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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Dreißigstes Kapitel

Der Major ist glücklich und unglücklich. Er empfängt manches Pfund in Gold und ein Lot Blei.

————

Ich kleidete mich an, ging aus, begegnete Harcourt und speiste bei ihm. Als ich nach Mitternacht heimkam, war der Major noch nicht da; ich fühlte keine Lust zum Schlafen und erwartete ihn im Besuchszimmer. Um drei Uhr trat er ein mit gerötetem Angesicht und in der allerbesten Laune.

»Newland«, sagte er, sein Taschentuch auf den Tisch werfend, »öffnen Sie das und Sie werden die Augen aufreißen.«

Zu meinem nicht geringen Erstaunen lag ein Haufen von Banknoten darin, die, als ich sie zählte, sich auf dreitausend fünfhundert Pfund beliefen.

»Wahrhaftig, Sie haben Glück gehabt.«

»Ja«, sagte der Major; »da ich wußte, daß ich in kurzer Zeit auf eine oder die andere Art zu Geld kommen würde, beschloß ich, mein Glück mit den Fünfhundert zu versuchen. Ich ging an den grünen Tisch, setzte siebzehnmal, ›heckte‹ aufs Doppel-Aß und zog richtig – voilà. Sie sollen mich dort nicht so bald wieder sehen; ein solches Glück kommt nur einmal im Leben. Aber, Japhet, es ist noch ein kleiner Diskonto dabei: ich werde mir in ein paar Stunden Ihre freundliche Begleitung erbitten müssen.«

»Wozu? was giebt's?«

»Bloß eine Ehrensache. Ich bin von einem Lumpen beleidigt und wir schlagen uns um sechs Uhr.«

»Sie, mit einem Lumpen? Carbonnell, Sie werden sich doch nicht herabwürdigen?«

»Mein lieber Freund, obgleich der größte Lump auf Gottes Erdboden, so ist er doch Pair des Reichs, und sein Titel rechtfertigt diesen Gang. Was wird's auch am Ende sein?«

»Hoffentlich nichts, Carbonnell, aber bei alledem könnte es doch anders ausfallen.«

»Möglich, und was dann, mein lieber Newland? Wir sind alle dem Himmel einen Tod schuldig, und werde ich niedergestreckt, nun ja, so brauch' ich mich nicht mehr um Titel und Vermögen zu bekümmern.«

»Es ist doch eine schlimme Art, einen Streit beizulegen«, versetzte ich ernsthaft.

»Es giebt keine andere, Newland. Wie könnte man die Gesellschaft in Schranken halten, wenn wir keine Duelle hätten? Wir würden wie ein Rudel Bären im Bärengarten zusammen leben. Sie waren wohl noch nie dabei?«

»Nein, und ich hoffte, es würde mir erspart bleiben.«

»Da müssen Sie mehr Glück oder ein gelinderes Temperament haben, als die meisten andern, wenn Sie ohne eine solche Affaire durchs Leben kommen sollten; – als Duellant, meine ich, nicht als Sekundant. Aber; mein lieber Freund, ich muß Ihnen hinsichtlich Ihres Benehmens in letzterer Eigenschaft einige kleine Weisungen geben; ich bin bei solchen Anlässen sehr genau und sehe es nicht gerne, wenn auch nur ein Jota fehlt. Es geht nicht an, mein lieber Freund, daß Sie mit diesem trübseligen Gesicht auf dem Platz erscheinen. Ich meine nicht, Sie sollen lachen oder auch nur lächeln, das würde ebenso wenig zu Ihrer Rolle passen, sondern Sie sollen sich ganz ruhig und gleichgültig benehmen. Dem andern Sekundanten gegenüber müssen Sie die allererdenklichste Höflichkeit beobachten, zugleich aber auch nicht einen streitigen Punkt aufgeben, wobei mein Vorteil im Spiele ist. Selbst in Ihrem Gange müssen Sie langsam sein und, so viel es der Boden erlaubt, sich ganz wie in einem Visitenzimmer bewegen. Bleiben Sie keinen Augenblick stumm; lassen Sie sich lieber in trivialen Reden gehen, als daß Sie zerstreut erscheinen. Noch ist ein sehr wichtiger Punkt übrig, die Wahl des Platzes, wozu Sie vielleicht meines unmerklichen Beistandes bedürfen. Jede decidierte Linie hinter mir würde meinem Gegner großen Vorteil gewähren, wie zum Beispiel ein Baumstamm, ein Pfosten oder dergleichen; nicht einmal das ist ratsam, mich vor eine erhöhte, lichte oder dunkle Strecke des Bodens zu stellen. Wählen Sie wo möglich ein gebrochenes Licht, denn auf das kann man niemals sicher zielen. Da Sie aber vermutlich nicht imstande sein werden, dies genügend auszuführen, so will ich Ihnen beistehen. Wenn die Sonne zwischen mir und meinem Gegner geteilt worden ist, will ich gleichgültig umhergehen, und so wie ich eine passende Stelle bemerke, werde ich eine Prise Tabak nehmen und mich meines Taschentuches bedienen, indem ich mich zugleich nach der Seite hinkehre, wo ich meinen Gegner aufgestellt wissen will. Das nehmen Sie als Zeichen, und bestehen Sie in der gewinnendsten, verbindlichsten Weise, aber mit aller Festigkeit darauf, daß wir so gestellt werden. Doch das bleibt ganz ihrer Überredungskraft anheimgegeben. Ich glaube alles Nötige gesagt zu haben und muß jetzt meine Waffen in stand setzen.«

Mit diesen Worten ging er auf sein Zimmer. Ich fühlte mich ganz wie aufgelöst; ich hatte eine traurige Ahnung, die aber vielleicht jeder haben wird, wenn er zum erstenmal bei einem Kampf auf Leben und Tod sekundieren soll. Der Major fand mich in tiefem Sinnen, wie er mit den Pistolen und dem ganzen nötigen Apparat herunter kam, und als er mich das Spannen und Stechen, das dem Sekundanten obliegt, ein paarmal üben ließ, da kam ein unwillkürlicher Schauer über mich.

»Wie, Newland?« rief er, »was ist Ihnen? Ich glaubte, Sie hätten festere Nerven.«

»Das würde ich auch zeigen, Carbonnell, wenn ich der Kämpfer wäre statt des Sekundanten, aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß Ihnen ein Unglück zustoßen sollte. Sie sind der einzige, mit dem ich in Freundschaft verbunden war, und der Gedanke, Sie zu verlieren, ist sehr, sehr schmerzlich.«

»Newland, Sie machen mich ganz unmännlich, und da können Sie nun ein Wunder sehen«, – sagte Carbonnell, indem er die Hand aufs Auge drückte – »eine Thräne auf der Wange eines Londoner Roué, eines Menschen, der lange nur für sich und für diese Welt gelebt hat. Sie würde es nimmer glauben, wenn man es ihr erzählte. Es gab eine Zeit, Newland, wo ich Ihnen glich: die Welt benutzte meine Offenherzigkeit und Unerfahrenheit, meine guten Eigenschaften waren die Ursache meines Unterganges, und so wurde ich allmählich hart und unempfindlich, wie die Welt es ist. Mein guter Junge, ich glaubte alle Liebesfähigkeit, alles Gefühl in mir vertrocknet, aber nun finde ich das Gegenteil. Sie haben mir gezeigt, daß ich noch ein Herz habe, daß ich Sie lieben kann. Aber das ist zu romantisch und paßt nicht für diese Stunde. Es ist jetzt fünf Uhr; lassen Sie uns zeitig auf dem Platze sein, das giebt uns einen Vorteil.«

»Ich mag diesen Punkt nicht gern Ihnen gegenüber berühren, Carbonnell, aber haben Sie keinen Wunsch für den Fall eines unglücklichen Ausgangs?«

»Nein – doch ja. Geben Sie mir ein Blatt Papier.« – Er setzte sich und schrieb einige Minuten. – »Und nun senden Sie mir Timothy und noch jemanden. – Timothy und Ihr, Freund, seht zu, wie ich dies Papier unterschreibe und mein Siegel darauf drücke. Ich erkläre dies für meine Verfügung und Willensmeinung. Setzt Eure Namen als Zeugen bei.« – Sie gehorchten ihm; alsdann hieß der Major Timothy eine Mietskutsche bestellen. »Newland«, sagte er, indem er das versiegelte Papier nebst den Banknoten in meine Tasche steckte, »bewahren Sie mir das bis zu unserer Zurückkunft.«

»Die Kutsche ist vor der Thüre, Sir«, meldete Timothy und blickte mich an, als wollte er sagen: Was hat denn dies alles zu bedeuten?

»Du kannst mitgehen und zusehen«, sagte der Major, der diesen Ausdruck in seinem Gesicht bemerkt hatte; »stelle dieses Futteral in die Kutsche.« – Tim, welcher des Majors Pistolenfutteral kannte, wurde noch viel unruhiger und blieb stehen, ohne dem Befehl zu gehorchen. – »Laß Dich nicht anfechten, Tim, Dein Herr ist's nicht, der sie gebrauchen soll«, versetzte der Major, indem er ihm auf die Schulter klopfte.

Timothy, hierdurch beruhigt, ging mit den Pistolen die Treppe hinab; wir folgten ihm. Tim setzte sich auf den Sitz, und wir fuhren nach Chalk-Farm. »Soll die Kutsche warten?« fragte Tim.

»Ja, auf jeden Fall«, erwiderte ich leise. Wir erreichten den Platz, wo Streitigkeiten dieser Art gewöhnlich ausgemacht werden, und der Major rekognoszierte ihn mit großer Fassung.

»Nun geben Sie acht, Japhet«, sagte er, »wenn es Ihnen möglich wäre – aber da sind sie schon. Ich will Ihnen das verabredete Zeichen machen.«

Der Pair, welcher Lord Tineholme hieß, kam mit seinem Sekundanten heran, den er mir als Mr. Osborn vorstellte.

»Mr. Newland«, erwiderte der Major, Herrn Osborns Gruß erwidernd.

Wir zogen die Hüte ab, verbeugten uns und gingen an unser Geschäft. Ich muß dem Sekundanten des Gegners die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu versichern, daß meine Höflichkeit der seinigen nichts nachgab. Auf keiner Seite wurde ein Wort von Erörterung oder Zurücknahme gesprochen; die Beleidigung war zu schwer, und der Charakter sowohl des Lords als des Majors Carbonnell zu gut bekannt. Herr Osborn schlug zwölf Schritte vor, wozu ich meine Einwilligung gab; das Los entschied für Carbonnells Pistolen; – wir hatten nur noch unsere Freunde aufzustellen. Der Major zog seine Dose heraus, nahm eine Prise und schneuzte sich dann, indem er sich gegen eine Gruppe von Birken wendete.

»Mit Ihrer Erlaubnis, Mr. Osborn, will ich den Boden abmessen«, sagte ich, und ging zu dem Major, in der Absicht, zwölf Schritte von ihm nach der angegebenen Richtung zu machen.

»Erlauben Sie mir zu bemerken, daß es mir ein wenig mehr nach dieser Richtung hin billiger für beide Teile scheinen würde«, entgegnete Herr Osborn.

»Das würde es, ja, mein werter Sir«, erwiderte ich, »und ich will mich gern Ihrem Urteil unterwerfen, aber es ist Ihnen vielleicht entgangen, daß mein Freund dann zu viel von der Sonne bekommen würde. Ich wünsche wahrlich nicht, mich irgend eines Vorteils zu bemächtigen, aber ich würde ja meine Pflicht nicht erfüllen, wenn ich dem Major, der mir in dieser unangenehmen Geschichte sein Vertrauen gegönnt hat, nicht sein vollstes Recht verschaffen würde. Ich will es Ihnen anheimstellen, Sir, als Gentleman und Mann von Ehre zu entscheiden, ob ich zu viel verlange.«

Ein kleiner freundschaftlicher Wortwechsel folgte; als aber Herr Osborn sah, daß ich nicht nachgab, sondern bei jeder neuen Replik mich noch höflicher und zuvorkommender benahm, ließ er die Sache fallen. Ich schritt die Entfernung ab, und er wies dem Lord seinen Posten an. Dieser schien, wie ich bemerkte, nicht zufrieden zu sein; er stellte seinen Sekundanten zur Rede, aber es war schon zu spät. Die Pistolen wurden geladen; der Lord wählte sich die eine; die andere empfing der Major aus meiner Hand, welche sichtbar zitterte, während die seinige ruhig blieb. Ich bat Herrn Osborn, das Schnupftuch fallen zu lassen, da ich es nicht über mich gewann, ein Signal zu geben, das meinem Freunde tödlich werden konnte. Sie feuerten. Lord Tineholme stürzte augenblicklich; der Major blieb noch einige Sekunden auf den Füßen, und dann sank er auch zu Boden.

Ich lief hinzu. »Wo sind Sie verwundet?«

Er legte die Hand auf die Hüfte: »Ich bin schwer getroffen, Newland, aber er noch schwerer. Eilen Sie, sehen Sie nach ihm.«

Ich verließ den Major und ging zu Lord Tineholme, der mit dem Kopf auf dem Knie seines Sekundanten lag.

»Es ist vorbei mit ihm, Mr. Newland«, sagte dieser, »die Kugel ist ihm durch das Hirn gegangen.«

*

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