Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frederick Marryat >

Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
Schließen

Navigation:

Achtundfünfzigstes Kapitel

Immer schlimmer! Aus dem Gefängnis scheint es mit mir unmittelbar in die andere Welt gehen zu wollen. Ich bin entschlossen, mein Geheimnis mitzunehmen.

————

Nun brachten mich zwei Konstabler, nachdem ich mir die Handschellen ohne Sträuben hatte anlegen lassen, nach Hounslow, während die beiden andern zurückkehrten, um sich des Verwundeten zu bemächtigen. Bei meiner Ankunft wurde ich, da an jenem Abend keine Sitzung mehr sein konnte, in das Gefängnis geworfen und blieb meinen Betrachtungen überlassen. Vorher jedoch wurde ich durchsucht. Die Konstabler nahmen mir nicht bloß meine Barschaft ab, die sich, wie ich schon gesagt, auf mehr als zwanzig Pfund belief, sondern auch, was mir ganz entfallen war, einen Diamantring, den ich mit meinen andern Schmucksachen für Timothy zurückzulassen beabsichtigt, aber bei der Eile, mit der ich London verließ, am Finger behalten hatte. Das Gefängnis war ein viereckiges Gelaß mit zwei Fenstern ohne Gläser, durch dicke eiserne Stäbe verwahrt. Da der Regen hereingeschlagen hatte, so glich es mehr einem Pferdestalle, denn es war nicht gepflastert, und der Boden stand drei oder vier Zoll tief im Schlamm. Ein Stuhl war nicht vorhanden, und hier ging ich nun, zitternd in meinen nassen Kleidern, die ganze Nacht auf und ab, in einem Zustande, der nahe an Wahnsinn grenzte. Über die Zukunft nachzudenken, vermochte ich nicht; ich sann nur über die Vergangenheit. Ich erinnerte mich, was ich gewesen war, und fühlte die Grausamkeit meiner jetzigen Lage. Hatte ich das verdient? Nein, gewiß nicht! »O Vater, Vater!« rief ich bitter aus, »sieh, wohin es mit Deinem Sohne gekommen ist! In Handfesseln, wie ein Schelm! Gott gnade meinem armen Hirn, denn ich fühle, daß es zu wirbeln beginnt. Vater, Vater! – Hättest Du mich dem Findelhause ohne irgend eine Spur oder Aussicht auf eine Spur meiner Herkunft übergeben, es wäre eine Wohlthat gewesen. Dann hätte ich in irgend einem dunkeln Stande zufrieden, vielleicht glücklich gelebt; aber Du erregtest Hoffnungen in mir, nur um sie wieder niederzuschlagen, Einbildungen, die mich ins Verderben führten. Doch ich will Dir nicht fluchen, Vater, nein, nein!« und ich brach, an der dumpfen Kerkermauer lehnend, in bittere Thränen aus.

Endlich kam die Dämmerung; dann ging die Sonne auf und goß ihre glänzenden Strahlen durch das Gitterfenster. Ich sah mich an und war entsetzt über mein Aussehen. Mein Kittel war mit schwarzem Schlamm bedeckt, meine Kleider desgleichen; den Hut hatte ich im Wasser verloren. Der getrocknete Morast zerbröckelte fühlbar auf meinen Wangen. Ich griff mit den Händen an den Kopf und zog eine Menge Wasserpflanzen aus meinen verworrenen Haaren. In einer solchen Gestalt vor meinen Richtern zu erscheinen! Ich fühlte, wie sehr das gegen mich sprechen würde. Guter Gott, wer in der ganzen fashionablen Welt – von allen jenen, die einst so gierig nach meinem Gruße haschten – von jenen jungen Weltdamen, die mir vor kaum zwölf Monden noch zulächelten – wer, wer hätte geglaubt oder auch nur geträumt, daß Japhet Newland so tief sollte sinken können? Und warum ist er so erniedrigt? Ach, weil er redlich sein wollte, weil er Seelenstärke genug besaß, um an seinem Entschlusse festzuhalten. Wohlan, Gottes Wille mag geschehen. Ich kümmert mich nicht um mein Leben, aber einen schimpflichen Tod zu sterben, aus der Welt gehen zu müssen, ohne zu erfahren wer mein Vater ist! – Ich erhob meine Hand, preßte sie gegen die brennende Stirn und blieb in gleichgültiger, dumpfer Betäubung stehen, bis das Knarren der Thüre und der Eintritt der beiden Konstabler mich wieder zu mir brachte. Sie führten mich hinaus unter eine Menschenmasse, durch welche sie sich ihren Weg nur mit Mühe bahnen konnten, und gefolgt von der halben Bevölkerung Hounslows, welche ihre schmeichelhaften Anmerkungen über den Wegelagerer machte, wurde ich vor die Richter gestellt. Man rief den großen starken Mann auf, sein Zeugnis zu geben, was er in Folgendem that:

Er war, wie er sagte, nach Hounslow von Brentford her, wo er sich Kleider gekauft, auf dem Wege, und wurde auf einmal von zwei Burschen in Kitteln, deren einer ein Bündel in der Hand trug, angeredet. Sie fragten ihn nach der Zeit. Er zog die Uhr heraus, um ihnen Bescheid zu geben, als er auf einmal von dem mit dem Bündel (»von diesem da, Sir«, sagte er, auf mich deutend) einen Schlag auf das Hinterhaupt erhielt; zugleich griff der andere (der Verwundete, der jetzt im Gefängnis lag) nach seiner Uhr. Mit den Kleidern hatte er jedoch in Brentford auch einen vierzehn Pfund schweren Schrotbeutel gekauft, den er der Bequemlichkeit wegen mit den Kleidern in einem Bündel trug. Als er sich nun in Räuberhänden sah, schwang er das Bündel um den Kopf, und schlug mit dem Gewichte des Schrotbeutels den, der ihm nach der Uhr gegriffen hatte, zu Boden. Dann kehrte er sich gegen den andern (gegen mich), der zurücksprang und mit dem Stocke nach ihm schlug. (Hier wurde der Stock vorgezeigt, und als ich die Augen auf ihn warf, erkannte ich zu meinem Entsetzen denselben Stock, den ich von dem Juden für drei Pence gekauft hatte, um mein Bündel daran zu tragen.) Hieraus wurde er mit demselben handgemein, und wollte ihm den Stock entringen, als der andere, der wieder auf die Beine gekommen war, ihn mit einem andern Stecken von hinten anfiel. Beim Ringen hatte er sich meines Stocks bemächtigt, während der Gegner ihm sein Bündel entriß, mit dem er alsbald entfloh. Hierauf schlug er den zurückbleibenden Räuber, bis dieser die Besinnung verlor, und nun fand er, daß der Entsprungene sein eigenes im Kampfe weggeworfenes Bündel zurückgelassen hatte. Er eilte sodann aus Leibeskräften nach Hounslow, um daselbst Anzeige zu machen. Wie er auf den Kampfplatz zurückkam, und mich bei meinem vermeintlichen Spießgesellen überraschte, ist bereits bekannt.

Der nächste Zeuge, der aufgerufen wurde, war der Jude, mit dem ich den Kleiderhandel gemacht hatte. Er erzählte diesen, und schwur auf die Kleider in dem von dem Straßenräuber zurückgelassenen Bündel, sowie auf den Stock. Dann legte der Konstabler das bei mir gefundene Geld und den Diamantring vor, wobei er meinen Fluchtversuch bezeugte. Der Richter fragte mich, ob ich irgend etwas zu meiner Verteidigung vorbringen könne, indem er mich warnte.

Ich erwiderte, ich sei unschuldig. Allerdings habe ich meine Kleider an den Juden verkauft und andere dafür eingehandelt, ebenso auch den Stock; aber Stock und Bündel seien mir, während ich einem Gentleman sein Pferd hielt, gestohlen worden. Hierauf sei ich Hounslow zugegangen. Auf diesem Wege habe mir die Menschlichkeit geboten, einem Mitmenschen, den ich als ein Opfer des Raubes angesehen, beizuspringen. Mitten in dieser Pflichterfüllung sei ich festgenommen worden, würde jedoch willig vor den Richter mitgegangen sein, hätte man mir nicht Handschellen anzulegen versucht, eine Beschimpfung, die mich so empört, daß ich den Konstabler zu Boden geschlagen und jenen Versuch zur Flucht gemacht habe.

»Wahrhaftig, eine sehr sinnreiche Verteidigung«, bemerkte einer der Richter; »bitte, wo –«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre, und der Richter aus Bowstreet, dem ich das Pferd gehalten hatte, trat herein.

»Guten Morgen, Mr. B..., Sie kommen eben recht, um uns Ihren Beistand zu leihen. Wir haben es mit einem sehr abgefeimten Spitzbuben, oder mit einem Menschen, dem großes Unrecht geschieht, zu thun. Erweisen Sie uns die Güte, ehe wir weiter inquirieren, diese Aussagen und die Verteidigung des Gefangenen zu prüfen.«

Der Londoner Richter willfahrte und wandte sich dann zu mir; aber ich war so vom Schlamm entstellt, daß er mich nicht erkannte.

»Sie sind der Gentleman, Sir, der mich bat, ihm das Pferd zu halten, sagte ich zu ihm. Ich rufe Sie zum Zeugen auf, daß dieser Teil meiner Angabe wahr ist.«

»Richtig«, erwiderte er, »ich erinnere mich jetzt, daß Ihr dieselbe Person seid, und Ihr werdet Euch gleichfalls der Bemerkung erinnern, welche ich Euch über Eure Hände machte, als Ihr Euch für einen armen Taglöhner ausgeben wolltet«

»Vollkommen, Sir«, war meine Antwort.

»Wollt Ihr uns vielleicht unterrichten, auf welche Weise ein Diamantring und zwanzig Pfund baares Geld in diese Hände kämen?«

»Auf ehrliche Weise, Sir.«

»Wollt Ihr uns angeben, da Ihr ein armer Taglöhner seid, bei wem Ihr zuletzt gearbeitet habt, welchem Kirchspiel Ihr angehört und wen Ihr wegen Eurer Aufführung als Zeugen stellen könnt?«

»Ich kann mich nicht entschließen, auf diese Fragen zu antworten, Sir; wenn ich wollte, so könnte ich, und es würde sehr zu meiner Genugthuung ausfallen.«

»Wie ist Euer Name?«

»Auch diese Frage kann ich nicht beantworten, Sir.«

»Ich sagte Euch gestern, daß wir uns schon einmal gesehen hätten; war es nicht in Bowstreet?«

»Ich bin bestürzt, Sir, daß Sie von der Richterbank aus eine Frage an mich stellen, deren Beantwortung mich tief ergreifen müßte. Ich bin hier in einer falschen Stellung und weiß mir nicht wohl zu helfen. Ich habe keine Freunde, auf die ich mich berufen möchte, denn ich müßte erröten, in einem solchen Zustand und unter solchen Beschuldigungen gesehen zu werden.«

»Euere Verwandten, junger Mann, würden sich gewiß nicht von Euch abwenden. Wer ist Euer Vater?«

»Mein Vater!« rief ich mit aufgehobenen Händen und Augen aus; »mein Vater! barmherziger Gott! könnte er mich nur hier sehen, könnte er sehen, wohin er seinen unglücklichen Sohn gebracht hat!« – Unter krampfhaftem Schluchzen bedeckte ich mein Gesicht.

*

 << Kapitel 58  Kapitel 60 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.