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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Einundfünfzigstes Kapitel

Ich kehre in die vornehme Gesellschaft zurück, finde aber daselbst keinen guten Empfang. Welt, Ehrlichkeit – alles ist mir verleidet.

————

Seltsam, in diesem Augenblicke, da es mir mit dem zweiten, teuersten Gegenstand meiner Wünsche gelungen war, mich so elend zu fühlen! und dennoch war dies unleugbar der Fall. Kaum konnte ich Herrn Masterton während unserer Fahrt nach der Stadt auf seine Reden eine Antwort geben. Als ich mich zu Hause auf das Sofa warf, fühlte ich mich ganz einsam und verlassen. Nicht, daß ich Cäcilien ihr Glück mißgönnt hätte – würde ich ja doch gerne mein Leben für sie geopfert haben; aber sie war bisher mein Geschöpf, eines von meinen wenigen Gütern in dieser Welt gewesen, sie hatte mir angehört und mich geliebt. Nun, da sie ihrer Mutter zurückgegeben war, stand sie über mir, und ich war noch einsamer als zuvor. Ich erinnerte mich nicht, eine Woche so voll Elend erlebt zu haben, wie jene, welche auf eine für andere so glückbringende, auf eine von mir selbst mit so vielem Eifer und unter so vielen Gefahren gesuchte Entdeckung folgte. Gott ist mein Zeuge, daß ich keinen Neid empfand, aber es schien mir, als sollte jedermann in der Welt glücklich werden, nur ich selber nicht.

Doch es standen mir noch härtere Prüfungen bevor. Bei meiner Abreise nach Irland hatte ich für einen jungen Mann von großem Vermögen gegolten; die Wahrheit war damals noch nicht bekannt gewesen. Herrn Mastertons Ansinnen, nicht mehr unter falscher Farbe zu erscheinen, gehorchend, hatte ich Harcourt mit meiner wirklichen Lage bekannt gemacht und ihn ersucht, überall die Wahrheit zu verbreiten. Neuigkeiten solcher Art greifen wie Feuer um sich. Nur zu viele, die ich unter Major Carbonnells Schutze und im Nimbus meines vermeintlichen Reichtums vielleicht etwas hochfahrend behandelt hatte, waren froh, diese Neuigkeit vernehmen und weit und breit mitteilen zu können. Mein Betrug, wie sie es zu nennen beliebten, war der Gegenstand jeder Unterhaltung, und tausend entrüstete Ausfälle wurden von den Witwen, die mir so oft ihre Töchter angetragen hatten, gegen mich gerichtet. Wenn irgend eine hierin noch giftiger als die andern war, so brauchte ich kaum Lady Maelstrom zu nennen, welche ihre gemieteten Pferde fast zu tot jagte, um von einer Bekanntschaft zur andern meine unerhörte Abscheulichkeit, mit der ich höherstehende Leute betrogen hätte, zu verbreiten. Harcourt, der mir vorgeschlagen hatte, vereint zu leben, der die Großartigkeit meines Bekenntnisses gepriesen hatte, selbst Harcourt fiel ab: etwa vierzehn Tage nach meiner Zurückkunft sagte er mir, er finde meine Wohnung nicht so bequem wie seine frühere, und wolle diese wieder beziehen. Er nahm mit Freundlichkeit Abschied von mir, aber bald mußte ich bemerken, daß er, wenn wir uns auf der Straße begegneten, häufig nach einer andern Seite blickte; am Ende war ein leichter Wink mit den Augen alles, was ich von ihm erhielt. Zufrieden, seine Absicht zu verstehen, bekümmerte ich mich nicht weiter um ihn; er folgte ja nur dem Beispiele der andern. So groß war das Geschrei derjenigen, welche sich meiner als einer guten Partie zu versichern gehofft hatten, daß junge Leute, die sich in meiner Gesellschaft blicken ließen, in vielen Häusern aus der Besuchsliste gestrichen wurden. Dies entschied mein Schicksal; nun stand ich allein. Einige Zeit ertrug ich es stolz, und ein verächtlicher Blick war meine ganze Antwort; aber so konnte es nicht lange dauern. Das Benehmen der andern würde einigermaßen durch Lord Windermears Güte, der mich wiederholt zu Tische bat, beschämt, aber selbst hier, obgleich als Schützling seiner Herrlichkeit geduldet, mußte ich empfinden, daß man alles, was über die gewöhnliche Höflichkeit hinausging, aufs geflissentlichste vermied, um nur ja keine Vertraulichkeit aufkommen zu lassen. Herr Masterton, den ich gelegentlich besuchte, sah, daß ich körperlich und geistig litt. Er suchte mich zu ermutigen, aber ach – ein feinfühlender Mensch müßte, um den Hohn der Welt ertragen zu können, ein überirdisches Wesen sein. Der arme Timothy, der mehr als irgend ein anderer mein heimliches Elend sah, war vergebens mich zu trösten bemüht. Das also, dachte ich, ist der Lohn der Tugend und Redlichkeit? Wahrlich, die Tugend ist ihr eigener Lohn, ein anderer wird ihr nicht. So lange ich unter falscher Farbe erschien und die Welt sich selbst betrügen ließ, wurden mir Schmeicheleien und Huldigungen zu teil; nun, da ich die Larve abgeworfen und das Gewand der Wahrheit angelegt, bin ich ein elend erbärmlich Wesen. Aber ist es nicht meine eigene Schuld? Hab' ich nicht alles dies mir selbst zugezogen? Ob durch andere oder durch mich selbst entlarvt, hab' ich nicht dennoch falsch gespielt und muß nun dafür büßen? Was fragt die Welt danach, daß Du zur Wahrheit zurückgekehrt bist? Du hast sie durch Lug und Trug beleidigt, und das ist ein Verbrechen, welches durch Reue nicht getilgt werden kann. – Nur allzuwahr, ich mußte mich selbst den Urheber meiner Leiden nennen, und diese Erkenntnis machte mich noch elender. Für meine Unredlichkeit war ich gerecht und streng bestraft. Ob ich für meine jetzige Redlichkeit jemals einen Lohn empfangen würde, das sollte sich noch zeigen; aber ich wußte wohl, daß die meisten Menschen einen solchen Lohn, als einen schlechten Schuldposten, gestrichen haben würden.

Einst besprach ich mich mit Herrn Masterton über die Möglichkeit, ob das Paket in Herrn Kophagus' Händen irgend einen Aufschluß über meine Geburt enthalten könnte. »Ich habe darüber nachgedacht, mein lieber Newland«, sagte er, »und wünschte Ihnen einige Hoffnung geben zu können, aber leider vermag ich es nicht. Nachdem es Ihnen mit Ihrem kleinen Schützling geglückt ist, haben Sie die ausschweifendsten Hoffnungen für sich selbst, und der schwächste Schimmer ist Ihnen, wie der Dichter sagt, ›Bestätigung, sicher wie die heil'ge Schrift‹. Nun sehen Sie: es fragt jemand im Findelhause nach Ihnen – ein Umstand, den ich für ausgemacht annehmen will – seine Name wird von einem unwissenden Dummkopf als ›Derbennon‹ aufgeschrieben; wie Sie aber hieraus auf den wirklichen Namen schließen und ihn für De Benyon erkennen mögen, das ist wahrhaftig mehr, als ich begreifen kann, wenn ich auch der Phantasie das weiteste Feld einräume. Sie sind also fürs erste schon deshalb im Irrtum, weil der Anfragende jeden möglichen andern Namen angeben konnte. Außerdem frage ich: ist es so ganz gewiß, daß er in einem solchen Falle seinen wahren Namen genannt haben werde? Lassen Sie uns weiter folgern. Angenommen, der Name sei wirklich De Benyon. Nun entdecken Sie, daß einer von den Brüdern unverheiratet ist, ferner daß einige Papiere aus der Verlassenschaft eines alten Frauenzimmers ihm angehören; aber was wollen Sie auf solche unbedeutenden Umstände gründen? Etwa daß, weil dieser Mann unverheiratet ist, er gerade deshalb verheiratet gewesen sein müsse – denn Sie haben ja das Zeugnis ehelicher Geburt für sich – und daß, weil ein Paket aus fremder Hinterlassenschaft ihm angehört, eben dieses Paket durchaus Bezug auf Ihre Angelegenheiten haben solle? Sehen Sie nicht, wie Ihre aufgeregte Einbildungskraft Sie irre führt?

Ich konnte nicht leugnen, daß Herrn Mastertons Folgerungen mein ganzes Luftschloß zerstört hatte. »Sie haben recht, Sir«, sagte ich traurig; »ich wollte, ich wäre tot.«

»Sagen Sie nichts der Art vor meinen Ohren, Newland«, versetzte der alte Rechtsgelehrte unwillig, »außer Sie wünschen, meine gute Meinung zu verscherzen.«

»Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir, aber es ist mir ganz elend zu Mute. Ich werde von allen meinen Bekannten gemieden, bin völlig aus der Gesellschaft verbannt, habe keine Eltern noch Angehörige. Wofür soll denn ein so einsames Wesen leben?«

»Mein lieber Junge«, sagte der alte Herr, »Sie sind noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt und haben sich schon zwei aufrichtige Freunde, beide vielvermögend in ihrer Art, Lord Windermear und mich, erworben; auch haben Sie die Freude, andere glücklich zu machen, kennen gelernt. Glauben Sie mir, das heißt für Ihre Jugend viel vollbracht. Sie haben noch manche Zwecke, für die Sie leben sollen: Sie müssen sich noch mehr Freunde erwerben, Ehre gewinnen, Gutes thun, sich dankbar für empfangene Wohlthaten erweisen und demütig sein, wenn die Vorsehung Sie weniger glimpflich behandelt. Sie haben noch zu lernen, wo und wie allein das wahre Glück zu finden ist. Gehen Sie, da Sie so mutlos sind, gehen Sie zu Lady De Clare, sehen Sie ihr und ihres Kindes Glück, erinnern Sie sich, daß es Ihr Werk ist, und dann sagen Sie noch einmal, Sie hätten für nichts gelebt.«

Ich war zu überwältigt, um sprechen zu können. Nach einer Pause fuhr Herr Masterton fort: »Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?«

»Ich habe sie nicht gesehen, Sir, seitdem wir sie zusammengeführt haben.«

»Was, Sie haben sie nicht besucht, und es sind beinahe zwei Monate? Das ist nicht recht, Japhet; Ihre Gleichgültigkeit, Ihre Unfreundlichkeit muß sie verletzen. Haben Sie ihnen geschrieben oder von ihnen gehört?«

»Ich habe ein paar dringende Einladungen erhalten, Sir, aber ich war nicht in der Stimmung, mich ihrer Höflichkeit –«

»Höflichkeit! Sie haben unrecht, sehr unrecht, Japhet. An Ihrem Gemüte nagt ein Schaden, sonst würden Sie diesen Ausdruck nimmermehr gebraucht haben. Ich glaubte, Sie wären aus besserem Thon gemacht; es scheint jedoch, Sie können nur mit günstigem Winde segeln, aber nicht mit einem widerwärtigen kämpfen. Weil Sie nicht mehr, wie so viele andere, von den Eigennützigen und Absichtlichen bethört werden, erklären Sie der ganzen Welt den Krieg. Ist es nicht so?«

»Vielleicht haben Sie recht, Sir.«

»Ich weiß es wohl, auch weiß ich, daß Sie unrecht haben. Ich muß Ihnen mein ernstliches Mißfallen zu erkennen geben, wenn Sie nicht baldigst Lady De Clare und ihre Tochter besuchen.«

»Ich werde Ihren Befehlen gehorchen, Sir.«

»Meinen Wünschen, Japhet, nicht meinen Befehlen. Lassen Sie sich bei mir sehen, sobald Sie zurück sind. Sie dürfen nicht länger müßig gehen. Bedenken Sie, daß Sie jetzt erst Ihre Laufbahn in der Welt beginnen; denn bisher waren Sie auf dem falschen Pfade, von welchem Sie mit edlem Mute sich abgewendet haben. Sie müssen sich zum Streben und Arbeiten anschicken, Sie müssen auf einen Gott und ein gutes Gewissen vertrauen lernen. Ich habe gestern Abend ein langes Gespräch mit Lord Windermear über Sie gehabt; wenn Sie zurückkommen, will ich Ihnen unsere Pläne für Ihr künftiges Fortkommen auseinandersetzen.«

*

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