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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Fünfzigstes Kapitel

Womit der Leser, wenn er keine Sympathie für die Personen empfindet, das Buch in Gottes Namen beschließen mag.

————

In wenigen Minuten hatte sich Lady De Clare so weit erholt, um einen Abriß unserer Geschichte zu vernehmen. Sobald dies geschehen war, bestand sie darauf, sich augenblicklich nach der Anstalt zu verfügen, wo ich Flita untergebracht hatte, da sie aus gewissen Zeichen, die nur eine Amme oder eine Mutter kennt, den letzten Zweifel über ihre Verwandtschaft mit ihr besiegen wollte. Es war unmöglich, sie in solcher Ungewißheit und Spannung zu lassen. Herr Masterton willigte also ein, und wir reisten nach ***, wo wir abends anlangten. »Nun, meine Herren«, sagte sie, »lassen Sie mich nur eine Minute bei dem Kinde, und wenn ich die Glocke ziehe, so mögen Sie eintreten.« Lady De Clare war so aufgeregt, daß sie nicht ohne Beistand in das Sprechzimmer gehen konnte. Wir führten sie zu einem Sessel, und nach einer Minute wurde Flita herabgerufen. Diese lief, als sie mich auf dem Gange sah, eilends auf mich zu. »Halt, meine liebe Flita! Es ist eine Dame im Sprechzimmer, die Dich zu sehen wünscht.«

»Eine Dame, Japhet?«

»Ja, liebes Kind, geh' nur hinein.«

Flita gehorchte. Nach einer Minute hörten wir einen Schrei, und Flita öffnete hastig die Thüre. »Geschwind, geschwind, die Dame ist ohnmächtig!«

Wir eilten hinein, fanden Lady De Clare auf dem Boden, und es dauerte geraume Zeit, bis sie wieder zum Bewußtsein kam. Sobald sie sich erholt hatte, fiel sie auf ihre Kniee nieder, hob die Arme, wie zum Gebet, empor und streckte sie bann gegen Flita aus. »Mein Kind, mein längst verlorenes Kind, Du bist es, ja, Du bist es!« Eine Flut von Thränen, die sie an Flitas Halse weinte, gab ihr Erleichterung. Nun ließen wir beide allein. »Bei Gott, Japhet«, sagte mein alter Freund im Hinausgehen, »Du verdienst, Deinen Vater zu finden.«

Nach einer Stunde verlangte Lady De Clare nach uns. Flita stürzte mir in die Arme und schluchzte, während ihre Mutter sich bei Herrn Masterton wegen des Verzugs und unserer so verzeihlichen Vernachlässigung entschuldigte.

»Mr. Newland, Madame, ist es, dem Sie für dieses Glück verpflichtet sind. Ich will Sie nun, mit Ihrer Erlaubnis, verlassen und meinen Besuch morgen wiederholen.«

»Ich will Sie nicht aufhalten Mr. Masterton, aber ich hoffe, Mr. Newland werde mit mir und Cäcilien nach Hause gehen; ich habe ihn viel zu fragen.«

Ich willigte ein und ging, während Flita ihre Garderobe einpackte, in das erste Gasthaus, um Pferde und Wagen zu bestellen. Nach einer halben Stunde brachen wir auf. Es war Mitternacht, als wir in Richmond ankamen. Während dieser Fahrt erfuhr Lady De Clare alle Umstände meines Zusammentreffens mit Flita. Wir waren froh, zur Ruhe zu kommen, und der herzliche Ton, womit die Mutter beim Auseinandergehen zu mir sagte: »Gott segne Sie, Mr. Newland«, füllte meine Augen mit Thränen.

Ich mußte am andern Morgen allein frühstücken, da sie mit ihrer Tochter oben blieb. Es war beinahe zwölf Uhr, als sie endlich zum Vorschein kamen. Beide sahen so glücklich aus, daß ich nicht umhin konnte, zu denken: wann soll auch ich solche Wonne fühlen? wann werd' ich meinen Vater entdecken? Meine Stirne umwölkte sich bei diesem Gedanken; Lady De Clare aber bat mich, ihr etwas Näheres von dem Freunde zu sagen, dem sie und ihre Tochter solche unvergeßliche Verbindlichkeiten zu danken hätten. Nun mußte ich meine eigene abenteuerliche Geschichte erzählen, welche Cäcilien, wie ich sie jetzt nennen muß, fast so neu wie ihrer Mutter war. Eben hatte ich die Beschreibung meiner Flucht aus dem Schlosse vollendet, als Herr Mastertons Wagen an der Thüre hielt. Sobald sich der alte Rechtsgelehrte vor Lady De Clare verbeugt hatte, sagte er zu mir: »Japhet, hier bringe ich Ihnen einen Brief, der unter meiner Adresse aus Irland eingelaufen ist.«

»Der ist von Kathlin M'Shane«, erwiderte ich, bat um Entschuldigung und erbrach das Siegel. Der Brief enthielt eine Einlage. Ich las zuerst, was Kathlin mir schrieb, und öffnete dann schnell das beiliegende Blatt. Es war von Nattie oder Lady Henry De Clare, und lautete folgendermaßen:

»Japhet Newland!

Flita ist die Tochter des verstorbenen Sir William De Clare. Teuer hat mein Gemahl seine Thorheit und Gottlosigkeit gebüßt, an welcher ich, wie Ihr wissen sollt, niemals Anteil genommen habe.

Nattie.«

Noch weitere seltsame Neuigkeiten erzählte mir Kathlin. Lady De Clare hatte nach der Beerdigung ihres Gemahls den Haushofmeister kommen lassen, alle nötigen Anordnungen getroffen und die gesamte Dienerschaft entlassen; dann war sie verschwunden, ohne daß jemand wußte, wohin. Aber es ging die Sage, daß eine sehr ähnliche Person mit einer Zigeuner-Bande auf der Wanderschaft nach Süden gesehen worden sei. Ich übergab die beiden Briefe Herrn Masterton und Lady De Clare.

»Arme Frau!« sagte die letztere.

»Nattie kann ihren Stamm nicht verlassen«, bemerkte Cäcilie ruhig.

»Ganz gewiß, meine Liebe«, erwiderte ich, »und dort, wo sie als Königin gebietet, wird sie glücklicher sein, als sie jemals auf dem Schlosse war.«

Herr Masterton sprach nun mit Lady De Clare über die augenblicklich zu ergreifenden Maßregeln, welche nötig waren, um nicht von den Seitenerben beunruhigt zu werden, und nachdem er ihre Einwilligung zu seinen Vorschlägen erlangt hatte, war es endlich Zeit, sich zu verabschieden. »Mr. Newland«, sagte die Dame, »ich hoffe, Sie werden uns als Ihre wärmsten Freunde betrachten. Ich bin Ihnen so sehr verpflichtet, daß ich Ihnen niemals vergelten kann; aber hierzu kommt auch noch eine Geldschuld, und diese wenigstens müssen Sie mir zurückzuerstatten erlauben.«

»Wenn ich des Geldes bedarf, Lady De Clare, so will ich es annehmen. Ich bitte, quälen Sie mich nicht durch solch einen Antrag. Ich bin nicht eben glücklich, obgleich Ihr und Ihrer Tochter Glück mich freut.«

»Kommen Sie, Lady De Clare, Sie dürfen meinen Schützling nicht aufbringen«, versetzte Herr Masterton; »Sie wissen nicht, wie empfindlich er ist. Aber nun wollen wir uns verabschieden.«

»Du kommst doch bald wieder?« sagte Cäcilie liebevoll.

»Sie haben Ihre Mutter, Cäcilie«, erwiderte ich; »was können Sie mehr wünschen? Ich bin – niemand – und habe niemanden.«

Cäcilie brach in Thränen aus; ich umarmte sie und entfernte mich mit Masterton.

*

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