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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Vierundsechzigstes Kapitel

Alles gelingt mir, und ich versöhne mich mit meiner Lage.

————

Freund Kophagus war nicht müßig: in wenigen Wochen hatte er eine Apotheke für mich gemietet, die er viel besser als seine eigene in Smithfield ausstattete. Der obere Teil des Hauses wurde, da ich bei der Familie wohnen sollte, wieder vermietet. Als alles fertig war, ließ ich mich von ihm hinführen und war sehr zufrieden. Es blieb mir nur noch ein Wunsch, nämlich, Timothy zu meinem Gehilfen zu haben, aber dieser Wunsch war vergeblich, da ich nicht wußte, wo ich ihn suchen sollte.

An jenem Abend bemerkte ich zu Herrn Kophagus, ich habe keine Lust, meinen Namen über die Apotheke zu setzen. Der eigentliche Grund war der, daß mein Stolz es mir verbot, dem es unerträglich war, daß Japhet Newland, bei dessen Klopfen jede aristokratische Thüre aufgesprungen war, den Leuten jetzt seinen Namen in Metallbuchstaben über einem Ladenfenster zu lesen geben sollte. »Manche Gründe sprechen dagegen«, ließ ich mich vernehmen: »Einmal ist es nicht mein wahrer Name – ich würde lieber den Namen Kophagus annehmen; dann muß ich befürchten, daß ein so viel genannter Name meine früheren Bekannten herbeiziehen könnte, und es wäre mir doch nicht eben wünschenswert, sie hereinkommen und über mich spotten zu sehen. Ein weiterer Grund –«

»Japhet Newland«, unterbrach mich Susanna mit einer Strenge, die ich nie in diesem süßen Antlitz gesucht hätte, »bemühe Dich nicht mit Deinen Gründen, denn Du hast bereits jeden andern Grund, nur nicht den wahren, angegeben, nämlich den, daß Dein Stolz sich dagegen empört.«

»Ich wollte noch hinzufügen«, erwiderte ich, »es sei ein Name, der nach Mammon klinge und einem Bekenner unseres Glaubens nicht anstehe, aber da mich Susanna des Stolzes beschuldigt, so will ich keine weitere Einwendung machen. Japhet Newland, dabei soll es bleiben, und wir wollen nicht weiter von der Sache reden.«

»Wenn ich Dich gekränkt habe, Japhet, so bitte ich Dich herzlich um Verzeihung«, sagte sie. »Aber Gott allein kennt die Geheimnisse der Herzen. Ich war vermessen, und Du mußt mir verzeihen.«

»Susanna, ich bin es, der um Verzeihung zu bitten hat Du kennst mich besser, als ich mich selbst. Es war Stolz, nichts als Stolz, aber Du hast mich geheilt.«

»Jetzt beginne ich wirklich, etwas von Dir zu hoffen, Japhet«, erwiderte Susanna lächelnd. »Wer seine Fehler bekennt, wird sie bald ablegen. Übrigens finde ich etwas Richtiges in Deiner Bemerkung; denn wer weiß, wenn Du mit Deinen früheren Genossen zusammentriffst, ob Du nicht in Versuchung kommen wirst, wieder abzufallen? Schreibe Du Deinen Namen, wie es Dir beliebt; vielleicht wird es aber besser sein, ihn zu ändern.«

Herr und Frau Kophagus waren hiermit einverstanden.

Infolge dieser Beratung schrieb ich mich Gnowland, nahm einen Menschen aus der Gesellschaft, der mir lebhaft empfohlen wurde; als Gehilfen an, bezog meine Apotheke, stand bald sehr fleißig hinter dem Rezeptiertische und sandte meine Arzneien nach allen Richtungen der guten Stadt Reading.

Ja, ich war glücklich. Es fehlte mir den Tag über nicht an Vergnügen; mein Beruf gehörte nun doch einmal unter die freien Künste. Ich kleidete mich und lebte wie ein Gentleman. Ich aß mein selbstverdientes Brot und war ein nützliches Glied der Gesellschaft. Kehrte ich zum Essen oder am späten Abend nach Hause, so fand ich, daß, wenn Kophagus und seine Frau sich zurückgezogen hatten, Susanna Temple jedesmal auf mich wartete und noch einige Minuten in meiner Gesellschaft blieb. Ich hatte nie geliebt, bevor ich diesem vollkommenen Wesen begegnete, aber meine Liebe zu ihr war nicht die Liebe der Welt – wie wäre mir eine solche Herabwürdigung möglich gewesen? – ich liebte sie wie eine höhere Erscheinung, liebte sie mit Furcht und Zagen. Ich fühlte, daß sie zu gut, zu rein, zu heilig für einen solchen eitlen Weltmenschen sei; aber es war mir klar, daß mein Schicksal von ihr und ihrem Willen abhänge, daß, wenn sie mich begünstigte, mein Glück in dieser und in jener Welt entschieden, daß ich auf immer, wenn sie mich zurückwies, verworfen sei. Dies waren meine Gefühle für Susanna Temple, welche bei aller ihrer Vollkommenheit doch zu sehr Weib war, um nicht ihre Macht über mich gewahr zu werden, aber, ungleich den meisten ihres Geschlechts, sich dieser Macht nur bediente, um mich zum Guten anzuleiten. Beinahe unmerklich erstickte sie meinen Stolz: ich wurde demütig und fromm gesinnt. Selbst die Eigentümlichkeiten der Sekte, die Versammlungen in den Bethäusern und ihre gedehnte, manierierte Art zu reden, waren mir nicht mehr widerwärtig. Ich fand Ursachen und triftige Gründe für alles, was mir vorher sonderbar geschienen hatte: die Steine predigten mir, in jedem Ding sah ich einen guten Kern. Monate vergingen; mein Geschäft gedieh, so daß ich in kurzer Zeit Herrn Kophagus sein geliehenes Geld beinahe ganz erstattet hatte. Ich war mit Leib und Seele Quäker, und trat in die Brüderschaft mit der Überzeugung, mein Versprechen halten zu können. Ich fühlte mich glücklich, und doch hatte ich von Susanna nichts als Beweise aufrichtiger Freundschaft erhalten; aber ich war viel um sie, und wir standen sehr, sehr vertraut mit einander. Ich sah, welche warmen, hingebenden Gefühle unter ihrem bescheidenen, stillen Äußern verborgen waren, erkannte ihren wohlgebildeten Geist und ihr gerades Gemüt. Oft, wenn ich von der Vergangenheit sprach, durfte ich ihren Bemerkungen lauschen, welche alle nur auf einen Punkt, auf Sittlichkeit und Edelsinn gerichtet waren. Oft wurde ich, erst streng, zuletzt aber freundlich zurechtgewiesen, wenn meine Reden leichtfertig lauteten; sprach ich aber von heitern und dabei harmlosen Gegenständen, was war dann bezaubernder als ihr süßes Lächeln, wenn sie meine Gesinnung billigte! Und wenn irgend etwas sie in Erregung brachte, was klang so wohllautend und leidenschaftlich, wie ihre Ergüsse von Beredtsamkeit, auf Welche jedesmal ein tiefes Erröten folgte, zum Zeichen, daß sie fühlte, wie ihre Aufregung sie hingerissen hatte.

Ein Umstand war es, zu dem ich mir Glück wünschen konnte: man machte ihr während der sechs Monate, die ich so in ihrer Nähe verlebte, mehrere sehr annehmbare Heiratsantrage, die sie alle zurückwies. Nach Ablauf dieser Zeit hatte ich, dank dem Beistande der Freunde, meinem Wohlthäter seinen ganzen Vorschuß zurückbezahlt und fand mich im Besitze eines blühenden Geschäfts. Nun bat ich um die Erlaubnis, etwas Jährliches für Kost und Wohnung, von der Zeit an gerechnet, da ich in das Haus gekommen war, bezahlen zu dürfen. Herr Kophagus gab mir recht. Über die Bedingungen kamen wir leicht ins reine, und nun durfte ich mich unabhängig nennen.

Meine Fortschritte in Susannas Herzen waren langsam, aber sicher. Eines Tages bemerkte ich gegen sie, wie glücklich Herr Kophagus als Ehemann erscheine. »Er ist es, Japhet«, war ihre Antwort: »er hat schwer gearbeitet, um sich unabhängig zu machen, und er erntet jetzt die Früchte seines Fleißes.«

»Das heißt so viel, daß ich das Nämliche thun muß«, dachte ich, »und daß ich keinen Heiratsantrag machen darf, bis ich gewiß bin, eine Frau ernähren zu können. Bis jetzt habe ich noch nichts zurückgelegt, und ein Einkommen ist kein Kapital.« – Ich fühlte, daß sie, mochte sie sich nun dabei beteiligt denken oder nicht, jedenfalls recht hatte, und diese Erkenntnis verdoppelte meinen Fleiß.

*

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