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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Vierundvierzigstes Kapitel

Keine Hoffnung, den nächsten Morgen lebendig aufzustehen! Ich ergreife das letzte Rettungsmittel und – gehe zu Bette.

————

Kathlin kam herein, um das Feuer anzumachen. Sie warf mir im Vorübergehen einen trübseligen Blick zu und beschäftigte sich eifrig, den Torf anzublasen. Sie war ein sehr hübsches, schwarzäugiges, gut gebautes Mädchen, von etwa neunzehn Jahren. »Wie ist Dein Name?« fragte ich.

»Kathlin, zu Euren Diensten, Herr.«

»Höre mich an, Kathlin«, sagte ich mit leiser Stimme; »Du bist ein Weib, und alle Weiber sind gutherzig. Ich habe Deine ganze Unterredung mit der Wirtin angehört; ich habe daraus entnommen, daß M'Dermott mich für einen Zehnteneinnehmer und Advokaten ausgiebt. Ich bin nichts dergleichen; ich bin ein Gentleman und wünsche mit Sir Henry De Clare über eine Angelegenheit zu sprechen, von der er nicht gern hören mag. Um Dir zu zeigen, daß ich die Wahrheit sage, sollst Du wissen, wovon die Rede ist, nämlich von der Tochter seines ältern Bruders, der sein Leben auf der Jagd verlor. Man giebt sie für tot aus; ich aber bin der einzige Zeuge, der das Gegenteil beweisen kann, und deshalb haben Sir Henry und M'Dermott dieses falsche Gerücht von mir verbreitet.«

»So lebt sie also?« fragte Kathlin, die mich verwundert ansah.

»Ja, und der Grund von Sir Henrys Feindseligkeit ist der, daß ich ihm nicht sagen will, wo sie lebt.«

»Aber ich sah ihren Leichnam«, erwiderte das Mädchen mit leiser Stimme, indem sie aufstand und dicht an mich herantrat.

»Sie war es nicht, verlaß Dich darauf«, entgegnete ich, kaum wissend, was ich auf diese Angabe antworten sollte.

»Jedenfalls hatte sie ihre Kleider an, aber sie hatte so lange gelegen, ehe man sie fand, daß wir ihre Gesichtszüge nicht erkennen konnten. O, ich habe die arme Kleine wohl gekannt, denn meine Mutter war ihre Amme. Ich selbst wurde auf dem Schloß erzogen und lebte dort, bis Sir William sein Leben verlor; dann wurden wir alle fortgeschickt.«

»Kathlin, Kathlin!« rief die Wirtin.

»Fordert alles Mögliche, was Euch einfällt, ein Stück nach dem andern«, flüsterte Kathlin, während sie das Zimmer verließ.

»Der Torf will nicht brennen«, sagte sie zu der Wirtin draußen; »und der Gentleman verlangt Whiskey.«

»So geh, Kathlin, und hole andern Torf aus dem Schober; mach' aber geschwind, wir haben noch andere Gäste als den Zehntenmann. Da sind alle O'Tooles hereingekommen und Dein Corny mit ihnen.«

» Mein Corny? Wahrhaftig, das ist er noch nicht.«

Nach einer Weile kam Kathlin zurück mit trockenem Torf und Whiskey. »Wenn Ihr die Wahrheit gesagt habt«, flüsterte sie, »und es kommt mir so vor, denn ganz gewiß seid Ihr kein Irländer und viel zu jung für einen Zehntenmann, der alt werden muß, bis er so ein Schurke wird, – so seid Ihr nicht zum allerbesten dran. Die O'Tooles sind da; es kommt mir vor, sie haben nichts Gutes vor, denn sie stecken alle die Köpfe zusammen, murmeln miteinander und haben ihre Shillelaghs bei sich.«

»Sage mir, Kathlin, war Sir Williams Tochter ein blondhaariges, blauäugiges Mädchen?«

»Ja freilich war sie das«, erwiderte Kathlin; »sie glich einer kleinen Bergfee.«

»Nun besinne Dich, Kathlin, ob das kleine Mädchen oder ihre Mutter eine Kette von roten Korallen und Goldperlen trug.«

»Ja, die Lady trug eine. Diese Kette hatte das Kind um den Hals, da es verloren ging. Als man aber den Leichnam fand, war sie nicht mehr da. Ich kann mich ganz gut daran erinnern, denn meine Mutter sagte, das Kind müsse wegen der Goldperle» ertränkt oder ermordet worden sein.«

»Nun hast Du mir alle Beweise gegeben, die ich wünschte, Kathlin, und ich sage Dir, daß das Mädchen lebt, daß ich die Kette, die mit ihr verloren ging, wieder herschaffen kann, und noch mehr, daß das Kind von Sir Henry selbst entwendet worden ist.«

»Barmherziger Jesu!« flüsterte Kathlin. »Das liebe kleine Kind, um das wir so viel geweint haben!«

»Dies alles habe ich Dir gesagt, Kathlin, um Dir zu beweisen, daß ich nicht das bin, wofür mich M'Dermott ausgiebt, ohne Zweifel in der Absicht, mir diese Nacht den Schädel einschlagen zu lassen.«

»Das werden sie auch ganz gewiß thun«, sagte Kathlin, »wenn Ihr ihnen nicht entkommt.«

»Aber wie soll ich entkommen? Willst Du mir beistehen?« – Mit diesen Worten legte ich zehn Guineen auf den Tisch – »Nimm das, Kathlin; es wird Dir und Corny zu Gute kommen. Nun, willst Du mir beistehen?«

»Ach, Corny ist der erste, der Euch den Schädel einschlägt«, erwiderte Kathlin, »wenn ich ihn nicht aufhalten kann. Ich will gehen und sehen, was zu thun ist.«

Sie wollte gehen, ohne das Gold anzurühren, aber ich hielt sie am Arme zurück, raffte es zusammen, und drückte es ihr in die Hand. »Das schmeckt in keinem Falle nach einem Steuererheber; aber mein Herz thut mir weh, im Kopf dreht sich mir alles, und ich weiß nicht, was ich anfangen soll.« – Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer.

»Gut«, dachte ich, als sie hinaus war; »jedenfalls bin ich gleich auf die rechte Spur gekommen. Kathlin hat mir bestätigt, daß Flita die Tochter des verstorbenen Sir William ist. Wenn ich aus diesen Schlingen entkomme, so soll Melchior zur Rechenschaft gezogen werden.« Vergnügt, über Melchior und Flita im reinen zu sein, überließ ich mich meinen Gedanken und hatte für einen Augenblick meine gefährliche Lage vergessen, als ich durch Kathlins Stimme aufgestört wurde. »Nein, nein, Corny! Keiner von Euch – jetzt nicht – wo die Mutter und ich dabei sind – es darf nicht geschehen. Corny, höre mich: So wie Blut fließt und wir es mit ansehen müssen, so soll Corny O'Toole nicht mehr daran denken, meine Hand zu berühren.« – Nun folgte eine Pause, dann hörte man flüstern, und alles schien wieder ruhig zu werden. Ich öffnete meinen Mantelsack, nahm meine geladenen Pistolen heraus, setzte sie in den Stand und verhielt mich still, fest entschlossen, mein Leben so teuer als möglich zu verkaufen.

Es dauerte länger als eine halbe Stunde, bis Kathlin zurückkehrte; sie war bleich und in großer Aufregung. »Bleibt ruhig und denkt an keinen Widerstand, es ist nutzlos. Ich habe meiner Mutter alles gesagt. Sie glaubt Euch, will ihr Leben wagen, um den Mann zu retten, der ihre Pflegetochter behütet hat; aber haltet Euch ruhig, wir werden sie bald alle aus dem Hause haben. Corny wagt nicht, mir ungehorsam zu sein; er wird auch die anderen bereden.«

Sie ging wieder hinaus und ließ sich fast eine Stunde lang nicht mehr sehen; dann kam sie mit ihrer Mutter zurück. »Kathlin«, sagte diese, »hat mir alles erzählt, junger Herr, und wir wollen thun, was in unsern Kräften steht, aber wir wissen kaum, was wir erdenken sollen. Auf das Schloß zu gehen, wäre eine Tollheit.«

»Freilich«, erwiderte ich, »aber könnt Ihr mir nicht eines von Euren Pferden geben, um den Weg zurückzureiten, den ich gekommen bin?«

»Das war ja unsere Absicht, aber nun seh' ich, daß die O'Tooles alle unsere Pferde aus dem Stall genommen haben, um das zu verhindern; auch ist das Haus umstellt. Sie werden kommen um Mitternacht und uns angreifen, so gewiß, als ich da bin. Wie ich Euch aber verbergen soll, das kann mein armer Kopf nicht zusammen bringen.«

»Wenn Sie kommen«, sagte Kathlin, »so müssen wir sie eben zu bereden suchen, daß er entflohen sei; dann werden sie das Haus nicht länger bewachen, und er findet vielleicht einen Ausweg.«

»Es giebt nur einen Ausweg«, versetzte die Mutter, nahm Kathlin beiseite und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Kathlin errötete bis in die Stirn und gab keine Antwort.

»Wenn's Deine Mutter Dich heißt, Kathlin, so kann's nichts unrechtes sein.«

»Ja, aber wenn Corny –«

»Das wagt er nicht«, sagte die Mutter. »Lösch' das Licht aus, und Ihr, Herr, legt Euch mit Euern Kleidern ins Bett.« – Sie legten mich in eine kleine Bettstatt, die, so schlecht sie war, in jenem Landesteile für sehr ansehnlich galt. »Hier legt Euch nieder und wartet, bis wir Euch rufen.«

Sie nahm das Licht weg und ließ mich allein mit meinen Betrachtungen, die alles andere, nur nicht ergötzlich waren. Ich lag wohl zwei Stunden lang wachend da, als ich Fußtritte, dann ein Gemurmel unter dem Fenster, und kurz darauf einen lauten Schlag an die Thüre vernahm, welche man zu sprengen versuchte. Jeden Augenblick erwartete ich, sie würde der Gewalt nachgeben; da stürzte die Mutter, halb angekleidet, mit einem Licht in der Hand zu mir herein und hieß mich ihr folgen. Ich that es. Ehe wir mein Zimmer verließen, stieß sie das Fenster weit auf. Nun führte sie mich eine Art halb Treppe halb Leiter zu einem kleinen Kämmerchen empor, wo ich Kathlin, halb entkleidet, auf ihrem Bette sitzen sah.

»O Mutter, Mutter!« rief das Mädchen.

»Ich heiße Dich's ja, Kind«, erwiderte die Mutter, gebot mir, zu der Tochter ins Bett zu schlüpfen und mich an der Wandseite zu verbergen.

»Laßt mich doch noch mehr Kleider anziehen, Mutter!«

»Nein, nein, wenn Du das thust, so schöpfen Sie Verdacht und suchen weiter. Deine Mutter befiehlt es Dir.«

Das arme Mädchen glühte vor Scham und Verwirrung.

»Nein«, sagte ich, »wenn Kathlin es nicht haben will, so mag ich meine Rettung nicht auf Kosten Ihrer Gefühle erkaufen.«

»Ja, ja«, rief Kathlin, »ich will mir nichts daraus machen; was Ihr da gesagt habt, ist mir genug. Kommt herein, geschwind!«

*

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