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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Ich suche den Schaden gut zu machen und richte noch größeres Unheil an. Minen und Gegenminen. Tim gewinnt eine Uhr dadurch, daß er seine Zunge aus Acht gerichtet hat.

————

Ich wußte kaum, was ich thun sollte. Wenn ich die Dienerschaft rief, so hatte meine Audienz ein Ende, und ich war doch entschlossen, der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Dasselbe Bedenken hielt mich ab, die Klingel zu ziehen und Wasser bringen zu lassen. Einige Blumenvasen standen auf dem Tische; ich riß die Blumen heraus und spritzte ihr das Wasser ins Gesicht. Da aber die Blumen geraume Zeit in dem Wasser gewesen waren, so hatten sie es grün gefärbt. Die Dame trug ein seidenes Kleid, von glänzender, schiefergrauer Farbe, welches im Augenblicke voll Flecken war, aber ich hatte keine Zeit, mich mit solchen Kleinigkeiten aufzuhalten. Ich ergriff einen gläsernen Flacon, worin ich in meinem Eifer kölnisches Wasser oder eine andere Essenz vermutete, und goß ihr ein wenig in den Mund. Unglücklicherweise war es eine Tintenflasche, welche die höchst ökonomische Dame unter dieser Form auf den Tisch gestellt hatte. Ich erschrak über meinen Irrtum und nahm meine Zuflucht zu einer andern Blumenvase, aus der ich einen ganzen Strom des grünen Wassers zwischen ihre Lippen fließen ließ. Ob diese ungewöhnlichen Mittel eine Wirkung hatten, weiß ich nicht zu sagen, aber Ihre Herrlichkeit erholte sich ein wenig, und während sie unter krampfhaftem Schluchzen sich in das Sofa zurücklehnte, rief ich ihr tausend Entschuldigungen ins Ohr, bis ich glaubte, sie sei gefaßt genug, mich anzuhören.

»Euerer Herrlichkeit mütterliche Gefühle –« sagte ich.

»Es ist Verleumdung, ist eine schändliche Lüge, Sir!« kreischte sie.

»Nein, nein, warum wollten Sie sich einer jugendlichen Leidenschaft schämen, warum ableugnen, was Ihre unverfälschten Gefühle Ihnen eingaben? Sehnt sich Ihr Herz nicht, Ihren Sohn zu umarmen, werden Sie mich nicht segnen, wenn ich ihn zu Ihren Füßen bringe, werden Sie ihn nicht segnen, nicht mit Wonne empfangen?«

»Es war ja ein Mädchen«, kreischte die Dame, sich vergessend, und verfiel wieder in ihre Krämpfe.

»Ein Mädchen!« erwiderte ich: »dann habe ich meine Zeit verloren, und brauche hier nicht länger zu verweilen.«

Höchst niedergeschlagen über diesen Aufschluß, welcher alle meine Hoffnungen und Luftschlösser zerstörte, nahm ich den Hut, rannte die Treppe hinab und verließ das Haus. In meiner Eile und Verwirrung hatte ich ganz vergessen, die Dienerschaft ihrer Herrin zu Hilfe zu schicken; da erblickte ich glücklicherweise die beiden Miß Fairfax dicht am Eisengitter des Gartens, eilte über die Straße, verabschiedete mich von ihnen und setzte hinzu, Lady Maelstrom komme mir sehr unpäßlich vor, sie möchten doch zu ihr hinaufgehen, dann warf ich mich in die erste beste Mietskutsche und fuhr nach Hause. Timothy war schon vor mir angekommen; ich erzählte ihm den ganzen Auftritt.

»Jetzt kannst Du um keinen Preis mehr zu ihr gehen«, erwiderte er; »und verlaß Dich darauf, daß Du sie Dein Lebenlang zur Feindin haben wirst. Ich wollte, Du hättest ihr gar nichts gesagt.«

»Das Geschehene kann man nicht ungeschehen machen, aber wenn sie reden kann, so kann ich's auch.«

»Wird sie sich nicht durch ihre Furcht zu einem Schritt bewegen lassen?«

»Ja, und zu einem offenen, aber offene Angriffe kann man parieren.«

»Das ist wahr.«

»Übrigens wird es besser sein, sie zu besänftigen, wenn ich das vermag; ich will ihr schreiben.« – Ich setzte mich nieder und schrieb wie folgt:

»Meine teure Lady Maelstrom!

Ich bin so bestürzt und verwirrt über die Lage, in welche ich Sie durch meine unverschämten und thörichten Fragen versetzt habe, daß ich mich kaum zu entschuldigen weiß. Die Sache ist die: als ich einige alte Briese meines Vaters durchsah, fand ich mehrere von Warrender darunter, worin dieser von einem Verhältnis mit einer jungen Dame sprach; ich las den Namen für Ihren Mädchennamen und entdeckte zugleich, wo die Frucht jener Verbindung hingekommen war. Bei erneuter Durchsicht – denn Ihre Unschuld war bei meinem Besuche zu augenfällig, um einen Zweifel Raum zu geben – finde ich, daß der Name, obgleich einigermaßen dem Ihrigen gleichlautend, doch ganz anders geschrieben ist, und daß ich mich zu einem unverzeihlichen Irrtum habe verleiten lassen. Was kann ich sagen, als daß ich mich Ihnen auf Gnade oder Ungnade ergebe? Ich wage nicht mehr, vor Ihnen zu erscheinen. Morgen verlasse ich die Stadt: können Sie mir aber meine wahnsinnige Unverschämtheit vergeben, können Sie mir beim Wiederbeginn der Saison, wenn die Zeit Ihren gerechten Zorn besänftigt haben wird, meine Huldigungen darzubringen vergönnen, so schreiben Sie mir eine einzige Zeile und erleichtern das beladene Gewissen

Ihres treulichst ergebenen
I. Newland.«

»Da Tim«, sagte ich, als ich den Brief durchgelesen hatte, »bring' diesen Bissen dem alten Cerberus. Vielleicht findet sie es selbst vernünftig, da ich von Briefen gesprochen habe, mir zu glauben und Frieden zu halten. Bei alledem will ich ihr nicht trauen.«

Timothy ging und kehrte sehr bald mit folgender Antwort zurück:

»Sie sind ein unsinniger Tollkopf und ich sollte Ihnen meine Thüre verschließen. Sie haben mich halb umgebracht; mein Kleid ist verdorben; ich muß das Bett hüten. Lassen Sie sich's in Zukunft gesagt sein, daß man eines Namens gewiß sein muß, ehe man etwas behauptet. Was die Verzeihung betrifft, so will ich mich bedenken, und wenn Sie in die Stadt zurückkommen, so mögen Sie anfragen und sich Ihr Urteil holen. Cäcilie war ganz erschrocken, das arme gute Mädchen; welch' ein liebes zärtliches Kind! Sie ist ein wahrer Schatz für mich; ich glaube nicht, daß ich mich von ihr trennen könnte. Sie läßt sich empfehlen.

C. Maelstrom.

»Sieh' doch, Timothys das ging besser als ich's erwartet hatte. Jetzt will ich Dir sagen, was ich zu thun gesonnen bin. Harcourt war gestern bei mir, er wünscht, ich möchte mit ihm nach *** gehen. Dort giebt es Assisen, einen Ball der Grafschaft und eine Menge Ergötzlichkeiten; auch wird es, denke ich, gerade ebenso gut sein, auf dem Lande herumzustreichen, als in der Stadt. Am Freitag speise ich bei Mr. Masterton. Samstags will ich Flita besuchen, und am Dienstag oder Mittwoch mit Harcourt nach seines Vaters Landsitze aufbrechen, wo er mir einen herzlichen Empfang versprochen hat. Hast Du in Colemanstreet etwas gefunden?«

»Ja, Mr. Iving sagte, er habe soeben einen Brief von seinem Korrespondenten erhalten, welcher wissen möchte, ob das kleine Mädchen wohl sei. Ich gab ihm die erwünschte Antwort. Mr. Iving legte den Brief auf den Schreibtisch, und da las ich das Postzeichen Dublin.«

»Dublin?« erwiderte ich. »Ich möchte wohl erfahren, wo Melchior ist; das soll so bald als möglich geschehen.«

»Ich habe noch nicht ganz ausgeredet. Mr. Iving sagte: in diesem Briefe wird gefragt, ob für die Erziehung des kleinen Mädchens gesorgt ist. – Ja, erwiderte ich. – Ist sie in einer Anstalt? – Ja, seit wir nach London gekommen sind. – In welcher ist sie, und wo? fragte er. – Nun war ich in Verlegenheit, Japhet; da mir diese Frage niemals zuvor gestellt hatte, so wußte ich nicht, was ich ihm antworten sollte; deshalb sagte ich endlich, ich wüßte es nicht. – Aber Ihr wißt doch, ob sie in London ist? wißt Ihr's nicht? – Wie sollte ich? erwiderte ich; mein Herr hat sie in die Schule gethan, eh' ich seine Livree anzog. – Besucht er sie niemals? fragte er. – Ich glaube, ja, war meine Antwort. – Und Ihr wißt ganz gewiß nichts von ihr? Ich wünschte sehr ihren Aufenthalt und den Namen der Leute, bei denen sie in Kost ist, ausfindig zu machen, und wenn Ihr mir auf die Spur helfen könnt, so wird das Euren Taschen zugutekommen, versteht Ihr? – Hm, erwiderte ich, wie viel wird's absetzen? – Mehr als Ihr Euch vorstellt, mein Lieber: eine Zehnpfundnote. – Das ist was anderes, erwiderte ich: jetzt kommt mir's aus einmal vor, ich hätte ihre Adresse auf einem Briefe meines Herrn gesehen. – Ja, ja, versetzte Mr. Iving; es ist wundervoll, wie das Geld das Gedächtnis schärft. Ich halte mein Wort: gebt mir die Adresse, da ist die Zehnpfundnote. – Ich fürchte, mein Herr wird böse sein, sagte ich und stellte mich, als hätte ich keine große Lust, es ihm zu sagen. – Euer Herr erfährt ja keine Silbe davon, und Ihr könnt lange dienen, bis er Euch eine Zehnpfundnote über Euern Lohn giebt. – Das ist freilich wahr, sagte ich: Dienen heißt nicht Erben. Nun ja, geben Sie mir das Geld, dann will ich den Namen hinschreiben.«

»Und Du gabst ihm die Adresse?« unterbrach ich ihn.

»Halt' ein wenig«, sagte Tim, »Du sollst's gleich hören. Ich schrieb ihm den Namen jener großen Schule in Kensington auf, an der wir vorüberkommen, wenn wir zu Mr. Aubrey White gehen.«

»Mit der entsetzlich großen Tafel und den gelben Lettern? Mrs. Let – wie heißt's?«

»Mrs. Lipscombes Erziehungsanstalt; ich lese die Tafel immer, so oft ich dran hin- oder hergehe. Nun schrieb ich ihm folgende Adresse: ›Miß Johnson, in Mrs. Lipscombes Anstalt, Kensington‹. – Da ist auch die Zehnpfundnote, die ich ehrlich verdient habe.«

»Ehrlich verdient, Tim?«

»Allerdings, denn es ist nicht mehr als billig, diejenigen zu betrügen, die uns selbst betrügen möchten.«

»Ich bin hierin nicht ganz mit Dir einverstanden, aber freilich ist es nicht mehr, als sie verdienen. Da handelt es sich aber um etwas, worüber man nachdenken muß. Wie kommt Melchior dazu, sich hinter meinem Rücken nach Flitas Adresse zu erkundigen? Ganz gewiß steckt etwas unrechtes dahinter.«

»Das hab' auch ich im Nachhausegehen gedacht; meine Meinung ist, daß er sie aus irgend einem Grunde wieder in seine Gewalt zu bringen sucht.«

»Das meine ich auch, Timothy, und es freut mich, daß Du ihm seine Absicht vereitelt hast. Jetzt bin ich auf meiner Hut und will Sorge tragen, daß sie sie nicht ausfindig machen.«

»Aber, Sir, ich möchte auch eine Moral aus diesem Vorgang ziehen: hätten Sie irgend einen gewöhnlichen gemeinen Bedienten, so wäre allem Dafürhalten nach Ihr Interesse einer Zehnpfundnote aufgeopfert worden. – Gesteh' mir nur, daß ich nicht bloß in dieser, sondern auch in mancher andern Hinsicht einen sehr gescheidten Schritt durch Übernahme dieser meiner Rolle gethan habe.«

»Ich sehe das nur zu deutlich ein, mein Herzensfreund«, erwiderte ich, meine Hand ausstreckend, »und, verlaß Dich darauf! wenn ich empor komme, so sollst Du's auch. Du wirst mich doch hinlänglich kennen.«

»Ja wohl, Japhet, und ich mag Dir lieber dienen, als dem ersten Edelmann im Lande. Ich will mir jetzt eine Uhr mit dieser Zehnpfundnote kaufen, und so oft ich nach der Stunde sehe, will ich mich erinnern, wie gut es ist, wenn man seilte Zunge auf acht Uhr richtet.«

*

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