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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Fünfundfünfzigstes Kapitel

Ich schüttele meinen neuen Bekannten ab, aber seine Gesellschaft ist mir, trotz der kurzen Dauer, bereits verderblich geworden. Obgleich ich Hab' und Gut einbüße, behalte ich doch die Ehrlichkeit.

————

Inzwischen hatte die Duellgeschichte ihren Weg in die Zeitungen genommen, die sie mit verschiedenen, durchaus nicht eben schmeichelhaften Anmerkungen begleiteten, und infolge dieser Glossen empfing ich ein Schreiben von Herrn Masterton, welcher – getäuscht durch die Darstellungen jenes Schlages von Menschen, die sich mit dem Zusammenstoppeln von Zeitungsneuigkeiten abgeben und nur gar zu gern jeden, dem sie beikommen können, in ihren eigenen Kot herabzuziehen suchen – den strengsten Tadel über mein thörichtes Betragen aussprach, mit dem Hinzufügen, daß Lord Windermear, ganz mit dieser Ansicht einverstanden, ihn ersucht habe, mir sein Mißfallen zu erkennen zu geben. »Ich sehe dies«, so schloß der Brief, »für den ernstlichsten Fehler an, den Sie bisher begangen haben. Weil Sie die öffentliche Meinung täuschen halfen, und weil einer, der nichts gegen eine vertraute Bekanntschaft mit einem jungen Manne von gutem Ton, vorteilhafter Stellung und großem Reichtum hatte, das Verhältnis mit einem Individuum von unbekannter Herkunft und ohne Vermögen fortzusetzen keine Lust hat, halten Sie sich für berechtigt, ihm das Leben zu nehmen. Dieser Grundsatz wirft die ganze Gesellschaft über den Hausen; da verschwindet jeder Unterschied, und die Herrschaft des Gladiators kann nur noch durch den Dolch des Meuchelmörders übertroffen werden.«

Die Worte trafen mich zur schlimmen Stunde. Eben waren meine Gedanken ganz mit Lord Windermears freundlichen Anerbietungen beschäftigt; eben sagte ich mir, daß dieselben in das wichtigste Triebrad meines Daseins eingreifen würden, und überlegte, auf welche Weise ich dem Andringen der Freundschaft entgehen könnte, um in voller Freiheit meinen Neigungen zu folgen – als dieses Schreiben einlief. Mir schien es der Gipfel der Ungerechtigkeit zu sein. Ich war auf eine einseitige Angabe hin beschuldigt und verurteilt worden. Ich vergaß, daß es meine Pflicht gewesen wäre, im ersten Augenblicke zu Herrn Masterton zu gehen, um ihm die ganze Sache vollständig auseinanderzusetzen, daß ich durch Unterlassung dieses Schrittes der natürlichen Vermutung, ich könne mich nicht rechtfertigen, allen Raum gegeben hatte. Alles dies vergaß ich, der ich doch allein zu tadeln war. Ich sah in dem Briefe nichts als Unfreundlichkeit und Ungerechtigkeit: Groll war die einzige Empfindung, die er in mir erweckte. »Welches Recht haben Lord Windermear und Mr. Masterton«, rief ich, »mich so zu schulmeistern und zu beleidigen? Das Recht der Verbindlichkeiten, die sie mir auferlegten. Aber hat nicht Lord Windermear vielmehr eine Verpflichtung gegen mich? Hab' ich nicht sein Geheimnis bewahrt? Ja, aber wie kam ich in dessen Besitz? Durch mein späteres Benehmen habe ich nur eine verräterische Handlung wieder gut gemacht. Wohlan, dem sei, wie ihm wolle, ich habe ein Recht, mich unabhängig von ihnen zu machen; jeder hat das Recht, seine Unabhängigkeit zu behaupten. Ihre Anerbietungen würden mich nur fesseln; ich begehre ihren Beistand nicht.«

Dies waren meine Betrachtungen. Es ist klar, daß ich unter dem Einfluß einer krankhaften Reizbarkeit, eines niederdrückenden Gefühls von Verlassenheit stand. Ich sah mich als ein einsames Wesen an, durch keine Bande an die Welt geknüpft; ich beschloß, die Welt zu verachten, wie sie mich verachtete. Mit Timothy sprach ich kaum ein Wort. Mit schmerzlich brennendem Haupte lag ich da; alle meine Pulse klopften. Ich war wahnsinnig oder wenigstens dem Wahnsinn nahe. Einmal nahm ich die Pistolen heraus und dachte an Selbstmord, aber ein Gedanke hielt mich zurück: ich konnte die Forschung nach meinem Vater nicht aufgeben.

Fieberhaft erregt, wie ich war, wünschte ich auszugehen, aber ich wagte es nicht, dem öffentlichen Auge zu begegnen. Ich wartete, bis es dunkel wurde, dann stürzte ich fort, ohne zu wissen, wohin. Ich kam an dem Spielhause vorbei – ich ging vorüber, aber ich kehrte zurück und verlor meinen letzten Shilling, dann entfernte ich mich mit der festen Überzeugung, ich würde, wenn mein Geld nicht eben jetzt zu Ende gegangen wäre, gewonnen haben.

Ich legte mich zu Bett, aber nicht um zu schlafen. Ich dachte daran, wie ich, als man mich noch für reich hielt, bewundert und gehätschelt worden war. Wozu sollte mir also der Rest meines Geldes? Ich beschloß, entweder ein Vermögen zu erwerben oder vollends alles zu verlieren. Am andern Morgen ging ich in die City und verkaufte alle meine übrigen Papiere, ohne daß Timothy etwas von meinem Vorhaben erfahren hätte. Ich vermied es geflissentlich, mit ihm zu sprechen. Mein Benehmen verletzte ihn, ich sah es wohl; aber ich fürchtete seine Ratschläge und Vorstellungen.

Mit Anbruch der Nacht kehrte ich in die Hölle zurück, wo ich mit wechselndem Glücke spielte. Einmal hatte ich das Dreifache meines Kapitals gewonnen, und zuletzt stand ich mit leeren Taschen da. Ich war gleichgültig über den Verlust, obwohl ich die Wechselfälle des Spiels mit der höchsten Aufregung verfolgt hatte.

Am folgenden Tage ging ich zu einem Häuseragenten und erklärte ihm, ich wünsche mein Haus zu verkaufen; denn ich war entschlossen, mein Glück bis auf den letzten Penny zu versuchen. Der Agent versprach mir einen Käufer; ich bat ihn um einen Vorschuß, den er mir gab, und zu wiederholten Malen gab, bis er mir beinahe die Hälfte des Kaufschillings vorgestreckt hatte. Endlich fand er einen Käufer, der er vermutlich selber war, zu zwei Dritteilen des Wertes. Ich zauderte nicht; ich hatte alle Vorschüsse nach einander verspielt und war in fieberhafter Hast, mein Vermögen wieder zu gewinnen oder ein Bettler zu werden. Auf der Stelle unterzeichnete ich den Kaufbrief, empfing die Differenz im Betrag von fünfzehnhundertundfünfzig Pfund und kehrte in meine Gemächer (nicht mehr die meinigen!) ungefähr eine Stunde vor Tische zurück. Ich rief Timothy, sah nach der Höhe der fälligen Rechnungen, und gab ihm fünfzig Pfund, wovon etwa fünfzehn für ihn übrig blieben. Hierauf setzte ich mich zu meinem einsamen Mahle nieder, das ich eben beginnen wollte, als ich auf der Hausflur einen Streit vernahm.

»Was giebt es, Timothy?« rief ich. Bei dem kläglichen Zustande meiner Nerven erschütterte mich jedes Geräusch.

»Es ist der Emanuel, Sir, der durchaus herauf will.«

»Ja, herauf will, Herr!« rief die Stimme des Juden.

»Laß ihn kommen, Timothy«, erwiderte ich, und Mr. Emanuel kam die Treppe herauf. »Was wollt Ihr bei mir?« sagte ich, mit Verachtung auf das erbärmliche Geschöpf blickend, das, wie gewöhnlich, mit der Hand auf dem zusammengebogenen Rücken ins Zimmer trat.

»Ich muß mich verschnaufen ein wenig, Mr. Newland. Ich bin gekommen zu sagen, daß das Geld ist sehr rar, daß ich will annehmen Ihren Vorschlag und will nehmen de hundert Pfund und meine tausend, so ich Ihnen hab' geliehen. Sie werden sein viel zu gentlemännisch, um nicht zu helfen einem armen alten Mann, wenn er ist in Not.«

»Gesteht nur, Mr. Emanuel, Ihr habt gehört, daß ich die zehntausend Pfund jährlich nicht besitze, und fürchtet nun, Euer Geld zu verlieren.«

»Verlieren mein Geld! – Nein – verlieren meine tausend Pfund! Haben Se nicht gesagt, daß Se zahlen wollen zurück mein Geld, und wollen mer geben hundert Pfund für meine Mühe? Ist das doch gewesen das letzte Wort.«

»Ja, aber Ihr habt es zurückgewiesen; also ist's nicht meine Schuld. Ihr müßt Euch jetzt an die Verschreibung halten, die Euch fünfzehnhundert Pfund zusichert auf den Tag, an dem ich zu meinem Vermögen komme.«

»Zu Ihrem Vermögen? Haben Se doch kein Vermögen nicht.«

»Ich fürchte, so ist es. Aber Ihr werdet Euch erinnern, Mr. Emanuel, daß ich Euch niemals gesagt habe, ich besitze Vermögen.«

»Wollen Se mer bezahlen mein Geld, Mr. Newland, oder wollen Se gehen ins Gefängnis?«

»Ihr könnt mich nicht wegen einer Übereinkunft ins Gefängnis setzen lassen«, erwiderte ich.

»Nein, aber kann Se verfolgen als einen Schwindler.«

»Nichts da, Ihr konfiscierter, alter Schurke, das könnt Ihr nicht! versucht's und thut Euer Ärgstes!« rief ich, wütend über das Wort.

»Gut, Mr. Newland, als Se nicht haben de Zehntausend jährlich, so haben Se doch das Haus und das Geld; werden Se doch nicht betrügen einen armen alten Mann, wie mich.«

»Ich habe mein Haus verkauft.«

»Se haben verkauft das Haus? Se haben nicht mehr das Haus, und haben nicht mehr das Geld? O, mein Geld, mein Geld! Soll mich Gott holen, Mr. Newland, sind Se doch ein verfluchter Schurke!« – und der alte Wicht zitterte vor Empörung, seine Hand auf dem Rücken ebenso heftig schwenkend, wie die andere, die er mir in seiner Wut vor dem Auge tanzen ließ.

Bis zur Raserei ergrimmt über eine so schimpfliche Bezeichnung öffnete ich die Thüre, wirbelte ihn herum, gab ihm einen Tritt auf einen namenlosen Teil, so daß er hinaus und die Treppe hinunter flog, auf deren Absatz er, ächzend vor Schmerzen, liegen blieb.

»Mein Gott! o, mein Gott! ich bin ermordet. Vater Abraham nimm mich auf.«

Meine Wut war gestillt; ich erbleichte bei dem Gedanken, den armen Wicht getötet zu haben. Mit Timothys Hilfe, den ich herbeirief, schleppte ich ihn die Treppe herauf. Wir setzten ihn auf einen Stuhl und fanden, daß er nicht sehr verletzt war. Er erhielt ein Glas Wein. Sobald er wieder sprechen konnte, brach seine herrschende Leidenschaft von neuem aus: »Mischter Newland, au, Misch-ter New-land, können Se mer nicht geben de tausend Pfund ohne de Interessen? will ich Se ja doch segnen mitsamt den Interessen! Hab' ich's doch nur geliehen aus Gefälligkeit.«

»Wie könnt Ihr erwarten, daß ein verdammter Schurke so etwas thun sollte?« erwiderte ich.

»Ein verfluchter Schurke? Au, der Schurke bin gewesen ich, und bin gewesen ein Narr, daß ich habe gesagt das Wort. Mischter Newland, sind Se doch ein Gentleman, werden Se mer doch bezahlen mein Geld! Ich habe den Schein in meiner Tasche, kann ihn hergeben, so wie Se befehlen.«

»Wenn ich das Geld nicht habe, wie kann ich Euch bezahlen?«

»Vater Abraham! Wenn Se nicht haben das Geld! Als Se doch müssen haben Geld, als Se mer werden bezahlen einen Teil. Wie viel wollen Se bezahlen?«

»Wollt Ihr fünfhundert Pfund nehmen und die Verschreibung zurückgeben?«

»Fünfhundert Pfund? Soll ich verlieren die Hälfte? Au, Mr. Newland, hab' ich doch geliehen in Geld, nicht in Waren; werden Se mich doch nicht lassen verlieren so viel.«

»Ich weiß noch nicht, ob ich Euch fünfhundert Pfund geben will. Ente Verschreibung gilt keine zwei Pence, das wißt Ihr?«

»Ihre Ehre, Mischter Newland, ist doch mehr wert, als zehntausend Pfund, aber wenn Se nicht haben das Geld, sollen Se mir bezahlen die fünfhundert Pfund, de Se mer haben angeboten, und ich will hergeben das Papier.«

»Ich habe Euch keine fünfhundert Pfund angeboten.«

»Nicht angeboten? Aber Se haben gesprochen von der Summe; ist das doch genug.«

»Wohlan, für fünfhundert also wollt Ihr die Verschreibung hergeben?«

»Ja, ich bin's zufrieden, zu verlieren den Rest aus bloßer Gefälligkeit.«

Ich ging an meinen Schreibtisch und nahm fünfhundert Pfund in Banknoten heraus: »seht, hier ist das Geld, das Ihr zur Hand nehmen mögt, so wie ich die Verschreibung von Euch habe.«

Der alte Mann zog die Verschreibung heraus und legte sie auf den Tisch, während er die Banknoten zusammenraffte. Ich sah das Papier durch, ob alles in Richtigkeit sei, und zerriß es sogleich. Emanuel steckte die Banknoten mit einem schweren Seufzer in die innere Brusttasche; dann schickte er sich zum Fortgehen an.

»Und nun, Mr. Emanuel, will ich Euch zeigen, daß ich ein bischen mehr Ehre besitze, als Ihr von mir glaubt. – Seht, dies ist all' mein Geld«, fuhr ich fort, die noch übrigen tausend Pfund aus dem Schreibtische nehmend; »hiervon will ich Euch die Hälfte geben, so daß Euer ganzes Anleihen zurückbezahlt ist. Da habt Ihr fünfhundert Pfund, und nun sind wir quitt.«

Die Augen des alten Mannes hafteten ganz erstaunt auf mir, dann liefen sie wieder von meinem Gesicht auf die Banknoten hinüber: er traute, wie man zu sagen pflegt, seinen Augen und Ohren nicht. Endlich nahm er die Noten und steckte sie mit zitternden Händen, wie zuvor, in seine Brieftasche. »Gottes Wunder, Mischter Newland«, sagte er, »sein Se doch ein kurioser Gentleman, werfen mich hinab die Treppe und – aber das thut nichts.«

»Geht mit Gott Emanuel, und laßt mich endlich einmal zum Essen kommen.«

Der Jude zog ab. Ich setzte mich zu Tische, aber kaum hatte ich mein Mahl begonnen, als die Thüre leise geöffnet wurde, und Mister Emanuel wieder zu mir hereinkroch.

»Mischter Newland, als Se mer wollen verzeihen, aber wollen Se nicht bezahlen die Interessen von meinem Geld?«

Ich sprang auf mit dem Stock in der Hand: »Fort, Du alter Dieb!« rief ich, und kaum waren die Worte aus meinem Munde, so hatte sich Herr Emanuel bereits entfernt; auch bekam ich ihn niemals wieder zu Gesicht.

*

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