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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Neununddreißigstes Kapitel

Ich gehe wieder aus die Wildgänsejagd und stoße aus einen alten Freund.

————

Am nächsten Morgen verschaffte mir Timothy einen andern Diener. Abends erschien er, nachdem er mir zuvor hatte melden lassen, es sei ein Mann da, der mich zu sprechen wünsche. Er trug Halbstiefel, gestrickte wollene Strümpfe, enge Lederhosen, eine bunte Jacke und über dies alles einen blauen Kittel. Seinem Gesicht hatte er eine dunkle Olivenfarbe gegeben, so daß Harcourt, der bei seinem Eintritt neben mir am Tische saß, ihn auch nicht im mindesten erkannte. Harcourt wußte um alle meine Geheimnisse, ich hatte ihm auch dieses anvertraut, aber von Tims Absichten weiter nichts gesagt, als daß ich ihm für einige Tage Urlaub gegeben habe; denn ich wünschte mich zu überzeugen, ob man sich auf diese Verkleidung verlassen könne.

»Vielleicht ist es Dir lieb, wenn ich mich ein wenig entferne«, sagte Harcourt, mit einem Blick auf den Fremden.

»Nicht im geringsten, mein lieber Harcourt; ich wüßte nicht warum; es ist ja niemand hier, als Du und Timothy.«

»Timothy? Excellent! auf mein Wort, ich würde ihn nicht erkannt haben.«

»Er geht jetzt auf seine Abenteuer aus.«

»Und wenn es Ihnen gefällig ist, Sir, so will ich keine Zeit verlieren, denn es wird Nacht. Das Nest des Zigeuners hab' ich bereits ausgekundschaftet.«

»Möge das Glück Dich begleiten, Tim; aber sei vorsichtig. Du wirst besser thun, mir zu schreiben, als persönlich zu kommen.«

»Dasselbe dachte ich auch. Und so wünsche ich denn guten Abend.«

Als Timothy das Zimmer verlassen hatte, setzte ich Harcourt meinen Plan auseinander. »Du hast ein sonderbares abenteuerliches Leben, Newland«, sagte er, »beständige Minen und Gegenminen. Ich ahne, daß noch irgend etwas Großes aus Dir werden muß; wozu sollte sonst all dies Rennen und Jagen um Dich dienen?«

»Das gilt für diesmal der kleinen Flita; aus ihr also muß, nach Deiner Art zu schließen, eine große Dame werden.«

»Das kann vielleicht auch geschehen. Ich wünschte wohl, das Mädchen zu sehen, Newland.«

»Für jetzt ist es unmöglich, aus Gründen, die Du kennst; aber zu einer andern Zeit wird es mir großes Vergnügen machen.«

Am zweiten Tag nach Tims Abgang erhielt ich durch die Zweipenny-Post einen Brief von ihm. Er hatte die Bekanntschaft des Zigeuners gemacht, bis jetzt aber nichts weiter aus ihm herausbringen können, da er sich noch nicht getraute, ihm mit Fragen nahe zu rücken. Er schrieb mir ferner, sein neuer Gefährte sei kein Feind vom Gläschen, und er zweifle nicht, daß, wenn er ihm einen Haarbeutel anhängen könnte, er mir in wenigen Tagen etwas Wichtiges mitzuteilen imstande sein würde. Ich befand mich während dieser Zeit in großer Aufregung. Herr Masterton, dem ich alles das erzählte, war höchst verwundert und ergötzt. Ich sollte, bat er mich, ja nicht unterlassen, ihm, sowie etwas an den Tag komme, die erste Nachricht zu geben. Er hatte noch keine Antwort von seinem Agenten in Dublin erhalten.

Nicht weniger als elf Tage mußte ich warten, bis ich wieder eine Mitteilung von Timothy empfing; ich verspürte große Ungeduld, zu welcher noch die Besorgnis kam, es möchte ihm irgend ein Unglück begegnet sein. Dafür lief jetzt aber auch eine sehr wichtige Nachricht ein. Er stand auf dem vertrautesten Fuße mit dem Zigeuner, so daß dieser ihm bereits den Antrag gemacht hatte, er solle ihm ein Mädchen entführen helfen, das in der Erziehungsanstalt in Brentford sei. Bei der Beratung über die nötigen Maßregeln hatte Timothy vorgeschlagen, einen Brief zu schreiben, durch welchen sie in die Stadt einzuladen sei, und den er als Livreebedienter hintragen sollte. Der andere hatte auch seine Pläne: Er wollte mit dem Gesinde Bekanntschaft anknüpfen, um auf diese Weise Zutritt in dem Hause zu erlangen; dann wollte er sich wieder einiger wahrsagenden Zigeunerinnen zu diesem Zwecke bedienen. Bis jetzt war noch nichts entschieden, aber der Bursche schien, wie Timothy schrieb, fest entschlossen, sich des Mädchens zu bemeistern, selbst wenn er zur Gewalt seine Zuflucht nehmen müßte. Auf jeden Fall war Tim eingeladen, sein Helfershelfer zu sein.

Während ich dieses Schreiben las, wünschte ich mir mehr als einmal Glück dazu, daß ich den Menschen auf eine falsche Spur geleitet, und daß Timothy einen so vortrefflichen Einfall gehabt hatte. Dieser schrieb ferner, sie hätten in der letzten Nacht scharf miteinander getrunken, und da hätte sich der Zigeuner nicht bedacht, ihm anzuvertrauen, er sei im Dienst eines sehr reichen Mannes, welcher gut bezahle, und dem man nicht wohl etwas abschlagen dürfe, da er große Macht besitze. Nach einigem Zaudern habe er ihn gefragt, ob ihm bei seinem Stamme jemals der Name Melchior zu Ohren gekommen sei? Darauf habe er erwidert, ja, er habe bei einer Versammlung ihn und seine Frau gesehen. Schon habe er geglaubt, der Zigeuner sei auf dem Sprung, ihm alles zu eröffnen, als dieser auf einmal abgebrochen und von nun an lauter ausweichende Antworten gegeben habe. Auf Timothys Frage, wohin sie das Kind, wenn es in ihre Gewalt sei, bringen würden, habe er erwidert, sie wollten mit ihm über das Wasser gehen. – Dies war der Inhalt des Briefes, der mir große Begierde nach Tims weiteren Nachrichten einflößte.

Am Tage darauf begab ich mich zufällig nach Longs Hotel, um daselbst einen Bekannten zu besuchen. Ich hatte mich nur kurze Zeit bei ihm verweilt und wollte eben das Hotel verlassen, als mir einige Koffer in der untern Halle auffielen, deren Adresse ich mit Überraschung las; sie lautete: »H. De Benyon, Esq., abzugeben in F...t-Hotel, Dublin.« Ich fragte den Aufwärter, welcher dabei stand, ob Mr. De Benyon das Hotel verlassen habe. Der Bursche erwiderte mir, er sei diesen Morgen in seinem eigenen Wagen abgereist, und da er nicht sein ganzes Gepäck habe mitnehmen können, so habe er den Auftrag gegeben, diesen Koffer nachzusenden. Inzwischen hatte ich meine Fassung wieder gewonnen. Ich zog meine Brieftasche heraus und schrieb mir die Adresse auf, indem ich sagte, ich bedaure, Mr. De Benyon nicht gesehen zu haben, wolle ihm aber schreiben.

Wenn ich mich aber vor dem Aufwärter zu fassen vermocht hatte, so klopfte mir das Herz um so heftiger, während ich durch Bondstreet nach Hause eilte. Schon war es fest beschlossen bei mir – auf welche unsichere Folgerungen hin, wird jedermann bemerken –, daß dieser Mr. De Benyon mein Vater sein müsse, oder mir wenigstens Auskunft über ihn geben könne. Hatte nicht auch Herr Masterton in dem Namen eine Spur gefunden, hatte er nicht nach Dublin geschrieben? Die Sache schien meiner aufgeregten Einbildungskraft klar wie der helle Tag, und ehe ich nach Hause kam, hatte ich bereits einen Plan entworfen. Es war etwa vier Uhr. Hastig packte ich meinen Mantelsack zusammen, steckte all' mein bares Geld, etwa sechzig Pfund, zu mir und trug dem Diener auf, mir einen Platz auf der Post nach Holyhead zu bestellen. Nachdem dieses ausgerichtet war, wartete ich bis halb Fünf auf Harcourt, aber er kam nicht nach Hause. Nun schrieb ich ihm ein paar Zeilen:

»Irland ist der Boden meiner ferneren Abenteuer, liebster Harcourt. Besuche Herrn Masterton und sage ihm was ich gethan habe; sicherlich wird er es billigen. Öffne Timothys Briefe und teile mir ihren Inhalt mit. Ich gebe Dir unbedingte Vollmacht, in meinem Namen zu handeln, bis ich wiederkehre. Inzwischen bin ich

herzlich Dein
J. Newland.«

Ich gab dieses Briefchen dem Diener, nahm eine Kutsche nach dem Posthause, und in weniger als fünf Minuten rollte ich ab nach Holyhead, indem ich mir zu meiner raschen Entschlossenheit Glück wünschte, ohne irgend zu bedenken, wohin dieser Schritt mich führen würde.

Es war eine dunkle Novembernacht, in welcher ich meine Fahrt begann. Im Wagen saßen noch drei andere Passagiere, von welchen während der ersten Meilen keiner eine Silbe sprach. In meinen Mantel gehüllt, überließ ich mich meinen gewöhnlichen Träumereien und baute Luftschlösser, eines über das andere. Endlich schneuzte sich einer der Passagiere, als wollte er ein Signal geben, daß er jetzt im Begriffe sei, zu reden; dann fragte er den Herrn, der neben ihm saß, ob er die Abendblätter gelesen habe?

»Nein«, antwortete der andere.

»Es scheint, daß Irland nicht ganz ruhig ist«, fuhr der erste fort.

»Haben Sie die Geschichte von Irland gelesen?« fragte der andere.

»Nicht vollständig.«

»Nun, Sir, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollten, so würden Sie finden, daß Irland seit seiner ersten Bevölkerung nie ruhig gewesen ist, es wohl auch niemals werden wird. Es ist eine Art Vulkan, der immer raucht und glüht oder gar in Feuer und Flammen ausbricht.«

»Sehr richtig, Sir«, versetzte der andere; »ich habe gehört, die White-Boys sollen sich in großer Anzahl zusammenrotten und einige Distrikte ganz unzugänglich machen.«

»Sir, wenn Sie schon viel in Irland gereist wären, so würden Sie gefunden haben, daß manche Distrikte daselbst unzugänglich sind, ohne von den Weißen besetzt zu sein.«

»Sie sind wohl lange in Irland gewesen, Sir«, versetzte der erste.

»Ja, Sir«, sagte der andere mit wichtigem Tone; »ich glaube, ich darf wohl sagen, daß ich einige der bedeutendsten Besitzungen in Irland zu besorgen habe.«

»Advokat – Agent – fünf Prozent und so«, murmelte der Dritte, welcher neben mir saß und bis jetzt stumm gewesen war.

Da konnte kein Zweifel obwalten! Wahrhaftig, es war mein alter Lehrherr, Mr. Kophagus. Ich muß bekennen, daß ich über seine Gegenwart nicht eben sehr erfreut war, da ich für gewiß annehmen konnte, daß er mich bei dem ersten Sonnenstrahl erkennen würde. Das Gespräch dauerte fort, ohne daß jemand etwas über diese Unterbrechung bemerkt hätte. Der Agent war, wie es schien, durch Geschäfte nach London gerufen worden und befand sich jetzt auf dem Rückwege. Der andere war ein Professor der Musik, der auf Spekulation die Reise nach Dublin machte. Was Herrn Kophagus nach dieser Richtung trieb, konnte ich nicht begreifen, aber ich nahm mir vor, ihn auszufragen. Deshalb wandte ich mich, während die beiden andern fortredeten, mit leiser Stimme an ihn: »Können Sie mir sagen, Sir, ob die Anatomie in Dublin einen guten Ruf für den Unterricht angehender Chirurgen hat?«

»Gute Lokalität – jedenfalls alle Hände voll zu thun – zerschlagene Köpfe und so.«

»Sind Sie schon in Irland gewesen, Sir?«

»Irland! – niemals – habe keine Lust – muß! – alte Weiber sterben – Testamentsvollstrecker – Plackerei und so.«

»Ich hoffe, sie hat Ihnen ein schönes Legat vermacht?« versetzte ich.

»Legat – mmh – weiß nicht – silbernen Theekessel – schwarzes Kleid und so. – Weite Reise – rentiert nicht – kann's nicht anders machen – alte Weiber scheren immer, lebendig oder tot – geschwind begraben – zurückkommen und so.«

*

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