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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Vierzigstes Kapitel

Ich verleugne meinen Herrn und Meister.

————

Obgleich Herr Kophagus über seine eigenen Angelegenheiten sehr mitteilend war, so zeigte er doch keine Neugierde nach fremden, und die Unterhaltung war bald zu Ende. Da die beiden anderen sich ebenfalls alle erwünschten Aufschlüsse gegeben hatten, so fielen wir, wie verabredetermaßen, zu gleicher Zeit in unsere Ecken zurück, um uns dem Schlummer zu überlassen. Ich war der einzige, der ihn vergebens heranbeschwor. Bei Tagesanbruch gab ich endlich meine Träumereien auf, um die Gesichter meiner noch schlafenden Gefährten zu betrachten. Herr Kophagus war der erste, dem ich Aufmerksamkeit widmete. Ich fand ihn ziemlich unverändert, nur war er beträchtlich magerer geworden. Auf dem Kopfe trug er eine weiße Nachtmütze, unter welcher er mit großem Eifer schnarchte. Der Professor der Musik war ein ganz kleines Männchen mit einem Knebelbarte; sein Mund stand weit offen, und er sah aus, als ob er eben eine Bravourarie singen wollte. Der dritte, der sich als Agenten dargestellt, ein schwerfälliger, vollwangiger, plump aussehender Mann, hatte den Hut über die Augen gezogen und den Kopf auf die Brust gesenkt. Ich bemerkte in seiner Hand ein kleines Paket, dessen Schnur er um seinen Zeigefinger gewickelt hatte. Schwerlich würde ich es länger beachtet haben, hätte nicht der Name »T. Iving« in einer Ecke neben der Adresse meine Aufmerksamkeit erregt. Dies war der Name von Melchiors Korrespondenten in London, welcher Tim zu bestechen versucht hatte. Ich blickte näher hin und las die Adresse des Pakets, welche deutlich geschrieben war: »Sir Henry De Clare, Bart., Mount-Castle, Connemara.« Augenblicklich schrieb ich die Adresse in meine Brieftasche. Ich hatte freilich keinen Grund dazu, aber ich meinte, nichts versäumen zu dürfen, da ich nicht wissen konnte, wozu dies oder jenes gut sein würde. Kaum hatte ich die Brieftasche wieder eingesteckt, als der Mann erwachte. Er fuhr schnell nach dem Paket, sah es an, um sich zu überzeugen, daß er es wirklich noch habe, setzte den Hut auf, ließ das Fenster herab und sah sich dann nach den übrigen Reisegenossen um.

»Ein hübscher Morgen, Sir«, wandte er sich zu mir, als er sah, daß ich der einzig Wachende war.

»Recht sehr hübsch, aber ich wollte lieber in den Bergen von Connemara herumklettern, als in diesem engen, dumpfen Wagen eingeschlossen sein.«

»Ah, Sie kennen also Connemara? Ich reise eben dahin. Vielleicht haben Sie dieselbe Gegend zum Ziel – aber Sie sind kein Irländer.«

»Allerdings bin ich in Irland weder geboren noch erzogen«, erwiderte ich.

»Das wollte ich behaupten. Irisch Blut in Ihren Adern, vermute ich.«

»Ich glaube, das ist der Fall«, gab ich zur Antwort, mit einem Lächeln, das ihm bedeutete, er habe es erraten.

»Kennen Sie Sir Henry De Clare? fuhr er fort.

»Sir Henry De Clare – von Mount-Castle, nicht?«

»Eben den. Meine Reise führt mich zu ihm. Ich bin unter anderem Agent für seine Besitzungen. Ein sehr merkwürdiger Mann. Haben Sie seine Gemahlin schon gesehen?«

»Ich kann's wahrhaftig nicht sagen«, erwiderte ich; »lassen Sie mich nachsinnen.«

Nun hatte ich mir, ich weiß selbst nicht wie, in den Kopf gesetzt, dieser Sir Henry De Clare müsse mit Melchior eine und dieselbe Person sein, denn nichts war meiner Einbildungskraft zu abgeschmackt und unwahrscheinlich. Diese Vermutung suchte ich mir zu bestätigen. »Ich glaube mich ihrer zu erinnern«, sagte ich, »sie ist eine sehr große schöne Frau, hat schwarze Augen und dunkle Gesichtsfarbe.«

»Getroffen!« erwiderte er.

Mein Herz schlug hoch bei dieser Entdeckung. Zwar gab sie keinen Schlüssel für mein Geheimnis ab, aber dennoch mußte sie, da sie mit Flitas Wohlergehen verknüpft war, ein Gegenstand meiner sorgfältigsten Aufmerksamkeit sein.

»Wenn ich mich recht erinnere«, bemerkte ich, »so bietet Sir Henrys Lebensgeschichte einige merkwürdige Züge dar.«

»Nicht sonderlich«, erwiderte der Agent, indem er aus dem Fenster sah.

»Ich glaubte, er sei einige Zeit unsichtbar gewesen.«

»Unsichtbar! Das heißt, er lebte nicht in Irland, weil er mit seinem Bruder Streit gehabt hatte. Er hielt sich bis zu dessen Tod in England auf.«

»Wie starb sein Bruder, Sir?«

»Er starb durch einen Sturz auf der Jagd«, versetzte der Agent. »Bei dem Versuch, über eine Steinmauer zu setzen, fiel das Pferd mit ihm rücklings, überschlug sich und verletzte ihm das Rückgrat. Ich war auf dem Platze, als sich das Unglück ereignete.«

Ich erinnerte mich jener halbverstandenen Worte Flitas, welche den Zigeuner von einem Todesfall und von einem Pferde hatte reden hören. Diese bewiesen mir, daß ich Melchiors Spur gefunden. »Sir Henry hat, wenn ich mich recht erinnere, keine Familie«, bemerkte ich.

»Nein, und leider ist wenig Aussicht vorhanden.«

»Hatte der verstorbene Baronet, sein älterer Bruder, keine?«

»Sir William? Nein, sonst würde Sir Henry nicht zu dem Titel gekommen sein.«

»Er könnte ja Töchter gehabt haben«, erwiderte ich.

»Allerdings und nun fällt mir ein, daß er ein Mädchen hatte, das in früher Kindheit starb.«

»Lebt Sir Williams Wittwe noch?«

»Ja. Das ist eine sehr schöne Frau. Aber sie hat Irland seit dem Tode ihres Gemahls verlassen.«

Ich wagte nicht, mehr zu fragen. Unsere Unterredung hatte Herrn Kophagus und den andern Passagier aufgeweckt. Da ich über mein Benehmen im Falle einer Wiedererkennung nachgedacht hatte, so wünschte ich jetzt gleich den Versuch zu machen. »Sie haben ein hübsches Schläfchen gehabt, Sir«, sagte ich, indem ich mich zu ihm wendete.

»Schläfchen? – ja – Kutschenschläfchen – keinen Penny wert – Kopfweh und so. Was tausend – Japhet – Japhet New – ja er ist's.«

»Reden Sie mit mir, Sir?« fragte ich ruhig.

»Mit Ihnen – ja – schlechtes Gedächtnis – alles vergessen – ei, ei – alten Lehrherrn – Apotheke in Smithfield – tollen Stier und so.«

»Wahrhaftig, Sir«, erwiderte ich, »Sie halten mich, scheint es, für eine andere Person.«

Herr Kophagus sah mich aufs schärfste an; da er aber keine Änderung in meinem Gesicht bemerkte, so rief er aus: »Ganz merkwürdig – Nase – Gesicht – Alter – ganz merkwürdig – wie zwei Pillen – bitt' um Verzeihung – Mißverständnis und so.«

Zufrieden, mit Herrn Kophagus fertig geworden zu sein, wandte ich mich um. Da sah ich auf einmal, daß der irische Agent, mit welchem ich mich unterhalten hatte, mich mit großer Aufmerksamkeit betrachtete. Er hatte, wie ich bereits gesagt, harte Gesichtszüge, und sein kleines graues Auge haftete nun auf mir, als ob es mich durchbohren wollte. Ich war einen Augenblick bestürzt, da die Untersuchung von dieser Seite unvermutet kam. Aber ein kurzes Nachdenken sagte mir, daß, wenn Sir Henry De Clare mit Melchior eine Person, und dieser Mann sein Agent sei, er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ohne Grund nach England geschickt worden sein werde, ebenso, daß, wenn er Aufträge wegen Flitas hatte, er meinen Namen und vielleicht einiges von meinen Schicksalen gehört haben müsse. – »Es scheint«, bemerkte ich lächelnd gegen ihn, »daß ich allen möglichen Leuten ähnlich sehe. So wurde ich erst vor ein paar Tagen in Bondstreet als ein Mr. Rawlinson angeredet.«

»Übrigens haben Sie kein gewöhnliches Gesicht«, entgegnete der Agent; »wer es einmal gesehen hat, wird es nicht so leicht vergessen, oder gar mit einem andern verwechseln.«

»Und dennoch scheint es der Fall zu sein«, versetzte ich nachlässig.

Wir hielten jetzt an, um Erfrischungen zu nehmen. Ich war vom Tische aufgestanden und befand mich eben im Gang, als ich bemerkte, daß der Agent den Reisezettel las. Sobald er meiner ansichtig wurde, ging er vor den Gasthof hinaus. Ehe der Kondukteur den Zettel wieder einstecken konnte, verlangte ich denselben zu sehen, weil ich mich überzeugen wollte, ob ich unter meinem Namen eingeschrieben sei. Es war so: die vier Namen lauteten: »Newland, Kophagus, Baltzi, M'Dermott.« Ich war sehr verdrießlich hierüber; M'Dermott, so hieß natürlich der Agent, und das war nun der ganze Aufschluß, den ich für meine eigene Bloßstellung erlangt hatte. So wenig ich jedoch an dieser zweifeln konnte, so fest war ich entschlossen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und knüpfte, als wir wieder einstiegen, von neuem ein Gespräch mit Mr. M'Dermott an, aber ich fand ihn, wenn ich Sir Henry oder dessen Familie erwähnte, sehr zurückhaltend in seinen Antworten, so daß ich keine weitere Kunde von ihm erlangen konnte. Herr Kophagus vermochte die Augen nicht von mir abzuwenden; er starrte mir immer ins Gesicht und fiel dann wieder in seine Ecke zurück: »Sonderbar – ganz sonderbar – muß es sein – nein – sagt, er sei's nicht – mmh und so.« Noch einer halben Stunde wiederholte er seine forschenden Blicke und murmelte wieder bei sich. Zuletzt, gequält von seinen Zweifeln rief er: »Bitt' um Verzeihung– aber – Sie haben einen Namen?«

»Ja«, erwiderte ich, »ich habe einen.«

»Nun denn – Herz gefaßt – wie heißt er?«

»Mein Name, Sir«, versetzte ich, »ist Newland«; denn ich hatte mich entschlossen, meinen Namen zu bekennen und ein neues Verteidigungssystem zu verfolgen.

»Dachte es – kennt mich nicht – Apotheke vergessen – Mr. Brookes – Tim – Rudimente und so.«

»Ich habe nicht das mindeste dagegen, Ihnen meinen Namen zu sagen, aber ich fürchte, Sie haben den Vorteil der Erinnerung auf Ihrer Seite. Wo habe ich die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen?«

»Begegnen – was? ganz vergessen – Smithfield!«

»Bitte, Sir, wo liegt denn dieses Smithfield?«

»Äußerst sonderbar – kann's nicht begreifen – Name – Gesicht – weiß nichts von mir – weiß nichts mehr von Smithfield.«

»Das mag wohl sonderbar sein; da ich aber am Westende Londons wohl bekannt bin, so haben wir uns vielleicht dort getroffen, bei Lord Windermear etwa, bei Lady Maelström« – und ich sagte ihm ein ganzes Dutzend der fashionabelsten Namen her. »Jedenfalls«, fuhr ich fort, »scheint der Vorteil auf Ihrer Seite zu sein, aber ich hoffe, Sie werden mein schlechtes Gedächtnis mit dem ausgedehnten Kreise meiner Bekanntschaften entschuldigen.«

»Sehe schon – völliges Mißverständnis – der Name, aber nicht die Person – bitt' um Verzeihung, Sir – entschuldigen und so«, erwiderte der Apotheker mit einem tiefen Seufzer.

*

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