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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Vierundfünfzigstes Kapitel

Es geht gar wunderlich zu in dieser Welt. Ein Mann ohne »Charakter« sagt sich von mir los, aus Furcht, ich möchte seinem Charakter schaden.

————

Timothy kam zurück und brachte mir Trost; die Blutung hatte nicht wieder begonnen, Harcourt befand sich erträglich, man hatte einen der ersten Wundärzte zu ihm gerufen.

»Geh' noch einmal, mein lieber Tim. Da Du mit Harcourts Diener vertraut bist, so kannst Du in Erfahrung bringen, was dort vorgeht.«

Timothy ging und blieb wohl eine Stunde aus, während welcher ich, stöhnend vor Angst, auf dem Sofa lag. Als er zurückkehrte, las ich auf seinem Gesichte, daß er gute Botschaft bringe.

»Alles in Ordnung!« sagte er; »nichts von Amputation! Es war nur eine von den kleineren Arterien, welche verletzt worden ist; sie haben sie glücklich unterbunden.«

Ich sprang vom Sofa auf und umarmte ihn, so erfreut war ich über diese Nachricht. Dann setzte ich mich wieder und weinte wie ein Kind.

Endlich wurde ich etwas ruhiger. Ich hatte Kapitän Atkinson zu Tische gebeten und war sehr vergnügt, als er kam. Er bestätigte Timothys Bericht. Ich überließ mich so sehr meiner Freude, daß ich lange bei Tische sitzen blieb, reichlich trank, und als er mir abermals einen Gang zu der Rouge-et Noir-Tafel vorschlug, diesen nicht ablehnte, sondern vielmehr, erhitzt von Wein, in der höchsten Begierde meine ganze Barschaft mit mir nahm.

Atkinson begann sein Spiel, da er aber fand, daß er nicht glücklich war, so hörte er sehr bald wieder auf. Ich war seinen Sätzen gefolgt, und hatte somit ebenfalls beträchtlich verloren. Er bat mich, nicht weiter zu spielen, aber ich war, wie es schien, ein Hazardierer geworden; ohne auf ihn zu achten, blieb ich an dem grünen Tisch, bis ich den letzten Shilling verloren hatte. Ich verließ den Ort in nicht sehr guter Laune. Atkinson, der auf mich gewartet hatte, begleitete mich nach Hause.

»Newland«, sagte er, »ich weiß nicht, was Sie von mir halten. Man wird Ihnen gesagt haben, ich sei ein Roué, vielleicht haben Sie gar noch schönere Dinge von mir gehört – aber eines pflege ich immer zu thun, nämlich leidenschaftliche Spieler zu warnen. Ich habe Sie heute Abend beobachtet; ich sage Ihnen, Sie werden zu Grunde gehen, wenn Sie noch einmal diesen grünen Tisch besuchen. Sie haben keine Selbstbeherrschung. Ich weiß nicht, wie Ihre Mittel beschaffen sind, aber das weiß ich, daß, wären Sie auch ein Krösus, Sie dennoch ein Bettler werden müßten. Ich habe mich nicht um Sie bekümmert, während Sie der allbewunderte Mr. Newland, der Reigenführer der Mode, waren; aber da begann ich etwas für Sie zu fühlen, als Sie, bloß weil man entdeckte, daß es nichts mit Ihrem vermeintlichen Reichtum sei, aus der Gesellschaft hinausgestichelt wurden. Ich habe Ihre Bekanntschaft nicht gemacht, um Ihnen Ihr Geld abzugewinnen – das kann ich, so viel ich dessen brauche, den Schurken, welche die Bank halten, oder denen, die sich kein Gewissen aus dem Raub an andern machen, abnehmen; aber nun bitte ich Sie, nicht mehr an jenen Ort zurückzukehren. Es ist mir leid, sehr leid, daß ich Sie jemals hingeführt. Auf mich wirkt der Reiz des Spieles nicht im mindesten: Sie aber lassen sich davon überwältigen, Sie sind ein Hazardierer, oder vielmehr in Ihrer Organisation liegt die Möglichkeit, einer zu werden. Nehmen Sie also den Rat eines Freundes an, wenn ich mich so nennen darf, und gehen Sie nicht wieder hin. Hoffentlich sind Sie durch Ihren heutigen Verlust in keine ernstliche Verlegenheit gesetzt?«

»Nicht im mindesten«, erwiderte ich, »es war vorrätiges Geld. Ich danke Ihnen für Ihren Rat, den ich befolgen will. Ich war ein Thor an diesem Abend, und an einem Thorenstreiche ist's genug.«

Atkinson verließ mich. Ich hatte etwa zweihundertundfünfzig Pfund verloren, worunter mein Gewinn vom vorherigen Abend mitbegriffen war. Es verdroß mich, aber ich dachte an Harcourts Rettung und ließ mich die Schlappe nicht weiter anfechten. Der Leser wird sich erinnern, daß ich dreitausend Pfund besaß, welche Herr Masterton auf Hypothek für mich anzulegen sich erboten hatte; bis er aber eine Gelegenheit dazu finden konnte, hatte ich seinem Rate gemäß dreiprozentige Papiere dafür gekauft. Es war ihm seither nicht gelungen, sie auf Hypothek anzubringen, da es sich hierbei gemeiniglich um größere Summen handelt, und so waren sie inzwischen liegen geblieben. Meine Renten waren noch nicht fällig, was mich nötigte, meine Zuflucht zu diesem Gelde zu nehmen. Ich begab mich deshalb in die City und beauftragte den Makler, Papiere für zweihundert Pfund zu verkaufen, in der Absicht, sie sobald als möglich wieder zu ersetzen, da ich Herrn Masterton nicht gerne hätte wissen lassen mögen, daß ich Geld verspielt. Als ich aus der City zurückkam, fand ich Kapitän Atkinson, der in meinem Zimmer auf mich wartete.

»Bei Harcourt geht es gut und bei Ihnen nicht übel. Ich habe alle Welt in Kenntnis gesetzt, daß Sie gesonnen seien, jeden, der Sie gleichgültig behandle, zu fordern.«

»Den Teufel auch! Das ist eine Drohung, die man leichter auszusprechen, als durchzuführen vermag.«

»Schießen Sie noch zwei oder drei zusammen«, versetzte der Kapitän kaltblütig, »und dann verlassen Sie sich darauf, daß Sie alles nach Ihrem Willen haben werden. Freilich muß ich gestehen, daß man sich einigermaßen gesträubt hat; es geht die Rede von einem gemeinschaftlichen Pakt, sich Ihnen nicht zu stellen unter dem Vorwande, daß Sie ein Betrüger seien.«

»Das ist überdies ein ganz triftiger Grund«, erwiderte ich; »auch glaube ich nicht, daß ich ein Recht dazu habe – nein, ganz gewiß, ich bin nicht gesonnen, Ihren Vorschlag zu befolgen. Die Leute müssen doch das Recht haben, sich ihre Bekanntschaften zu wählen, und mich abzustoßen, wenn sie eine üble Meinung von mir hegen. Ich fürchte, Sie haben mich mißverstanden, Kapitän Atkinson. Wenn ich Harcourt für sein Benehmen gegen mich strafte, so war dies eine verdiente Züchtigung. Auf ihn hatte ich Ansprüche; aber das ist nicht der Fall bei den Hunderten, gegen welche ich im Zenith meiner Popularität vielleicht nicht übermäßig verbindlich gewesen bin. Ich kann nicht den Rodomont spielen, wie Sie mir vorschlagen, auch glaube ich nicht, daß das meinem Charakter aufhelfen würde. Es mag mir wohl einen gewissen Ruf geben, aber gewiß keinen solchen, der mir von Nutzen sein könnte. Nein, nein, ich habe schon allzuviel gethan, und obgleich ich nicht so sehr zu tadeln bin, als die Welt sich einbildet, so sagt mir doch mein eigenes Gewissen, daß ich durch jene Art, die Leute mich für etwas anderes halten zu lassen, aufs gelindeste ausgedrückt, ein Genosse des Betruges war, und nun die Folgen davon auf mich nehmen muß. Meine Lage ist jetzt allerdings sehr unerfreulich; es wird wohl am besten sein, mich zurückzuziehen, um, falls sich eine Möglichkeit bietet, mit gerechten Ansprüchen auf die öffentliche Gunst wieder hervorzutreten. Noch habe ich Freunde, Gott sei Dank! einflußreiche Freunde. Es ist mir ein Amt in Indien, ein Offizierspatent in der Armee, und eine juristische Laufbahn angeboten. Wollen Sie mir den Vorzug erweisen, Ihre Ansicht darüber mir mitzuteilen?«

»Sie erweisen mir eine Artigkeit. Eine Schreiberstelle in Indien ist eine vierzehnjährige Deportation mit der Aussicht, bei der Rückkehr Geld in Hülle und Fülle zu haben, aber keine Gesundheit, um dasselbe genießen zu können. In der Armee würden Sie vielleicht nicht übel fahren; außerdem dürfte Ihnen, wenn Sie Offizier sind, niemand einen Ehrengang verweigern. Gleichwohl wäre es, je nachdem Sie unter ein Regiment kommen würden, gar wohl möglich, daß Sie sich mit der einen Hälfte des Corps herumschlagen müßten, und von der andern in Verruf gethan würden; dann müßten Sie sich auf halben Sold setzen lassen, wobei Ihnen Ihr Patent immer noch sehr zuträglich wäre. Was die Rechte betrifft, da wollte ich doch immer noch lieber meinen Bruder im Sarge sehen. Nun haben Sie meine Meinung.«

»Sie ist nicht sehr ermutigend«, erwiderte ich mit Lachen; »aber es liegt viel Wahrheit in Ihren Bemerkungen. Nach Indien will ich nicht gehen; das würde dem Hauptzweck meines Daseins in den Weg treten.«

»Ich bitte Sie, wofern Sie es nicht geheim halten wollen – darf ich nach diesem Zwecke fragen?«

»Ich wünschte zu erforschen, wer mein Vater ist.«

Kapitän Atkinson sah mich sehr verwundert an. »Schon mehr als einmal«, sagte er, »dachte ich, es müsse nicht ganz richtig bei Ihnen stehen; nun seh' ich aber, daß Sie wahnsinnig, daß Sie geradezu verrückt sind. Werden Sie nicht böse, ich konnte es nicht unterdrücken; wollen Sie Satisfaktion haben, so muß ich Sie Ihnen, wenn auch noch so ungern, gewähren.«

»Nein, nein, Atkinson, ich glaube, Sie haben nicht ganz und gar Unrecht, und ich will Ihnen verzeihen, – aber lassen Sie uns fortfahren. Die Armee würde mir, wie Sie sagen, eine Stellung in der Gesellschaft geben, da mein Patent mich zum Gentleman machte; aber da ich die Vorteile, die Sie mir angedeutet haben, nicht zu genießen wünsche, so habe ich alle Ursache, vor einer Lage zurückzuschrecken, welche mir viele und große Demütigungen zuziehen könnte. Hinsichtlich des Rechtsstudiums stimme ich zwar nicht gerade so sehr in Ihrem Abscheu mit Ihnen überein, doch muß ich sagen, daß mir der Gedanke nicht sonderlich gefällt; ich bin durch mein bisheriges Leben untauglich dazu geworden. Aber ich darf mir jede andere Bestimmung wählen.«

»Ohne mich in Ihre Angelegenheiten eindrängen zu wollen, möchte ich fragen, ob Sie hinlänglich zu leben haben.«

»Ja, wenn man einen bescheidenen Maßstab anlegt; ich habe das Auskommen eines jüngeren Bruders, welches eben noch zu Handschuhen, Cigarren und kölnischem Wasser reicht.«

»Dann folgen Sie meinem Rate und werden Sie nichts. Der einzige Unterschied, den ich zwischen einem Gentleman und einem andern Sterblichen sehen kann, ist der, daß der eine müßig geht und der andere hart arbeiten muß. Der eine ist ein unnützes, der andere ein nützliches Glied der Gesellschaft, so abgeschmackt sind die Meinungen dieser Welt.«

»Ich stimme Ihnen bei und würde es vorziehen, nach dieser Seite ein Gentleman zu sein, der nichts zu thun hat, wenn man mich nur auch in jeder andern Beziehung gelten lassen wollte; aber dazu haben die Leute keine Lust. Ich bin in einer unglücklichen Lage.«

»Und in dieser werden Sie bleiben, bis Ihre Gefühle so abgestumpft sind, wie die meinigen. Hätten Sie meinen Vorschlag angenommen, Sie würden besser gethan haben. So wie die Sachen stehen, kann ich Ihnen von keinem Nutzen sein, ja, ohne Sie damit beleidigen zu wollen, muß ich Ihnen sagen, daß ich nicht weiß, ob ich mich noch mit Ihnen zusammen sehen lassen darf; denn Ihr Entschluß, sich nicht durchzufechten, ist mir sehr unerwünscht, da ich nicht gesonnen sein kann, jemanden mit einer Unterstützung an die Hand zu gehen, wenn er dieselbe desavouiert. Lassen Sie sich durch meine Worte nicht aufbringen; Sie sind Ihr eigener Herr und haben allein über Ihre Angelegenheiten zu entscheiden. Wenn Sie sich nicht für so verloren halten, um sich nicht möglicherweise durch andere Mittel wieder Ihre Stellung gewinnen zu können, so will ich Sie nicht schelten, da ich weiß, daß es nicht sowohl Mangel an Mut, als Mangel an Urteil ist, was Sie zu dieser Weigerung veranlaßt hat.«

»Für den Augenblick, Kapitän Atkinson, bin ich ganz herunter, das gestehe ich Ihnen; aber wenn es mir glückt, meinen Vater zu finden –«

»Guten Morgen, Newland, guten Morgen«, unterbrach er mich hastig; »ich sehe schon, wie es steht. Natürlich werden wir, wenn wir uns begegnen, höflich gegen einander sein, denn ich will Ihnen wohl; aber man darf uns ferner nicht zusammen sehen, Sie würden sonst meinem Charakter schaden.«

» Ihrem Charakter schaden, Kapitän Atkinson?«

»Ja, Mr. Newland, meinem Charakter. Ich will nicht behaupten, daß es nicht respektablere Charaktere gebe, aber ich habe einen Charakter, der mir angemessen ist und das Verdienst der Konsequenz besitzt. Da Sie nicht daraus gefaßt sind, wie die Amerikaner sagen, die ganze Schweinshetze durchzumachen, so wollen wir als gute Freunde scheiden, und wenn ich irgend etwas gesagt habe, das Ihnen unangenehm ist, so bitt' ich Sie um Verzeihung.«

»So leben Sie denn wohl, Kapitän Atkinson; für Ihre mir bewiesene Freundlichkeit bin ich Ihnen von Herzen dankbar.«

Er schüttelte mir die Hand und verließ das Zimmer.

»Und noch zehnmal dankbarer für diesen Bruch!« dachte ich, während er die Treppe hinunterging.

*

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