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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Zweiunddreißigstes Kapitel

Ein Kapitel voll Moral, namentlich am Schlusse, wo ein Jude eine Summe von mehr als tausend Pfund ausschlägt – Beweis, daß das tausendjährige Reich nahe bevorsteht.

————

Am Tage nach Carbonnells Beerdigung begab ich mich in tiefer Trauer nach Portman-Square. Der Lord nahm meinen Besuch an; er hatte seinen Wagen zu dem Leichenbegängnis gesendet und war ebenfalls in Trauer. Wir führten eine lange Unterredung, in welcher ich Seine Herrlichkeit von dem Inhalt des Testaments und dem Betrag des hinterlassenen Vermögens in Kenntnis setzte.

»Erlauben Sie, Mr. Newland«, sagte der Lord, als ich aufbrechen wollte, »erlauben Sie mir die Frage, was Sie jetzt zu thun gesonnen sind. Ich gestehe Ihnen, ich habe große Teilnahme für Sie und wünschte, Sie wären häufiger ohne besondere Einladung zu mir gekommen; aber ich sehe, Sie wollen nicht. Haben Sie keine Lust zu irgend einem Unternehmen?«

»O ja, mein Lord, ich will nach meinem Vater forschen: diese unerwarteten Hilfsmittel werden mich hoffentlich, wenn ich sie zu Rate halte, in den Stand dazu setzen.«

»Sie haben in der Gesellschaft den Ruf, ein großes Vermögen zu besitzen.«

»Dafür kann ich nicht, mein Lord: Major Carbonnell hat durch seinen Irrtum die Welt getäuscht. Insofern muß ich mich freilich für schuldig bekennen, als ich dem Gerüchte nicht widersprochen habe.«

»Vermutlich in der Absicht, die Vorteile desselben in einer reichen Partie einzuernten?«

»Nicht also, mein Lord, ich kann Sie versichern. Die Leute mögen sich selbst täuschen, ich will es nicht thun.«

» Aber sie auch nicht enttäuschen, Mr. Newland?«

»Enttäuschen? nein, das will ich ebenfalls nicht, und wenn ich's auch versuchen wollte, sie würden mir nicht glauben. Nimmermehr würden Sie es für möglich halten, daß ich ohne eine sehr beträchtliche Barschaft so lange mit Ihrem Vetter gelebt haben sollte. Daß ich mein Geld durchgebracht habe, das mögen sie vielleicht glauben, aber nicht, daß ich gar keines hatte.«

»Es liegt viel Weltkenntnis in dieser Bemerkung«, versetzte der Lord; »aber ich unterbrach Sie, fahren Sie fort.«

»Ich wollte nur sagen – und Sie, mein Lord, können, mit meinen bisherigen Erlebnissen vertraut, am besten beurteilen, wie weit ich berechtigt bin, das zu sagen – daß ich bis jetzt das mittlere Fahrwasser zwischen Redlichkeit und Unredlichkeit gehalten habe. Wenn die Welt sich selbst betrügt, so können Sie mir erwidern, daß ich, wollte ich streng rechtlich handeln, sie aus ihrem Irrglauben reißen müßte. Das wollte ich auch thun, mein Lord, wenn ich nicht in dieser ganz eigentümlichen Lage wäre; eines eigentlichen Betruges aber will ich mich wo möglich niemals schuldig machen, das heißt, ich will den allgemeinen Glauben an meinen Reichtum nie dazu benützen, ein junges Mädchen mit großem Vermögen zu heiraten. Ich würde mich gegen sie als Bettler bekennen und als Bettler um ihre Liebe werben. Ein Weib kann wenig Vertrauen zu dem Manne haben, der sie vor der Hochzeit betrügt.«

»Ihr Geheimnis ruht sicher bei mir, Mr. Newland; Sie haben ein Recht, das zu verlangen. Ich freue mich über die Gesinnungen, die Sie ausgesprochen: sie sind vielleicht nicht auf die strengsten Gesetze der Moral gegründet, aber es giebt viele Menschen, die mehr versprechen und nicht so viel halten. Bei alledem wünschte ich, Sie dächten nach, auf welche Weise ich Ihnen nützlich werden könnte: Ihr augenblickliches Leben hat etwas Zweck- und Nutzloses und könnte gar wohl geeignet sein, Ansichten, die nicht ganz so streng sind, als sie sollten, noch mehr ins Schiefe zu lenken.«

»Mein Lord, wenn ich fortfahre, die Welt über meine Verhältnisse im Irrtume zu lassen, so habe ich dabei nur eine Absicht, nämlich, mir den Zutritt in die Gesellschaft offen zu halten, in welcher ich fest überzeugt bin, meinen Vater zu finden. Ich habe nur ein Unternehmen, nur einen Zweck: fortzufahren in meinen Nachforschungen! Ich sage Ihnen für Ihre wohlwollende Güte, die Sie mir so freundlich bewiesen haben, tausend Dank, aber ich kann sie für den Augenblick nicht benützen. Verzeihung, mein Lord, sind Sie der Dame mit den Ohrgehängen noch nicht begegnet?«

Der Lord lächelte. »Wahrhaftig, lieber Newland, Sie sind ein ganz wunderlicher Kauz: nicht zufrieden, Eltern für sich selbst zu suchen, wollen Sie solche auch noch für andere Leute finden! Nicht, daß ich Ihr Benehmen in diesem Fall nicht loben müßte, aber ich fürchte, während Sie Schatten nachrennen, sind Sie zu gleichgültig gegen das Wesen.«

»Ach, mein Lord, Sie haben gut reden. Sie hatten Vater und Mutter und empfanden nie, was es heißt, die Eltern zu entbehren; aber wenn Sie wüßten, wie mein Herz sich nach den Meinigen sehnt, Sie würden nicht über meine Hartnäckigkeit erstaunen.«

»Ich erstaune über nichts in dieser Welt, Mr. Newland. Jeder verfolgt das Glück auf seine eigene Weise. Das Ihrige scheint in einem Gefühl vereinigt zu sein, und Sie handeln nur, wie die Welt im allgemeinen thut; erinnern Sie sich aber, daß die Jagd nach Glückseligkeit mit Enttäuschung zu enden pflegt.«

»Ich leugne nicht, daß das nur zu oft der Fall ist, mein Lord, aber es liegt ein eigenes Vergnügen in dieser Jagd.«

»Immerhin, und möge es Ihnen gelingen. Ich kann nur so viel sagen, Mr. Newland: lassen Sie sich von keinem falschen Stolz abhalten, sich an mich zu wenden, wenn Sie Hilfe bedürfen. Vergessen Sie nicht, daß es weit besser ist, unter einer Verpflichtung zu stehen, wofern Sie es für eine solche ansehen wollen, als etwas Unrechtes zu thun; daß nur der ganz falsche Stolz eine Gunst anzunehmen errötet, und ohne Erröten etwas wirklich Schimpfliches begeht. Versprechen Sie mir, Mr. Newland, bei jedem Bedürfnis, bei jeder Katastrophe sich an mich wenden zu wollen.«

»Ich gestehe Euerer Herrlichkeit aufrichtig, daß ich lieber jedem andern als Ihnen verpflichtet sein möchte, und ich hoffe, Sie werden meine Gesinnungen nicht verkennen. Ich habe mir die Freiheit genommen, die tausend Pfund, die Ihre Güte als Anlehen zu meiner Verfügung stellte, an Drummond zurückzubezahlen. Zugleich aber verspreche ich, daß, sobald ich Ihres Beistandes bedürfen sollte, ich wieder um Erlaubnis bitten will, Ihr Schuldner zu werden.« – Nun erhob ich mich, um zu gehen.

»Leben Sie wohl, Newland«, sagte der Lord; »als ich glaubte, Sie hätten sich schlecht aufgeführt, und ich Sie besser machen und besser stellen wollte, da verlangten Sie nichts als meine gute Meinung; die haben Sie, und das so fest, daß sie nicht leicht zu erschüttern sein wird.«

Er drückte mir die Hand, und ich ging fort. Als ich nach Hause kam, fand ich den Wucherer Emanuel daselbst, welcher meinen Timothy in der Hoffnung, daß ich noch mehr Geld brauche, und mit nur allzu großer Bereitwilligkeit, es zu geben, herbegleitet hatte. Sein Erstaunen war nicht gering, als ich ihm sagte, ich wünsche ihm sein Guthaben heimzuzahlen.

»Gottes Wunder! ist doch äußerst merkwürdig das! Als ich doch hab' ausgeliehen mein Geld viel tausendmal, und hat mir's noch niemand geofferiert zu geben heim aus freien Stücken. Nu, ich will's nehmen, Herr.«

»Aber wie viel muß ich Euch an Interessen bezahlen, Mr. Emanuel, für die zehn Tage?«

»Wie viel? Wird sich doch erinnern der Herr! Se werden mir bezahlen das verschriebene Geld, de fünfzehnhundert.«

»Was? fünfhundert Pfund Zinsen von zehn Tagen, Mr. Emanuel! nein, nein, das ist gar zu arg. Ich will, wenn's Euch recht ist, elfhundert Pfund im ganzen bezahlen; das kommt mir sehr anständig vor.«

»Brauch' ich doch nicht mein Geld, mein guter Herr. Ich hab' Ihnen geliehen tausend Pfund mit der Bedingung, daß Se mir bezahlen fünfzehnhundert, alsbald Se kommen zu Ihrem Sach', was ja nicht lang wird anstehen mehr. Haben Se doch geschickt nach mir, haben Se gesagt, Se wollen bezahlen das Geld gleich jetzt; – als ich nie thue verschmähen ein Geld – wenn Se wollen zahlen, so zahlen Se, aber ich will nicht nehmen einen Heller weniger als das Geld, das mir ist verschrieben in dem Schein.«

»Wohlan, Mr. Emanuel, ganz wie es Euch beliebt. Noch einmal biet' ich Euch das Geld an, in Gegenwart meines Dieners, mit hundert Pfund Interessen für zehn Tage. Ihr mögt es ablehnen, wenn Euch das besser dünkt, aber ich rate Euch ernstlich, es anzunehmen.«

»Will ich doch nicht haben das Geld, Herr, ist doch nur Kinderspiel«, erwiderte der Jude. »Ich muß sehen meine fünfzehnhundert Pfund, Herr; nicht heute; nicht morgen; bin ich doch nicht pressiert mit dem Geld. Ich will Ihnen wünschen einen schönen guten Morgen, Mr. Newland. Wenn Se möchten haben geborgt noch mehr Geld, wird's mir sein ein großes Glück, Ihnen aufzuwarten.« – Mit diesen Worten ging der Jude ab, die Hände wie gewöhnlich auf den Rücken gelegt.

*

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