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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Dreiunddreißigstes Kapitel

Ich entscheide mich für die Ehrlichkeit, als die beste Politik, und werde, was noch seltsamer klingt, von einem Rechtsgelehrten in diesem wichtigen Punkte beraten.

————

Wir brachen in ein Gelächter aus: »Wahrhaftig, Tim,« sagte ich, »es braucht sehr wenig Kunst, die Leute zu betrügen, denn sie betrügen sich in der Regel immer selbst. Den Juden hab' ich jedenfalls von meinem Gewissen abgeschüttelt, und nun bekommt er nichts mehr, bis –«

»Bis wann, Japhet?«

»Bis ich meinen Vater finde«, erwiderte ich.

»Es scheint, bis dahin wird alles aufgeschoben«, sagte Timothy. »Andere Leute werden bald bei diesem Suchen so beteiligt sein, wie Du selbst.«

»Ich wünschte, sie wären das; unglücklicherweise aber ist es ein Geheimnis, das man nicht in die Öffentlichkeit gelangen lassen darf.«

Ein Zug an der Glocke rief Timothy hinunter; er kam mit einem Briefe von Lord Windermear zurück, welcher folgendermaßen lautete:

»Mein lieber Newland!

Ich habe immer an Sie denken müssen, seit Sie mich diesen Morgen verlassen haben, und da Sie nun einmal entschlossen scheinen, Ihre Forschungen fortzusetzen, so ist mir eingefallen, Sie sollten dies auf eine mehr systematische Weise thun. Ich weiß nicht, ob Ihnen mein Einfall von Nutzen sein wird, aber es ist gar wohl möglich; denn ich wünsche, daß Sie sich mit einem alten und sehr gescheiten Kopfe beraten. Ich meine Mr. Masterton, meinen Rechtsfreund, von welchem Sie jene Papiere, die Veranlassung zu unserer ersten Bekanntschaft, erhalten haben. Er weiß nicht anders, als daß Sie – mit Ihrer Erlaubnis gesagt – ein Betrüger waren, denn er hat natürlich seitdem Mr. Estcourt gesehen. Ich schließe einen Brief an ihn bei, mit dem Sie ihm keck unter die Augen treten können. Er wird, wie ich hoffe, Sie nach Kräften unterstützen, ohne Ihnen Unkosten zu machen. Erzählen Sie ihm Ihre ganze Geschichte und hören Sie seine Vorschläge an. Er weiß viele Geheimnisse, bedeutendere noch, als das Ihrige. Ich wünsche Ihnen den ganzen Erfolg, den Ihre Ausdauer verdient, und bin

treulichst der Ihrige
Windermear.«

»Ich halte diesen Rat für gut«, sagte ich, nachdem ich den Brief gelesen hatte; »weiß ich mir doch weder zu raten, noch zu helfen. Ich denke, ich will gleich zu dem alten Herrn gehen, Timothy.«

»Es kann nichts schaden, wenn es auch nichts hilft«, versetzte Timothy. »Zwei Köpfe sind immer besser, als einer. Es giebt Geheimnisse, die allzugut bewahrt werden, und wenn man ein Kind aussetzt, so vertraut man das nur sehr wenigen an.«

»Da fällt mir etwas ein, Timothy: ich bin nun schon so manches Jahr aus dem Findelhause und habe auch nicht ein einziges Mal angefragt, ob jemand dort erschienen ist, um mich zurückzufordern.«

»Wahrhaftig«, sagte Timothy, den Mund verziehend, »und ich glaube, ich will in dem Armenhause zu St. Bridget fragen, ob sich niemand nach mir erkundigt hat.«

»Noch etwas habe ich vergessen«, fuhr ich fort, »nämlich in dem angegebenen Hause in Colemanstreet nachzusehen, ob Briefe von Melchior da sind.«

»Ich habe oft an ihn gedacht«, erwiderte Timothy. »Wo er wohl sein mag? Das ist auch wieder ein Geheimnis. Ich will doch sehen, ob wir je wieder mit ihm zusammentreffen und mit Nattie!«

»Das läßt sich freilich nicht sagen, Timothy. Ich meines Teils möchte wissen, wo der arme Narr Philotas und unser Freund Jumbo sind.«

Bei dieser Erinnerung an die beiden Letzteren brachen wir beide in ein Gelächter aus.

»Wohlerwogen, Timothy, hat mein Verhältnis zu dem armen Carbonnell mich in meinen Forschungen eher gehindert, als unterstützt. Er fand mein Aussehen gefällig, und machte einen Gentleman aus mir, so weit Manieren und Äußeres hierüber entscheiden können, aber der beständige Wirbel, in dem ich mich mit ihm herumtreiben mußte, ließ mich gar nicht zu Atem kommen. Sein trauriger Tod ist vielleicht ein Glück für mich. Er hat mich unabhängiger in Geldangelegenheiten und freier in meinen Bewegungen gemacht. Jetzt muß ich mir's aber ernstlich angelegen sein lassen.«

»Verzeih' mir, Japhet, aber hast Du nicht dasselbe gesagt, als wir unsere Wanderungen von der Apotheke aus begannen, und sind wir nicht dennoch länger als ein Jahr bei den Zigeunern geblieben? Hast Du nicht denselben Entschluß gefaßt, als wir mit vollen Taschen in London ankamen, und dennoch, als sie Dich einmal in die vornehme Gesellschaft eingeführt hatten, selten und nur gelegentlich daran gedacht? Jetzt sprichst Du diesen Vorsatz wieder aus, und wie lange wirst Du ihn halten?«

»Nein, Timothy, diese Bemerkung ist nichts weniger als billig! Du solltest doch wissen, daß er immer ein Gegenstand meines Nachdenkens ist.«

»Deines Nachdenkens? ja das gebe ich zu, aber vom Handeln bist Du immer abgelenkt worden.«

»Allerdings, aber ich glaube, das kommt daher, weil ich nicht weiß, wie ich verfahren soll. Ich habe einen Knäuel zu entwickeln, und kann das Ende nicht finden.«

»Ich glaubte immer, man beginne mit dem Anfang«, bemerkte Timothy lachend.

»Jedenfalls will ich noch einen Versuch machen und mich dem alten Advokaten vorstellen. Begieb Du Dich nach Colemanstreet, Timothy, meinetwegen auch nach St. Bridget, wenn Dir's beliebt.«

»Was St. Bridget betrifft, so pressiert es mir nicht sonderlich nach meiner Mutter; wenn ich über sie stolpere, so will ich sie aufheben; aber nie will ich eine eigentliche Nachsuchung nach etwas veranstalten, was aller Wahrscheinlichkeit nach des Findens nicht wert ist.«

Ich ließ Timothy seines Weges gehen und begab mich nach dem Hause in Lincolns-Inn, wo ich früher wegen jener merkwürdigen Angelegenheit mit Nevilles Papieren gewesen war. Ich zog die Glocke, die Thür sprang auf, und wiederum stand ich vor Herrn Masterton.

»Ich bringe Ihnen einen Brief, Sir«, sagte ich mit einer Verbeugung, indem ich Lord Windermears Schreiben übergab.

Der alte Herr starrte mich durch seine Brille an: »Ei, haben wir uns nicht schon gesehen? – Sapperment – was, Sie sind ja der Spitzbube, der –«

»Sie haben vollkommen recht, Sir«, unterbrach ich ihn, »ich bin der Spitzbube, der Ihnen schon einmal einen Brief von Lord Windermear brachte und jetzt wieder mit einem solchen vor Ihnen erscheint. Haben Sie die Güte, ihn zu lesen, während ich mir einen Stuhl nehme.«

»Bei meiner Seele – Sie unverschämter – hübscher Strick, das muß ich sagen. – Ist sehr schade. – Wird Geld haben wollen, denk' ich – ja, ja, es ist eine schlimme Welt«, – murmelte der Rechtsgelehrte, indem er Lord Windermears Schreiben erbrach.

Ich erwiderte nichts, sondern beobachtete seine Miene, welche sich auf einmal änderte und Erstaunen ausdrückte.

»Hätte Seine Herrlichkeit mir aufgetragen, Sie wo möglich an den Galgen zu bringen«, sagte Herr Masterton, »so würde ich mich nicht gewundert haben; aber in diesem Briefe lobt er Sie und ersucht mich, Ihnen mit allem, was ich vermag, zu dienen. Das kann ich nicht begreifen.«

»Allerdings, Sir, aber wenn Sie Muße haben, mich anzuhören, so werden Sie finden, daß der Schein in dieser Welt zuweilen trügt.«

»Ja, und das war bei unserer ersten Bekanntschaft der Fall; damals hätte ich nicht geglaubt, daß Sie ein – doch gleichviel.«

»Vielleicht, Sir, werden Sie in ein paar Stunden Ihre Meinung wieder ändern. Haben Sie jetzt Zeit, oder wollen Sie mir einen andern Tag und eine andere Stunde nennen?«

»Mr. Newland, ich habe jetzt keine Zeit, ich war nie so mit Geschäften überladen, und wenn Sie wegen irgend einer Rechtssache gekommen wären, so würde ich Sie auf drei, vier Tage mindestens hinausgeschoben haben; nun aber ist meine Neugier in so hohem Grade erregt, daß ich entschlossen bin, dieselbe auf Kosten meines Vorteils zu befriedigen. Ich will den Schlüssel umdrehen, und dann thun Sie mir den Gefallen, mir diese ebenso seltsame, als völlig unbegreifliche Angelegenheit zu enträtseln.«

*

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