte ist. Deshalb ließ ich mich in die Gemeinde aufnehmen und überzeuge mich je mehr und mehr, daß ich, wenn auch kein guter Soldat, doch immer ein respektabler Quäker bin. Jetzt wissen Sie meine ganze Geschichte, und nun sagen Sie mir, sind Sie nicht auch meiner Meinung?«

»Hm, das ist ein sehr schwieriger Punkt. Von einer solchen Zwiespältigkeit habe ich noch nie gehört. Ich muß darüber nachdenken.«

»Natürlich sagen Sie kein Wort davon, Newland.«

»Seien Sie ganz ruhig, Talbot; ich werde Ihr Geheimnis bewahren. Wie lange tragen Sie unsere Tracht?«

»O seit länger als einem Jahre. – Aber welch' ein hübsches junges Mädchen diese Susanna Temple ist! Ich habe große Lust, ihr meine Hand anzutragen.«

»Da müssen Sie erst zusehen, was Ihr Körper dazu sagt, Talbot«, erwiderte ich mit großem Ernst. »Quäker oder nicht, ich lasse mir keinen in die Quere kommen.«

»Mein lieber Freund, ich bitte Sie um Verzeihung, ich will nicht mehr an das Mädchen denken«, sagte Talbot aufstehend, als er bemerkte, daß ich sehr grimmig aussah. »Ich wünsche Ihnen guten Tag. Ich werde Reading morgen verlassen und mich wo möglich noch bei Ihnen verabschieden.«

Aber ich sah nichts mehr von Freund Talbot, der einen so schlachtenkühnen Geist und einen solchen Renegaten von Körper besaß.

*

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