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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Dreiundvierzigstes Kapitel

Nicht genug mit meinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, muß ich meine Hände auch noch in fremden haben und setze sofort Hand und Fuß in Bewegung.

————

Hierauf erklärte er mir in seiner eigentümlichen Weise, daß er als Testamentsvollstrecker die Papiere in Verwahrung behalten müsse, machte mich auf die Unwahrscheinlichkeit aufmerksam, daß sie irgend einen Aufschluß über meine Geburt enthielten, daß es ja nur eine Vermutung sei, daß ein De Benyon im Findelhause nach mir gefragt habe, – und zerstörte, mit einem Worte, alle die Hoffnungen, die mich so geraume Zeit aufrecht erhalten hatten. Ich warf mich, als er ausgeredet, in Verzweiflung auf das Sopha und wünschte, nie geboren zu sein. Immer wieder erhob sich die Hoffnung: ich hätte alle meine Habe darum gegeben, die Siegel dieses Pakets erbrechen und den Inhalt lesen zu dürfen. Einen Augenblick war ich so unsinnig, mich zu fragen, ob ich nicht Herrn Kophagus die Papiere mit Gewalt entreißen und damit fortrennen solle. Zuletzt stand ich auf und begnügte mich, die Briefe, die ich beiseite gelegt hatte, zu lesen, aber sie enthielten nichts, als unbedeutende Mitteilungen zweier junger Frauenzimmer, welche für die Schreiberinnen selbst unterhaltend gewesen sein mochten, aber einem dritten völlig gleichgültig waren.

Nachdem wir unsere Beschäftigung beendigt hatten, packte Herr Kophagus die sämtlichen Papiere zusammen, legte sie in eine Schachtel und fuhr mit mir in das Hotel zurück. Den andern Tag war er mit allen seinen Geschäften fertig. Am dritten entschloß er sich, nach England zurückzukehren. Ich begleitete ihn an den Strand und sah dem davonsegelnden Schiffe noch eine ganze Stunde nach, denn es trug eine Sammlung von Dokumenten, in denen meine unbezwingliche Einbildungskraft den Gegenstand meiner eifrigsten Forschungen, das Geheimnis meiner Geburt, enthalten glaubte. Der Schlaf hatte mich am andern Morgen etwas nüchterner gemacht, und ich entschloß mich jetzt, Erkundigungen anzustellen, wo Sir Henry De Clare oder Melchior, der er nach meiner Meinung bestimmt sein mußte, zu finden sei. Ich klingelte dem Kellner, den ich nach ihm fragte. Er gab mir auf der Stelle die gewünschte Antwort, und was noch mehr war, Sir Henrys Adresse, »Mount-Castle, Connemara«, mit der Frage, wann ich dahin aufzubrechen gedenke. Erst später fiel es mir als ein seltsamer Umstand auf, daß er so bekannt mit der Adresse war, sie auf einer Karte besaß, ja, daß er sogar meine Absicht, dahin zu gehen, wußte. Ich nahm die Karte, mit dem Auftrage, mir bis zum andern Morgen in aller Frühe Pferde zu bestellen, dann setzte ich mich und schrieb an Harcourt, den ich von meinen Fortschritten in Kenntnis setzte. Noch ausführlicher berichtete ich Herrn Masterton. Endlich schloß ich Harcourts Brief noch einige Zeilen an Timothy bei, den ich bat, mir seine Erlebnisse bei den Zigeunern mitzuteilen. Nach Tische brachte ich mein Gepäck in Ordnung, zahlte meine Rechnung und ging, nicht eben ungern, zu Bett.

Mit Tagesanbruch weckte mich der Kellner, wie ich befohlen hatte. Ich nahm nur einen ganz kleinen Mantelsack mit, ließ das übrige im Hotel und trat in einer Postchaise meine Reise an. Bald hatte ich die Stadt hinter mir. Auf einer hübschen ebenen Straße hinrollend, warf ich mich in die Ecke meines Wagens zurück mit der Frage, die ich nicht zu unterdrücken vermochte: »was ist denn eigentlich der Zweck dieser Reise?« Der Leser wird längst bemerkt haben, daß ich ganz von augenblicklichen Eingebungen beherrscht war und mir meine Gefühle niemals von der Vernunft oder vom Verstände durchkreuzen ließ. »Was habe ich zu thun?« sagte ich mir; »zu erforschen, ob Sir Henry De Clare nicht Melchior ist, und was dann? Was dann? nun, dann habe ich einen Aufschluß über Flitas Herkunft. Aber ist es wahrscheinlich – wenn, wie du vermutest, Melchior derjenige ist, der Flita aufzufinden und zu entführen versucht – ist es zu glauben, daß du irgend eine Mitteilung von ihm erlangen wirst? Sicherlich ist Flita das angeblich verstorbene Kind seines älteren Bruders, aber was berechtigt mich zu dieser Vermutung? Was konnte Melchior bewegen, seine eigene Nichte zu stehlen? Das vermag ich nicht zu beantworten. Warum gab Nattie mir die Kette? Auch das kann ich mir nicht erklären, denn schwerlich wollte sie ihren Gatten verraten. Auf jeden Fall ist hier ein Rätsel, das man nur lösen kann, wenn man eifrig die Lösung sucht; wenn ich mit Melchior zusammentreffe, so kann ich etwas erfahren, während ich sicherlich durch Stillsitzen nichts erfahre.« – Dieser letzte Gedanke beruhigte mich. Ich blieb Stunden lang in tiefes Sinnen verloren, aus welchem ich nur gestört wurde, wenn ich am Ende einer Station für die Pferde bezahlen mußte.

Es war nun zwölf Uhr vorüber, als ich es nachgerade notwendig fand, auf jeder Post die Chaise zu wechseln. Auch das Land und die Straßen hatten sich allmählich verschlimmert. Die bebauten Gegenden nahmen ab, die Straßen wurden bergig, die Civilisation verschwand. Es begann zu dunkeln, als ich die letzte Station vor Mount-Castle erreichte. Wie gewöhnlich mußte die Chaise wieder gewechselt werden, und es konnte mir nicht entgehen, daß ich mit jedem Wechsel mehr vom Regen in die Traufe kam. Das Geschirr bestand aus Stricken, die Fuhrwerke selbst waren von höchst gebrechlicher Beschaffenheit. Bis jetzt war ich immer noch ganz erträglich gereist, denn ein irischer Postillon versteht ein irisches Pferd in einem hübschen Schritte zu erhalten. Ich stieg aus der Chaise und bestellte augenblicklich eine andere. Darauf erhielt ich keine weitere Antwort als: »Warten Euer Ehren; kommt einen Augenblick herein und ruht ein wenig von Eurer Reise aus.« In der Meinung, ihnen dadurch Zeit zum Fertigwerden zu lassen, begab ich mich in das Zimmer der Herberge, welche nur wenig besser als ein Schuppen aussah, und setzte mich ans Torffeuer zu einigen andern Gästen, die ich kaum vor Rauch zu unterscheiden vermochte. Ich bezahlte Chaise und Postillon. Bald hernach hörte ich diesen seine Rückkehr antreten; ich wartete noch ein wenig und fragte dann, ob die Chaise bereit sei.

»Ist das die Chaise, die Euer Ehren meint?« fragte die Wirtin.

»Ja«, erwiderte ich, »die Chaise nach Mount-Castle.«

»Dann thut es mir leid, daß Euer Ehren ein wenig warten muß, denn unsere Chaise, die einzige, die wir haben, ist im Schloß und kommt nicht eher zurück, als bis der Mond schon lange ausgegangen ist. Womit kann ich Eurer Ehren aufwarten?«

»Nicht zurück vor Mondes Aufgang!« rief ich. »Warum habt Ihr mir das nicht gleich gesagt! dann würde ich mit der andern weiter gefahren sein.«

»Mit der andern, meint Euer Ehren? Ja, wenn Teddy Driscoll seine Pferde einen Schritt weiter als bis zu unserer Thür bringt, so will ich keine Seele zum Seligwerden haben. Ist es Euer Ehren gefällig, sich ins kleine Zimmer zu setzen? Kathlin soll Feuer anmachen.«

So qualvoll mir der Gedanke war, die Nacht an diesem abscheulichen Orte zuzubringen, so konnte ich doch nicht anders. Ich nahm also meinen Mantelsack und folgte der Wirtin in ein kleines Zimmer (wenn es diese Benennung verdiente), welches hinter der Hütte angebaut war, so daß man eine Thür durch die Wand hatte brechen müssen. Eine Decke war nicht vorhanden; es hatte nur gegeneinander gelegte Sparren mit Ziegeln gedeckt. Ich setzte mich auf den einzigen Stuhl, der im Zimmer war, und stützte mich, nicht eben in der besten Laune, mit dem Ellbogen auf den Tisch, als ich das Mädchen sagen hörte: »Warum laßt Ihr ihn denn nicht auf das Schloß gehen? Meiner Treu', die Chaise steht ja im Hof und die Pferde im Stall.«

»Es ist ein Befehl dagegen«, erwiderte die Wirtin. »Mr. M'Dermott war diesen gesegneten Tag hier, und wer kann ihm widersprechen?«

»Wer ist denn der da drinn?« fragte das Mädchen weiter.

»Ein Advokat mit einer Vollmacht gegen Sir Henry, und außerdem sagen sie, er komme zu Jerry O'Toole, um ihm sein Vieh wegzutreiben wegen des Zehnten.«

»Jedenfalls ist er ein junger Tollkopf«, versetzte das Mädchen, »daß er selber und mutterseelenallein daherkommt.«

»O es dauert nicht bis morgen früh, so werden wir die Soldaten hier haben, um ihm beizustehen.«

»Und weiß es Jerry O'Toole?«

»Ja freilich weiß er das. Ich will nur hoffen, daß kein Mord in dieser gesegneten Nacht bei mir vorfällt. Aber was kann eine arme Witwe thun, wenn M'Dermott den Finger aufhebt? Geh' jetzt und mach' das Feuer an, Kathlin; sieh' auch, ob der arme junge Mann sonst noch etwas haben möchte. Es wär' herzinniglich schade, wenn er nicht etwas zum Trost haben sollte, bevor sein Unglück über ihn hereinbricht.«

Kathlin gab keine Antwort. Das Entsetzen, mit dem ich diese Unterredung angehört, kann man sich leicht vorstellen. Daß man mir einen Hinterhalt gelegt hatte, war augenscheinlich; nur allzugut wußte ich, daß in diesem öden Teile des Landes der Mord eines unbekannten Menschen kaum beachtet werden würde. Daß ich der Rache der Einwohner als Steuererheber und Advokat mit einem Verhaftsbefehl bezeichnet war, das reichte vollkommen hin, sie zu einer Wegräumung aufzuhetzen. Wie ich sie aus ihrem Wahne reißen sollte, das war jetzt die Schwierigkeit.

*

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