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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Dreiundfünfzigstes Kapitel

Mein zweites Duell. Ich wage, diesmal als Kombattant, mein und eines andern Leben, mein und eines andern Glück und Seelenfrieden, weil ich gestraft worden bin, wie ich es verdiente.

————

Nachdem Kapitän Atkinson mich verlassen hatte, erzählte ich meinem Tim, was vorgegangen war. »Und glaubst Du, es werde zum Duell kommen, Japhet?« rief er bestürzt.

»Ohne Zweifel«, erwiderte ich.

»Da wirst Du niemals Deinen Vater finden, wenn Du auf diesem Wege fortfährst«, versetzte Timothy, um meine Aufmerksamkeit von dem unwillkommenen Gegenstande abzulenken.

»In dieser Welt vielleicht nicht, Tim, aber ich könnte ja möglicherweise durch eine Kugel auf den rechten Weg gewiesen werden und ihn in der andern finden.«

»Glaubst Du Deinen Vater, falls er tot ist, im Himmel?«

»Das will ich hoffen, Timothy.«

»Welche Aussicht hast Du dann, ihm zu begegnen, wenn Du bei einem Angriff auf das Leben eines alten Freundes aus der Welt gegangen bist?«

»Du wirst verfänglich, mein lieber Tim, aber ich weiß mir nicht anders zu helfen. So viel kann ich bestimmt versichern, daß ich keinen Groll gegen Harcourt habe, wenigstens keinen tödlichen.«

»Gut, das läßt sich schon hören. Aber mit Deiner Erlaubnis, Japhet, ich könnte just nicht darauf schwören, ob Du mit Deinem Auftreten als Gentleman den rechten Weg eingeschlagen hast.«

»Nein, Timothy, niemand, der da betrügt, ist auf dem rechten Wege. Ich habe durchaus unrecht gethan und fürchte nun vom Schlimmen zum Schlimmern fortzuschreiten, aber ich kann jetzt nicht moralisieren, ich muß schlafen gehen und wo möglich alles vergessen.«

Am andern Vormittag um elf Uhr besuchte mich ein Mr. Cotgrave in Harcourts Auftrage. Ich wies ihn an Kapitän Atkinson, der bald hernach zu mir kam, da er die Botschaft in seiner Wohnung erwartet und die nötigen Vorbereitungen mit dem andern Sekundanten getroffen hatte. Er blieb den ganzen Tag bei mir. Die Pistolen des Majors wurden untersucht und gut befunden. Wir speisten, tranken reichlich, und dann schlug er mir vor, ihn in eine der Höllen, wie man sie nennt, zu begleiten. Dies lehnte ich ab, da ich einige Anordnungen zu machen hatte, und sobald er gegangen war, hieß ich Timothy kommen.

»Tim«, sagte ich, »wenn mir morgen etwas Menschliches widerfahren sollte, so bist Du mein Testamentsvollstrecker und einziger Erbe. Ich habe mein Testament schon in Dublin gemacht und bei Freund Kophagus niedergelegt.«

»Japhet, ich hoffe, Du wirst mir eine Gunst erzeigen und mich mit Dir auf den Platz gehen lassen: es wird mir dort wohler sein, als wenn ich hier in dieser Spannung bleiben muß.«

»Das versteht sich, Kamerad, wenn Du es wünschest. Aber jetzt muß ich zu Bette gehen, da ich um vier Uhr abgerufen werden soll; also weg mit Empfindsamkeiten und Deklamationen! Gute Nacht, Gott segne Dich.«

Ich war damals in einer Stimmung, die mich gleichgültig gegen mein Leben und gegen die Folgen meiner Thaten machte; ich war verwundet durch die Behandlung, die ich erfuhr. bis zum Wahnsinn empört über den Hohn der Welt – ich war in Verzweiflung. Masterton hatte die Wahrheit gesprochen, als er sagte, ich besäße nicht den Mut, gegen einen widrigen Wind zu kämpfen. Timothy ging nicht schlafen; um vier Uhr war er an meinem Bette. Ich stand auf, kleidete mich mit der größten Sorgfalt an und empfing meinen Sekundanten. Wir nahmen eine Mietskutsche und verfügten uns zu demselben Platze, wohin ich wenige Monate früher mit dem armen Carbonnell gefahren war. Sein Andenken und das Bild seines Todes kam wie eine Wolke über meine Seele, aber es war nur für einen Augenblick; ich kümmerte mich wenig ums Leben. Harcourt und sein Sekundant waren ein paar Minuten vor uns auf dem Platze. Wir grüßten uns höflich, und die Sekundanten gingen an ihre Verrichtung. Als wir schossen, fiel Harcourt, von meiner Kugel über dem Knie getroffen. Ich ging zu ihm; er streckte mir die Hand entgegen: »Newland«, sagte er, »ich habe dies verdient; ich war ein Feigling, daß ich Dich verließ, ein Feigling, daß ich auf einen Menschen, den ich beleidigt hatte, schoß. Meine Herren!« wandte er sich zu den Sekundanten, »ich spreche Mr. Newland in Ihrer Gegenwart frei von aller Schuld, und wünsche, daß, wofern mir irgend etwas Weiteres zustoßen sollte, meine Verwandten keinerlei Schritte gegen ihn thun.«

Er war sehr bleich und blutete stark. Ohne ein Wort zu sprechen, untersuchte ich die Wunde und erkannte aus der Farbe des Blutes sowohl, als aus seiner heftigen Strömung, daß eine Arterie zerrissen sei. Meine wundärztlichen Kenntnisse retteten ihm das Leben. Ich drückte die Arterie zusammen, während ich den beiden andern Weisung über Weisung gab. Ein Schnupftuch wurde über der Wunde um den Schenkel festgeknüpft, ein runder Stein unter dasselbe in die Schenkelhöhle gelegt, und der Ladestock einer Pistole mußte zur Drehwinde dienen, bis das Ganze als eine Art von Aderpresse gelten konnte. Hierauf entfernte ich meinen Daumen, fand das Blut gestillt, und hieß den Verwundeten auf einer Bahre nach Hause tragen, wo man alsbald nach wundärztlicher Hilfe senden sollte.

»Sie scheinen diese Dinge zu verstehen, Sir«, sagte Mr. Cotgrave. »Sagen Sie mir, ist es gefährlich?«

»Er wird sich einer Amputation unterziehen müssen«, erwiderte ich mit leiser Stimme, so daß Harcourt mich nicht hören konnte. »Ich bitte Sie, beim Nachhausetragen sorgfältig über die Aderpresse zu wachen, denn wenn sie sich verschieben sollte, so würde er nicht mehr zu retten sein.«

Ich verbeugte mich vor Mr. Cotgrave, stieg mit Kapitän Atkinson in die Mietskutsche und fuhr nach Hause. »Ich will Sie nun verlassen, Newland«, sagte der Kapitän; »es ist nötig, den Vorfall zu besprechen und gehörig auseinanderzusetzen.«

Ich dankte ihm für seine Freundschaftsdienste und war nun allein; denn ich hatte Timothy fortgesandt, um fragen zu lassen, wie Harcourt in seiner Wohnung angekommen sei. Ich fühlte mich elender als je; meine Besorgnis um Harcourt war unbeschreiblich. Allerdings hatte er nicht schön gegen mich gehandelt, aber ich dachte an seinen ehrwürdigen Vater, der mir so warm die Hand gedrückt, als ich sein gastliches Dach verließ, an seine holden Schwestern, an die zärtliche Freundschaft, die sie mir bewiesen; an die innige Vertraulichkeit, in der wir zusammen gelebt. Ich malte den Jammer aus, welchen die Nachricht bei ihnen erregen mußte, ihren Unwillen gegen mich, wenn der verstümmelte Bruder nun im Vaterhause erscheinen würde; und sollte er gar sterben – guter Gott, der Gedanke machte mich wahnsinnig. Nun hatte ich das wenige Gute, was ich zu thun imstande gewesen, wieder verwirkt. War Flita und ihre Mutter durch mich glücklich geworden, so hatte ich eine andere Familie ins Elend gestürzt.

*

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