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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Sechzigstes Kapitel

Ich werde verurteilt, an meinen Hals gehangen zu werden, bis ich tot bin, und die Welt zu verlassen, ohne meinen Vater gefunden zu haben. Nachher kommt meine Unschuld an den Tag und ich werde aufs Geratewohl als Tollhäusler auf die Straße gesetzt.

————

Es mag seltsam erscheinen, daß ich die oben erwähnten Artikel bestellte, aber Gewohnheit ist eine andere Natur, und obgleich ich erst vor ein paar Tagen, beim Beginne meiner Pilgerfahrt, den Entschluß gefaßt hatte, mich dieser überflüssigen Bedürfnisse zu entledigen, so erwachte doch in meinem jetzigen Elende ein Gefühl, als ob sie mir einen gewissen Trost gewähren könnten. Nachdem ich einige Missverständnisse des gutmütigen Schließers dadurch berichtigt, daß ich das, was mir noch fehlte, auf das von ihm gebrachte Papier, aufschrieb, hatte ich endlich am Abend alles Verlangte erhalten.

Am andern Morgen verkündigte er mir, daß die Anklage gegen mich von der großen Jury begründet befunden sei, und daß die Assisen nächsten Samstag beginnen würden. Auch brachte er mir ein Verzeichnis der Prozesse, woraus ich ersah, daß der meinige einer der letzten sei und wahrscheinlich nicht vor Montag oder Dienstag vorkommen werde. Ich bat ihn, einen guten Schneider kommen zu lassen, da ich in anständiger Kleidung vor dem Gerichtshofe zu erscheinen wünsche. Dies ist nämlich den Gefangenen gestattet. Als der Schneider kam, gab ich ihm so genaue Vorschriften, daß er ganz erstaunt darüber war. Er verschaffte mir auch die anderen Gegenstände, deren ich zur Vervollständigung meines Anzuges bedurfte, und bis Samstag Abend hatte ich alles bei der Hand; denn ich war entschlossen, wenigstens als Gentleman zu sterben.

Der Sonntag ging vorüber, freilich nicht so, wie er hätte vorübergehen sollen. Ich wohnte dem Gottesdienste bei, aber meine Gedanken waren abwesend, und wie konnte es auch anders sein? Wer kann seinen Gedanken gebieten? Versuchen mag man es, aber es wird immer auch nur bei dem bloßen Versuche bleiben. Man hat sie nicht in seiner Gewalt. Ich hörte nichts; mein Gehirn kreiste von einem Gegenstande zum andern, bis mich die Heftigkeit meiner Gefühle schwindlig machte.

Montag morgens kam der Schließer und fragte mich, ob ich einen Rechtsbeistand haben möchte; ich lehnte es ab. »Ihr werdet um zwölf Uhr vorgefordert werden«, sagte er weiter; »wir haben jetzt Zehn, und es kommt nur noch eine Verhandlung vor der Eurigen, ein Diebstahl von vier Gänsen und einem halben Dutzend Geflügel.«

»Guter Gott!« dachte ich, »mit welchem Gesindel werde ich zusammengestellt?« – Ich kleidete mich mit der äußersten Sorgfalt, und mein Anzug sah sehr gelungen aus; ich trug schwarze Kleider, die mir aufs beste standen. Um ein Uhr wurde ich von dem Schließer gerufen, mußte zwischen ihm und einem andern zum Gerichtshofe gehen und nahm daselbst die mir angewiesene Stelle ein. Anfangs schwamm es mir vor den Augen, so daß ich nichts unterscheiden konnte, aber nach und nach erholte ich mich. Ich blickte rings umher, denn ich hatte meinen ganzen Mut zusammengenommen. Meine Augen wanderten von dem Richter auf die Reihe der unter ihm auf ihrer Bank sitzenden Rechtsgelehrten, von da zu den wohlgekleideten Damen auf der Galerie – hinter mich blickte ich nicht – ich hatte genug gesehen, und meine Wangen brannten vor Scham. Zuletzt blickte ich auf meinen Mitschuldigen, der neben mir stand; unsere Augen begegneten sich zu gleicher Zeit. Er trug die grobe pfeffer- und salzfarbige Gefängnistracht und war ein Mensch von rohem, gemeinem Aussehen, hatte aber glänzende Augen; sein dunkles Gesicht war ganz vom Barte bedeckt. »Himmel!« dachte ich, »wer kann sich denn vorstellen oder glauben, daß wir Spießgesellen gewesen sein sollten?« – Der Mensch starrte mich an, biß sich auf die Lippen, lächelte verächtlich, machte aber keine weitere Bemerkung.

Nachdem die Anklage verlesen war, rief der Gerichtsschreiben »Ihr, Benjamin Ogle, Ihr habt nun die Klage gehört; sprecht, schuldig oder nicht schuldig?«

»Nicht schuldig«, erwiderte der Räuber zu meiner Verwunderung.

»Ihr, Philipp Maddox, schuldig oder nicht schuldig?«

Ich gab keine Antwort.

»Angeklagter«, bemerkte der Richter mit milder Stimme, »Ihr müßt uns eins von beiden antworten, schuldig oder nicht schuldig. Es ist eine bloße Förmlichkeit.«

»Mein Lord«, erwiderte ich, »ich heiße nicht Philipp Maddox.«

»Dieser Name steht im Protokoll als von Eurem Mitangeklagten in seinem Zeugnis angegeben. Euren wahren Namen können wir nicht wissen. Es genügt, daß Ihr auf die Frage antwortet, ob Ihr, der Angeklagte, schuldig seid oder nicht.«

»Nicht schuldig, mein Lord, ganz gewiß nicht!« rief ich, die Hand aufs Herz legend und mich gegen ihn verbeugend.

Die Verhandlung nahm ihren Fortgang. Armstrong war der Hauptzeuge, wollte jedoch meine Persönlichkeit nicht beschwören. Der Jude bezeugte den Verkauf meiner Kleider, so wie den Ankauf der im Bündel gefundenen und des Stockes, dessen sich Armstrong bemächtigt hatte. Die Kleider, die ich bei meiner Verhaftung angehabt, wurden dem Gerichtshofe gleichfalls vorgelegt.

Die Sache meines Mitangeklagten war ganz klar. Wir wurden nun zu unserer Verteidigung aufgefordert, wobei Ogle sich kurz faßte: »er sei«, sagte er, »sein Lebenlang der Fallsucht unterworfen gewesen und habe auf dem Wege nach Hounslow einen solchen Anfall gehabt. Während dieser Zeit müsse irgend jemand den Raub begangen haben, wofür er aus Irrtum aufgegriffen worden sei.« Diese Verteidigung schien keinen andern Eindruck als Gelächter und Unwillen über die unverschämte Lüge hervorzubringen. Hierauf wurde ich zu meiner Verteidigung aufgerufen.

»Mein Lord«, sagte ich, »ich weiß nichts zu meinen Gunsten zu sagen, außer was ich schon im ersten Verhör angegeben habe, nämlich, daß ich eine Christenpflicht gegen einen Mitmenschen erfüllt und deshalb für seinen Mitschuldigen angesehen wurde. Hier, vor so vielen Zuschauern mit einer Klage belastet, deren bloßer Name schon mein Blut empört, kann und will ich die Freunde nicht erscheinen lassen, welche mir mein früheres Leben und die Ursachen jener Verkleidung bezeugen könnten. Ich bin unglücklich, aber nicht schuldig. Nur eine einzige Hoffnung bleibt mir, und diese beruht in der Aufrichtigkeit meines Mitangeklagten. Wenn er dem Gerichtshofe erklärt, daß er mich je zuvor gesehen habe, so will ich mich ohne Murren dem Urteilsspruch unterwerfen.«

»Ist mir leid, daß Du diese Frage thust, mein Junge« erwiderte der Verbrecher, »denn ich habe Dich freilich schon gesehen«, – und der Elende schüttelte sich vor unterdrücktem Lachen.

Ich war so betäubt, so vom Donner getroffen über die Aussage, daß ich den Kopf sinken ließ, ohne ein Wort dagegen zu reden. Der Richter resumierte nun die Zeugenangaben und deutete der Jury an, daß Ogle's Schuld ganz außer Zweifel sei. »Auch die meinige, müsse er mit Bedauern beifügen, lasse nur geringe Bedenklichkeiten zu; jedoch möchten sie immerhin den Punkt beachten, daß der Zeuge Armstrong meine Identität nicht habe beschwören können.« Die Jury beriet sich, ohne ihre Sitze zu verlassen, eine kurze Zeit, und sprach dann ihr Verdikt gegen Benjamin Ogle und Philipp Maddox aus. Ich hörte nichts weiter. Der Richter formulierte nun das Todesurteil: er beklagte, daß ein so einnehmender junger Mann, wie ich, wegen eines solchen Verbrechens sterben sollte, that uns die Notwendigkeit verdienter Strafe dar und ließ uns keine Aussicht auf Begnadigung. Aber ich hörte ihn nicht: ohne umzusinken, war ich in einen Zustand stumpfsinniger Betäubung verfallen. Am Schlusse beschwor er uns, »auf jenen schauerlichen Wechsel uns vorzubereiten durch Anrufung des himmlischen Vaters« –

»Vater!« rief ich mit einer Stimme, welche den ganzen Gerichtshof erschütterte. »Reden Sie von meinem Vater? O Gott, wo ist er?« – Bei diesen Worten fiel ich in Ohnmacht. Die Taschentücher der Damen waren in Bewegung, der ganze Gerichtshof erschien gerührt, denn ich hatte bei meinem Erscheinen bedeutende Teilnahme erregt, und der Richter gab mit gedämpfter, zitternder Stimme den Befehl, die Gefangenen abzuführen.

»Halt einen Augenblick, mein guter Bursche«, sagte Ogle zu dem Schließer, während man mich fortschaffen wollte. »Mein Lord, ich habe noch etwas Wichtiges zu sagen. Warum ich das nicht früher gethan habe, sollen Sie hören. Sie sind ein Richter, Ihr Amt ist es, den Schuldigen zu verdammen und den Unschuldigen freizusprechen. Da sagt man uns immer vor, es gebe kein Gericht, wie die englisch Jury, aber so viel kann ich bezeugen, daß mancher für etwas gehangen wird, was er niemals begangen hat. Sie haben den armen jungen Menschen da zum Tode verurteilt. Ich hätte das verhindern können, wenn es mir beliebt hätte, früher zu reden, aber ich wollte nicht, um Euch zu beweisen, wie wenig Gerechtigkeit bei Euch zu finden ist. Er hat nichts mit dem Raube zu thun gehabt. Philipp Maddox war der Mann, aber er ist nicht Philipp Maddox. Er sagte, er habe mich nie zuvor gesehen, auch glaube ich nicht, daß es der Fall ist. Er ist unschuldig, so wahr als ich hängen muß.«

»Aber Ihr habt ja erst vor einem Augenblicke, als er sich auf Euch berief, das Zeugnis abgelegt, daß Ihr ihn schon gesehen hättet.«

»Das that ich, auch sagte ich die Wahrheit: ich hab' ihn schon gesehen. Ich sah ihn, wie er dem Herrn das Pferd hielt, aber er wurde meiner nicht ansichtig. Ich stahl ihm sein Bündel und seinen Stock von der Bank, wo er's gelassen hatte, und das ist der Grund, warum die Stücke bei uns gefunden worden sind. Nun habt Ihr die Wahrheit, und müßt entweder zum Zeugnis, daß wenig Gerechtigkeit bei Euch ist. Eure Worte wieder schlucken und ihn frei lassen, oder Ihr könnt ihn hängen, damit Ihr nicht Euer Unrecht eingestehen müßt. Jedenfalls kommt sein Blut über Euch, und nicht über mich. Wenn Phill Maddox nicht den Schwanz eingezogen hätte, wie ein feiger Hund, so stünde ich gar nicht hier: deshalb hab' ich jetzt die Wahrheit gesagt, um den zu erretten, der ein Liebeswerk an mir verrichtete, und den baumeln zu sehen, der mich in der Patsche gelassen hat.« Der Richter hieß diese Angabe zu weiterer Untersuchung niederschreiben, und zeigte der Jury an, daß ich eine vorläufige Frist erhalten solle; – aber von all diesem vernahm ich nichts. Da man in die Behauptungen eines Menschen, wie Ogle, kein Vertrauen setzen konnte, so schien es notwendig, ihn diese Angabe in der letzten Stunde seines Lebens wiederholen zu lassen, und der Schließer erhielt Befehl, mir den ganzen Hergang zu verschweigen, um keine falschen Hoffnungen in mir zu erwecken.

Als ich mich von meiner Ohnmacht erholt hatte, fand ich mich in des Schließers Zimmer und wurde von diesem, sobald ich wieder gehen konnte, in eine der Zellen für die Verurteilten geführt. Die Hinrichtung war aus Donnerstag festgesetzt; es blieben mir also noch zwei Tage, um mich vorzubereiten. Inzwischen hatte sich die höchste Teilnahme für mich erhoben: mein ganzes Aussehen widersprach der Beschuldigung so augenscheinlich, daß jedermann meine Partei nahm. Ogle wurde abermals verhört und gab sogleich Maßregeln zur Aufspürung seines Genossen Maddox an, den er, wie er sagte, noch an seiner Seite baumeln zu sehen hoffte.

Am andern Tag kam der Schließer zu mir und meldete mir, daß eine der Gerichtspersonen mich zu sprechen wünsche. Da ich aber jede Aufklärung über mein früheres Leben vermeiden wollte, so war meine einzige Antwort die Bitte, sie möchten mir erlauben, meine letzten Augenblicke für mich selbst zu behalten. Ich erinnerte mich an Melchiors Lehre vom Verhängnis, worin ich ihm recht zu geben begann. Es war mein Schicksal, dachte ich und verfiel wieder in meine Betäubung. Eigentlich war ich sehr krank; auf meinem Haupte lag ein schwerer Druck, mein Hirn glühte, und das Klopfen meines Herzens konnte man wahrnehmen, ohne meine Brust zu berühren.

Ich blieb den ganzen Tag und die folgende Nacht auf der Matratze, mein Gesicht in die Betttücher begrabend. Ich war zu krank, um das Haupt aufzuheben. Mittwoch morgens fühlte ich mich sanft von jemanden an der Schulter berührt. Ich öffnete die Augen: es war ein Geistlicher. Ich wandte den Kopf wieder weg und blieb unbeweglich, denn ich lag in einem heftigen Fieber. Er redete eine Weile; dann und wann vernahm ich ein Wort, sank aber gleich wieder in meine Bewußtlosigkeit zurück; endlich verließ er mich seufzend.

Der Donnerstag kam und mit ihm die Todesstunde, aber ich war gleichgültig gegen Zeit und Ewigkeit. Indessen war Maddox eingefangen worden. Man hatte Armstrongs Habseligkeiten bei ihm gefunden, und als er entdeckte, daß Ogle gegen ihn gezeugt, bekannte er seinen Anteil an dem Raube.

Ob es am Donnerstag oder am Freitag war, wußte ich nicht, aber ich wurde von meinem Lager aufgehoben und vor jemanden geführt. Es ging etwas vor, das ich nicht verstehen konnte, denn das Fieber hatte meinen Kopf eingenommen, und ich befand mich in einem Zustand aberwitzigen Stumpfsinns. Seltsamerweise merkten sie meine Krankheit nicht; sie hielten mein ganzes Benehmen für erbärmliche Todesfurcht. Man führte mich ab, ich hatte keine Antwort gegeben – aber ich war frei.

*

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