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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Drittes Kapitel

Ich verrichte eine Wunderkur nach St. John Long's System, in Ermanglung eines eigenen; beginne mir über das schwierigste aller Probleme den Kopf zu zerbrechen.

————

Dieser erste Erfolg ermutigte uns zu weiteren Versuchen. Da ich aber gelegentlich ein Unheil anzurichten fürchtete, so fragte ich Herrn Brookes, wenn er rezeptierte, nach dem Wesen und den Eigenschaften der verschiedenen Mittel, um die giftigen unterscheiden und vermeiden zu lernen. Mr. Brookes, dem meine beständige Wißbegierde gefiel, gab mir alle Aufschlüsse, die ich mir wünschen konnte, und so erlangte ich nicht nur ein gutes Teil Wissen, sondern auch einen großen Kredit bei Herrn Kophagus, welchem Herr Brookes von meinem Eifer und Durst nach Kenntnissen erzählte.

»Gut, sehr gut«, sagte Mr. Kophagus: »ganzer Junge – lernt sein Geschäft – Medicinae Doctor mit der Zeit – eigene Equipage – mmh und so.«

Nichtsdestoweniger machte ich bei meinem zweiten Versuch einen ganz schlimmen Mißgriff, welcher beinahe zu einer Entdeckung geführt hätte. Eines Abends kam ein irischer Arbeiter, mehr als halb betrunken, und fragte, ob wir »so ein Ding« hätten, »sie heißen's Armenmannspflaster«. »Bei der Allmacht«, fuhr er fort, »ein Armenmannspflaster wird's freilich sein, wenn ich's an mir habe, aber sie sagen, es sei ein unvergleichliches Mittel gegen den Thumbago, wie sie's heißen, der mich im Rücken plagt und mich hindert, wenn ich die Leiter hinaufsteigen soll. Weil's heute Samstag Abend ist, wo ich mein Geld eingenommen habe, will ich zuerst das Pflaster kaufen und dann probieren, was 'n Bissel Whiskey inwendig hilft. Das müßt' ja mit dem Teufel zugehen, wenn die beiden nicht mit den Rückenschmerzen fertig würden.«

Wir hatten dieses Pflaster nicht in der Apotheke, aber Blasenpflaster hatten wir, Timothy holte es und ich gab's dem armen Schelm.

»Und wie laßt Ihr mir's denn?« fragte er.

Blasenpflaster wurden, auf Papier gestrichen, zu einem Schilling das Stück verkauft; ich forderte achtzehn Pence, um den übrigen Sechspence einsacken zu können.

»Bei der Allmacht, es sieht aus, als hättet Ihr Euch vergriffen und mir des reichen Mannes Pflaster gegeben, statt des armen. Das muß ich am Wiskey sparen, so gut sich's thun läßt. Nun, da habt Ihr's Geld und die Neige vom guten Tag dazu, denn ich sehe, daß es spät wird.«

Wir lachten nicht wenig, während wir den Sechspence mit einander teilten. Der arme Teufel muß, nachdem er sein Deputat Whiskey zu sich genommen, das Pflaster beim Zubettgehen auf den Rücken gelegt haben, denn der andre Morgen fand ihn in keinem beneidenswürdigen Zustande. Es verging eine Woche, bis wir ihn wiedersahen, und da kam er recht zu unserem Schrecken in die Apotheke, während eben Herr Brookes hinter dem Tische beschäftigt war. Timothy gewahrte ihn, ehe er unserer ansichtig wurde, er riß mich hinter den großen Mörser, und es gelang uns, ins Hinterzimmer zu entkommen, dessen Thür wir angelehnt ließen, um zu hören, was vorgehen würde.

»Mord und Torf!« schrie der Mann, »aber das war ja des Teufels Erzpflaster, das Ihr mir da für meinen Rücken gegeben habt! Ich hab' ausgesehen wie eine geschabte Rübe, und war kein ganzer Fetzen Haut mehr an mir, abgesehen davon, daß ich die ganze Woche im Bett liegen mußte und meinen Taglohn verlor.«

»Ich erinnere mich nicht, Euch ein Pflaster gegeben zu haben, mein guter Mann«, sagte Herr Brookes.

»Dann beim Pfeifer, der dem Moses vorgespielt hat, wenn Ihr Euch nicht erinnert – mir kommt's vor, ich werd's nicht mehr vergessen. Wahr ist's, kuriert hat es mich, aber war ich nicht halb hin, eh' ich kuriert war?«

»Das muß in einer andern Apotheke gewesen sein«, bemerkte Herr Brookes. »Ihr seid wohl fehlgegangen.«

»Den Teufel bin ich fehlgegangen, außer da ich das Pflaster kaufte. Hab' ich's nicht von einem Burschen in diesem Laden gekriegt?«

»Niemand verkauft in dieser Apotheke etwas ohne mein Wissen.«

Der Irländer war verblüfft; er sah sich rings um. »Nun wenn das nicht die Abb'deek' ist«, sagte er, »so muß 's halt ihre leibliche Schwester sein.«

»Timothy!« rief Herr Brookes.

»Ja, ja, und ein Timothy war in der andern auch, denn ich hörte, wie der eine Bube den andern beim Namen nannte. Übrigens ist's all' eins: wenn's die Haut genommen hat, so hat's auch den Thumbago mitgenommen, also guten Morgen Herr Abb'deeker.«

Als der Irländer fort war, kamen wir zum Vorschein. »Japhet, hast Du ein Pflaster an einen Irländer verkauft?«

»Ja, erinnern Sie sich nicht, letzten Samstag? und ich gab Ihnen den Shilling.«

»Richtig! Aber was hat er verlangt?«

»Er wollte ein Pflaster haben, und war übrigens sehr betrunken. Ich zeigte ihm ein Blasenpflaster; das hat er genommen.« – Dabei sah ich Timothy an und lachte.

»Ihr müßt keine solchen Streiche machen«, sagte Mr. Brookes. »Ich sehe wohl, wie es gemeint war. Für Euch war's ein Spaß, aber keiner für ihn.«

Mr. Brookes, der sich einbildete, wir hätten dem Irländer das Pflaster aus Mutwillen verkauft, gab uns eine sehr ernsthafte Lektion und drohte, es Herrn Kophagus zu sagen, wenn wir wieder solche Streiche spielen würden. Damit lief die Sache ab und machte mich äußerst vorsichtig. Da ich nun jeden Tag mit den Arzneien bekannter wurde, so war ich bald im stande, sie zu mischen, so daß ich die Kunden bedienen konnte, und ehe achtzehn Monate herum waren, konnte man mir das ganze Rezeptieren anvertrauen. Nach Ablauf dieser Zeit verließ uns Herr Brookes. Ich übernahm alsbald seine Stelle, wobei ich mir die volle Zufriedenheit des Herrn Kophagus erwarb.

Und nun, da ich meine Erhebung mitgeteilt habe, ist es wohl schicklich, dem Leser auch eine Idee von meiner persönlichen Erscheinung zu geben, von welcher ich bisher geschwiegen habe. Ich war schmächtig, zwischen fünfzehn und sechzehn Jahren und sehr hoch gewachsen für dieses Alter; meines Äußern hatte ich mich nicht zu schämen: das Auge groß und glänzend, die Nase etwas adlerartig gebogen, hohe Stirn, helle Gesichtsfarbe, aber sehr dunkles Haar. Es war eine Eigentümlichkeit dieser meiner Haut- und Gesichtsfarbe, daß ich immer, so zu sagen, wie frisch gewaschen aussah. Ich hatte kleine, aber durchsichtig weiße Zähne und ein sehr tiefes Grübchen im Kinn. Wie alle pharmazeutischen Anfänger, hatte ich in meinem Aussehen einen Zug – wo nicht von Weisheit, so doch ganz gewiß von Selbstgenügsamkeit, was eigentlich in der Welt so ziemlich gleichbedeutend ist. Über der glatten, sehr weißen Stirn waren meine dunklen Locken systematisch zurückgekämmt mit einer Regelmäßigkeit, welche so deutlich, als Haare es vermögen, sprach: »Inhaber dieses thut alles und jegliches nach Vorschrift, Maß und Regel.« Mit meinen langen Fingern faltete ich die kleinen Pulverkapseln zusammen, wobei ich so gedankenvoll und gravitätisch aussah, wie nur ein Minister, der ein ebenso unendliches als unverständliches Protokoll übergiebt, und der feierlich tiefsinnige Blick, mit welchem ich den Inhalt einer Phiole in die andere goß, hätte einem königlichen Leibarzt, wenn er den »Gesalbten des Herrn« in articulo mortis beobachtet, trefflich zu Gesichte gestanden.

Während ich meinem saturninischen Berufe nachkam, hatte ich gewöhnlich ein Buch neben mir auf dem Rezeptiertische: das war kein marmorierter, schmutziger Band aus der Minerva-Presse, noch halbgebundene Halb-Guineen-Litteratur aus dem fashionablen Kehricht, sondern ein gutes, ehrbares, ernsthaftes, mit Weisheit erfüllendes Buch, entsetzlich durchspickt mit pharmazeutischer Terminologie, ein Buch, überfließend von lateinischen Wörtern, hier und da sogar mit griechischen Krakelfüßen dekoriert. Da gab ich mir denn mit Lektüre und Tournüre ein so echt medizinisches Aussehen, daß selbst der Umsichtigste nicht gezögert haben würde, mir die ganze Behandlung eines Nagelflusses, von der Entzündung bis zur Eiterung und von der Eiterung bis zur Heilung, oder die Zerteilung eines Zahngeschwürs in ihrem ganzen Verlaufe anzuvertrauen. – Also war ich persönlich beschaffen bis zu der Zeit, wo ich zu dem wichtigen Amt eines Verwalters – ich darf wohl sagen von Leben und Tod – erhoben wurde.

Es wird den Leser nicht überraschen, wenn ich sage, daß ich den Leuten sehr ins Auge fiel, welche Herrn Kophagus um Rat zu fragen oder mit ihm zu sprechen kamen. »Ein ganz hübscher Junge, das, Mr. Kophagus!« konnte so ein Bekannter sagen: »Wo haben Sie ihn her? Wer ist sein Vater?«

»Vater!« konnte dann Herr Kophagus antworten, wenn sie miteinander ins Hinterzimmer gegangen waren, aus dem ich jedoch alles hören konnte: »Vater – mmh – kann's nicht sagen – Neigung – heimlich – Kind geboren – ausgesetzt – Findelhaus und so.«

Das kam häufig vor, und dieses häufige Vorkommen machte mich oft über meine Lage nachdenkend, die ich außerdem bei dem ebenen und glücklichen Gange meines Lebens vielleicht vergessen haben würde. Wenn ich zu Bett ging, so dachte ich über alles nach, was ich von den Direktoren der Anstalt erhalten hatte. Sie hatten mir jenes Papier übergeben, das im Korbe gefunden worden war. Ich war ehelich geboren, so besagte wenigstens der Zettel. Auch die fünfzig Pfund bewiesen, daß meine Eltern zur Zeit meiner Geburt keine Bettler gewesen sein konnten. Die ganz besonderen Umstände, die mein Schicksal begleiteten, machten mich nur um so begieriger, meine Herkunft zu wissen. Ich war jetzt alt genug, um den Wert der Geburt anzuschlagen; außerdem trat ich eben in die Epoche der romantischen Phantasie, und zahlreich waren die seltsamen und abgeschmackten Träumereien, denen ich mich überließ. Das eine Mal schmeichelte ich mir mit der Vorstellung, ich sei von edler, wenn nicht gar fürstlicher Geburt, wobei ich mir diese und jene Gründe der Verheimlichung erdachte. Das andre Mal – doch es ist unnütz, die Phantastereien und Luftschlösser zu wiederholen, welche das Geheimnisvolle in meinem Gehirn erzeugte. Diese Nebelbilder schwanden endlich hin und überließen mich dem ganzen Elend des Zweifels und getäuschter Hoffnung. Herr Kophagus konnte manchmal, wenn er auf diesen Punkt gebracht wurde, sagen: »Guter Junge – sehr guter Junge – kein Bedürfnis nach einem Vater.« Aber er war im Irrtum: ich bedurfte eines Vaters, jeden Tag wurde dieses Bedürfnis dringender, und oft wiederholte ich die Frage: Wer ist mein Vater?

*

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