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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Zweiundvierzigstes Kapitel

Ich beleidige einen irischen Gentleman, verstehe mich aber zu einer anständigen Genugthuung, welche von ganzem Herzen entgegengenommen wird.

————

Ehe ich aus mein Zimmer ging, erzählte ich Herrn Kophagus, der gerade aus dem Hause seiner verstorbenen Tante kam, den so eben berichteten Austritt.

»Kann nichts dran finden, Japhet – Wildegänsejagd – wer sagte es Ihnen? – mmh – Pleggits Gehilfen – elende Lügner – de Benyon nicht der Name – dummes Zeug und so.«

Bei einigem Nachdenken mußte ich freilich gestehen, daß der Ehrenmann recht habe, daß ich nichts als Schatten verfolge, aber das sagte ich mir nur in gelegentlichen Anfällen der Verzweiflung. Bald erholte ich mich wieder und war so sanguinisch, wie immer. Unentschlossen, was ich thun sollte, und unmutig über die Reden meines alten Freundes, verließ ich das Hotel, und ging nicht in der besten Laune auf die Straße. Beim Hinausgehen sah ich den Agenten M'Dermott mit den Leuten im Schenkzimmer sprechen. Sein Anblick erinnerte mich an etwas, das ich für den Augenblick vergessen hatte, nämlich an die Frage, ob Melchior und Sir Henry de Clare eine und dieselbe Person seien. Auf der Straße bat mich ein Mensch in zerlumpten Kleidern, mit dem Besen in der Hand, um ein Almosen; da ich aber gerade in nicht mildthätiger Laune war, so ging ich an ihm vorüber. Er folgte mir und belästigte mich so sehr, daß ich ihm zuletzt einen leichten Schlag mit dem Stock gab, wobei ich ihm zurief: »Fort, Hallunke!«

»Ah, sehr gut. Fort! ist das Ihre Meinung? Bei dem Blute der O'Rourke's, das sollen Sie mir verantworten auf eine oder die andere Art!«

Ich ging weiter, durchwandelte einige Straßen von Dublin und kehrte dann ins Hotel zurück. Wenige Minnten nachher meldete der Kellner, daß ein Mr. O'Donaghan mich zu sprechen wünsche. – »Ich habe nicht die Ehre, ihn zu kennen«, erwiderte ich, »aber Ihr mögt ihn einlassen.«

Mr. O'Donaghan erschien, ein langer, bärtiger Mensch in einem schäbig-gentilen Anzüge, der offenbar nicht für ihn gemacht war, mit weißen baumwollenen Handschuhen und einem kleinen Stöckchen. »Ich glaube, ich habe die Ehre, mit dem Herrn zu sprechen, der vor zwei Stunden über die Straße gegangen ist?«

»Auf mein Wort, Sir, das ist eine so unbestimmte Bezeichnung, daß ich kaum zu sagen weiß, ob ich der Mann bin oder nicht, und da ich nicht das Vergnügen habe, irgend jemanden hier in Dublin zu kennen, so muß ich ein Mißverständnis vermuten.«

»Den Teifel is es ein Mißverständnis, ganz und gar nich! Ah, das is ja das eigentliche Mißverständnis, das Stöckchen, mit dem Sie meinen Freund, Mr. O'Rourke, auf die Schulter bekomplimentiert haben.«

»Ich bin wahrhaftig ganz verwirrt, Sir, und kann Sie nicht verstehen. Darf ich mir eine nähere Erklärung ausbitten?«

»Mit allem erdenklichen Vergnügen, denn alsdann werden wir zu einem richtigen Verständnis kommen. Sie gingen über die Straße, und ein Gentleman, der mein besonderer Freund is und einen Besen blößlich zu seiner Unterhaltung führt, gab sich die Ehre, Sie anzureden, worauf Sie ihm die Ehre erwiesen, ihn diesen Ihren kleinen Stock da ein ganz klein wenig versuchen zu lassen.«

»Wen meinen Sie? reden Sie von dem Gassenkehrer, der so zudringlich gegen mich war?«

»Bei der Allmacht, ja, Sie haben's getroffen, justement, wie Sie ihn getroffen haben. Das ist mein besonderer Freund, Thadäus O'Rourke, Gentleman.«

»Gentleman!« rief ich aus.

»Von so gutem und echtem milesischen Blute als irgend jemand auf der Insel. Wenn Sie meinen, Sir, weil mein Freund zu seiner Unterhaltung es für gut findet, seine schlechtesten Kleider anzuziehen und einen Besen zu führen, bloß um sich Bewegung zu machen, damit er nicht zu stark und üppig wird – wenn Sie meinen, Sie dürfen ihn deshalb schlagen, wie einen Hund, so is das ein Bischen mißverstanden, weiter nich. Hier Sir, is seine Karte. Wollen Sie die Güte haben, mir einen Freund zu nennen, mit welchem ich etwelche kleine Vorbereitungen zum Rencontre der beiden Gentlemen treffen kann?«

Ich konnte mich kaum des Lachens über diesen irischen Gentleman und seinen Freund enthalten, aber ich fand es geraten, keine Miene zu ändern. »Mein werter Sir«, erwiderte ich, »es thut mir sehr leid, einen solchen Irrtum begangen und die Gentilität Ihres Freundes nicht wahrgenommen zu haben. Wäre ich nicht so zerstreut gewesen, so würde ich ihn natürlich ersucht haben, mir die Ehre zu erweisen und einen Shilling statt einer Beleidigung von mir anzunehmen. Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät dazu.«

»Bei der Allmacht, ich bin keiner von jenen Eisenfressern, die immer bloße Schwerter sehen wollen, wenn kein Anlaß nich gegeben is, und da Sie sich als ein Gentleman benommen haben, so wird es das Beste sein, sich die Hände zu geben und alles zu vergessen. Ich denke, wir nehmen das Ganze für ein Mißverständnis. Sie geben den Shilling, wie Sie sich vorgenommen und, was ich beschwören will, nur in der Eile vergessen hatten. Dann haben Sie vielleicht nichts dagegen, noch einen Shilling herzugeben für den kleinen Schlag mit dem Stöckchen, blößlich um den Schimpf abzuwaschen, gerade wie wir unsere Sünden abthun, wenn wir unser Geld herausgabeln und Absolution vom Pater empfangen. Endlich werden Sie es nicht für unbillig halten, wenn ich noch einen weiteren Shilling für meine Zeit und Mühwaltung in Überbringung einer Botschaft zwischen zwei Gentlemen rechne.«

»Im Gegenteil, Mr. O'Donaghan: Ihre Forderungen sind, wie ich finde, ganz in der Ordnung: hier ist das Geld.«

Herr O'Donaghan nahm die drei Shillinge: »Wohlan, Sir, schönen Dank und guten Abend. Mr. O'Rourke soll erfahren, daß Sie Absolution für die ganze Geschichte haben, und daß Sie jedwede Genugthuung anboten, welche ein Gentleman vom andern erwarten kann.« – Dies sagend, stülpte Herr O'Donaghan seinen Hut fest auf den Kopf, zog die Handschuhe an, manövrierte mit dem Stöckchen, verbeugte sich in der gentilsten Haltung und ging ab.

Ich hatte kaum diesen Gentleman entlassen und lachte noch über den närrischen Auftritt, als Freund Kophagus zurückkam. Erst hielt er mit schlauem Blick den Stock an die Nase, legte ihn dann auf den Tisch und rieb sich die Hände. »Gute alte Dame«, sagte er, – »warm – nein – kalt und tobt – aber ein paar Tausend hinterlassen – nur ein einziges Legat – alten Kater – morgen was eingeben – bald sterben und so.«

Bei näherer Auseinandersetzung erfuhr ich, daß die alte Dame neuntausend Pfund in Staatsobligationen und Bankpapieren hinterlassen hatte, welche Summe, mit Ausnahme von zwanzig Pfund Jahresrenten für eine Lieblingskatze, Herrn Kophagus, als einzigem Erben, anheimfiel. Ich wünschte ihm Glück zu diesem Vermögenszuwachs. Er sagte mir, er habe noch für die Vermietung des Hauses und für das Ameublement zu sorgen; dann gebe es nichts mehr zu thun. Er wünsche aber sehr, ich möchte ihm die verschiedenen Schränke und Kästen der alten Dame durchsuchen helfen, welche voll von geheimen Schubfächern seien. In einem einzigen Schrank habe er mehr als fünfzig Pfund in verschiedenen Goldmünzen gefunden, und wenn man nicht aufmerksam suche, so laufe man Gefahr, manche wertvolle Sachen, die in den Möbeln stecken, mit zu verkaufen.

Da mein einziger Zweck in Irland jetzt nur noch Sir Henry De Clare und seine Identificierung betraf – obgleich ich freilich keinen Grund dafür angeben konnte, da ich ja doch nicht wußte, was sich daraus ergeben würde – so war ich von Herzen bereit, Herrn Kophagus einen Tag zu dieser Durchsuchung zu widmen. Am andern Morgen, nach dem Frühstück, gingen wir zusammen nach dem Hause der alten Dame, welche, wie Herr Kophagus mich unterrichtete, Maitland geheißen hatte. Ihr Hausgerät war von der allerältesten Mode. In jedem Zimmer stand ein javanischer Schrank; einige derselben waren sehr hübsch mit Säulen und Silberornamenten verziert. Ich bin nicht imstande, diese Masse von Artikeln aufzuzählen, welche die alte Dame höchst wahrscheinlich ihr ganzes Leben hindurch von der Kindheit bis zu ihrem Todestage aufgestapelt hatte: altertümliche Schmucksachen, worunter einige von bedeutendem Wert, Miniaturgemälde, Fächer, Etuis, Billette, deren Tinte durch die Länge der Zeit rot geworden war, große Briefpakete von den verschiedenen Leuten, mit denen sie seit den Tagen der Hoffnung und der Ahnung bis zu den Tagen bei Einsamkeit und des Alters in Briefwechsel gestanden hatte. Wir sahen einige derselben an, betrachteten sie aber als ein Heiligtum und übergaben sie nach einer flüchtigen Untersuchung den Flammen.

Nachdem wir alle sichtbaren Behältnisse in diesen Schränken durchstöbert hatten, hoben wir sie miteinander auf und schüttelten sie, wodurch wir in den meisten geheime Schubfächer mit allerlei Schätzen entdeckten. Hier fiel mir nun ein Briefpaket von einer Miß De Benyon ins Auge; ich ergriff es sogleich und zeigte die Aufschrift Herrn Kophagus.

»Pah – hat nichts zu sagen – ihre Mutter war eine De Benyon.«

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich diese Briefe ein wenig anzusehen wünschte?«

»Nein – nur gelesen – nichts darin.«

Ich legte sie beiseite, und wir fuhren in unserer Beschäftigung fort, als auf einmal Herr Kophagus ein versiegeltes Paket in der Hand hatte. »He – was das? – abermals De Benyon? – Japhet, hergesehen!«

Ich nahm das Paket; es war versiegelt und mit einem roten Band umwunden. »Papiere, dem Leutnant William De Benyon gehörig und nach meinem Tode zu übergeben. – Alice Maitland. – Sorgfältigst zu bewahren«, stand auf dem Umschlage geschrieben.

»Das ist es, mein teurer Freund«, rief ich, in die Höhe springend und Herrn Kophagus an mich drückend, »das sind die Papiere, die ich haben muß. Darf ich sie behalten?«

»Verrückt – ganz verrückt – muß nach Bedlam – spanisches Hemd – Kopf rasieren und so«, murmelte Herr Kophagus.

*

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