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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Dreiundsechzigstes Kapitel

Stolz und Liebe im Kampfe. Sieg der letzteren. Ich werde Quäker und kehre zu meinem ersten Berufe zurück.

————

Wenn sich der Leser meiner Geschichte erinnern will, so wird er bemerken, daß die Religion bis dahin keinen großen Raum in meiner Seele eingenommen hatte. Mein Leben war dem der meisten Menschen gleich gewesen – vielleicht nicht ganz so streng moralisch, um mit andern verglichen werden zu können, da meine Moralgesetze sich nach den Umständen richteten; was aber die Religion und ihre Begriffe anbelangt, so waren mir diese nicht zur Hand. Ich hatte in der Welt und für die Welt gelebt. Allerdings war ich als Zögling des Findelhauses in unfern Glaubenssätzen unterrichtet worden; aber dort, wie in den meisten andern Schulen, wird der Religionsunterricht auf eine widerwärtige Weise als ein Pensum betrieben und von den Lernenden, geradezu gesagt, mit Abneigung ausgenommen. Auch kann man einer so großen Menge von Schülern keine besondern religiösen Gefühle einimpfen. Nur die Eltern sind durch Lehre und Beispiel imstande, den Kindern jenen echt religiösen Sinn mitzuteilen, der ihnen ein Führer durchs Leben wird. Ich hatte seit meinem Abschiede vom Findelhause nicht in der Bibel gelesen: sie war mir neu, und als ich nun diese schönen Stellen, die so treffend auf meine Sage paßten, von dieser schönen Stimme lesen hörte, da wurde ich, durch mein Kranksein und vom Elende gedemütigt, bis zu Thränen gerührt.

Susanna schloß das Buch und kam an das Bett. Ich dankte ihr, sie sah meine Bewegung, und als ich meine Hand ausstreckte, hielt sie die ihrige nicht zurück. Ich küßte die schöne Hand; augenblicklich wurde sie mir entzogen, und Susanna verließ das Zimmer. Bald darauf erschien Ephraim; auch Kophagus und seine Gattin kamen an diesem Abend, aber Susanna Temple sah ich erst am folgenden Tage wieder, wo ich sie abermals bat, mir vorzulesen.

Ich will keinen langen Bericht von meiner Genesung geben. Nach drei Wochen konnte ich das Zimmer verlassen. Während dieser Zeit war ich sehr vertraut mit der Familie geworden und sah mich von allen ganz wie ein Angehöriger behandelt. In meiner Krankheit hatte ich freilich mehr religiöses Gefühl, als sonst je zuvor, gezeigt, aber ich will damit nicht sagen, daß ich wirklich fromm geworden. Ich liebte es, wenn mir Susanna aus der Bibel vorlas, und sprach gern mit ihr über religiöse Gegenstände; wäre aber Susanna ein altes häßliches Weib gewesen, so zweifle ich sehr, ob ich ihr solche Aufmerksamkeit bewiesen haben würde. Ihre Schönheit, ihre Bescheidenheit, ihre Sorgfalt, die sie so reizend erscheinen ließen, das war der Zauber, der mich fesselte. Ich fühlte die Schönheit der Religion, aber durch ein irdisches Mittel: sie war in Susanna so schön. Ich glaubte einen Engel zu sehen, dessen Lehren ich mit Andacht lauschte. Was aber auch die Ursache sein mag, die ein Herz für einen so wichtigen, gewöhnlich so vernachlässigten Gegenstand gewinnen kann, sei es nun Todesfurcht, oder Liebe zu einem irdischen Wesen – die Vorteile sind immer dieselben, und obgleich weit entfernt von dem, was ich hätte sein sollen, war ich doch ganz entschieden, hingerissen von Susanna, ein besserer Mensch geworden.

Sobald ich, in einen Schlafrock des Herrn Kophagus gehüllt, auf dem Sofa sitzen konnte, sagte er mir, die Kleider, in welchen man mich gefunden habe, seien ganz in Fetzen, und fragte mich, ob ich meinen neuen Anzug nach der gewöhnlichen Weise gemacht wissen wolle, oder nach der Kleidung derer, unter welchen ich, wie er hoffe, in Zukunft leben werde. Ich hatte mir das bereits im Stillen durchgedacht: in die Welt zurückkehren, diesen Gedanken hatte ich verworfen; durch eine Fortsetzung meiner sonderbaren Forschungen fürchtete ich nur wieder in Schwierigkeiten verwickelt zu werden; was aber Kophagus für Absichten mit mir hatte, wußte ich ebenfalls nicht. Ich zögerte unentschlossen, was ich antworten sollte. Da sah ich Susannas gedankenvolles, blaues Auge aufmerksam, vielleicht begierig nach meiner Antwort, auf mir haften. Dies entschied. »Wenn Ihr nicht meint«, erwiderte ich, »daß ich Euch Unehre mache, so wünsche ich Eure Gesellschaftskleidung zu tragen, wenn auch noch nicht als Mitglied Eurer Gemeinde.«

»Aber um es bald zu werden, hoffe ich«, versetzte Kophagus.

»Ach, ich bin ja ein Ausgestoßener!« rief ich, auf Susanna Temple blickend.

»Nicht also, Japhet Newland«, erwiderte sie mit sanftem Tone. »Es freut mich, daß Du aus eigenem Antrieb das eitle Gewand verworfen hast. Ich hoffe, Du wirst finden, daß Du nicht ohne Freunde bist.«

»So lange ich bei Euch lebe«, versetzte ich, mich an alle wendend, »betrachte ich es als meine Pflicht, mich Euren Gewohnheiten in jeder Weise anzuschließen; wenn ich aber einmal wieder meinen Forschungen nachgehe –«

»Und warum solltest Du Deine Forschung erneuern, die sich fruchtlos erweisen muß und Dich nur in Irrtum und Unglück führen kann? Ich bin noch jung, Japhet Newland, und vielleicht keine taugliche Ratgeberin: mir scheint es aber, daß die Forschung einzig dann Erfolg haben könne, wenn sie von denen angestellt wird, die Dich verlassen haben. Wenn sie sich nach Dir sehnen, so werden sie Dich suchen; Dein Suchen nach ihnen aber ist eitel und vergeblich.«

»Nur ist nicht zu vergessen«, erwiderte ich, »daß man sich bereits im Findelhause nach mir erkundigt hat, daß der Fragende, getäuscht, hinwegging und mir nicht weiter nachfragen wird.«

»Ist denn die Elternliebe ein so flüchtig Ding, daß eine einzige Täuschung einen Vater abhalten könnte, sein Kind zu suchen? Nein, nein, Japhet, wenn man nach Dir begehrt, so wirst Du gefunden werden; Dein Suchen ist fruchtlos und hat Dich schon viele Zeit gekostet.«

»Fürwahr, Susanna, Dein Rat ist gut«, versetzte Frau Kophagus; »Japhet hat, indem er einem Schatten folgte, das Wesen sehr vernachlässigt. Es ist Zeit«, fuhr sie gegen mich fort, »Dich endlich niederzulassen und Dir Dein Brot zu verdienen.«

»Und Deine Pflicht zu erfüllen auf demjenigen Lebenspfade, auf welchen es Gott gefallen hat, Dich zu berufen«, setzte Susanna hinzu, indem sie das Zimmer mit Frau Kophagus verließ.

Jetzt nahm Kophagus den Gegenstand auf, bewies mir die Nutzlosigkeit meines Umherschweifens, sowie die Angemessenheit einer festen Lebensweise und schlug mir vor, eine Apotheke zu gründen, wozu er mir die nötigen Mittel verschaffen wollte, mit der Zusicherung, daß ich die ganze zahlreiche Gesellschaft der Freunde in Reading, welche keinen glaubensverwandten Apotheker unter sich hätten, zu Kunden bekommen würde. »Einer von uns werden, Japhet – gutes Geschäft – einmal heiraten – häusliches Glück – mmh – kleine Kinder und so.« Ich dachte an Susanna und schwieg. Hierauf erklärte er mir, es würde am besten sein, diesen Antrag zu erwägen und meinen Entschluß danach zu fassen. Wenn mir übrigens das nicht gefalle, so bleibe er immer bereit, mich nach seinen besten Kräften zu unterstützen.

Ich überlegte die Sache geraume Zeit, bis ich zu einem Entschluß gelangen konnte. Noch immer war ich weltlich gesinnt; noch immer schwelgte meine Phantasie in der Vorstellung, meinen Vater in den höheren Kreisen zu finden, die kürzlich erlittene Schmach, noch einmal als Stern der seinen Gesellschaft auftauchend, mit Zinsen zurückzugeben, und die Stellung, die ich bisher unter falscher Flagge behauptet, mit gutem Recht in Anspruch zu nehmen. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, zu einem Handelsmann herabzusinken und meine Tage in Dunkelheit zu beschließen. Stolz war noch immer die bei mir vorherrschende Leidenschaft. Auf diese Weise sprach sich der erste Eindruck aus, aber dann besah ich mir das Bild auch von der andern Seite. Ich war ganz ohne Mittel, um mich fortzubringen; in die Gesellschaft zurückkehren konnte ich nicht, ohne zuerst meine Eltern entdeckt und dann sie so gefunden zu haben, wie meine heiße Einbildungskraft sie mir vormalte. Nun hatte ich aber keine Aussicht, sie zu finden. Schon so lange hatte ich vergeblich gesucht: zweimal war ich verhaftet und nach Bowstreet geführt worden; in Irland hatte ich beinahe mein Leben verloren; dann war ich zum Tode verurteilt, wahnsinnig, und nur durch ein Wunder wieder hergestellt worden – alles das aus Anlaß meines nutzlosen Suchens. Diese Schicksale hatten viel dazu beigetragen, mich von meiner fixen Idee zu heilen. Ich stimmte Susannas Ansicht bei, daß die Nachfrage von meinen Eltern und nicht von mir ausgehen müsse; ich erinnerte mich der Behandlung, die ich in der Welt erlitten, der Verachtung, die sie mir gezeigt hatte, der Herzlosigkeit dieser höheren Stände, und überzeugte mich von der geringen Aussicht, jemals wieder in die fashionable Gesellschaft zugelassen zu werden. – In die andere Wagschale legte ich die Herzensgüte der Menschen, unter denen ich jetzt lebte, die Wohlthaten, die sie mir bereits erwiesen, und ihre nunmehrigen Anerbietungen, welche darauf hinzielten, mich durch mein eigenes Streben unabhängig werden zu lassen. Alles wog ich in meiner Seele ab: immer noch war ich unentschieden, immer noch drückte mein Stolz die Schale nieder – da gedachte ich der reinen, holden Susanna, und die Wagschale flog empor. Ich wollte das Wesen nicht verlieren, indem ich nach Schatten jagte. Noch an demselben Abend nahm ich das herzliche Anerbieten meines alten Lehrherrn an und erklärte meinen Entschluß, in die Gesellschaft der Freunde einzutreten.

»Du hast das beste Teil erwählt«, sagte Frau Kophagus, ihre Hand darreichend, »und mit Freuden nehmen wir Dich auf.«

»Ich heiße Dich willkommen, Japhet Newland«, sagte Susanns und gab mir ebenfalls die Hand: »ich hoffe, Du wirst mehr Glückseligkeit unter Deinen jetzigen Lebensgenossen finden, als in der Welt der Eitelkeit und des Betruges, in welcher Du bisher Deine Rolle spieltest. Fortan suche nicht mehr einen irdischen Vater, der Dich verlassen hat, sondern den himmlischen, der Dich nicht ausgeben wird in Deinen Nöten.«

»Du sollst mich aus den rechten Pfad führen, Susanna«, wandte ich mich an sie.

»Ich bin zu jung, um zur Führerin zu dienen, Japhet«, erwiderte sie lächelnd, »aber nicht zu jung, hoffe ich, um eine Freundin zu sein.«

Am andern Tag wurden meine Kleider gebracht. Ich zog sie an, und als ich in den Spiegel sah, war ich nichts weniger als ergötzt; indessen konnte es mir mit meinem rasierten Kopfe ziemlich gleichgültig sein, was ich trug, und so wußte ich mich zu trösten. Kophagus sandte nach einem Barbier und bestellte mir eine Perücke, welche in wenigen Tagen fertig werden sollte. Als ich sie aufsetzte, war ich nicht mehr so ganz über mein Äußeres mißvergnügt. Ich schmeichelte mir, aus jeden Fall ein ganz schmucker, hübsch aussehender Quäker zu sein, und als nach ein paar Tagen in einer Versammlung der Freunde bei Kophagus meine Ausnahme vor sich ging, fand ich zu meiner großen Genugthuung, daß kein einziger von den jungen Männern sich mit mir messen konnte. Daraufhin ließ ich mir meine Metamorphose gefallen.

*

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