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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Zweiundsechzigstes Kapitel

Ich verliebe mich in die Frömmigkeit, die mir von einem Wesen in Engelsgestalt gepredigt wird.

————

Nach einer halben Stunde kam Ephraim mit einem Tranke von Herrn Kophagus, den ich einnehmen und dann zu schlafen versuchen sollte. Dies war ein guter Rat: ich befolgte ihn ohne Säumen. Als ich aus einem langen stärkenden Schlummer erwachte, saßen Herr und Frau Kophagus im Zimmer, sie mit einer weiblichen Arbeit, er mit einem Buche beschäftigt. Als ich nun meine Augen öffnete und ein Frauenzimmer sah, blickte ich hin, ob es das junge Mädchen fei, welches Ephraim Susanna Temple genannt hatte. Freilich erinnerte ich mich ihrer Gesichtszüge nicht deutlich, um so schärfer aber der Umrisse ihrer Gestalt. Frau Kophagus war größer, und ich konnte sie eine gute Weile betrachten, ehe die beiden mein Erwachen gewahr wurden. Ihr Gesicht sah sehr einnehmend aus; ich fand es klein, aber regelmäßig. Sie schien etwa dreißig Jahre alt und war ganz besonders reinlich und zierlich in ihrem Äußern. Ihre Quäkerkleidung zeigte kleine Abweichungen von der strengen Art und Form, die ihre Einfachheit hinlänglich heraushoben, ohne ganz davon abzugehen. Wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, so war diese Tracht ein klein wenig kokett und bewies, daß die Eigentümerin, wenn sie nicht zu dieser Sekte gehörte, großen Geschmack in ihrem Putz bewiesen haben würde.

Herr Kophagus, ob er gleich selbst nicht der Meinung war, wie ich später von ihm hörte, hatte durch die Änderung seiner Tracht auffallend gewonnen. Seine Spindelbeine, Welche, wie bereits bemerkt, in besonderem Widerspruche mit seinem kleinen kugeligem, orangenförmigen Bauche standen, hatten sich nun in weiten Beinkleidern verborgen, wodurch der letztere maskiert wurde und die ersteren mehr Würde erhielten, eigentlich waren jetzt beide verschmolzen, so daß die Rundung sich zierlich nach unten verlor und hierdurch alle Schönheitsgesetze befriedigte. Mit einem Worte, die Quäkertracht erhöhte die Gediegenheit seines Aussehens beträchtlich und war, besonders wenn er seinen breitrandigen Hut auf hatte, ein offenbarer Gewinn für seine Gestalt.

Nachdem ich meine Neugierde befriedigt hatte, bewegte ich den Vorhang ein wenig, um ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen; sogleich kam Kophagus ans Bett und fühle meinen Puls. »Gut – sehr gut – alles in Ordnung – bischen Fleischbrühe – China darunter – wieder auf den Beinen – gesund wie immer, und so.«

»Ich suhle mich in der That viel besser heute Nachmittag«, versetzte ich, »ja gewiß, es ist mir so wohl, daß ich ausstehen zu können meine.«

»Puh – umfallen – kann nicht sein – im Bette bleiben – zu Kräften kommen – Frau – Mrs. Kophagus – Japhet – alter Freund.«

Frau Kophagus war von ihrem Sessel aufgestanden und trat an das Bett, als sie von ihrem Gatten in dieser besonderen Weise vorgestellt wurde. » Ich fürchte, ich habe Ihnen große Last und Unruhe gemacht, Madame«, sagte ich.

»Japhet Newland, wir haben nur unsere Pflicht gethan, und dies wäre auch geschehen, wenn Du nicht, wie es den Anschein hat, ein Freund meines Mannes wärest. Betrachte mich also als Deine Schwester, und ich will Dich für einen Bruder erkennen: auch sollst Du bei uns bleiben, wenn Du es wünschest, denn also hat mir mein Gatte seine Wünsche ausgesprochen.«

Ich dankte ihr für die freundlichen Worte und nahm die schöne Hand, die sie mir so schwesterlich bot. Dann fragte mich Kophagus, ob ich mich hinlänglich erholt habe, um ihm meine Begebenheiten seit unserem letzten Zusammensein erzählen zu können; seine Frau, fügte er hinzu, wisse meine ganze Geschichte, und ich möchte dieselbe in ihrer Gegenwart fortsetzen. Hierauf nahm er an der Bettseite Platz, seine Gattin zog ebenfalls ihren Sessel näher, und ich begann zu berichten, was mir seit unserm Abschiede in Irland widerfahren war. Als ich geendigt hatte, murmelte Herr Kophagus in seiner gewohnten Weise: »mmh – ganz Wunderlich – Geld verloren – schlimm – ehrlich geworden – gut – von Freunden Weggelaufen – schlimm – nicht gehangen – gut– Hirnfieber – schlimm – hierhergekommen – gut – bei uns bleiben – ganz behaglich, und so.«

»Du hast viel erlitten, Japhet«, sagte Frau Kophagus, ihre Augen trocknend, »und bist, fast wage ich's zu sagen, zu streng gezüchtigt worden; aber ich weiß ja, wen Er lieb hat, den züchtigt Er. Jedenfalls bist Du geborgen und jetzt ganz außer Gefahr. Du wirst jetzt wohl die eitle Welt verlassen und froh sein, bei uns zu leben; ja, da Dir das Beispiel Deines früheren Lehrers vorleuchtet, so gefällt es vielleicht dem Herrn, Dir einzugeben, daß Du einer von uns werdest, und als Freund unter uns bleiben mögest. Mein Gatte wurde von mir auf den richtigen Pfad gewiesen«, fuhr sie fort, zärtlich nach ihm blickend; »wer weiß, ob nicht eine unserer Jungfrauen Dich überredet, eine eitle, ungerechte Welt zu verlassen und Deinem Erlöser in Demut nachzufolgen.«

»Sehr wahr – mmmh – ganz richtig«, bemerkte Kophagus, etwas quäkerischer als sonst in seiner Redeweise und seinen bekannten Signal- und Kehltönen das Dreifache ihrer gewöhnlichen Lange gebend: »glückliches Leben, Japhet – mmh – alles im Frieden – stille Vergnügungen – zu bedenken – mmmh – keine Eile – nichts verschwören – bei Gelegenheit – he? – Geist Herabkommen lassen – mmmh – jetzt nicht darüber sprechen – aufkommen – Apotheke einrichten, und so.«

Das viele Reden ermüdete mich, und nachdem ich einige Nahrung zu mir genommen, schlief ich wieder ein. Als ich gegen Abend wieder erwachte, befanden sich Freund Kophagus und seine Gattin nicht im Zimmer, aber Susanna Temple, die ich zuerst gesehen, und nach Welcher ich den Diener Ephraim gefragt hatte, war zugegen. Sie saß lesend nahe bei dem Sicht, und da ich sie zu stören fürchtete, so blickte ich lange schweigend nach ihr hin. Ihre Haut war das schönste Muster von klarem und durchsichtigem Weiß, das ich je gesehen, ihre Gesichtsfarbe fand ihresgleichen nicht; die Augen waren groß, doch konnte ich deren Farbe nicht erkennen, da sie auf dem Buche hasteten und hinter den langen, seidenen Wimpern verborgen lagen; die Brauen gewölbt und regelmäßig, als wären sie mit einem Zirkel gezogen; das weiche Haar stand im schönsten Gegensatze zu der weißen Stinte; es war dunkelbraun, verbarg sich aber größtenteils unter dem Häubchen; die Nase lief sehr gerade aus, ohne groß zu sein, und der Mund war die Vollkommenheit selbst. Sie schien siebzehn bis achtzehn Jahre zu zählen; ihre Gestalt hatte das vollendetste Ebenmaß. Da sie die bescheidene, einfache Kleidung der Frauen von der Gesellschaft der Freunde trug, so stellte sie ein solches Bild von Reinheit, Zierlichkeit und Anstand dar, daß ich sie mein Lebenlang hätte anschauen können. Ich war von Ihrer Schönheit, ihrer Reinheit durchdrungen; ich wäre fähig gewesen, sie als einen Engel anzubeten. Während ich immer noch meine Augen auf ihre wunderschönen Züge gerichtet hielt, schloß sie ihr Buch, erhob sich von dem Sessel und trat ans Bett. Um sie nicht durch den Gedanken, daß sie beobachtet worden sei, zu beunruhigen, schloß ich die Augen und stellte mich schlafend. Sie nahm ihren Platz wieder ein; hierauf bewegte ich mich und sagte: »Ist jemand hier?«

»Ja, Freund Newland, was begehrst Du?« erwiderte sie, herantretend, »möchtest Du Kophagus oder Ephraim sehen? Ich will sie rufen.«

»O nein«, entgegnete ich, »warum sollte ich sie in ihren Unterhaltungen oder Geschäften stören? Ich habe lange geschlafen und möchte wohl ein wenig lesen, wenn meine Augen es erlauben.«

»Du darfst nicht lesen«, sagte Susanna, »aber ich will Dir vorlesen. Sage mir, was wünschest Du, daß ich lesen soll? Ich habe keine eitlen Bücher, aber gewiß denkst Du auch nicht mehr an sie, seit Du dem Tode entronnen bist.«

»Es ist mir gleichgültig, welches Buch es sein mag, wenn Sie mir daraus vorlesen«, erwiderte ich.

»Nein, das sollte Dir nicht gleichgültig sein. Zürne mir nicht, wenn ich Dir sage, daß es nur ein Buch giebt, auf welches Du jetzt hören solltest. Du bist aus einer Lebensgefahr errettet worden, Du bist erlöst worden aus dem Rachen des Todes. Solltest Du nicht dankbar sein? Und wem gebührt Dein Dank eher als Deinem himmlischen Vater, dem es gefallen hat, Dich zu erhalten?«

»Sie haben recht«, erwiderte ich, »ich bitte, mir aus der Bibel vorzulesen.«

Susanna machte keine weitere Bemerkung, sondern nahm ihren Sitz wieder ein, und wählte in der heiligen Schrift einige meiner Lage höchst angemessene Kapitel, die sie mit anmutsvoller, eindringlicher Stimme las.

*

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