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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Fünfundvierzigstes Kapitel

Das Ansehen der Schürze siegt. Ich entkomme, stecke aber meinen Kopf in des Löwen Rachen.

————

Es war keine Zeit zu Entschuldigungen; ich stieg über Kathlin hinweg und begrub mich neben ihr im Bettzeuge. Die Mutter eilte die Treppe hinab und kam zur Thür, als es eben den Angreifern gelungen war, dieselbe zu erbrechen, woraus zwölf bewaffnete Männer mit geschwärzten Gesichtern hereinstürmten.

»Heiliger Gott, was wollt Ihr?« rief die Wirtin.

»Das Blut des Steuererhebers wollen wir!« schrieen die O'Tooles.

»Nicht in meinem Hause, nicht in meinem Hause!« rief die Wirtin. »Nehmt ihn hinweg, versprecht mir auf jeden Fall, daß Ihr ihn wegführen wollt.«

»Das wollen wir, süßer Schatz. Wir wollen ihn Euch aus den Augen und aus den Ohren bringen; zeigt uns nur, wo er ist.«

»Er schläft«, sagte die Wirtin, auf die Thüre des Schlafzimmers deutend, wo ich zuvor gelegen hatte.

Die Leute nahmen ihr das Licht aus der Hand und drangen ins Zimmer, wo sie das Bett leer und die Fenster offen fanden. »Den Teufel, ist hier was von einem Zehntenmann!« schrie einer von ihnen: »das Fenster steht offen, er ist auf und davon. Hurrah, meine Jungen! Er kann nicht weit sein.«

»Bei der Allmacht, das ist justement meine Meinung, Mrs. M'Shane«, versetzte der ältere O'Toole; »ich glaube nicht, daß er gar weit sein wird, also mit Verlaub oder auch ohne Verlaub, wollen wir so frei sein und ein wenig Haussuchung halten.«

»O, ganz willkommen, Mister Jerry O'Toole, wenn Ihr glaubt, ich sei die Frau, die einen Accise-Einnehmer versteckt, so sucht überall, wo's Euch beliebt.«

Der Haufe, geführt von Jerry O'Toole, welcher der Wirtin das Licht aus der Hand genommen hatte, stieg jetzt die Leiter zu dem oberen Gelaß herauf und ich fühlte, wie das Mädchen neben mir zitterte. Nachdem sie jede Ecke und jede Ritze untersucht hatten, kamen sie zu Mrs. M'Shanes Zimmer. »O, nur zu, nur zu, Mr. O'Toole! Es ist wohl ein glaublich Ding, mich zu verreden, daß ich einen Steuer-Erheber in meinem Bette habe. Sucht doch, ich bitte Euch!« – Und Mrs. M'Shane führte sie in ihr Zimmer.

Nun war alles durchsucht, bis aus das kleine Schlafkämmerchen des Mädchen. Der Haufe hielt vor der Thüre. »Wir müssen suchen«, sagte die mürrische Stimme O'Tooles.

»Bei meiner Tochter suchen!« rief Mrs. M'Shane; »recht so, thut's, wenn Ihr wollt; Ihr könnt eine feine Geschichte davon erzählen, wie sechs große Männer ein armes Mädchen aus dem Bette rissen, um nach einem Accise-Einnehmer zu suchen. Es wird Euch allen viel Kredit machen, und Du, Corny O'Toole, Du wirst hoch bei ihr in Gnaden stehen. Komm' nur bald, um nach dem Hochzeitstag zu fragen, wenn es heißen wird, daß die, welche Dein Weib werden soll, von einem Dutzend Burschen aus dem Bett gezogen worden ist. Was willst Du denn zu Kathlin sagen, wenn Du dem Mädchen den Schimpf angethan hast, einen Mann bei ihr im Bette zu suchen? Glaubst Du denn, Du werdest jemals der Mutter Einwilligung oder Segen bekommen?«

»Niemand geht in Kathlins Zimmer!« rief Corny O'Toole, gereizt durch Mrs. M'Shanes Spöttereien.

»Ei ja, Corny,« versetzte diese, »es paßt nicht für eine Frau, wie ich, verdächtig zu sein, auf keinen Fall! Drum sollst Du, aber Du allein, in die Kammer gehen – wenn Euch das zufriedenstellt, Mr. Jerry O'Toole.«

»Ja«, sagte O'Toole, und Frau M'Shane öffnete die Thüre. Kathlin erhob sich, auf den Ellbogen gestützt, zog das Betttuch bis an den Hals hinauf und rief, die Leute unter der Thüre anblickend: »O Corny, Corny, mir das?«

Corny dachte nicht daran, nach irgend jemand anderem zu sehen; seine Augen hingen an seinem Liebchen. »Mord und Tod, Kathlin!« rief er: »ist es meine Schuld? Jerry will's ja haben.«

»Bist Du jetzt zufrieden, Corny?« fragte Frau M'Shane.

»Als ob ich nicht schon vorher gewußt hätte, daß Kathlin keinen bei sich im Bette hat.«

»Nun denn, gut' Nacht, Corny; morgen will ich mit Dir sprechen«, sagte Kathlin.

Frau M'Shane ging zur Kammer hinaus, in der Erwartung, Corny werde ihr folgen; aber er konnte sich nicht bezwingen, sondern kam zu dem Bette. Aus Furcht, daß er, wenn er seine Arme um sie schlänge, mich an ihrer Seite fühlen müßte, erhob sich Kathlin und duldete seine Umarmung. Zum größten Glücke war kein Licht in der Kammer, sonst wäre ich verraten worden, da sie durch diese Bewegung mit die Decke von Kopf und Schultern warf. Dann drängte sie ihren Liebsten weg, und er verließ das Zimmer, dessen Thüre er schloß. Der Haufe stieg die Leiter hinab. Sobald Kathlin vernahm, daß alle unten waren, sprang sie aus dem Bette und lief in ihrer Mutter Kammer. Bald hernach hörte ich den Haufen abziehen. Frau M'Shane verwahrte die Thüre und kam die Treppe herauf. Sie ging zuerst in ihre eigene Kammer, wo das arme Mädchen vor Scham und Aufregung bitterlich weinte. Als sie bei mir eintrat, um ihrer Tochter Kleider zu holen, fand sie mich aufgestanden. Nach fünf Minuten kehrten sie beide zurück. Ich saß neben dem Bette; die arme Kathlin erglühte, als unsere Blicke sich begegneten.

»Kathlin«, sagte ich, »Du hast mir höchst wahrscheinlich das Leben gerettet; ich bin nicht imstande, Dir meinen Dank mit Worten auszudrücken. Nur schmerzt es mich, daß Deine Sittsamkeit auf eine so harte Probe gestellt worden ist.«

»Wenn Corny das erführe!« erwiderte Kathlin von neuem schluchzend. »Wie konnte ich so etwas thun!«

»Deine Mutter hat es Dir befohlen«, versetzte Frau M'Shane, »und das ist genug.«

»Aber was müßt Ihr von mir denken, Herr?« rief Kathlin.

»Nicht anderes, als daß Du höchst edelmütig gehandelt hast. Du hast einen unschuldigen Menschen gerettet auf die Gefahr hin, Deinen Ruf und Deinen Liebsten zu verlieren. Ich will jetzt nicht von Dank sprechen; ich kann ihn jetzt nicht beweisen.«

»O versprecht mir bei allem, was heilig ist, daß Ihr es nicht weiter sagen wollt. Gewiß werdet Ihr ein Mädchen nicht verderben wollen, das Euch einen Dienst zu leisten suchte.«

»Ich verspreche Dir's und hoffe, Dir noch weit mehr zu halten als das. – Aber was ist jetzt zu thun, Mrs. M'Shane? Dableiben kann ich nicht.«

»Nein, Ihr müßt fort und das bald. Wartet noch ungefähr zehn Minuten, dann werden sie ihr Suchen sein lassen und nach Hause gehen. Die Straße nach E... (die Station, von welcher ich hergekommen war) ist die beste, die Ihr einschlagen könnt. Ihr müßt aber wandern, so schnell es Euch möglich ist, denn hier herum findet Ihr keine Sicherheit.«

»Ich bin überzeugt, daß dieser Schurke M'Dermott nicht von mir ablassen wird, bis er mich aus dem Wege geräumt hat.« – Ich zog meine Börse, in welcher ich beinahe noch zwanzig Guineen hatte. »Mrs. M'Shane«, sagte ich, zehn davon nehmend, »ich muß meinen Mantelsack in Eurer Obhut lassen. Ihr mögt mir ihn bei Gelegenheit senden, wenn Ihr hört, daß ich in Sicherheit bin. Sollte ich nicht so glücklich sein, so will ich das Geld lieber in Euren, als in meiner Mörder Händen wissen. Gott segne Dich, Kathlin, Du bist ein treffliches Mädchen, und Corny O'Toole wird ein glücklicher Mann, wenn er Deinen Wert zu schätzen versteht.«

Ich sagte ihr Lebewohl, und sie ließ sich ohne Sträuben von mir küssen, aber die Thränen rollten über ihre Wangen herab, als ich mit der Mutter aus dem Zimmer ging. Frau M'Shane leuchtete vorsichtig zum Fenster hinaus, um zu sehen, ob irgend jemand in der Nähe sei. Beruhigt öffnete sie dann die Thüre, rief den Segen der Heiligen auf mein Haupt herab, drückte mir die Hand und ich verließ das Haus.

Es war eine finstere, bewölkte Nacht. Ich mußte bei den ersten Schritten vor mich hintasten, denn ich konnte nichts unterscheiden. In jeder Hand eine geladene Pistole, schritt ich vorwärts und gewann, wie ich glaubte, die Heerstraße nach E..., aber ich hatte mich getäuscht, denn verwirrt durch die dichte Finsternis und die vielen Ecken, geriet ich auf den entgegengesetzten Weg, der nach Mount-Castle führte. Sobald ich die Häuser und Umzäunungen hinter mir hatte, wurde es etwas heller, und ich konnte die Straße unterscheiden. Ich war etwa vier oder fünf Meilen zugeschritten, als ich Hufschlage hörte, und bald darauf zwei Reiter an meiner Seite fand. Ich fragte sie, ob dies der Weg nach E... sei. Eine Pause folgte, dann hörte ich sie flüstern. »Immer zu!« rief endlich eine tiefe Stimme. Ich setzte meine Straße fort, sehr froh, daß ich mich nicht geirrt hatte, und in Gedanken mich wundernd, was wohl zwei Männer in solcher Stunde zu schaffen haben könnten. Zehn Minuten nachher glaubte ich wiederum Hufschläge zu hören. Nun kam es mir vor, es müßten Straßenräuber sein, welche zurückkehrten, um mich zu plündern. Ich setzte meine Pistolen instand, entschlossen, mein Leben so teuer als möglich zu verkaufen, und erwartete ihre Ankunft mit großer Spannung. Sie schienen sich aber, da der Schall nicht näher kam, immer in gleicher Entfernung zu halten. Nach einer halben Stunde teilte sich der Weg. Ungewiß, wohin ich mich wenden sollte, hielt ich an und lauschte. Die Hufschläge waren nicht mehr zu vernehmen. Ich sah mich um, ob ich nicht irgend einen Gegenstand zu erkennen und mich darnach zu richten vermöchte, aber es war unmöglich. Ich wählte den Weg zur Linken und verfolgte ihn, bis ich an einen Bach kam, welcher, quer hindurchfließend, mir das Weiterkommen versperrte. Eine Brücke schien nicht in der Nähe zu sein, und es war zu dunkel, um die Schrittsteine wahrzunehmen. Ich mochte den Bach zur Hälfte durchwatet haben, als ich von hinten einen Schlag auf das Haupt empfing, der mich wankend machte. Ich wandte mich um, aber eh' ich meinen Feind erblicken konnte, warf mich ein zweiter Schlag besinnungslos ins Wasser.

*

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