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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Achtundvierzigstes Kapitel

Ein Kapitel voll gefährlicher Abenteuer, das mehr enthält, als man auf den ersten Blick vermuten sollte.

————

Still!« sagte eine wohlbekannte Stimme aus dem Munde des Mannes mit der Larve. Es war Timothy! »Still, Japhet!« widerholte er flüsternd, »die Gefahr ist noch nicht zu Ende, aber ich will Dich retten oder sterben. Nimm den Hammer, Melchior wartet draußen.«

Timothy stellte die Laterne hinter ein Faß, um den Keller dunkler zu machen, führte mich nach der Thüre, und flüsterte: »Wenn er hereinkommt, wollen wir ihn fassen.«

Gleich darauf erschien Melchior. »Ist alles in Ordnung?« fragte er, in den Keller tretend, und kam, auf Timothy zugehend, an mir vorüber. Mit einem Schlage stürzte ich ihn zu Boden, wo er bewußtlos liegen blieb.

»Das wird genug sein«, sagte Timothy; »nun mach', daß wir fortkommen.«

»Nein, erst muß er meinen Platz einnehmen«, erwiderte ich, die Thüre sorgfältig verschließend. »Nun mag er lernen, was es heißt, Hungers zu sterben.«

Ich folgte meinem Tim durch einen Gang, der zum Schlosse hinausführte, und durch den er mit seinem Genossen hereingekommen war. »Unsere Pferde sind ganz in der Nähe sagte er, »denn es war beschlossen, daß wir das Land nach der That verlassen sollten.«

Es dunkelte eben, als wir in Sicherheit aus dem Schlosse traten. Wir bestiegen unsere Pferde und ritten in aller Eile davon. Wir folgten der Heerstraße zu der Poststation, bis wohin ich gefahren war. Hier beschloß ich, bei Frau M'Shane einzukehren, denn ich war so erschöpft, daß ich nicht weiter kommen konnte. Dies war eine Maßregel, welche Vorsicht verlangte. Da der Mond schien, so lenkte ich vor der Stadt, oder vielmehr vor dem Dorfe, wie es genannt zu werden verdiente, von der Straße ab, und wir stiegen an Frau M'Shanes Hinterthüre von unsern Rossen. Ich ging ans Fenster des Schlafzimmers, das mir damals angewiesen worden war, und klopfte leise, aber ich mußte es lange fortsetzen, bis endlich Kathlin zum Vorschein kam.

»Kann ich hinein, Kathlin?« sagte ich, »ich bin halb tot vor Müdigkeit und Erschöpfung.«

»Ja«, antwortete sie, »ich will die Hinterthüre aufmachen; wir haben niemand diesen Abend, es ist ihnen noch zu früh.«

Ich trat ein und Timothy folgte mir. Als ich aber über die Schwelle schreiten wollte, wurde ich ohnmächtig. Sobald ich wieder zu mir kam, führte mich Frau M'Shane der Sicherheit wegen die Treppe hinauf in ihr eigenes Zimmer, wo ich in kurzem fähig war, die Erfrischungen einzunehmen, deren ich so sehr bedurfte. Ich erzählte meine bisherigen Begebenheiten der guten Frau und ihrer Tochter, welche sich nicht wenig darüber entsetzten.

»Ihr thätet besser«, sagte Frau M'Shane, »mit Eurer Weiterreise bis in die späte Nacht zu warten; es wird sicherer sein. Jetzt ist es erst neun Uhr, und die Leute treiben sich bis elf Uhr herum. Ich will Euren Pferden ein wenig Korn geben. Wenn Ihr fünf Meilen von hier seid, so könnt Ihr Euch für geborgen ansehen. Ihr lieben Heiligen, welch' eine Rettung!«

Dieser Rat klang zu gut, um ihn nicht zu befolgen, und ich fühlte mich so erschöpft, daß ich froh war, die Klugheit auf seiten der Ruhe zu finden. Ich legte mich auf das Bett der Wirtin, während Timothy bei mir wachte. Nach kurzem Schlummer erweckte mich die treffliche Frau mit der Nachricht, es sei jetzt Zeit, zu gehen. Nun trat Kathlin zu mir und sagte: »Ich möchte eine Gunst von Euch erbitten, Herr; ich hoffe, Ihr werdet sie mir nicht abschlagen.«

»Kathlin, Du darfst mich bitten, was Du willst; verlaß Dich darauf, daß ich Dir nichts abschlagen werde, was ich irgend gewähren kann.«

»Nun, Herr«, versetzte das gute Kind, »Ihr wißt, wie ich mein Herz bezwingen mußte, um Euch zu dienen; wollt Ihr auch das Eurige um meinetwillen bezwingen? Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß irgend einer, und wär' er auch der schlechteste, von der Familie, die mich erzogen hat, so elend umkommen soll. Ich könnte es nicht ertragen, daß irgend ein Mensch, und wäre er auch der schlechteste, selbst wenn ich ihm auf keine Weise verpflichtet wäre, so mit Sünden beladen, ohne Absolution sterben sollte. Wollt Ihr mir nicht den Schlüssel da lassen, um Sir Henry De Clare zu befreien, wenn Ihr weg und in Sicherheit seid? Ich weiß, er verdient keine Güte von Euch, aber es ist ein schauderhafter Tod, und ein gräßlich Ding, mit einer solchen Last von Verbrechen zu sterben.«

»Kathlin«, erwiderte ich, »ich will Dir mein Wort halten. Hier ist der Schlüssel, heb' ihn auf bis morgen früh, dann gieb ihn ab bei Lady De Clare und sag' ihr, Japhet Newland sende ihn.«

»Das will ich, Gott segne Euch, Herr.«

»Lebt wohl!« sagte Frau M'Shane; »Ihr habt keine Zeit zu verlieren.«

»Gott sei mit Euch, Herr!« rief Kathlin noch einmal, schlang ihren Arm um meinen Hals und küßte mich.

Wir spornten unsere Rosse oder vielmehr unsere Ponies, denn sie waren sehr klein, bis wir etwa sechs Meilen zurückgelegt hatten und uns einigermaßen für sicher halten durften, dann hielten wir sie an, um sie wieder zu Atem kommen zu lassen. Ich selbst war sehr erschöpft und sprach kaum ein Wort, bis wir die nächste Poststation erreichten, wo alles schon im Bette lag. Doch gelang es uns, die Leute herauszuklopfen, und nachdem Timothy die Pferde unter seiner Aufsicht in den Stall hatte bringen lassen, legten wir uns für den Rest der Nacht auf ein zufälligerweise leer stehendes Bett. So schlecht diese Einrichtungen waren, so schlief ich doch besser als je und erwachte ganz gestärkt. Am andern Morgen bestellte ich die Post nach Dublin und fragte Tim, was wir mit den Pferden thun sollten.

»Sie gehören nach Mount-Castle«, erwiderte er.

»Dann, in Gottes Namen, soll Mount-Castle sie behalten!« rief ich; »denn ich will nichts von diesem greulichen Orte haben!«

Wir teilten dem Wirte mit, die Pferde müßten zurückgesandt werden, und der Mann, der sie überbrächte, würde eine Bezahlung für seine Mühe bekommen.

Nun fiel mir ein, daß dies eine gute Gelegenheit wäre, an Melchior, alias Sir Henry, zu schreiben. Eigentlich hatte mein Groll bereits nachgelassen, und ich war nicht gesonnen, gerichtliche Maßregeln gegen ihn zu ergreifen; aber ich hielt es dennoch für angemessen, ihn einzuschüchtern, weshalb ich ihm folgendes schrieb:

»Sir Henry! Ich sende Ihnen Ihre Pferde mit meinem Danke zurück, da sie meinem Timothy und mir zur Flucht aus Ihren Klauen verholfen haben. Ihr Ruf und Ihr Leben sind in meiner Gewalt, und ich werde mir volle Rache verschaffen. Für Ihre Absicht, mich ermorden zu lassen, habe ich einen sichern Zeugen in meinem Freunde Timothy, der von Ihnen in seiner Verkleidung mit Ihrem Zigeuner angestellt wurde. Sie können dem Urteile des Gesetzes nicht entgehen. Bereiten Sie sich denn auf das Ärgste vor, da ich nicht gesonnen bin, Ihnen die schmähliche aber verdiente Strafe für Ihre Verbrechen zu ersparen.

Japhet Newland.«

Nachdem ich dieses Schreiben gesiegelt und dem Burschen, der die Pferde zurückbringen sollte, übergeben hatte, beendigten wir unser Frühstück und nahmen sodann eine Postchaise nach Dublin, wo wir spät abends anlangten.

Während der Fahrt bat ich Timothy, mir zu erzählen, wie es ihm inzwischen gegangen sei, und welch ein glücklicher Zufall ihn so im rechten Augenblicke zu meiner Hilfe herbeigeführt habe.

»Du erinnerst Dich, Japhet«, sagte er, »daß ich Dir ein paar Briefe schrieb, um die Bewegungen des Zigeuners und seine Pläne zur Entführung des Mädchens aus der Erziehungsanstalt zu berichten. Mein letzter Brief, in dem ich Dir meldete, daß er sich endlich Zutritt in die Pension zu Brentford verschafft habe, kann Dir nicht zugekommen sein, da ich aus Deinem Billet erfuhr, daß Du gerade an jenem Abend abreistest. Der Zigeuner, den ich bloß unter dem Namen Will kannte, fragte mich nach dem Namen des kleinen Mädchens; ich nannte sie Smith, da ich für gewiß annehmen konnte, daß in einem großen Institut wenigstens eine, wo nicht mehrere dieses Namens seien. Daraufhin erkundigte er sich bei dem Dienstmädchen, mit dem er ein Einverständnis angesponnen hatte, und dem er nicht unbedeutende Geschenke machte, ob eine Miß Smith in der Schule sei. Sie antwortete, es gäbe deren zwei, die eine, eine junge Dame von sechzehn, die andere ein Mädchen von etwa zwölf Jahren. Natürlich entschied er sich für die Jüngere. Will hatte mich in meiner Livree gesehen. Seine Absicht war, sich eine ähnliche zu verschaffen, einen Wagen zu mieten und nach Brentford zu fahren mit der Botschaft, Miß Smith möchte ihm augenblicklich mitgegeben werden, da Du so krank seiest, daß man an Deinem Auskommen zweifeln müsse. Ehe er dies aber that, schrieb er an Melchior, um sich Befehle für den Fall, daß er das Kind in seine Gewalt bekäme, zu erbitten. Die Antwort von Melchior traf ein. Dieser hatte inzwischen Deine Anwesenheit in Irland, und Deine Absicht, ihn zu besuchen, erfahren. Vielleicht warst Du auch schon in seiner Gefangenschaft, denn ich weiß nicht, wie lange diese gedauert hat; genug, sein Brief gebot dem Zigeuner, auf der Stelle hinüber zu kommen, da es höchst wahrscheinlich etwas zu thun geben würde, wofür er eine gute Belohnung erwarten dürfe. Er war nun so vertraut mit mir geworden, daß er mir nichts mehr verheimlichte; er zeigte mir den Brief, und ich fragte, Was sein Herr damit sagen wolle. Er erwiderte, so viel sei klar, daß jemand aus dem Wege geräumt werden müsse. Nun kam mir augenblicklich der Gedanke, das müssest Du sein – und ich erbot mich freiwillig, ihn zu begleiten, was er nach einigem Bedenken zugab. Wir fuhren mit der Post, und nach vier Tagen erreichten wir Mount-Castle. Will begab sich zu Melchior, der ihm sein Begehren kund that. Der Zigeuner willigte ein und sagte dann, er habe noch einen Arm bei sich, welcher von Nutzen sein könnte, wobei er sich für meine unbeschränkte Bereitwilligkeit verbürgte. Melchior sandte nach mir. Nun war ich freilich sehr in Angst, daß er mich erkennen möchte; ich hatte mich jedoch viel zu gut verkleidet, und namentlich durch eine Perücke von hellen Haaren jeder Erkennung vorzubeugen gesucht. Er richtete einige Fragen an mich, die ich mit mürrischem Tone beantwortete. Die Belohnung war auf zweihundert Pfund festgesetzt, welche zwischen uns beiden geteilt werden sollten. Außerdem wurden, da es ratsam schien, daß wir nach der That nicht von den Leuten im Schlosse gesehen würden, Pferde für uns in Bereitschaft gehalten. Das Übrige ist Dir bekannt. Ich wünschte mich, ehe ich den Schurken zu Boden streckte, von Deiner Anwesenheit zu überzeugen; auch erkannte ich Dich beim ersten Scheine der Laterne, und Deine Stimme gab mir vollends Gewißheit. Gott sei Dank, Japhet, daß ich Dir einigermaßen habe nützlich sein können.«

»Jawohl, mein lieber Tim, das bist Du gewesen, und Du kennst mich zu gut, um nicht zu wissen, daß ich das niemals vergessen werde. Nun aber muß ich zuerst in Erfahrung bringen, wo das Testament des verstorbenen Sir William niedergelegt ist. Um einen Shilling können wir es lesen. Vielleicht giebt es mir Aufschluß über Melchiors Benehmen, das mir noch immer unerklärlich bleibt.«

»Werden Testamente, die in Irland gemacht sind, hier oder in Doktors-Commons zu London einregistriert?«

»In Dublin, sollt' ich denken.«

Aber bei meiner Ankunft in Dublin fühlte ich mich so unpäßlich, daß ich gleich zu Bett gehen mußte; noch vor Tagesanbruch lag ich in einem heftigen Fieber. Timothy sandte nach ärztlichem Beistande und pflegte mich mit der größten Sorgfalt, aber es dauerte volle zehn Tage, bis ich mein Lager verlassen konnte. Zum ersten Mal saß ich wieder in einem bequemen Stuhl an dem Kamin, als Timothy den kleinen Mantelsack, den ich bei Frau M'Shane zurückgelassen, hereinbrachte, »Öffne ihn, Timothy«, sagte ich, »und sieh' nach, ob sie nicht irgend eine Art von Schreiben beigelegt haben.« Timothy öffnete den Mantelsack und reichte mir ein Blatt, welches oben lag; es war von Kathlin, die mir folgendes schrieb:

»Lieber Herr, sie sagen, es gehe schrecklich zu im Schlosse, Sir Henry habe sich vor den Kopf geschossen oder den Hals abgeschnitten, ich weiß nicht, was wahr ist. Mr. M'Dermott ist in großer Eile durchgereist, hat aber keiner Seele hier ein Wort gesagt. Ich will Euch mehr davon schreiben, sobald ich kann. Am Morgen nach Eurer Abreise ging ich ins Schloß und gab den Schlüssel der Lady, welche in großer Angst war, da sich Sir Henry so lange nicht hatte sehen lassen. Sie wollten mich festhalten, nachdem sie ihn im Keller bei dem toten Manne gefunden hatten, aber nach zwei Stunden hieß man mich gehen und reinen Mund halten. Als die Rosse zurückgekommen waren, erfuhr man bald hernach, daß Sir Henry sich umgebracht habe. Ich ging ins Schloß, aber M'Dermott hatte Befehl gegeben, keinen Menschen unter irgend einem Vorwande einzulassen.

Eure
Kathlin M'Shane.«

»Das sind Neuigkeiten!« sagte ich, ihm den Brief zurückgebend. »Mein Drohbrief muß die Ursache gewesen sein, die ihn zu dieser wahnsinnigen That getrieben hat.«

»Sehr wahrscheinlich« versetzte Timothy. »Übrigens war es das Beste, was der Schurke thun konnte.«

»Bei alledem war der Brief nicht in dieser Absicht geschrieben. Ich wollte ihn einschüchtern und der kleinen Flita zu ihrem Rechte verhelfen. Armes Kind! – wie freu' ich mich, sie wieder zu sehen.«

*

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