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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Ich borge Geld auf meine Güter, und zwar unter sehr vorteilhaften Bedingungen.

————

Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück herunter kam, sagte mir der Major: »Mein lieber Newland, ich habe mir die Freiheit genommen, einen sehr alten Freund auf diesen Vormittag zu uns einzuladen; ich will Ihnen nicht verhehlen, daß es Emanuel, der Geldverleiher, ist. Geld müssen Sie nun einmal haben, bis meine Angelegenheiten auf die eine oder die andere Art entschieden sind, und in diesem Falle will ich die Summe treulichst heimzahlen, so wie ich den Betrag meiner Wetten oder, was ganz einerlei ist, Gewißheit über die Nachfolge in der Baronie erhalte.«

Ich biß mich auf die Lippen, denn es war mir sehr bitter zu Mute; aber was sollte ich thun? Entweder mußte ich dem Major meine wahre Lage bekennen, oder Bedenklichkeiten erheben, die ihm bei dem vermeintlichen Erben eines großen Vermögens sehr abgeschmackt vorgekommen sein würden; deshalb hielt ich's für besser, der Sache ihren Lauf zu lassen. »Wohlan«, versetzte ich, »wenn es sein soll, so soll es denn sein, aber aus meine eigenen Bedingungen.«

»Ei freilich«, sagte der Major, »es ist gar kein Zweifel, daß er darauf ohne weiteres eingehen wird.«

Ich dachte einen Augenblick nach, ging dann hinauf und klingelte meinem Timothy. »Höre mich, Tim, ich gebe Dir hier das feierliche Versprechen, auf meine Ehre als Gentleman, daß ich niemals Geld auf Interessen borgen werde, und dieses Wort will ich halten, bis Du mich dessen entheben wirst.«

»Sehr wohl, Sir«, entgegnete Timothy; »ich glaube Ihren Grund zu erraten, und hoffe, daß Sie Ihr Wort halten werden. Ist das alles?«

»Ja; bringe nun das Frühstück.«

Als wir dieses beendigt hatten, meldete Timothy Mr. Emanuel an, der ihm auf dem Fuße ins Zimmer folgte.

»He, altes Cent pro Cent, wie gehts?« rief ihm der Major entgegen. »Hier stell' ich Dir meinen ganz besonderen Freund, Mr. Newland, vor.«

»Au, mein Herr Major«, erwiderte der Enkel Abrahams, ein kleines, verschrumpftes Figürchen, doppelt von Krankheit gebeugt, mit der einen Hand auf dem Rücken, als wollte er Kopf und Schultern, die er weit vorstreckte, im Gleichgewichte halten; – »haben Sie doch beliebt, mich zu heißen Centpercent; ei, so wollt' ich doch, ich könnte das Geld machen zahlen das. Herr Newland, kann ich sein ein klein wenig zu Ihren Diensten?«

»Setz' Dich, Emanuel, setz' Dich. Ich bürge Dir für Mr. Newlands Respektabilität, und je schneller wir das Geschäft erledigen, desto besser.«

»O, mein Herr Major, das ist gewiß und wahr, Se haben mir gerekommendiert manchen guten – nein, nicht lauter gute, aber doch viele gute Kunden, und ich bin gewesen allzeit sehr obligiert. Was kann ich thun für Ihren schönen jungen Freund? De junge Gentlemans brauchen allzeit Geld, und de Jugend ist de Zeit fürs Vergnügen und für de Lustbarkeit.«

»Er braucht tausend Pfund, Emanuel.«

»Das ist ein großes Geld, tausend Pfund! Thut er nicht brauchen mehr?«

»Nein«, versetzte ich, »das ist genug.«

»Nun, wohlan, ich habe das Geld in meiner Tasche. Als ich nur bitten will den jungen Gentleman, zu unterschreiben ein klein Papierchen, daß ich mein Geld wiederbekommen soll zu seiner Zeit.«

»Und was soll das enthalten?« fragte ich.

»Es soll darin stehen, daß Se mir versprechen zu bezahlen mein Geld und nicht mehr als fünfzehn Percent, wenn Se werden kommen zu dem Ihrigen.«

»Das geht nicht an«, erwiderte ich; »ich habe mein feierliches Ehrenwort gegeben, kein Geld auf Zinsen zu borgen.«

»Haben Se gegeben Ihr Wort, so haben Se doch nicht geschworen auf das Buch.«

»Nein, aber mein Wort ist ein ebenso gutes Pfand. Wenn ich Jenen mein Wort bräche, denen ich es gegeben habe, so würde ich's auch Euch nicht halten. Gerade das muß Euch eine Bürgschaft sein, daß ich meinem Versprechen getreu bleiben werde.«

»Ist gesprochen gut, ist gesprochen sehr gut; als wir uns eben müssen besinnen, zu menagieren auf andere Art. Nehmen wir an – will ich sehen – wie alt sind Sie, mein junger Herr?«

»Zwanzig vorbei.«

»Ah, ist ein sehr hübsch Alter, das. Nun ja, nun wohl, als Se mir werden zeichnen ein klein Papierchen, daß Se mir wollen bezahlen zweitausend Pfund, alsbald Se kommen zu Ihrem Sach, wofür ich Ihnen bezahle eintausend bar. Ist doch sehr billig, ist es nicht, mein Herr Major?«

»Zu hart, Emanuel.«

»Aber das Risiko, das Risiko, mein Herr Major!«

»Ich gehe nicht auf diese Bedingungen ein«, sagte ich, »nehmt nur Euer Geld wieder mit, Mr. Emanuel.«

»Ei so? was wollen Se denn bezahlen?«

»Ich will Euch eine Verschreibung von fünfzehnhundert Pfund für die tausend ausstellen, wenn Euch das recht ist; wo nicht, so will ich es anderswo versuchen.«

»Ist das ein böser Handel! Wie alt, haben Se gesagt?«

»Zwanzig.«

»Ja so! ich glaube, ich muß Ihnen sein gefällig und meinem sehr guten Freund, meinem Herrn Major, dazu.«

Mr. Emanuel nahm Brille, Feder und Tintenfaß aus der Tasche, setzte einen Schuldschein auf und reichte ihn mir zum Unterschreiben. Ich unterzeichnete, nachdem ich ihn aufmerksam durchlesen hatte; dann zählte er mir das Geld auf und entfernte sich.

Es mag seltsam scheinen, daß ich so leicht zu dem Gelde kam; aber man muß sich erinnern, daß der Major für einen Mann galt, der sich immer zu jungen Leuten von großem Vermögen hielt. Er hatte dem Juden schon manchen ansehnlichen Gewinn verschafft, so daß dieser ein unbegrenztes Vertrauen in ihn setzte. Auch sind die Wucherer allezeit auf der Lauer nach jungen reichen Leuten, über die sie eine förmliche Namenliste führen. Emanuel hatte schon längst auf mich gewartet. Übrigens war es seine Absicht gewesen, ein wenig genauer nachzuforschen und nicht so bereitwillig mit dem Gelde zu thun; aber meine Weigerung, den zinsentragenden Schuldschein zu unterzeichnen, und meine Verwerfung seines zweiten Antrages hatte ihn so völlig verblendet, daß er seine gewöhnliche Behutsamkeit vergaß.

»Auf mein Wort, Newland«, sagte der Major, »Sie haben bessere Bedingungen erhalten, als ich von dem alten Filz erwarten konnte.«

»Auch meine Erwartungen sind übertroffen, Major, aber jetzt sagen Sie, wie viel Sie von diesem Gelde zu haben wünschen.«

»Mein lieber Junge, das ist recht schön von Ihnen! Dem Himmel sei Dank; ich werde es bald zurückzahlen können. Was mir aber besonders gefällt, Newland, das ist Ihr unbedingter Glaube an mich, dem die ganze übrige Welt nicht einen Shilling anvertrauen würde. Ich nehme Ihr Anerbieten so freimütig an, als es gestellt ist; geben Sie mir fünfhundert Pfund, um in den paar Wochen, die ich in Erwartung zubringen muß, noch ein wenig Aufsehen machen zu können, und dann sollen Sie finden, daß ich bei allen meinen Fehlern doch nicht undankbar bin.«

Ich teilte das Geld mit dem Major, der bald nachher ausging.

»Nun, Japhet«, sagte Tim, voll Neugierde hereintretend, »was hast Du gethan?«

»Ich habe tausend Pfund geborgt, mit der Verpflichtung, fünfzehnhundert zu bezahlen, wenn ich in den Besitz meines Vermögens komme.«

»Jetzt bist Du sicher; herrlich, und der Jude ist angeschmiert.«

»Nein, Timothy, ich gedenke ihn zu bezahlen, sobald ich kann.«

»Ich möchte wohl auch wissen, wann das der Fall sein wird.«

»Ich ebenfalls, Tim, denn es hängt von dem Erfolge meiner genealogischen Forschungen ab.« – Ach, ach! dachte ich, wann werde ich einmal entdecken, wer mein Vater ist?

*

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