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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Sechsundvierzigstes Kapitel

Unter dem Boden, aber noch nicht tot und eingescharrt. Die Aussichten nichts weniger als ergötzlich.

————

Als meine Besinnung wiederkehrte, fand ich mich an einem dunkeln Orte, ohne mir denken zu können, wo. Mein Haupt schmerzte mich, mein Gehirn wirbelte. Ich richtete mich einen Augenblick aus, um meine Sinne zu sammeln, aber die Anstrengung war zu groß, und ich fiel in einem Zustande halber Betäubung wieder zurück. Nach und nach kam ich zu mir. Ich richtete mich von neuem auf, fand, daß ich auf einem aus ein paar Bündeln bestehenden Strohlager ruhte, und tappte mit ausgestreckten Händen auf beiden Seiten umher, ohne jedoch etwas zu berühren. Ich öffnete die Augen, die ich wieder geschlossen hatte, und versuchte die Finsternis zu durchdringen: vergebens, alles war schwarz wie der Erebus. Ich trat auf die Füße, streckte die Hände vor mich hin, ging fünf oder sechs Schritte noch einer Seite, bis ich das Stroh hinter mir hatte und einer Wand begegnete. Dieser folgte ich etwa zwanzig Fuß entlang, dann fühlte ich Holz; ich griff umher, und fand, daß es eine Thüre war. Nun tastete ich mich an den Wänden herum, bis ich endlich entdeckte, daß die andere Seite mit leeren Weinfässern verbaut war; so kam ich endlich wieder zu meinem Strohlager zurück. Ich war in einem verlassenen Keller, aber wo? Wiederum warf ich mich auf mein Lager hin, und es läßt sich leicht denken, daß meine Betrachtungen alles andere eher als vergnüglich waren. Befand ich mich in M'Dermotts oder Melchiors Gewalt? Eines von beiden mußte der Fall sein, aber mein zerschlagener Kopf konnte das Nachdenken nicht ertragen, und nach einer halben Stunde überließ ich mich einem dumpfen, halb träumenden, halb betäubten Brüten, in welchem M'Dermotts, Kathlins, Melchiors und Flitas Gestalten nacheinander an mir vorüberzogen. Wie lange ich in dieser zweiten Bewußtlosigkeit geblieben bin, weiß ich nicht zu sagen; ich erwachte vom Schimmer einer brennenden Kerze, der mir in die Augen fiel. Ich fuhr auf und erblickte Melchior in seiner Zigeunertracht; er stand vor mir, als ob er eben erst Abschied von mir genommen hätte.

»Euch also!« rief ich, »bin ich für diese Behandlung verpflichtet?«

»Nein, mir nicht«, erwiderte Melchior; »ich habe hier nicht zu befehlen. Ich erkannte Sie aber, als Sie bewußtlos hierhergebracht wurden, und da ich in dem Schlosse angestellt bin, so habe ich das Amt Ihres Kerkermeisters übernommen, um Ihnen wo möglich von Nutzen zu sein.«

Ich merkte wohl, daß dies erlogen war, aber ein kurzes Nachdenken sagte mir, es sei für jetzt besser, an mich zu halten. »Wem gehört dieses Schloß, Melchior?«

»Sir Henry De Clare.«

»Und was hat er für einen Grund, mich so zu behandeln?«

»Das kann ich Ihnen sagen, weil ich selbst bei der Angelegenheit beteiligt bin. Sie erinnern sich der kleinen Flita, welche mit Ihnen das Zigeunerlager verließ. Sie lebt jetzt irgendwo unter Ihrer Obhut?«

»Allerdings, aber dafür bin ich Euch allein verantwortlich.«

»Ja wohl, aber ich bin es gegenüber Sir Henry. Da ich ihm nichts weiter von ihr berichten konnte, als daß sie wohl sei, so war er damit nicht zufrieden, denn Familienrücksichten machen es ihm besonders wünschenswert, sie wieder bei sich zu haben. Auch wird es sehr zu ihrem Vorteil dienen. Höchst wahrscheinlich wird sie sogar, da er genügende Beweise von ihrer nahen Verwandtschaft mit ihm erlangt hat, seine Erbin werden.«

»Alles gut und recht, Melchior, aber warum hat mir Sir Henry De Clare nicht in dieser Absicht geschrieben, mir seine Wünsche, seine Ansprüche auf eine so nahe Verwandte auseinandergesetzt? Warum behandelt er mich auf diese Weise? Noch eine Frage: Wie ging es zu, daß er mich als denjenigen erkannte, welcher das Mädchen unter seiner Obhut hat? Beantwortet mir diese Fragen, Melchior, und dann bin ich bereit, über die Sache zu reden.«

»Ich will die letzte Frage zuerst beantworten. Ihren Namen wußte er von mir; dann fügte es der Zufall, daß ein Freund von ihm auf Ihrer Reise nach Irland im Postwagen mit Ihnen zusammentraf. Derselbe sah Sie später auch im Posthause und gab eine nähere Beschreibung von Ihnen. Sir Henry, ein gewaltthätiger Mann, der hier fast königliche Macht besitzt, war alsbald entschlossen, Sie festzuhalten, bis Sie ihm das Kind ausliefern würden. Sie erinnern sich, daß Sie seinem Agenten, dem Manne, dessen Adresse ich Ihnen gab, ihren Aufenthaltsort zu nennen verweigert haben. Dies beunruhigte ihn, und er nahm das Gesetz in seine eigenen Hände.«

»Das soll er noch büßen«, erwiderte ich, »wenn ein Gesetz in diesem Lande ist.«

»Das ist freilich in England, aber sehr wenig bei uns der Fall; wenigstens giebt es keines, um das sich Sir Henry viel zu bekümmern hätte. Kein Beamter würde sich auf fünf Meilen in die Nähe seines Schlosses wagen, weil er überzeugt sein dürfte, es könnte ihn sein Leben kosten; Sir Henry aber entfernt sich das ganze Jahr nicht von hier. Sie sind in seiner Macht. Alles, was er von Ihnen verlangt, ist eine Angabe über den Aufenthalt des Kindes und eine Vollmacht zu dessen Auslieferung. Wenn Sie ihm zu Willen sind, so wird er Sie ganz gewiß genügend wegen dieser rauhen Behandlung entschädigen und Ihnen nachher beständig ein treuer Freund bleiben.«

»Das erfordert Überlegung«, erwiderte ich, »für den Augenblick erlaubt mir mein Zustand nicht, weiter zu reden.«

Er setzte die Kerze auf den Boden, ging hinaus und schloß hinter sich zu. Meine Blicke zeigten mir, daß ich richtig vermutet hatte: ich befand mich in einem Keller, welcher offenbar schon längst nicht mehr gebraucht worden war. Melchior trat wieder ein, gefolgt von einem alten Weibe, daß einen Korb und ein Geschirr mit Wasser trug. Sie wusch das Blut von meinem Haupte, strich eine Salbe darauf und verband die Wunde; dann ging sie fort, nachdem sie den Korb zurückgelassen hatte.

»In diesem Korb ist etwas zu essen und zu trinken für Sie«, sagte Melchior; »aber ich denke, Sie werden mit mir einverstanden sein, Japhet, daß es besser wäre, Sir Henrys Wünschen nachzugeben, als in diesem abscheulichen Loche zu bleiben.«

»Sehr einleuchtend, Melchior, aber erlaubt mir noch eine Frage oder zwei. Wie kamt Ihr hierher? Wo ist Nattie, und wie ging es zu, daß ich Euch seit unserem Abschiede so heruntergekommen finde, um einem Manne, wie Sir Henry de Clare, dienen zu müssen?«

»Das ist mit wenigen Worten gesagt«, erwiderte er. »In meiner Jugend war ich wild und bin, die Wahrheit zu sagen, in der Gewalt dieses Mannes, ja, um es ganz ehrlich zu gestehen, mein Leben sogar ist in seiner Gewalt. Er befahl mir zu kommen, ich durfte ihm nicht ungehorsam sein – und nun hält er mich hier zurück.«

»Aber Nattie?«

»Ist ganz wohl und befindet sich bei mir, fühlt sich übrigens nicht sehr glücklich in ihrer gegenwärtigen Lage; aber er ist ein gefährlicher, gewaltthätiger, unversöhnlicher Mann, dem ich nicht wagen darf, den Gehorsam zu verweigern. Ich rate Ihnen als Freund, ihm zu Willen zu sein.«

»Das erfordert einige Überlegung«, entgegnete ich, »und ich bin keiner von denen, welche sich übereilen. Meine Gesinnungen gegen Sir Henry sind nach einer solchen Behandlung nicht eben die freundschaftlichsten; überdies, wie soll ich erfahren, daß Flita seine Verwandte ist?«

»Nun, Japhet, mehr kann ich nicht sagen. Ich wünschte nur, Sie wären ihm aus den Händen.«

»Wenn das der Fall ist, so habt Ihr ja die Macht, mir zu helfen.«

»Ich wage es nicht.«

»Dann seid Ihr nicht mehr der Melchior, der Ihr früher wart.

»Wir müssen uns dem Verhängnis unterwerfen. Ich darf nicht länger weilen. Was Sie bedürfen, werden Sie in diesem Korbe finden; auch noch mehr Lichter sind da, wenn Sie nicht gern im Dunkeln bleiben. Ich glaube nicht, daß ich vor morgen Erlaubnis erhalten werde, wieder zu Ihnen zu kommen.«

Er ging hinaus, schloß die Thüre hinter sich zu und ich war meinen Betrachtungen überlassen.

*

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