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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Sechsundfünfzigstes Kapitel

Ich beschließe, eine neue Laufbahn anzutreten und mein Glück auf dem nächsten Wege zu suchen. Abschied von allen meinen Freunden.

————

Ich war froh über diesen Triumph der Ehrlichkeit, und verzehrte seit vielen Tagen wieder einmal mein Essen mit einigem Appetit. Als es zu Ende war, legte ich eine Zwanzigpfundnote in den Schreibtisch; die übrigen fünfhundert Pfund steckte ich zu mir, um mein letztes Glück zu versuchen. Nach einer Stunde kehrte ich ohne einen Penny aus der Hölle zurück, aber nun war auch auf die fürchterlichste Aufregung eine gewisse Ruhe, eine Glückseligkeit der Resignation eingetreten. Ich kannte mein Schicksal; jetzt gab es keine Ungewißheit mehr. Ich setzte mich nieder, um meine ferneren Schritte zu überlegen. Ich mußte meine Laufbahn in der Welt von Neuem beginnen, mußte in die Dunkelheit zurückkehren, und das machte mich glücklich. Ich hatte die Bande zwischen mir und meinen früheren Verhältnissen gesprengt; ich war wieder ein Bettler, aber ich war unabhängig, und das beschloß ich zu bleiben. Ich redete freundlich mit Timothy, ging zu Bette, und nachdem ich einen festen Entschluß über mein künftiges Schicksal gefaßt hatte, versank ich in einen gefunden Schlaf.

Nie habe ich besser geschlafen, nie bin ich frischer aufgewacht. Morgens früh packte ich meinen Mantelsack, den ich aber nur mit den allernötigsten Erfordernissen füllte, denn alle Toilettensachen, welche über die Anforderungen der Reinlichkeit hinausgingen, hatte ich beiseite gelegt. Als Timothy hereinkam, sagte ich ihm, ich gehe zu Lady de Clare, was ich auch wirklich im Sinne hatte. Der arme Timothy war voll Freude, mich so verändert zu sehen, und ohne Ahnung, daß er mich eben jetzt verlieren sollte; denn wisse, Leser, daß ich mich entschlossen hatte, mein Glück allein zu versuchen, und mochte auch der Abschied von einem so unschätzbaren Freunde noch so schmerzlich sein, nicht länger mich seines Beistandes oder seiner Gesellschaft erfreuen wollte. Alles Bisherige sollte beim Beginne meiner Laufbahn vergessen sein. Ich setzte mich nieder, während Timothy mir einen Platz in der Richmond -Kutsche bestellte, und richtete folgende Zeilen an ihn:

»Mein lieber Timothy!

Glaube nicht, daß ich Deine Freundschaft unter ihrem Werte schätze oder jemals Deine Anhänglichkeit an mich zu vergessen gedenke, wenn ich Dir sage, daß wir uns vielleicht nie wieder sehen werden. Sollte das Glück mich begünstigen, so hoffe ich, Dich bald wieder um mich zu haben; aber dazu ist wenig Aussicht vorhanden. Ich habe beinahe alles verloren: mein Geld ist hin, mein Haus verkauft – alles verspielt. Ich besitze in diesem Augenblicke, da ich Dich verlasse, nichts als zwanzig Pfund und die Kleider in meinem Mantelsack. Dir hinterlasse ich das sämtliche Hausgeräte, und was überhaupt von mir zurückbleibt, zum Verkaufe. Der ganze Erlös ist Dein, und ich hoffe, Du wirst Mittel finden, Dich irgendwo niederzulassen. Gott segne Dich. Mit unwandelbarem Dank der Deinige

Japhet Newland.«

Diesen Brief steckte ich ein, um ihn bei meinem Abgang von Richmond auf die Post zu geben. Dann schrieb ich an Herrn Masterton:

»Sir!

Ich habe Ihren Brief erhalten und muß Ihnen leider sagen, daß Sie unwissentlich der Urheber meiner augenblicklichen Lage sind. Daß ich eine solche Sprache nicht verdient habe, davon können Sie sich zur Genüge überzeugen, wenn Sie sich an Mr. Harcourt wenden. Zur Verzweiflung getrieben, habe ich all' mein Hab und Gut verloren, indem ich das Spiel meinen mannigfachen Thorheiten beigesellte. Ich bin jetzt im Begriffe, mein Glück zu suchen und meine Forschungen nach meinem Vater fortzusetzen. Deshalb bitte ich Sie, Lord Windermear meine aufrichtigste Erkenntlichkeit für seine freundlichen Absichten auszudrücken, und ihn zu versichern, daß meine Gesinnungen gegen ihn immer voll Dank und Achtung sein werden. Empfangen auch Sie meinen wärmsten Dank für Ihren freundlichen Beistand, für Ihre väterliche Teilnahme an meinem Wohlergehen, und glauben Sie mir, wenn ich sage, daß meine innigsten Gebete Ihrer Glückseligkeit gewidmet sein sollen. Wenn Sie meinen armen Freund Timothy, welcher ohne Zweifel in seiner Bekümmernis bei Ihnen vorsprechen wird, auf irgend eine Weise unterstützen können, so erweisen Sie eine neue Gunst

Ihrem ewig dankbaren
Japhet Newland.«

Ich siegelte dieses Schreiben und beauftragte den zurückkehrenden Timothy, es nach meiner Abreise zu Mr. Masterton zu tragen, ohne jedoch auf eine Antwort zu warten. Da ich jetzt noch eine Stunde bis zum Abgang der Kutsche hatte, so ließ ich mich mit ihm in eine Unterredung ein, worin ich ihm meine unglücklichen Verhältnisse zu der Gesellschaft und meine Absicht, die Hauptstadt zu verlassen, andeutete.

Timothy stimmte mir bei. »Ich habe Sie in der letzten Zeit so unglücklich, ich darf sagen, so elend gesehen«, sagte er, »daß ich weder essen noch schlafen konnte; ja ich lag in meinem Bette und weinte, denn mein Glück hängt von dem Ihrigen ab. Gehen Sie, wohin Sie wollen, ich bin bereit Ihnen zu folgen und zu dienen; so lange ich Sie zufrieden sehe, ist mir alles andere gleichgültig.«

Diese Worte hätten fast meinen Entschluß erschüttert, und ich war nahe daran, ihm alles zu sagen; aber nach einiger Überlegung nahm ich mich zusammen. »Mein lieber Timothy«, sagte ich, »in dieser Welt haben wir immer ein buntes Dasein zu erwarten. Es giebt eine Zeit, in der wir lachen dürfen, aber dann kommt wieder eine Stunde, in der wir weinen müssen. Ich verdanke Dir mein Leben, und das werd' ich Dir nie vergessen, wo ich auch sein mag.«

»Allerdings«, versetzte Timothy, »Sie werden jemanden, der Ihnen kaum eine Stunde lang aus dem Gesicht kommt, nicht so leicht vergessen.«

»Das ist wohl wahr, Tim, aber es können Umstände eintreten, die uns voneinander scheiden.«

»Ich kann mir keine solchen Umstände vorstellen, kann auch nicht glauben, daß, so schlecht die Sachen gehen mögen, sie sich so abscheulich sollten wenden können. Sie haben ja doch Ihr Geld und Ihr Haus; wenn Sie London verlassen, so können Sie durch Vermietung Ihrer eigenen möblierten Zimmer Ihr Einkommen vermehren. Wir haben also keinen Mangel zu fürchten; vielmehr werden wir sehr glücklich sein, die Welt zu durchstreichen und zu suchen, was wir gerne finden möchten.«

Mein Gewissen schlug mich, als Timothy dieses sagte, denn ich fühlte, daß ihm seine Anhänglichkeit und Treue beinahe die gleichen Ansprüche auf das verlorene Eigentum gab. Er war mein Gefährte gewesen, der zu beiderseitigem Vorteil die untergeordnete Rolle übernommen hatte. »Aber dennoch könnte eine Zeit kommen«, sagte ich, »wo wir uns wieder so entblößt finden, wie beim Beginn unserer Laufbahn, als wir drei und einen halben Penny miteinander teilten.«

»Nun ja, so mag sie kommen. Es wäre mir leid für Sie, für mich selbst aber nicht im mindesten; denn alsdann würde Tim von größerer Bedeutung und besserem Nutzen sein, als jetzt in seiner Livree.«

»Wahrhaftig!« rief ich in meinem Herzen aus, »ich bin ein Thor, ein großer Thor gewesen; aber der Würfel liegt. Ich will in Thränen säen: möge ich in Freuden ernten! Ich habe die fröhliche Überzeugung, daß wir einst wieder zusammen sein werden, und daß dann diese schmerzliche Trennung nur einen Gegenstand unserer Unterhaltung abgeben soll.« – »Ja, Tim«, sagte ich laut, »es ist alles richtig.«

»Alles richtig, gewiß, Sir. Ich glaubte nie, daß irgend etwas unrichtig sei, außer Ihr Verdruß darüber, daß die Leute Ihnen nicht mehr die Aufmerksamkeit zollten wie früher, da sie Sie für einen reichen Mann hielten.«

»Gewiß, aber vergiß nicht, wenn Mr. Masterton von mir spricht, ihm zu sagen, daß ich dem alten Schurken Emanuel jeden Heller zurückbezahlt habe; Du weißt ja, und auch Mr. Masterton weiß es, unter welchen Bedingungen dieses Geld entlehnt worden ist.«

»Gut, ich will es thun, wenn er mit mir spricht; aber er spricht selten viel mit mir.«

»Vielleicht thut er es doch, Tim, und ich wünsche ihn wissen zu lassen, daß ich jede Art von Schulden bezahlt habe.«

»Man sollte denken, Sie gehen nach Ostindien, statt nach Richmond, so reden Sie.«

»Nein, Tim. Man hat mir eine Stelle in Ostindien angeboten, die ich jedoch abgelehnt habe. Aber Mr. Masterton und ich sind in letzter Zeit nicht ganz gut miteinander gestanden, und deshalb wünsche ich ihn in Kenntnis zu setzen, daß ich keine Schulden habe. Du weißt – denn ich erzählte Dir ja die ganze Scene mit Emanuel – wie er sich zu fünfhundert Pfund verstand und seine tausend erhielt; ich wünschte, daß auch Mr. Masterton es erführe, vielleicht wird dann seine Stimmung gegen mich freundlicher werden.«

»Seien Sie ruhig«, erwiderte Tim, »ich kann die ganze Geschichte mit Ausschmückungen erzählen.«

»Nein, Tim, Du mußt bei der reinen Wahrheit bleiben. Aber jetzt ist es Zeit zu gehen. Lebe wohl, mein lieber Junge, Gott segne und erhalte Dich.« – Überwältigt von meinen Gefühlen, legte ich das Gesicht auf Timothys Schulter und weinte.

»Was giebt es, was hast Du, Japhet? Mr. Newland, ich bitte, Sir, was soll das heißen?«

»Es ist nichts, Timothy«, erwiderte ich, indem ich mich zu fassen suchte; »ich bin unpäßlich gewesen, wie Du weißt, und meine Nerven sind noch krank, so daß es mich jammert, ja ganz übermannt, von meinem besten und einzigen Freund auch nur auf ein paar Tage zu scheiden.«

»O Sir – lieber Japhet, wir wollen dieses Haus verlassen, das Gerät verkaufen und in die weite Welt gehen.«

»Das meine ich auch, Tim. Lebe wohl, und Gott sei mit Dir.«

Ich ging die Treppe hinab; die Mietskutsche hielt vor der Thüre. Timothy legte meinen Mantelsack hinein und stieg auf den Sitz. Ich weinte bitterlich. Man mag mich deshalb belächeln, aber man denke sich in meine Lage, man fühle, was es heißt, den einzigen, treuen, wahren Freund zu verlassen. Ich hatte mich gefaßt, bis wir bei der Richmond-Kutsche ankamen. Dort drückte ich Timothys Hände und verlor ihn aus dem Gesicht – auf wie lange, wird der Leser im Verlaufe meiner Abenteuer erfahren.

Ich kam zu Lady De Clare, bei welcher ich, wie ich kaum zu sagen brauche, willkommen war. Mutter und Tochter freuten sich über meine baldige Wiederkunft und fragten hundert Dinge; aber ich war unglücklich und schwermütig, nicht wegen meiner Aussichten, denn in meiner Verblendung freute ich mich über das bevorstehende Bettlertum – nein, ich wünschte mich meiner Flita, wie ich sie immer noch nennen muß, mitzuteilen. Flita kannte meine Geschichte bis zu der Zeit meiner zweiten Zurückkunft nach London, da sie bei meiner Erzählung anwesend gewesen war; von meinen späteren Schicksalen hatte sie wenig erfahren. Ich wagte es nicht, ihr diesen letzten Teil mündlich zu bekennen, sondern war entschlossen, es schriftlich zu thun.

Lady De Clare legte meinem Zusammensein mit Flita keinerlei Hindernis in den Weg. Diese war jetzt ein schönes Mädchen zwischen fünfzehn und sechzehn, eine werdende Jungfrau, lieblich wie die Knospe der Moosrose und an Verstand ihren Jahren weit vorausgeschritten. Drei Tage blieb ich, während welcher Zeit ich vielfache Gelegenheit zu Unterredungen mit ihr hatte. Ich sagte ihr, ich wünsche sie mit meiner ganzen Lebensgeschichte bekannt zu machen, und fragte, was sie davon wisse. Dann füllte ich sorgfältig die Lücken aus, bis ich zu dem Tage kam, da ich sie in die Arme ihrer Mutter gebracht. »Und nun, Flita«, sagte ich, »hast Du noch vieles zu erfahren, was aber erst nach meiner Abreise geschehen soll. Ich habe jede Nacht einige Stunden aufs Niederschreiben verwandt; ich habe, wie Du finden wirst, meine Gefühle zergliedert und Dir jedesmal angedeutet, wo ich im Irrtum gewesen bin. Es geschah zu meiner Unterhaltung; doch mag es wohl auch einer Dame nützlich sein«

Am dritten Tage nahm ich Abschied, wobei ich Lady De Clare um ihre Pony-Chaise bat, um nach *** zu fahren von wo ich die erste Kutsche westwärts nehmen wollte, ohne mich darum zu bekümmern, wohin. Dann legte ich die Blätter, die meine Denkwürdigkeiten enthielten, in Flitas Hände und sagte Lebewohl. »Lady De Clare, mögen Sie glücklich sein! Flita – Cäcilie sollte ich sagen, Gott segne und erhalte Dich! Denke zuweilen an Deinen aufrichtigen Freund Japhet.«

»Wahrhaftig, Newland«, sagte Lady De Clare, »man sollte glauben, wir würden Sie in unserem Leben nicht wiedersehen.«

»Ich hoffe, daß das nicht der Fall sein werde, Lady De Clare; denn ich kenne niemanden, dem ich ergebener wäre.«

»Nun ja, lieber Freund, so lassen Sie sich recht bald wieder bei uns sehen.«

Ich drückte ihr die Hand und verließ das Haus. So begann ich meine zweite Pilgerfahrt.

*

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