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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Siebenundvierzigstes Kapitel

In der Not erkennt man den Freund. Das Spiel ändert sich und wird tragisch.

————

War es möglich, daß Melchior mir die Wahrheit gesagt? Eine augenblickliche Überlegung sagte nur, alles sei falsch, er selbst sei Henry De Clare. Ich war in seiner Gewalt, und was mochten die Folgen davon sein? Er konnte mich gefangen halten, aber mich zu ermorden, das durfte er nicht wagen. Nicht wagen? Der Mut entsank mir, als ich bedachte, wo ich war, und wie leicht es seinen Gesinnungen sein würde, mich aus dem Wege zu räumen, ohne daß irgend jemand mein Schicksal auch nur ahnen konnte. Ich zündete eine Kerze an, um bei meinem Erwachen nicht in Finsternis zu sein, und erschöpft an Leib und Seele, lag ich bald in tiefem Schlafe. Dieser muß wohl eine gute Zeit gedauert haben, denn als ich erwachte, fand ich mich im Dunkeln – das Licht war ausgebrannt. Ich tastete nach dem Korbe, untersuchte seinen Inhalt mit den Händen und fand ein Feuerzeug. Nun schlug ich Licht, und da ich mich schwach und hungrig fühlte, so erquickte ich mich mit den Speisen im Korbe, die, wie auch der Wein, vortrefflich waren. Ich hatte die Überbleibsel wieder hingestellt, als der Schlüssel in der Thüre klirrte und Melchior zu mir eintrat.

»Wie befinden Sie sich heute, Japhet?«

»Heute?« erwiderte ich; »für mich giebt's kein Heute und kein Gestern, weder Tag noch Nacht.«

»Es ist Ihre eigene Schuld«, sagte er. »Haben Sie über meine gestrigen Vorschläge nachgedacht?«

»Ja«, erwiderte ich, »und ich will Euch sagen, was ich einzugehen geneigt bin. Sir Henry soll mir die Freiheit geben, nach England hinüberkommen, und seine Verwandtschaft mit Flita beweisen; dann will ich sie ausliefern. Was kann er mehr verlangen?«

»Dazu wird er sich schwerlich verstehen«, entgegnete Melchior; »denn wenn er einmal in England ist, so werden Sie einen Verhaftsbefehl gegen ihn auswirken.«

»Nein, Melchior, auf meine Ehre, das soll nicht geschehen.«

»Er wird Ihnen nicht trauen.«

»Dann muß er von sich selbst auf andere schließen.«

»Haben Sie keine andern Bedingungen anzubieten?« fragte Melchior.«

»Keine.«

»Dann will ich Ihre Botschaft ausrichten und Ihnen morgen Antwort bringen.«

Hierauf stellte er einen andern Korb vor mich hin, nahm den ersten mit sich fort und kam für diesen Tag nicht wieder. Ich hatte nun meine Kräfte wieder erlangt, so daß ich auf entschiedene Maßregeln denken konnte. Doch wußte ich noch nicht, was ich thun sollte. Ich besann mich die ganze Nacht. Am andern Morgen, das heißt, als es mir Morgen schien, griff ich den Korb an. Ob nun die Langeweile oder die Schwäche mich dazu veranlaßte, weiß ich nicht zu sagen, aber ich trank zu viel Wein und war, als Melchior die Thüre wieder öffnete, zu jedem Wagestück bereit.

»Sir Henry will Ihre Bedingungen nicht annehmen«, sagte dieser. »Ich konnte mir's denken; es thut mir leid, sehr leid.«

»Melchior!« rief ich aufspringend, »nicht länger diese Zweizüngigkeit! Ich bin nicht ganz so unwissend, wie Sie meinen, ich weiß, wer Flita ist, und wer Sie sind.«

»Wahrhaftig?« versetzte Melchior; »wollen Sie sich deutlicher erklären?«

»Das will ich. Sie, Melchior, sind Sir Henry De Clare. Sie gelangten in den Besitz Ihrer Herrschaft durch den Tod Ihres Bruders, der auf der Jagd das Leben verlor.«

Melchior schien bestürzt. »Ei, gehen Sie mir doch«, erwiderte er, »Sie machen einen Gentleman aus mir.«

»Nein, eher einen Schurken.«

»Wie es Ihnen beliebt. Wollen Sie nun auch eine Lady aus Flita machen?«

»Allerdings, denn sie ist Ihre Nichte.«

Er fuhr zurück.

»Ihr Agent, M'Dermott, den Sie nach England geschickt haben, um das Mädchen auszukundschaften, ist in der Postkutsche mit mir zusammengetroffen; er hat mich hierhergelockt und mein Leben in Gefahr gesetzt, indem er mich bei den Leuten für einen Steuereinnehmer ausgab.«

»Das sind sehr wichtige Angaben«, entgegnete Melchior. »Sie werden es etwas schwer finden, daß alles zu beweisen.«

»Nicht im mindesten!« rief ich, erhitzt von Zorn und Wein: »Ich besitze genügende Beweise. Ich habe Flitas Mutter gesehen, und kann die Identität des Kindes durch die Kette darthun, die sie um den Hals trug, als sie von Ihnen gestohlen wurde.«

»Eine Kette?« rief Melchior.

»Ja, die Kette, welche Nattie bei unserer Trennung mir in die Hände gab.«

»Verdammt sei sie!« schrie Melchior.

»Verdammen Sie sie nicht, verdammen Sie sich selbst, wegen Ihrer Niederträchtigkeit und deren Entdeckung. Habe ich genug gesagt, oder soll ich noch mehr mitteilen?«

»Ich wünschte noch mehr zu hören.«

»Nein, ich will nicht, denn ich würde dadurch andere Leute preisgeben, und das soll nicht geschehen«, erwiderte ich, da ich fühlte, daß ich bereits zu viel gesagt hatte.

»Du hast Dich jedenfalls selbst preisgegeben!« donnerte Melchior, »und nun sag' ich Dir, daß Du nicht eher – doch genug davon.« Er brach ab, und lief hinaus. Die Thüre wurde wiederum geschlossen, wiederum war ich allein. Ich hatte Zeit, über meine Unvorsichtigkeit nachzudenken; das Gesicht, mit welchem Melchior mich verlassen hatte, war teuflisch gewesen. Eine innere Stimme gebot mir, mich zum Tode vorzubereiten, und ich hatte nicht unrecht. Den folgenden Tag blieb Melchior aus, so auch den dritten. Meine Vorräte waren aufgezehrt. Ich hatte nichts mehr, als ein wenig Wein und Wasser. Nun kam mir der Gedanke, ich werde Hungers sterben sollen. Gab es kein Mittel zum Entkommen? Nein, ich hatte keine Waffen, keine Art von Werkzeug, nicht einmal ein Messer. Meine Kerzen waren abgebrannt. Endlich fiel mir ein, daß, obgleich ich in einem Keller sei, meine Stimme sich doch vielleicht vernehmlich machen könnte, und ich entschloß mich zu diesem letzten Versuche. Ich ging an die Kellerthüre: »Mord! Mord!« schrie ich mit der ganzen Kraft meiner Lunge, und so schrie ich fort, bis ich ganz erschöpft war. Nach einer Stunde fing ich mein Geschrei wieder an, so daß die Dienerschaft endlich ihren Herrn benachrichtigte, es sei jemand in den unteren Gewölben, den man »Mord!« rufen höre. In dieser Nacht und während des folgenden Tages wiederholte ich mein Geschrei von Zeit zu Zeit. Ich war nun ganz entkräftet; beinahe zwei Tage lang hatte ich keine Nahrung bekommen, mein Wein und Wasser war längst ausgetrunken. Ich setzte mich mit ausgedörrtem Munde und brennendem Hirn auf den Boden, und wollte warten, bis ich so weit wieder bei Stimme wäre, um mein Geschrei zu wiederholen, als ich Schritte in der Nähe vernahm. Der Schlüssel klirrte abermals in der Thüre, ich erblickte ein Licht und mit ihm zwei verlarvte Männer, welche große Schmiedehämmer trugen.

»So ist's denn aus mit mir!« rief ich; »so soll ich denn nicht mehr erfahren, wer mein Vater ist. Heran, Mörder, thut Euer Werk, thut es ohne Säumen!«

Die beiden Männer schritten heran, ohne ein Wort zu sprechen. Der vordere, der die Laterne trug, setzte diese auf den Boden und erhob seinen Hammer mit beiden Händen; da schwang auch der andere hinter ihm seine Waffe – und der vordere fiel tot zu meinen Füßen nieder.

*

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