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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Viertes Kapitel

Durch einen neuen Patienten in große Verlegenheit gebracht, erlange ich nichtsdestoweniger im fünfzehnten Jahre den Doktorgrad, und streiche, was noch annehmlicher ist, meine Honorare ein.

————

Der Abgang des Herrn Brookes setzte mich natürlich mehr in den Stand, mit Timothy jene kleinen handwerksmäßigen Versuche zur Erlangung von Taschengeld fortzusetzen, aber außer diesen tropfenweisen, aus der Arzneiflasche von dem rechtmäßigen Gewinn meines Lehrherrn abgeleiteten Zuflüssen in meine Tasche gab mir der Zufall bald Gelegenheit, meine Mittel und Wege in rascher Steigerung zu verfolgen. Davon sogleich.

Ich nahm inzwischen fleißig an Wissen zu. Jeden Abend las ich chirurgische und medizinische Werke, die mir Herr Kophagus gab und gern auf meinen Wunsch erklärte, so daß ich es bald zu einer ganz leidlichen Stümperhaftigkeit brachte. Er lehrte mich auch das Aderlassen, und zwar ließ er mich fürs erste ganz wissenschaftlich die größern Adern eines Kohlblattes punktieren, bis er, wohl zufrieden mit der Leichtigkeit meiner Hand und der Schärfe meines Auges, den Unterricht damit schloß, daß er mir eine Ader an seinem eigenen Arm zu öffnen erlaubte.

»Schön so!« rief Timothy, als ich zum erstenmal den Chirurgen machte; »ich habe schon oft sagen hören, daß man kein Blut aus einer Rübe gewinnen könne, aber einem Kohlkopfe, scheint's, ist eher 'was abzuzapfen. Ich will Dir was sagen, Japhet: Du darfst Deine Hand an mir versuchen, so oft Du willst, die Sitzung für zwei Pence.«

Ich schloß den Vertrag mit ihm ab, und da ich eifrigst an Timothy herumpraktizierte, so erlangte ich vollkommene Fertigkeit.

Ich muß hier bemerken, daß meine unruhige Begierde, über meine Herkunft ins klare zu kommen, mit jedem Tage wuchs, und daß ich in einem der Bücher des Herrn Kophagus einen Aufsatz fand, welcher vom menschlichen Körper, von Sympathieen, Antipathieen, auch von den physiognomischen und andern eigentümlichen Zügen und ihrer wahrscheinlichen Fortpflanzung aus einer Generation in die andere handelte. Darin war die Behauptung aufgestellt, daß die Nase besonders ein Gegenstand der Physiognomik sei, der am häufigsten vom Vater auf den Sohn übergehe. Wie schon oben gesagt, hatte ich eine ziemliche Adlernase. Da ich mir dessen bewußt war, so begann ich nach Lesung dieses Buches mit auffallender Sorgfalt die Gesichter der Leute, die mir begegneten, zu prüfen. Wenn ich eine Nase sah, die einigermaßen der meinigen glich, so konnte ich sogleich grübeln und spintisieren, ob ihr Eigentümer nicht mein Vater sei. Das immerwährende Brüten über diesen Gegenstand erzeugte zuletzt eine Art von Monomanie: hundertmal des Tages konnte ich murmeln: »Wer ist mein Vater?« Selbst die Glocken schienen, wie in der Geschichte von Whittington, diese Frage zu tönen, und endlich redete ich meinem Busenfreund Timothy den Kopf so voll, daß er, so eingenommen er für mich war, sicherlich meinen Vater zum Teufel wünschte.

Unsere Apotheke war mit all' dem Glanz und Schimmer ausgestattet, womit man den Tempel der Krankheit und des Todes aufzuputzen pflegt. Da sie in einer so bequemen Durchfahrt lag, so blieben die Vorübergehenden stehen, um hereinzusehen, am häufigsten die kleinen Knaben in ihren zerlumpten Jacken, welche nach den bunten Farben und nach meiner Wenigkeit, dem jungen Herrn »Abb'deeker«, gafften, nach dem Befehlshaber dieser rings an den Wänden in Reih und Glied gestellten, mit goldenen Aufschriften prunkenden Flaschen.

Unter den Neugierigen nun war ein Frauenzimmer, das regelmäßig drei- oder viermal des Tages vorüberkam, stehen blieb und hereinsah. Sie war wohlgekleidet, dem Anscheine nach etwa vierzig Jahre alt, schlank wie ein Pfeil, hatte einen elastischen Tritt und eine fast männlich entschiedene Haltung im Gehen, obgleich ihre Gestalt zwar hoch und schmal, doch äußerst weiblich und edel war. Zuweilen heftete sie ihre Augen auf mich mit einem peinlich lebhaften Blick, der mich aber zugleich so sehr bezauberte, daß, wenn er mich traf, das Papier mit dem Pulver ungefaltet oder der Arm mit der Flasche unbeweglich ausgestreckt blieb.

Sowohl Timothy als ich bemerkten sie häufig; auch machten wir die Beobachtung, daß ihr Gang sich den Tag über nicht ganz gleich blieb. Gegen Abend wurde er rascher, aber ungleich, und ihre Blicke nahmen etwas Starres an. In der Regel kam sie gegen Abend um fünf Uhr das letzte Mal für den Tag an der Apotheke vorbei.

So war sie eines Abends vorübergegangen, und wir konnten nicht erwarten, daß sie vor dem folgenden Morgen zurückkehren würde – ihr Hereinsehen war nämlich ein Gegenstand der Ausrechnung und Unterhaltung für Timothy geworden, der sie nur das »verrückte Frauenzimmer« hieß – als sie, zu unserem Erstaunen und zum großen Schrecken Timothys, der über den Tisch sprang und sich an meine Seite machte, auf einmal in die Apotheke trat. Ihr Auge hatte, wie gewöhnlich, einen unruhigen Blick, doch konnte ich nicht eben Wahnsinn darin finden. Ich faßte mich, wies Timothy an, der Dame einen Stuhl zu bringen, und fragte höflich, womit ich ihr dienen könne. Timothy umging in möglichster Entfernung den Tisch, schob ihr einen Stuhl hin und begab sich eilig wieder in seine Verschanzung zurück. Sie lehnte den Stuhl mit einer Handbewegung ab, in der so viel Würde als Anmut war, legte ihre kleinen reizend weißen Hände auf den Tisch, beugte sich zu mir vor und sagte mit einer süßen leisen Stimme und mit einer Tiefe von Melodie, welche mich wahrhaft erschütterte: »Ich bin sehr unwohl.«

Meine Bestürzung wuchs. Ich weiß nicht warum, denn die Ausnahmen sind sicher so häufig als die Regel, aber wir pflegen uns nun einmal nach dem Äußern eines Menschen, noch eh' er den Mund geöffnet hat, eine Vorstellung von seiner Stimme zu bilden. Wie ich nun in dieses Antlitz sah, das eben der Schein der Argandischen Lampe traf, wie ich die bleiche, kreidige, totenhafte Farbe darin, die schwarzen Ringe um die Augen, die Runzeln auf der Stirn erblickte, da hätt' ich eher Sphärenmusik aus einer Donnerwolke, als solche Töne von diesen Lippen zu hören erwartet.

»Lieber Himmel!« sagte ich lebhaft und ehrerbietig: »erlauben Sie mir, nach Mr. Kophagus zu senden.«

»Nein, nein!« versetzte sie. »Ich komme zu Ihnen. Ich weiß«, fügte sie etwas leiser hinzu, »ich weiß, daß Sie selbst Arzneien abgeben, Patienten beraten und Geld einnehmen.«

Ich war in großer Unruhe; die Schamröte der Entdeckung stieg mir bis in die Stirne empor. Timothy, der ihre Worte gehört hatte, zeigte seine Verlegenheit in grotesker Weise. Er zog einen Fuß um den andern an sich, als ob er auf heißen Platten tanzte, schlug sich an die Taschen, grinste, ballte die Fauste, knirschte mit den Zähnen und biß sich die Lippen blutig. Endlich flüsterte er mir zu: »Die hat ihre Augen nicht umsonst da herein verdreht. Mit uns ist's aus, wenn Du ihr Schweigen nicht erkaufen kannst.«

»Allerdings, Madame«, sagte ich endlich, »habe ich in einigen unbedeutenden Fällen zu verordnen gewagt, auch nehme ich, wie Sie sagen, Geld in Abwesenheit meines Dienstherrn ein, aber er hat mir nicht die Ladenkasse anvertraut.«

»Ich weiß, weiß wohl! Sie brauchen sich nicht vor mir zu fürchten. Sie sind zu bescheiden. Was ich wünsche, ist, daß Sie mir etwas verschreiben, da ich keinen großen Glauben an Ihres Lehrherrn Talente habe.«

»Wenn Sie es wünschen, Madame« – sagte ich mit einer ehrerbietigen Verbeugung.

»Sie haben Kampfer-Julepp zubereitet, nicht wahr?«

»Ja, Madame«, antwortete ich.

»Dann thun Sie mir den Gefallen, den Knaben gleich mit einer Flasche voll nach meiner Wohnung zu senden.«

Ich nahm die Flasche herab, sie bezahlte sie, gab sie in Timothys Hand, und bezeichnete das Haus, wohin er sie tragen sollte. Timothy setzte den Hut auf, blinzelte mich an und ließ uns allein.

»Wie ist Ihr Name?« sagte sie mit ihrer melodischen Stimme.

»Japhet Newland, Madame«, erwiderte ich.

»Japhet, ein schöner, biblischer Name«, sagte sie halblaut vor sich hin. »Newland, das klingt nach Mammon.«

Das Geheimnis ist enthüllt, dachte ich und hatte gewissermaßen recht; sie ist eine fanatische Methodistin. Ihre Kleidung aber widersprach dieser Vermutung, denn es drückte sich sehr viel Geschmack darin aus.

»Wer gab Ihnen diesen Namen?« fragte sie nach einer Pause.

Die Frage war ganz einfach, aber sie weckte ein Heer von peinlichen Erinnerungen in mir auf. Da ich ihr nicht eben zu beichten Lust hatte, so erwiderte ich höflich, wie ich im Findelhaus am Sonntag Morgen gewohnt war: »Meine Paten und Patinnen bei der Taufe, Ma'am.«

»Mein lieber Herr, ich bin sehr krank«, sagte sie nach einer Pause. »Wollen Sie mir nicht den Puls fühlen?«

Ich berührte ein Handgelenk, und blickte auf eine Hand, welche der Bewunderung würdig waren. Wie schade, dachte ich, daß sie alt, häßlich und halb verrückt ist!

»Sind Sie nicht der Meinung, daß dieser Puls große Nervenaufregung verrät? Ich zählte heute Morgen die Schläge, es waren hundertundzwanzig.«

»In der That, er geht rasch«, sagte ich, »aber vielleicht wird der Kampfer-Julepp wohlthätig sein.«

»Ich danke Ihnen für Ihr Gutachten, Mr. Newland«, sagte sie, eine Guinee auf den Tisch legend; »wenn es nicht besser wird, so will ich wiederkommen oder nach Ihnen senden. Gute Nacht.«

Sie ging und ließ mich in nicht geringer Verwunderung zurück. Was konnte ihre Absicht sein? Ich brütete noch, als Timothy wiederkam. Die Guinee lag auf dem Tische.

»Ich begegnete ihr beim Nachhausegehen«, sagte er. – »Hol' mich Gott, eine Guinee! Was ist das, Japhet?«

Ich erzählte ihm den ganzen Hergang.

»Recht so!« rief er: »es hat sich gut für uns gewendet, statt schlimm, wie ich fürchtete.«

Dieses Uns erinnerte mich, daß wir den Gewinn bei solchen Gelegenheiten teilten, daher ich ihm die Hälfte anbot. Timothy aber war bei aller seiner Eulenspiegelei nicht selbstsüchtig, und weigerte sich standhaft, seinen Anteil hinzunehmen. Er kreierte mich zum Doktor mit der Bemerkung, ich hätte bereits Herrn Kophagus hinter mir gelassen, der noch nie ein ärztliches Honorar eingenommen habe.

»Ich kann's nicht begreifen, Timothy«, sagte ich, nachdem ich einige Minuten nachgedacht.

»Aber ich«, versetzte er; »sie hat so lang' zum Fenster hereingeguckt, bis sie sich in Dein hübsches Gesicht verliebt hat; das ist's, verlaß Dich darauf.«

Da ich keinen andern Grund finden konnte, und meine Eitelkeit Tims Einfall sekundierte, so glaubte ich am Ende selber daran.

»Ja, so ist's«, fuhr Timothy fort, »und das war das Handgeld, wie man sagt.«

»Bei alledem wünschte ich, Tim, es möchte keine Person von so unvorteilhaftem Äußern sein. Ich kann ihre Neigung nicht erwidern.«

»Gleichviel, wenn Du nur die Geschenke nicht erwidern mußt.«

Am nächsten Abend erschien sie wiederum, kaufte wie gestern eine Flasche Kampfer-Julepp, sandte Timothy damit fort, konsultierte mich und zahlte wieder eine Guinee.

»In der That, Madame«, sagte ich, indem ich sie ihr zurückschob: »ich bin nicht dazu berechtigt.«

»Ja, Sie sind's«, erwiderte sie. »Ich weiß, Sie haben keine Freunde, und weiß auch, daß Sie solche verdienen. Sie müssen sich Bücher anschaffen, müssen studieren, sonst werden Sie kein bedeutender Mann werden.«

Sie setzte sich nieder, knüpfte ein Gespräch mit mir an, und ich war betroffen von dem Feuer und der Kraft der Behauptungen, die sie mit ihrer melodischen Stimme vorbrachte.

Einen Monat dauerten ihre Besuche fort, wobei sie mir jedesmal eine Belohnung aufdrang. Wiewohl sie mir keine Liebe einflößte, so fühlte ich doch wirklich große Dankbarkeit, und war von der Überlegenheit ihres Geistes bezaubert. Wir kamen nach und nach auf den freundlichsten, vertraulichsten Fuß zu stehen. Eines Abends sagte sie zu mir: »Japhet, wir sind nun eine geraume Zeit her Freunde gewesen. Kann ich Ihnen etwas anvertrauen?«

»Ihr Leben, wenn's Not thut«, erwiederte ich.

»Ich will's glauben«, versetzte sie. »Und können Sie von der Apotheke loskommen und mich morgen Abend besuchen?«

»Ja, wenn Sie Ihr Mädchen nach mir schicken und sagen lassen wollen, daß Sie unpäßlich seien.«

»Das will ich, um acht Uhr. Also adieu bis morgen.«

*

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