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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Siebenundfünfzigstes Kapitel

Meine neue Laufbahn beginnt nicht unter den günstigsten Aussichten. Ich werde beraubt und des Raubes angeklagt, springe einem Ermordeten bei und bin selbst des Mordes beschuldigt, gerate in eine Pferdeschwemme und von da ins Gefängnis.

————

Nachdem ich eine halbe Meile weit gefahren war, hieß ich den Kutscher einen Seitenweg einschlagen, der nach dem nur vier Meilen entfernten Brentford führte. Daselbst angekommen, ließ ich an einem Wirtshause anhalten, um, wie ich sagte, hier zu warten, bis die Kutsche vorüberkäme. Dann gab ich ihm eine halbe Krone und schickte ihn zurück. Ich begab mich mit meinem Mantelsack in die Herberge, wo ich in ein kleines Hinterzimmer gewiesen wurde. Hier blieb ich bei einem Glase Ale, das ich unberührt stehen ließ, wohl eine halbe Stunde lang in stummer Beratung über den besten Plan, den ich befolgen sollte. Hierauf ging ich, nachdem ich das ungenossene Ale bezahlt hatte, mit meinem Mantelsack auf der Schulter fort, bis ich zu einem Trödelladen kam, wo ich dem Juden sagte, ich bedürfe einiger Kleidungsstücke und wünsche, meinen Mantelsack nebst seinem ganzen Inhalte zu verkaufen. Ich hatte mit einem großen Spitzbuben zu thun. Nach vielem Handeln, denn ich erkannte jetzt den Wert des Geldes, erstand ich von ihm zwei Paar gestreifte baumwollene Hosen, zwei Westen, vier grobe Hemden, vier Paar Strümpfe, einen Kittel, ein Paar Halbstiefel und einen schlechten Hut. Dafür gab ich meinen Mantelsack mit allem, was darin war, ausgenommen sechs seidene Taschentücher, und bekam nur fünfzig Shillings heraus, während ich wenigstens zehn Pfund hätte erhalten sollen; aber ich konnte es nicht anders machen und mußte mich der Erpressung unterwerfen. Nun kleidete ich mich in diesen meinen bescheidenen Anzug, brachte mein Geld, unbemerkt von dem Juden, in der Hosentasche unter, schnürte mein Bündel zusammen und ließ mir einen Stock geben, um es zu tragen, jedoch nicht ohne drei Pence dafür bezahlen zu müssen, indem der Jude bemerkte, der Stock sei nicht mit im Handel begriffen. In diesem Aufzuge glich ich einem wohlhabenden Landmann. Ich schritt die lange schmutzige Hauptstraße von Brentford hin, ganz unentschlossen und gleichgültig über die Richtung, die ich nehmen sollte. Ich war etwa eine Meile gegangen, als es mir einfiel, es wäre doch besser, zu einer Entscheidung über meine weitere Reise zu gelangen. Da ich in diesem Augenblicke eine Bank vor einem Wirtshause sah, ging ich hin und setzte mich darauf nieder. Ich sah mich um, und wie ein Blitz kam es mir in die Erinnerung, daß ich auf derselben Bank sitze, auf welcher ich mit Timothy bei dem ersten Ausfluge in die Welt jene Mahlzeit gehalten hatte. Ja, es war dieselbe Bank! Hier saß ich damals, und dort saß Tim, zwei sorglose Knaben, vor uns das Papier mit dem Schweinsbraten und dem Brotlaibe, und der Bierkrug zwischen uns. Armer Tim! ich malte mir seinen Jammer beim Empfang meines Absagebriefes vor; ich gedachte seiner Treue, seines Mutes in jener gefährlichen Stunde auf Mount-Castle, und die Thränen rollten mir über die Wangen herab.

Ich blieb einige Zeit in tiefem Sinnen; die verschiedenen Schicksale und Abenteuer meines Lebens gingen in raschem Schattenspiel an mir vorüber. Ich fühlte, daß ich wenig zu meinen Gunsten sagen konnte: in wie vielen Punkten mußte ich mich nicht schuldig bekennen! Ich hatte ein Leben voll Lug und Trug hinter mir. Auch konnte ich nicht vergessen, daß ich eben, als ich zur Ehrlichkeit zurückkehrte, von der Welt verstoßen worden war. Und hier bin ich nun! dachte ich: wiederum liegt die Welt vor mir; ist es nicht billig, daß ich meinen Lauf von neuem beginne, nachdem ich auf einem falschen Pfade gewesen bin? Wenigstens kann ich zu meiner Befriedigung sagen, daß ich jetzt niemanden täusche, daß ich keinen verdienten Schimpf zu fürchten habe. Ich bin Japhet Newland und trage keine Maske.

Ich fühlte mich glücklich bei diesem Gedanken und legte das Gelübde ab, immer, was auch mein Schicksal sein möge, wenigstens auf dem geraden Wege zu bleiben. Hierauf begann ich einen andern Gegenstand zu überlegen, nämlich, wohin ich meine Schritte lenken, und wie ich meinen Lebensunterhalt erwerben solle.

Ach, das war ein Punkt, der mir nicht wenig zu schaffen machte! Wer einmal in einem Beruf erzogen worden ist, kehrt natürlich zu diesem Berufe zurück, aber wozu war ich erzogen worden? Zu einem Apotheker, freilich; aber nur allzugut kannte ich die Schwierigkeit, bei einer sogenannten freien Kunst ein Unterkommen, ohne daß Interesse oder eine Empfehlung für mich sprach, zu finden. Auch wünschte ich kein solch' eingesperrtes Leben mehr; schon der Gedanke war mir zuwider. Als Marktschreier, Taschenspieler, Quacksalber aufzutreten – pfui, das war ein Handwerk der Täuschung und des Betruges! Was sollte ich also thun? graben konnte ich nicht, und zu betteln schämte ich mich. Ich mußte mich aus das Kapitel der Zufälle verlassen, und das war in meiner hilflosen Lage nichts Besseres, als ein zerbrechliches Rohr. Auf alle Fälle hatte ich noch eine hinreichende Barschaft, mehr als zwanzig Pfund, womit ich bei einiger Sparsamkeit geraume Zeit auskommen konnte.

Eine Stimme unterbrach mich: »Hollah, mein Bursche kommt und haltet mir das Pferd ein wenig.« – Ich blickte auf und gewahrte einen Reiter, der mich ansah. – »Hört Ihr nicht, oder seid Ihr blödsinnig?« wiederholte er.

Mein erster Gedanke war, ihn für seine Unverschämtheit zu Boden zu schlagen; da mich aber das Bündel, das auf der Seite lag, an mein Aussehen und meine jetzigen Verhältnisse erinnerte, so stand ich auf und trat zu dem Rosse. Der Gentleman, denn das war er dem Aussehen nach, stieg ab, warf dem Pferde die Zügel über den Hals und gebot mir, eine halbe Minute dabei stehen zu bleiben. Er ging in ein anständiges Haus der Schenke gegenüber, wo er sich fast eine halbe Stunde verweilte, so daß ich zuletzt sehr ungeduldig wurde und beständig das Bündel auf der Bank mit den Augen hütete. Endlich kam er wieder heraus. Mit einigem Erstaunen sah er mir ins Gesicht, während er sein Pferd bestieg: »Wie, wer seid Ihr?« rief er, mit einem Sechspencestück, das er mir reichen wollte, in der Hand.

Wiederum war ich nahe daran, mich zu vergessen, da mich der Gedanke, ein Sechspencestück geschenkt zu erhalten, nicht wenig empörte; doch nahm ich mich zusammen und antwortete, die Hand nach der Münze ausstreckend: »Ich bin ein armer Tagelöhner, Sir.«

»Was, mit solchen Händen?« sagte er. »Ich glaube«, fuhr er fort, indem er mir ins Antlitz blickte, »wir haben uns schon einmal gesehen, Bursche. Ich kann's nicht gewiß sagen, aber Ihr werdet's am besten wissen: ich bin eine Gerichtsperson aus Bowstreet.«

In diesem Augenblick erkannte ich den Richter, vor welchen ich zweimal geführt worden war. Ich errötete tief und sprach kein Wort.

»Nun, Bursche, ich bin jetzt nicht auf meiner Bank, und diesen Sechspence habt Ihr ehrlich verdient. Ich hoffe, Ihr werdet auf dem geraden Wege bleiben. Nehmt Euch in acht, ich habe scharfe Augen.« Mit diesen Worten ritt er fort.

Ich fühlte mich aufs Tiefste gedemütigt. Offenbar hatte er mich für einen Menschen angesehen, der aus unwürdigen Absichten diese Rolle spielte, vielleicht für einen abgefeimten Taschendieb, der sich, bis irgend ein Geschrei vorüber wäre, zum Bauer gemacht hatte. »Gut, gut!« sagte ich, indem ich einen Klumpen Koth vom Boden nahm und meine weißen Hände damit rieb: »es ist mein Schicksal, daß ich Glauben finde, wenn ich betrüge, und keinen, wenn ich ehrlich bin.« Damit kehrte ich nach der Bank zurück, um mein Bündel zu nehmen, welches – verschwunden war. Mit Bestürzung starrte ich auf die leere Stelle: »Ist es möglich?« dachte ich; »wie unredlich doch die Menschen sind! Nun ja, so will ich denn für jetzt leer gehen. Meinen Stock wenigstens hätten sie mir lassen können.«

Mit diesen Gedanken und ohne großen Ärger über meinen Verlust, wandte ich der Bank den Rücken und ging fort, ohne zu wissen wohin. Es wurde nun allmählich dunkel, aber ich hatte ganz vergessen, daß es nötig sei, mich nach einem Nachtlager umzusehen; denn durch die Worte des Richters und den Diebstahl meines Bündels war ich ganz aus der Fassung gebracht worden. So ging ich denn in dumpfen Brüten, aus welchem ich nur von Zeit zu Zeit, über verschiedene Hindernisse strauchelnd, erwachte, auf der Straße fort, bis ich zwei oder drei Meilen über Brentford hinausgekommen war. Ich hatte noch eine Meile bis Hounslow, als mich das Ächzen eines Menschen aufschreckte. Da es jetzt ganz dunkel war, so blickte ich umher, um durch Lauschen mich über die Richtung zu belehren, nach welcher ich Hilfe bringen mußte. Das Geräusch kam von der andern Seite einer Hecke, welche ich durchkroch. Dort fand ich einen Menschen, der mit blutbedecktem Kopfe, schwer atmend, auf dem Boden lag. Ich löste ihm das Halstuch und untersuchte seinen Zustand, so gut ich es vermochte, wand ihm sein Taschentuch um den Kopf, und da ich ihn in einer sehr nachteiligen Lage sah, indem Kopf und Schultern viel niedriger lagen, als der Körper, so kehrte ich ihn um, in der Absicht, seinen Kopf auf eine höhere Stelle zu legen. Während ich damit beschäftigt war, hörte ich Fußtritte und Stimmen; nicht lange, so drangen vier Leute durch die Hecke und umringten mich.

»Das ist er, ich will darauf schwören!« rief ein ungeheuer starker Mann, der alsbald Hand an mich legte; »das ist der andere Bursche, der mich anfiel und dann davonlief. Er ist gekommen, um seinen Mitschuldigen wegzuschaffen, und nun ertappen wir sie beide ganz geschickt.«

»Ihr seid sehr im Irrtume«, erwiderte ich, »und braucht mich nicht so fest zu halten. Ich hörte den Menschen stöhnen und kam ihm zu Hilfe.«

»Das sind faule Fische«, rief einer von den vieren, der ein Konstabler war. »Kommt nur mit uns: – wir können ihm gleich die Manschetten anlegen.« Mit diesen Worten zog er ein paar Handschellen vor.

Unwillig über diese Beschimpfung, riß ich mich los von dem, der mich hielt, stürzte auf den Konstabler, schlug ihn nieder, und rannte eilig über das gepflügte Ackerfeld. Alle vier verfolgten mich, aber ich gewann ihnen einen bedeutenden Vorsprung ab und hatte alle Hoffnung, zu entkommen. Ich rannte einer Öffnung zu, die ich in einer Hecke bemerkte, und machte einen Satz darüber weg, ohne mich an das alte Sprichwort: »sieh' zu, bevor Du springst«, zu erinnern; denn als ich auf der andern Seite zu Boden kam, fand ich mich in einem tiefen, schlammigen Wasserpfuhl. Ich sank bis über den Kopf hinein, und kämpfte mich mit Mühe aus dem Schlamm im Grunde heraus. Als ich wieder an die Oberfläche kam, hinderte mich das Schilf, zwischen dem ich zappeln mußte, ebenso sehr am Entkommen. Indessen hatten meine Verfolger, welchen das laute Plumpen aufgefallen war, an der Hecke Halt gemacht, und da sie meine Lage sahen, so warteten sie am Rande des Sumpfes, um mich herauskommen zu lassen. Aller Widerstand war vergebens. Starr vor Kälte, erschöpft durch meinen Kampf im Wasser, ergab ich mich, sobald ich am Ufer war, auf Gnade oder Ungnade.

*

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