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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Einunddreißigstes Kapitel

Der Major zahlt die einzige bedeutende Schuld, die er jemals bezahlte, und ich bin ein vermögender Mann.

————

Ich eilte zu dem Major zurück, um seine Wunde zu untersuchen. Unter Timothys Beistand entkleidete ich ihn so weit, um bemerken zu können, daß der Schuß in die Hüfte gegangen war. Ich sondierte die Wunde mit dem Finger, und es schien mir, die Kugel sei seitwärts in die Eingeweide gedrungen; der Blutverlust war sehr unbedeutend, was meine Unruhe noch vergrößerte.

»Können Sie das Fahren ertragen, Major?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte er schwach: »aber wir müssen's versuchen. Je eher, je lieber nach Hause, Japhet!«

Mit Timothys Hilfe brachte ich ihn in die Mietskutsche, und wir fuhren ab, nachdem ich mich zuvor vor Herrn Osborn verbeugt hatte, eine Höflichkeitsbezeugung, die ich sicherlich ohne den Wink des Majors vernachlässigt haben würde. Er ertrug die Fahrt ganz gut, wenigstens klagte er nicht; bei unserer Heimkunft aber, als wir ihn aus den Wagen heben wollten, fiel er in Ohnmacht. Wir brachten ihn schleunig in sein Bett; dann schickte ich Timothy nach einem Wundarzt. Dieser kam, untersuchte die Wunde und schüttelte den Kopf. Die Kugel war, wie er mir im Nebenzimmer erklärte, in die Eingeweide gedrungen und hatte sie verletzt; Hoffnung war nicht mehr. Ich setzte mich nieder und bedeckte mein Gesicht; meine Thränen flossen in Strömen und rollten mir durch die Finger: es war das erste Unglück, das ich empfand. Verwaist und einsam in der Welt, fühlte ich, daß ich jemanden verlieren sollte, der mir teuer war. Jeder andere hätte nur den vorübergehenden Kummer über den Tod seines Freundes gefühlt, für mich aber war dieser Verlust unendlich schwer. Zu wem sollte ich fliehen, um Trost zu finden? Ich hatte nur Timothy und Flita, einen Diener und ein Kind. Ich fühlte, daß sie mir nicht genügen konnten, und mein Herz hörte fast auf zu schlagen.

Inzwischen war der Wundarzt zu dem Major zurückgekehrt, um ihm die Wunde zu verbinden. Dieser hatte sich von seiner Schwäche erholt und bat den Chirurgen um einen aufrichtigen Bescheid.

»Wir müssen das Beste hoffen, Sir«, war die Antwort.

»Das heißt, es ist keine Hoffnung«, sagte der Major: »ich fühle, daß Sie Recht haben. Wie lange glauben Sie, daß ich noch leben mag?«

»Etwa achtundvierzig Stunden, Sir, wenn es mit der Wunde keine günstige Wendung nimmt«, versetzte der Chirurg: »aber wir müssen einen glücklicheren Ausgang hoffen.«

»Am Sterbebette seid ihr Ärzte gerade wie die Advokaten«, lächelte der Major: »man kann keine unumwundene Antwort von euch bekommen. Wo ist Newland?«

»Hier bin ich, Carbonnell«, sagte ich, seine Hand nehmend.

»Mein lieber Junge, ich fühle, es ist aus mit mir, und Sie werden das so gut wissen, wie ich. Glauben Sie ja nicht, daß es mir schwer falle, diese schuftige Welt zu verlassen, nein, gewiß nicht! aber schmerzlich, sehr schmerzlich ist es mir, von Ihnen zu scheiden. Der Doktor sagt, ich werde noch achtundvierzig Stunden leben, aber ich ahne, daß es nicht so viele Minuten sein werden. Meine Kräfte verlassen mich allmählich. Glauben Sie mir, lieber Newland, ich habe eine innerliche Blutung. Mein Freund, ich werde bald nicht mehr sprechen können. Ich habe Sie zu meinem Vollstrecker und einzigen Erben eingesetzt. Ich wünschte, es bliebe Ihnen mehr, aber es wird doch reichen, bis Sie volljährig werden. Das hat sich gestern Nacht glücklich getroffen; freilich um so unglücklicher diesen Morgen. Begrabt mich als einen Gentleman.«

»Lieber Carbonell«, sagte ich, »wünschen Sie nicht noch jemanden – vielleicht einen Geistlichen zu sehen?«

»Nehmen Sie es mir nicht übel, Newland; ich verweigere es nicht aus Mißachtung oder aus Unglauben gegen die christlichen Satzungen, aber ich glaube nicht, daß eine so späte Reue irgend etwas helfen kann. Wenn ich mein bisheriges Leben nicht schon längst bereut, wenn ich nicht Augenblicke der Unterredung mit meinem Gewissen gehabt, ihm Besserung gelobt und dieses Versprechen zu halten den ernstlichen Vorsatz gehegt habe – was, Gott weiß es, der Fall gewesen ist – wie könnte dann meine jetzige Reue zu etwas führen? Nein, nein, Japhet, was ich gesäet habe, muß ich ernten, und dabei vertraue ich auf die ewige Barmherzigkeit. Gott allein kennt unsere Herzen; ja, ich hoffe vor seinen Augen mehr Gnade zu finden, als mir in der Welt von denen wurde, die – doch wir dürfen nicht richten. Gieb nur zu trinken, Japhet – es geht schnell mit mir. Gott segne Dich, mein teurer Junge.«

Er sank aufs Kissen zurück, nachdem er seine Lippen benetzt hatte, und sprach nichts mehr. Seine Hand in die meinige schließend, gab er den Geist auf; nach einer Viertelstunde wurden seine Augen starr, und es war vorüber. Er hatte richtig vermutet: eine Arterie war verletzt, so daß er sich zu Tode bluten mußte. Der Wundarzt, den ich noch einmal hatte rufen lassen, kam einen Augenblick vor seinem Sterben. »Es ist bester so«, sagte er: »hätte er sich nicht verblutet, so würde er von dem Brande, der notwendig erfolgen mußte, achtundvierzig Stunden lang die schwerste Todesqual erlitten haben.« – Er schloß ihm die Augen und ging. Ich rief Timothy in das Besuchszimmer, wo ich eine lange Unterredung mit ihm über dieses unselige Ereignis und meine künftigen Aussichten führte.

Mein Kummer über den Tod des Majors war aufrichtig; ein großer Teil davon mag allerdings der Gewohnheit unseres langen Zusammenwohnens und Zusammenlebens zugeschrieben werden, aber mehr noch der Überzeugung, daß Carbonnell bei allen seinen Fehlern versöhnende Eigenschaften besaß, daß die Welt ihn zu dem gemacht hatte, der er war. Außerdem hatte er mich geliebt, und in meiner Lage war jede Art von Zuneigung etwas Unschätzbares. Ich ließ ihn anständig, doch ohne Gepränge, begraben; dann bezahlte ich alle Forderungen, die ich als begründet anerkannte; freilich wurde manche nicht eingereicht, weil man glaubte, daß jeder Anspruch erfolglos bleiben werde. Seine Schulden beliefen sich nicht viel höher, als auf zweihundert Pfund, lauter Posten, deren Bezahlung die Gläubiger niemals erwartet hatten. Jenes Papier, das er durch Timothy und den andern Zeugen hatte unterschreiben lassen, war eine kurze Willenserklärung, worin er mich zu seinem einzigen Erben und Testamentsvollstrecker einsetzte. Sein Vermögen bestand in dem Hause in St. Jamesstreet, dem Inhalt seiner Brieftasche, die er mir anvertraut, und in seiner beweglichen Habe, welche besonders an Bijouterien beträchtlichen Wert hatte. Das Haus war nach seiner Angabe auf viertausend Pfund geschätzt; die Banknoten betrugen dreitausend fünfhundert, und die übrigen Effekten mochten auf vierhundert anzuschlagen sein. Nach Abzug seiner Schulden und der Beerdigungskosten besaß ich, meine eigene Barschaft mit eingerechnet, eine Summe von achttausend Pfund, ein Vermögen, das ihm kein Mensch zugetraut hätte, denn allgemein glaubte man, er habe weniger als nichts hinterlassen, da er geraume Zeit an einem Kapital von gleicher Größe gezehrt hatte.

»Ich kann nicht anders sagen«, meinte Timothy, »als daß dies sehr glücklich gegangen ist. Hätte der Major Dich nicht beredet, Geld zu borgen, so würde er keine so große Summe gewonnen haben. Wär' er am Leben geblieben, so hätte er sie wieder verschwendet; nun muß er gerade im rechten Augenblicke erschossen werden und Dich zu seinem Erben machen.«

»Es ist etwas Wahres in Deiner Bemerkung, Timothy; aber Du mußt jetzt zu Emanuel gehen, den ich bezahlen will. Auch will ich die tausend Pfund zurückgeben, die mir Lord Windermear bei seinem Bankier zur Verfügung gestellt hat, und endlich muß ich noch einen Paragraphen aus dem Testamente des armen Carbonnell vollstrecken. Er hat dem Lord seinen Solitär als Andenken hinterlassen. Hol' ihn mir, ich will einen Besuch dort machen und den Edelstein überreichen.«

*

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