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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Achtunddreißigstes Kapitel

Es ist nichts Gutes im Werke. Timothy wird, nachdem wir unfern ganzen Witz angestrengt, wieder ein Zigeuner.

————

Die Empfindungen, mit denen ich nach Hause stürmte, waren zu peinlich, um beschrieben werden zu können. Ich fühlte mein Herz zerrissen. Auf meinem Geiste lastete ein Druck, der mich niederbeugte. Ich kannte nur einen Wunsch – zu sterben. Meinem Freunde Harcourt hatte ich schon früher die Geschichte meines Lebens mitgeteilt; als ich jetzt nach Hause kam, warf ich mich verzweifelnd auf das (Sofa, und nachdem ich mein gequältes Herz durch eine Flut von Thränen erleichtert hatte, erzählte ich ihm, was mir begegnet war.

»Mein lieber Newland«, sagte er, »wiewohl es an und für sich selbst ein widriger Zufall ist, so kann ich doch nicht einsehen, warum Du Dich so darüber grämen solltest, denn Du hast ja die Genugthuung, daß Deine Eltern allem Anscheine nach Dich zu reklamieren gewünscht haben.«

»Das ist wohl wahr«, erwiderte ich, »aber haben sie nicht gehört und natürlich auch geglaubt, daß ich wegen eines Verbrechens eine schimpfliche Strafe erlitten habe? Werden sie mich je wieder suchen wollen?«

»Schwerlich, deshalb mußt Du jetzt nach ihnen suchen, und da möchte ich Dir empfehlen, gleich morgen in die bewußte Apotheke zu gehen, um Dich nach dem Herrn, der jene Nachfrage anstellte, zu erkundigen. Wenn Du mir's erlaubst, so wollen wir zusammen gehen.«

»Um von diesen boshaften Schurken insultiert zu werden?«

»Das sollen sie wohl bleiben lassen. Gegen einen Apothekerlehrling würden sie sich schon etwas herausnehmen, aber vor einem Gentleman werden sie allen Respekt haben. Wenn aber nicht, so wird wenigstens ihr Herr gewiß höflich sein und Dir alle möglichen Aufschlüsse geben. Wir wollen übrigens nichts halb thun: ich will einen Wagen von meiner Tante leihen, damit wir in Gala aufziehen können.«

»Ich meine, ich sollte diesen Abend Mr. Masterton besuchen und um seinen Rat bitten.«

»Bitte ihn, uns zu begleiten, Newland, er wird sie mit einer Injurienklage ins Bockshorn jagen.«

Ich besuchte Herrn Masterton noch an demselben Abend und erzählte ihm meine Geschichte. »Es ist freilich sehr ärgerlich, Newland«, sagte er, »aber lassen Sie den Mut nicht sinken. Ich will morgen mit Ihnen gehen, und da wollen wir sehen, was zu machen ist. Um welche Zeit gedenken Sie sich hinzubegeben?«

»Ist es Ihnen recht, Sir, wenn wir um ein Uhr bei Ihnen erscheinen?«

»Ja, und nun gute Nacht, mein Junge, denn hier liegt etwas, das ich bis dahin ins Reine gebracht haben muß.«

Harcourt hatte die Karosse besorgt, wir holten Herrn Masterton zur bestimmten Stunde ab und fuhren nach Smithfield. Als wir an Mr. Pleggits Thüre anfuhren, glaubten die Gehilfen zuerst, wir seien im Irrtum, denn selten sieht man vornehme Equipagen in jener Stadtgegend halten. Wir stiegen aus und traten in die Apotheke, wo Mr. Masterton fragte, ob Mr. Pleggit zu Hause sei. Die Gehilfen, die mich nicht erkannt hatten, verbeugten sich in ihrer häßlichen Weise bis auf den Boden, und einer lief nach Herrn Pleggit. Dieser kam die Treppe herab, empfing und führte uns ins Hinterzimmer. Herr Masterton nannte ihm den Grund unseres Besuchs und fragte, warum der Herr, der sich nach mir erkundigt, mit jener infamen Lüge abgefertigt worden sei. Herr Pleggit beteuerte seine Unschuld, erinnerte sich übrigens doch, daß jemand dagewesen, – wollte bei seinen Leuten die strengste Untersuchung halten. Der Provisor wurde gerufen und befragt. Zuerst schien er einen Scherz daraus machen zu wollen, als aber Herr Masterton andere Saiten aufzog, wurde er demütig, bekannte, daß sie gesagt haben, »ich sei deportiert worden, weil sie es so in den Zeitungen gelesen«, bedauerte das »Mißverständnis«, sagte, »der Herr sei sehr groß gewesen, sehr wohl gekleidet, äußerst vornehm in seinem Aussehen – er könne sich seiner Kleidung nicht ganz genau mehr erinnern – ein breit gebauter Mann mit ernstem Gesichte, den die Nachricht von meiner Verurteilung tief zu erschüttern geschienen habe. Zweimal sei er dagewesen, da er Mr. Pleggit das erste Mal nicht angetroffen – habe seinen Namen genannt, – wenn ihm recht sei, stehe dieser Name im Tagebuche. Als er zum zweitenmal gekommen, sei Mr. Pleggit zu Hause gewesen und habe ihn, unwissend. was aus mir geworden sei, an sie, seine Leute verwiesen.« Nun wurde der andere Gehilfe befragt, dessen Angabe der des ersten ähnlich lautete. Man ließ das Tagbuch kommen, und schlug das betreffende Datum nach. Hier fanden wir einen Namen am Rande des Blattes, den der Gehilfe mit der größten Gewißheit für den Namen des Herrn erkennen wollte, da an jenem Tage kein anderer Name aufgeschrieben worden sei. Der Name lautete, wie er im Buche stand, »Derbennon«. Dies war alles, was wir erfahren konnten. Wir verließen die Apotheke und fuhren ab, ohne daß weder Herr Pleggit noch seine Gehilfen mich erkannt hätten.

»Ich habe diesen Namen noch nie gehört«, bemerkte Harcourt zu Herrn Masterton.

»Aller Wahrscheinlichkeit nach heißt er De Benyon«, erwiderte der Rechtsgelehrte, »wir müssen ihrer Unwissenheit etwas zu gute halten. Jedenfalls haben wir eine Art von Spur: die De Benyons sind irisch.«

»Dann will ich morgen früh nach Irland abreisen«, sagte ich.

»Das werden Sie bleiben lassen«, erwiderte der Rechtsgelehrte, »aber morgen Abend werden Sie mich besuchen; vielleicht kann ich Ihnen etwas sagen.«

Ich unterließ nicht, seinem Befehle zu gehorchen, und erfuhr von ihm, er habe die genaueste Nachfrage nach den De Benyons angestellt; sie seien eine irische Familie vom höchsten Rang und besitzen die Pairie De Beauvoir. Er habe seinem Agenten in Dublin geschrieben und denselben angewiesen, ihm, was er über sämtliche Mitglieder dieser Familie nur irgend in Erfahrung bringen könne, zu melden. Bis diese Antwort eintreffe, könne ich nichts thun, als mich ruhig verhalten.

Nun erzählte ich Herrn Masterton, was zwischen Iving und Timothy vorgefallen war.

»Dahinter steckt ein Geheimnis, ganz gewiß!« bemerkte Herr Masterton; »wann gehen Sie wieder nach ***?«

Ich erwiderte, ich sei in der nächsten Zeit nicht gesonnen, hinzugehen, außer wenn er die Kleine zu sehen wünsche.

»Allerdings, Newland, ich glaube, ich muß sie unter meinen Schutz nehmen, so gut wie Sie. Wir wollen gleich morgen hinüberfahren. Der Sonntag ist der einzige Tag, den ich erübrigen kann; ich muß es eben als ein Werk der christlichen Liebe betrachten.«

Am andern Tage begaben wir uns nach ***. Flita erstaunte, mich so bald wieder zu sehen, und Herr Masterton war überrascht von der Schönheit und den klassischen Zügen meines kleinen Schützlings. Er fragte sie vieles, und seinem juristischen Takte gelang es, manchen kleinen Zug aus ihrer Kindheit zu erfahren, der ihr ohne diese sondierenden Fragen niemals eingefallen wäre.

Auf der Rückfahrt bemerkte er: »Sie haben recht, Japhet, dieses Kind ist nicht von niedriger Herkunft; schon ihr Aussehen spricht dagegen; aber ich denke, wir haben Hoffnung, herauszubringen, wer sie ist, bessere, fürchte ich, als wir im Augenblicke für Ihre Identifikation haben. Doch lassen Sie sich das nicht bekümmern, hoffen wir vielmehr alles von unserer Beharrlichkeit.«

So standen meine Angelegenheiten. Ich hatte drei Wochen mit Harcourt zusammengelebt, ohne viel auszugehen, als Timothy eines Morgens in mein Zimmer kam mit den Worten: »Ich weiß nicht, ob Du es auch bemerkt hast, Japhet; da unten ist ein Mann, der beständig lauert; er hat, wie mir scheint, ein Auge auf unser Haus. Ich glaube, nur weiß ich's nicht ganz gewiß, sein Gesicht schon einmal gesehen zu haben, aber wo, kann ich mich nicht mehr erinnern.«

»So? was ist denn das für ein Mann?«

»Er sieht sehr dunkel aus, ist stattlich und wohlgebaut; seine Kleidung ist halb die eines Matrosen, halb die eines Gentleman, wie man sie bei den Maskeraden auf der Themse sieht; aber er ist kein Gentleman, nein, ganz das Gegenteil. Es wird nun wohl eine Woche sein, daß ich ihn täglich sehe. Ich hab' ihn beobachtet und bemerkt, daß er Dir regelmäßig folgt, so oft Du einen Ausgang machst.«

»Gut«, versetzte ich, »wir müssen wo möglich herausbringen, um was es ihm zu thun ist. Zeig' ihn mir, ich will es bald weg haben, ob er meinen Schritten nachzuspüren trachtet.«

Timothy zeigte ihn mir nach dem Frühstück; das Gesicht war mir unbekannt, und doch glaubte ich, es schon gesehen zu haben. Ich ging aus. Nachdem ich ein halb Dutzend Straßen durchstrichen hatte, wandte ich mich um und sah den Menschen dicht hinter mir. Er kehrte sich ab, ich that als ob ich nichts bemerkte, da ich aber entschlossen war, ihn noch einmal auf die Probe zu stellen, ging ich zu dem Weißen-Roß-Keller, wo ich mir einen Sitz in einer Brentford-Kutsche bestellte. Als ich bei meiner Ankunft in Brentford ausstieg, sah ich den Burschen auf dem Kutschenverdeck sitzen. Nun kam mir eine Erinnerung wie ein Blitz: es war jener Zigeuner, der mit den geheimen Nachrichten in unser Lager gekommen war und Melchiors Trennung von uns verursacht hatte. Ich sah ihn wieder vor mir, wie er am Wasser kniete und sein Antlitz wusch. Das Rätsel war gelöst: Melchior hatte ihn abgeschickt, um Flitas Aufenthalt zu erforschen. Höchst wahrscheinlich waren unsere zweideutigen Freunde jener falschen Adresse gefolgt und suchten jetzt, indem sie meine Schritte bewachten, die wahre herauszufinden. »Ihr sollt jedenfalls betrogen sein«, dachte ich, während ich durch die Straßen von Brentford ging. Da traf ich auf ein Institut für junge Damen. Alsbald zog ich die Glocke, wurde eingelassen, gab an, ich wünsche die Bedingungen der Aufnahme zu wissen, hielt mich so lange als möglich auf und versprach, wiederzukommen, falls die Verwandten der jungen Dame, von der ich gesprochen hatte, so zufrieden wären wie ich. Als ich das Haus verließ, bemerkte ich, daß mein brauner Begleiter nicht fern war. Ich kehrte mit der ersten Kutsche nach London zurück. Timothy, dem ich alles ausführlich erzählte, entgegnete mir: »Ich glaube, falls Du mich auf ein paar Wochen entbehren könntest, so möchte ich Dir jetzt von großem Nutzen sein. Der Bursche kennt mich nicht; wenn ich nun mein Gesicht schwärze und meine Tracht ändere, so könnte ich mich, glaub' ich, ohne Schwierigkeit für einen von ihrer Sippschaft ausgeben, da ich ihr Kauderwelsch verstehe und so lange bei ihnen gewesen bin.«

»Aber zu was meinst Du denn, daß das führen soll, Timothy?«

»Meine Absicht ist, ausfindig zu machen, wo er sein Unterkommen hat; dann will ich ebendaselbst einkehren, seine Bekanntschaft machen, ihm das Geheimnis abschwatzen, wer Melchior eigentlich ist, und wo er lebt. Vielleicht kann mir, was ich von diesem und Nattie weiß, ersprießlich sein.«

»Du mußt aber vorsichtig zu Werke gehen, Tim! denn er könnte so viel von unserer Geschichte wissen, um Verdacht auf Dich zu haben.«

»Laß mich nur machen. Gefällt Dir mein Vorschlag?«

»Ja. Du kannst augenblicklich mit der Ausführung beginnen.«

*

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