Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frederick Marryat >

Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
Schließen

Navigation:

Sechsunddreißigstes Kapitel

Ich verliebe mich sehr in die Ehrlichkeit, da ich entdecke, daß sie eine gute Aufnahme bei den Leuten findet, und, um meine Ehrlichkeit zu beweisen, erzähle ich aller Welt, daß ich nichts weniger als ehrlich gewesen bin.

————

Ich wies Major Carbonnells Testament gerichtlich vor, ohne da daß sich ein Widerspruch dagegen erhob. Dann setzte ich mich nieder, um mich zu besinnen, auf welche Weise ich meine Mittel am besten zu Rate halten möchte. Das Haus war in gutem Zustande, und in der Ausstattung mangelte nichts. So lange ich mit dem Major zusammenwohnte, hatten wir im ersten Stock ein Besuchszimmer, ein Schlafzimmer für ihn, und ein anderes, ebenso großes, das ihm zum Ankleidezimmer diente. Den zweiten Stock hatte er mir eingeräumt, und das Wohnzimmer wurde zugleich als Speisezimmer benützt, wenn wir, was jedoch selten der Fall war, unser Mittagsmahl zu Hause einnahmen. Das Parterre war für hundert Pfund jährlich zu einem Laden vermietet, aber wir hatten unfern besondern Eingang, sowie auch Küche und Kammern. Ich entschloß mich, nur den ersten Stock zu behalten und den Rest des Hauses zu vermieten; auch bekam ich bald einen Mietsmann für jährlich sechzig Pfund. Die Kammern dienten für Timothy und die Leute des Mieters.

Nachdem ich über alle jene Gegenstände, die mir von keinem Nutzen waren, verfügt hatte, fand ich, daß ich nach Abzug der an Lord Windermears Bankier zurückzuzahlenden tausend Pfund etwas über dreitausend an barem Gelde besaß, eine Summe, über deren Verwendung ich nicht ganz mit mir einig war. Ich wandte mich an Herrn Masterton, als ich bei ihm speiste, und legte ihm genau den Zustand meiner Finanzen vor. »Sie haben zwei gute Mietsleute«, erwiderte er, »welche Ihnen jährlich hundertundsechzig Pfund eintragen. Wenn Sie die Dreitausend auf Hypothek ausleihen, so kann ich Ihnen fünf Prozent verschaffen, so daß das Geld eine Jahresrente von hundertundfünfzig Pfund abwirft. Nun ist die Frage, ob Sie mit dreihundert und zehn Pfund jährlich leben zu können glauben. Sie haben keine Miete zu bezahlen, und da Ihnen Ihr Bedienter keine großen Unkosten macht, so sollte ich denken, daß Sie mit einiger Sparsamkeit ganz wohl ausreichen könnten. Sie müssen aber bedenken, daß, wenn Sie das Geld auf Hypothek ausleihen, Sie es nicht ohne vorherige Kündigung zurückfordern können. Also überlegen Sie wohl, ehe Sie sich entschließen.«

Ich beriet mich nachher mit Timothy und befolgte den Rat; zweihundert Pfund behielt ich zurück, um davon leben zu können, bis Miete und Zinsen eingehen würden.

Am Freitag speiste ich, wie schon gesagt, bei Herrn Masterton und erzählte ihm, was sich zwischen mir und Lady Maelstrom zugetragen hatte. Er war ungemein ergötzt und lachte ganz unmäßig. »Meiner Treu', Mr. Newland«, sagte er, »Sie haben eine eigene Art von Verrücktheit: erst greifen Sie Lord Windermear, dann einen Bischof an, und um dem allem die Krone aufzusetzen, gehen Sie vollends einer Pairswittwe zu Leibe. Ich muß gestehen, daß, wenn Sie Ihre Eltern nicht finden, die Schuld nicht am mangelhaften Suchen liegt. In Summa, Sie sind ein ganz eigentümlicher Charakter, eigentümlich ist Ihre Geschichte, sonderbar Ihr Glück. Sie haben sich noch vor Ihrer Volljährigkeit mehr Freunde erworben, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben zu gewinnen imstande sind. Sie haben in der Welt mit nichts angefangen, und da stehen Sie nun, als ein beinahe wohlhabender Mann, haben ein Anlehen von tausend Pfund heimgezahlt, ohne daß man es verlangte, und bewegen sich in der besten Gesellschaft. Der einzige Übelstand, den ich in Ihren Verhältnissen erblicke, ist, daß Sie in dieser Gesellschaft unter falschen Farben erscheinen, indem Sie die Leute glauben machen, Sie besitzen ein großes Vermögen.«

»Diese Behauptung rührt eigentlich nicht von mir her, Mr. Masterton.«

»Nein, das gebe ich zu, und dennoch haben Sie sie unterstützt, so daß ich im Grunde keinen Unterschied machen kann. Nun frage ich Sie, wollen Sie dieses Mißverständnis fortdauern lassen?«

»Ich weiß kaum, Sir, was ich sagen soll. Würde ich eingestehen, daß ich nichts als dieses mein zureichendes Einkommen besitze, so hieße dies geradezu Major Carbonnells Andenken beleidigen; alle Welt würde glauben, ich sei reich gewesen und von ihm zu Grunde gerichtet worden, während ich im Gegenteil diese jetzigen günstigen Verhältnisse ihm verdanke.«

»Das mag wohl wahr sein, Mr. Newland; wenn ich Sie aber als meinen und, wie ich hinzusetzen darf, als Lord Windermears Schützling ansehen soll, so muß ich Sie ganz ehrlich machen – ich will an keinerlei Betrug Anteil haben. Halten Sie sich für fähig, auf Ihre erborgten Federn zu verzichten und vor der Welt als der zu erscheinen, der Sie wirklich sind?«

»Nur eines, Sir, kann mich zu dem Wunsch vermögen, daß die Welt fortfahren möge, sich zu täuschen; ich fürchte, aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden und jede Gelegenheit zur Entdeckung meiner Eltern zu verlieren.«

»Sagen Sie mir doch, Mr. Newland, was halten Sie denn für den besten Weg zu einer solchen Entdeckung? Wenn alle Welt weiß, daß Sie ein Findling sind, der seine Eltern sucht, oder wenn Sie, wie es gegenwärtig Ihre Methode ist, die Leute auf den bloßen Verdacht hin signalisieren? Wünschen Ihre Eltern, Sie zurückzufordern, so werden sie, wenn Ihre Personalien bekannt sind, bald die Blicke auf Sie richten müssen, und, dies darf ich wohl hinzusetzen: es giebt wenige Eltern, die nicht stolz auf einen solchen Sohn sein würden. Sie werden Lord Windermears Schutz genießen, der Ihnen immer eine Stellung in der Gesellschaft sichert. Jedermann wird Ihnen gewogen sein, ob ich gleich zugeben will, daß solche Weltleute, wie Lady Maelstrom, Ihren Namen aus des Portiers Liste streichen werden. Überdies werden Sie die Genugthuung haben, daß die Freunde, die ihnen bleiben, nicht unter falscher Farbe und Flagge erworben sind, und endlich jene große Genugthuung, die aus einem guten Gewissen stammt.«

»Sie haben mich überzeugt, Sir, und ich danke Ihnen für Ihren Rat. Ich will mich nun in allen meinen Schritten von Ihnen leiten lassen.«

»Geben Sie mir die Hand, mein guter Junge! Jetzt will ich Ihr Freund sein und Ihnen mit allen meinen Kräften dienen.«

»Ich wünsche nur, Sir«, erwiderte ich sehr gerührt, »daß Sie auch mein Vater wären.«

»Danke Ihnen für den Wunsch, da er mir zu verstehen giebt, daß Sie eine gute Meinung von mir haben. Was wollen Sie jetzt unternehmen?«

»Ich habe meinem Freunde, Mr. Harcourt, versprochen, mit ihm zu seinem Vater aufs Land zu gehen.«

»Ja?«

»Und ehe das geschieht, will ich ihm die ganze Wahrheit erzählen.«

»Recht so, dann werden Sie finden, ob seine Freundschaft Ihnen oder Ihren vermeintlichen zehntausend Pfund Rente gilt. Ich habe alles wohl erwogen und kann es nicht anders ansehen, als daß das öffentliche Bekenntnis Ihrer wahren Lage der einzige Weg ist, der zur Entdeckung Ihrer Eltern führen kann. Inzwischen aber will ich auch nicht müßig sein. Wir Advokaten haben die seltsamsten Geheimnisse zu bewahren, und es wäre möglich, bei meiner Korporation, mit der ich offen reden werde, etwas aufzufinden, das uns als Leitfaden dienen könnte. Lassen Sie sich's nicht verdrießen, wenn Ihre Lebensgeschichte bekannt wird, von dem und jenem ausgegeben zu werden; wer Sie aufgiebt, ist Ihnen ein wertloser Freund gewesen. Diese Maßregel wird Ihre Freunde von Ihren Schmeichlern unterscheiden, und niemals werden Sie diese Ehrlichkeit bereuen. Am Ende ist es sogar, auch mit den Augen der Welt angesehen, die allerbeste Politik. Kommen Sie zu mir, so oft Sie mögen: ich bin immer zu Hause für Sie, bin immer Ihr Freund.«

Dies war das Ergebnis meiner Mahlzeit bei Herrn Masterton. Timothy, dem ich es bei meinem Nachhausekommen erzählte, sagte zu mir: »Sieh', Japhet, ich glaube, Du hast einen wahren Freund an diesem Herrn gefunden, und ich bin froh, daß Du Dich entschlossen hast, seinem Rate zu folgen. Was mich betrifft, so segle ich nicht unter falscher Flagge; ich bin in meiner rechten Stellung und wünsche mir nicht mehr.«

Ich hielt Mr. Masterton mein Wort, machte am andern Morgen einen Besuch bei Harcourt, sagte ihm, ich habe die Absicht, für ein paar Tage aufs Land zu gehen, um ein kleines Mädchen, meine Pflegebefohlene, zu besuchen, und begann hierauf: »Harcourt, so lange wir nun Modefreunde waren, die sich, ohne besondere Verpflichtungen gegeneinander, in der Gesellschaft begegneten, hielt ich es nicht der Rede wert, Sie über einen Punkt aufzuklären, über welchen Major Carbonnell selbst im Irrtum war und auch andere täuschte. Jetzt aber, da Sie mich in den Schoß Ihrer Familie einführen wollen, jetzt muß reines Feld zwischen uns werden. Man glaubt allgemein, daß ich bei meiner Volljährigkeit ein großes Vermögen antreten werde; aber weit entfernt, daß das der Fall wäre, habe ich auf der ganzen Welt nichts, als meine bescheidenen Subsistenzmittel und Lord Windermears Freundschaft. Ich bin, die Wahrheit zu sagen, ein Findling, der seine Eltern nicht kennt und mit dem ängstlichsten Eifer nach ihnen forscht, denn triftige Gründe veranlassen mich, zu vermuten, daß ich nicht von niedriger Herkunft bin. Ich sage Ihnen dies offenherzig und werde, wofern Sie Ihre Einladung nicht wiederholen, dieselbe als nicht gethan betrachten.«

Harcourt schwieg eine Weile. »Sie haben mich wahrhaftig sehr überrascht, Newland«, sagte er dann; »aber« – setzte er mit ausgestreckter Hand hinzu – »ich bewundere, ich achte Sie und fühle, daß ich Sie jetzt noch mehr lieben werde, als zuvor. Mit Ihren jährlichen zehntausend Pfund standen Sie über mir; nun sind wir einander gleich. Als ein jüngerer Sohn habe ich nur meinen auskömmlichen Unterhalt, gerade wie Sie, und was die Eltern betrifft, so könnte ich in Hinblick auf das Einkommen, das ich von ihnen genieße, ebenso gut gar keine haben. Nun ist zwar mein Vater ein würdiger, wackerer alter Herr, aber er mußte sein Vermögen aufs engste zumessen: seine Stellung in der Gesellschaft, die er sich erhalten muß, und eine große Familie, für die er zu sorgen hat, erlauben ihm nicht, mehr für mich zu thun. Sie haben in der That mit Ihrer Beichte einen ungewöhnlichen moralischen Mut gezeigt. Wünschen Sie, daß es ein Geheimnis bleiben soll?«

»Im Gegenteil, ich wünsche, daß die Wahrheit allgemein bekannt werde.«

»Es ist mir lieb, das zu hören, da ich Sie meinem Vater als einen jungen Mann von großem Vermögen angekündigt habe. Übrigens bin ich fest überzeugt, daß, wenn ich ihm diese unsere Unterredung mitteile, es ihm größeres Vergnügen gewähren wird, Ihnen die Hand zu reichen, als wenn Sie gekommen wären, einer meiner Schwestern die Ihrige anzubieten. Ich wiederhole die Einladung, die mir noch einmal so viel Freude macht, als das erste Mal.«

»Ich danke Ihnen, Harcourt«, erwiderte ich; »mit der Zeit sollen Sie mehr erfahren. Übrigens darf ich nicht hoffen, die ganze Welt so edeldenkend zu finden, wie Sie.«

»Vielleicht nicht, aber das hat nichts zu sagen. Also nächsten Freitag brechen wir auf.«

»Topp.« – Ich drückte ihm die Hand und ging.

*

 << Kapitel 36  Kapitel 38 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.