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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Zweites Kapitel

Wie alle Anfänger, finde ich die Rudimente des Lernens ausnehmend schwierig und mühsam, schreite aber dessenungeachtet so schnell vorwärts, daß ich mich bald von meinem Lehrer emancipiere.

————

Ein großer, schlanker, rotwangiger und dabei doch hektisch aussehender junger Mann war hinter dem Rezeptiertische beschäftigt, während ein schmutziger Junge, etwa dreizehn Jahre alt, mit seinem Korbe neben ihm stand, um die Arzneien, sobald sie fertig sein würden, an ihre verschiedenen Besteller zu überbringen. Der junge Mann hinter dem Tische hieß Brookes; er hatte bis zur Vollendung seiner Dienstzeit noch achtzehn Monate, nach deren Ablauf seine Verwandten eine eigene Einrichtung für ihn beabsichtigten. Dies war nämlich der Grund, der Herrn Kophagus bewogen hatte, mich anzunehmen; ich sollte das Geschäft erlernen und dereinst den Abgehenden ersetzen. Mr. Brookes war ein sehr sanfter, liebenswürdiger Mensch, freundlich gegen mich und den andern Knaben, den Herr Kophagus gegen Kost und Kleidung als Arzneiausträger angenommen hatte. Der Portier sagte ihm, wer ich sei, und ließ mich da.

»Meinst Du wohl, Du werdest gerne Apotheker sein?« fragte mich Mr. Brookes mit wohlwollendem Lächeln.

»Ja freilich, warum denn nicht?« erwiderte ich.

»Halt ein wenig«, sagte der Junge, der mit dem Korbe wartete, und blickte mich schelmisch an: »Du bist noch nicht durch Deine Rudimente durch.«

»Schweig' Du, Timothy«, sagte Mr. Brookes. »Daß Du den Rudimenten, wie Mr. Kophagus sie nennt, nicht sehr hold bist, das läßt sich begreifen. Nun geh', so schnell Du kannst, mit diesen Arzneien, Junge: Springstreet Nr. 14, Cleaverstreet Nr. 16, da wo Du schon gewesen bist, und dann Johnstreet Nr. 55, zu Mistreß Smith. Verstehst Du wohl?«

»Ei ja freilich versteh' ich! kann ich nicht lesen? Ich lese alle die Aufschriften und Ihren ganzen lateinischen Plunder obendrein, alle Ihre Summen, Dussen, Hores, Dies, coct und cact. Ich denk', ich werd' mich nächster Tage selber etablieren.«

»Ich werde Dir nächster Tage eins aufs Dach geben, Mr. Timothy, wenn Du wieder so lange ausbleibst und nach den Bilderläden guckst; darauf kannst Du Dich verlassen.«

»Auf diesem Wege erwerbe ich mir meine ganze Gelehrsamkeit«, versetzte Timothy, und ging mit seiner Ladung ab, indem er den Kopf rückwärts drehte und mir zulachte. Mr. Brookes lächelte, sagte aber nichts.

Als Timothy hinaus war, trat Mr. Kophagus ein. »He, Japhet – seh' schon!« sagte er, und legte den Knopf an die Nase; »nichts zu thun – schlimm – mußt arbeiten – mmh und so. Mr. Brookes – Bursch' Rudimente lernen – gut – und so.«

Hierauf nahm Mr. Kophagus den Stock von der Nase, deutete nach dem großen eisernen Mörser und ging fort ins Hinterzimmer. Mr. Brookes verstand meinen Meister an meiner Statt. Er wischte den Mörser aus, warf einige Sorten hinein, zeigte mir, wie man den Stößel handhabt, und ließ mich bei meiner Arbeit. In der ersten halben Stunde ging mir ein Licht auf, warum Timothy so viel gegen das einzuwenden hatte, was Mr. Kophagus in seinem Humor die Rudimente unseres Berufes hieß. Die Arbeit war entsetzlich schwer für einen Knaben; der Schweiß rann in Strömen an mir herunter, und ich konnte kaum noch die Arme aufheben. Mr. Kophagus ging durch die Apotheke und sah mir zu, wie ich so mit dem schweren eisernen Stößel stampfte. »Gut«, sagte er, »wird sich machen – Medicinae Doctor – und so.«

Ich dachte, das sei ein sehr rauher Weg zu solcher Würde, und hielt inne, um ein wenig Atem zu schöpfen.

»Ei ja so«, fuhr er fort, »Japhet – Taufname und so. Zuname? – he?«

»Mr. Kophagus wünscht Deinen andern Namen zu wissen«, sagte Herr Brookes als Dolmetscher.

Ich habe vergessen, dem Leser zu sagen, daß man den Kindern im Findelhause nicht nur einen Taufnamen, sondern auch Zunamen giebt, und daß ich zu Ehren der Banknote, die in meinem Korbe lag, den Namen ihres gefeierten Unterzeichners erhalten hatte. »Newland ist mein Zuname«, antwortete ich.

»Newland – he! – sehr guter Name – den Namen sieht jedermann gern – wünscht ihn dutzendfach in der Tasche zu haben – mmh – sehr erfreulich und so.« Nachdem Mr. Kophagus dies erwidert hatte, verließ er die Apotheke.

Ich ging wieder an meine Beschäftigung, als Timothy mit dem leeren Korbe zurückkam. Er lachte, als er mich bei dieser Arbeit sah. »Schön so! behagen Dir die Rudimente? – und so? – he?« rief er, Herrn Kophagus nachäffend.

»Nicht übermäßig«, versetzte ich, und wischte das Gesicht ab.

»Das war so mein Zeitvertreib, eh' Du kamst. Ich bin länger als ein Jahr daran, und nie bin ich über diese Rudimente hinausgekommen, werd's wohl auch nicht.«

Herr Brookes, der meine Müdigkeit sah, hieß mich aufhören, welchem Befehl ich mit Freuden gehorchte und mich in einer Ecke der Apotheke niedersetzte.

»Da«, sagte Timothy, seinen Korb hinstellend, »nichts mehr zu thun für mich ante prandium, Mr. Brookes?«

»Nein, Tim; aber post prandium, Du mußt wieder postkleppern.«

Es wurde Mittag. Herr Kophagus, der wieder da war, ging mit Herrn Brookes ins Hinterzimmer, während Timothy und ich in der Apotheke bleiben mußten, um etwaige Käufer zu melden. So will ich denn diese Gelegenheit ergreifen, um Mr. Timothy etwas umständlicher zu beschreiben, da er eine sehr hervorragende Rolle in dieser Erzählung spielen wird. Timothy war kurz gewachsen für sein Alter, aber sehr stark gebaut. Er hatte ein ovales Gesicht von sehr dunkler Farbe, graue Augen, die unter langen Wimpern hervorblitzten, und Augenbrauen, die nahezu ein Rätsel bildeten. Er war ein wenig blatternarbig, nicht so, daß es ihn hätte entstellen können, aber doch in der Nähe bemerklich. Seine Miene leuchtete beständig vor Heiterkeit; dabei war in seinem Gesichte solch ein glückseliger Ausdruck, daß man ihn in der ersten Minute liebgewinnen mußte, und daß ich augenblicklich mit ihm auf dem intimsten Fuße stand.

»Hör' mal, Japhet«, sagte er, »wo bist Du denn eigentlich her?«

»Aus dem Findelhause«, sagt' ich ihm.

»Also hast Du keine Freunde oder Verwandte?«

»Wenn ich die auch habe, so weiß ich nicht, wo sie sind«, versetzte ich sehr ernsthaft.

»Pah, laß Dich das nicht betrübt machen. Ich hab' auch keine. Ich bin vom Kirchspiel aufgezogen worden im Waisenhause. Man fand mich vor der Hausthür eines Herrn, der mich zu den Armenpflegern schickte; damals war ich ein Jahr alt. Sie heißen mich einen Findling, aber mit ist's eins, auf welchen Ruf ich gehen soll, so lang' man mich nicht zu spät zum Essen ruft. Vater und Mutter, wer sie auch sein mochten, als sie mir davon liefen – meinen Appetit wenigstens haben sie nicht mitgenommen. Ich will nur auch sehen, wie lang' der Herr noch mit Messer und Gabel zu spielen vorhat. Mr. Brooks – was der ißt, das wär' nicht genug, um's einer Schnepfe einzugeben. Wie ist Dein Zuname, Japhet?«

»Newland.«

»Newland, so, nun sollst Du meinen dagegen haben: Timotheus Oldmixon, gehorsamst aufzuwarten. Sie tauften mich nach dem Pumpbrunnen im Waisenhause, der die Aufschrift hatte: › Timotheus Oldmixon fecit‹. Die Armenpfleger dachten, der Name stehe mir so gut als irgend ein anderer, und so wurde ich nach dem Pumpenmacher mit ein paar Tropfen Pumpenwasser getauft. Sobald ich groß genug war, stellten Sie mich an, um sämtliches Wasser zu pumpen, das man im Waisen- und Arbeitshause brauchte. Ich bearbeitete meinen Papa, wie ich die Pumpe nannte, den ganzen lieben langen Tag. Selten hat ein Sohn seinen Vater mehr bearbeitet und mehr gehaßt, und nun, Japhet, siehst Du, aus Gewohnheit muß ich Dich auspumpen.«

»Da wirst Du mich bald trocken gepumpt haben, denn ich kann Dir sehr wenig auf Deine Fragen antworten«, versetzte ich; »aber sage mir, was für eine Art Mensch ist denn unser Herr?«

»Du siehst's ja! so ist er immer, selten anderer Laune, und wenn er's je einmal ist, so ist er gerade so kurios, wie sonst. Er hat mir schon oft gedroht, aber nie hab' ich einen Schlag gekriegt, obgleich Mr. Brookes mich ein- oder zweimal verklagt hat.«

»Aber nicht wahr, Mr. Brookes ist nicht übel?«

»Nein, er ist ein sehr guter Gentleman; übrigens treib' ich's manchmal ein bischen bunt, das muß ich sagen. Denn, wie Mr. Brookes sagt, die Leute können sterben, bis die Arznei kommt, weil ich meinen Korb hinsetze, um zu spielen. Es giebt ja Strafe, freilich; aber ich kann doch deshalb mein Pflock- und Ringspiel nicht aufgeben. Dann krieg' ich bloß eine Ohrfeige von Mr. Brookes, und das ist so viel wie nichts. Mr. Kophagus schwenkt seinen Stock dazu und sagt: ›Schlimmer Junge – dicken Stock – mmh – nicht vergessen – nächstens und so –‹; und so, und immer so, bis das Kapitel aus ist.«

Inzwischen waren Herr Kophagus und sein Gehilfe mit dem Essen fertig geworden und kamen in die Apotheke. Ersterer sah mich an, legte den Stock an die Nase. – »Kleine Knaben – immer hungrig – mmh – lieben gut Essen – Rostbeef – Yorkshire-Pudding und so –«, und damit deutete sein Stock nach dem Hinterzimmer. Diesmal wurde er von Timothy und mir vollkommen verstanden; wir gingen hinein, die Haushälterin setzte sich mit uns nieder und half uns. Das war eine fürchterlich verdrießliche, kleine, alte Frau, aber so verdrießlich sie war, so ehrlich war sie auch, und das ist alles, was ich zu ihren Gunsten sagen kann. Timothy war nicht ihr Liebling, weil er einen so guten Appetit besaß, und für mich hatte es auch nicht den Anschein, daß ich sehr bei ihr zu Gnaden kommen würde, denn ich aß ebenfalls meine gute Portion, und mit jedem Mundvoll mehr sank ich tiefer in ihrer Achtung, bis ich nahe bei dem Gefrierpunkt war, wo sich Timothy längst um desselben Vergehens willen befand. Aber Mr. Kophagus ließ ihm nichts von ihr abzwacken. Sein Spruch war: »Knaben müssen essen – wachsen sonst nicht und so.«

Ich fand bald, daß wir nicht nur wohl genährt, sondern auch in jeder andern Beziehung gut behandelt wurden, so daß ich ganz wohlgemut und glücklich war. Mr. Brooks lehrte mich die Kunst, Signaturen zu schreiben und Pulver einzumachen, und in kurzer Zeit war ich vollkommen geschult; Timothy aber, wie er vorausgesagt, mußte wieder zu den Rudimenten zurückkehren. Herr Kophagus versah mich mit guten Kleidern, gab mir aber nie Taschengeld, weshalb Timothy und ich beständig jammerten, daß wir nicht einen halben Penny auszugeben hätten.

Ich war wenige Monate in der Apotheke, als Herr Brookes mich schon allein lassen konnte, wenn irgend ein Anlaß ihn abrief. Ich machte die Pillen, doch wog er vorher die Quantitäten nach den Rezepten ab. Wenn daher jemand kam und eine Arznei begehrte, so bat ich ihn, auf Mr. Brookes zu warten, welcher bald zurück sein würde. Eines Tages war er ausgegangen. Ich saß hinter dem Rezeptiertische und Timothy darauf, mit den Beinen baumelnd. Wir klagten beide, daß wir kein Taschengeld hätten, da sagte Timothy: »Japhet, ich hab' mir den Kopf zerbrochen, wie wir zu etwas Geld kommen möchten, und jetzt hab' ich's! Wir müssen doktorieren miteinander: wir wollen die Leute nicht mehr fortschicken, wenn Mr. Brookes nicht da ist; wir wollen sie selber kurieren.«

Ich war gleich mit dem Vorschlag einverstanden, und kaum hatte er ihn gethan, so kam eine alte Frau, die sich an Timothy mit der Bitte wandte, ihr etwas für ihres armen Enkels bösen Hals zu geben.

»Ich mache die Arzneien nicht, Ma'am«, erwiderte Timothy, »wenden Sie sich an den Gentleman dort hinter dem Rezeptiertische. Mr. Newland weiß für jeden Schaden ein Mittel.«

»Gott segne sein hübsches Gesicht; und noch so jung! Wie, sind Sie ein Doktor, Sir?«

»Das will ich meinen«, versetzte ich; »was verlangt Ihr? eine Lotion, eine Embrokation?«

»Ich verstehe diese schweren Wörter nicht, ich brauche eben ein Doktorsmittel.«

»Ganz recht, meine gute Frau, ich weiß schon, was nötig ist«, erwiderte ich, und nahm eine imponierende Miene an. »Hier, Timotheus, spüle diese Phiole ganz sauber aus.«

»Sehr wohl, Sir«, versetzte Timothy äußerst ehrfurchtsvoll.

Ich nahm eins von den Maßen, und that aus den Flaschen, deren sich Herr Brookes gewöhnlich bediente, etwas grünen, etwas blauen und etwas weißen Liqueur hinein, füllte mit Wasser auf, goß die Mixtur in die Phiole, pfropfte und signierte: haustus statim sumendus; dann reichte ich sie der alten Frau über den Ladentisch.

»Soll's das arme Kind einnehmen, oder muß es äußerlich eingerieben werden?« fragte die alte Frau.

»Die Vorschrift steht auf der Signatur; aber Ihr leset vielleicht nicht Latein?«

»O Schätzchen, nein; Latein! und Sie verstehen Latein? Was für ein nettes, geschicktes Junkerlein!«

»Ich wär' ein schlechter Doktor, wenn ich's nicht verstünde«, erwiderte ich. – Wohl erwogen hielt ich eine äußerliche Anwendung für ratsamer und sicherer, und so übersetzte ich ihr die Signatur: haustus, einzureiben; statim, am Halse, sumendus, mit der flachen Hand.

»Ach Herr', und was bedeutet es alles? Was bin ich schuldig, Sir?«

»Embrokation ist eine sehr teure Arznei, meine gute Frau. Eigentlich kostet es achtzehn Pence, aber weil Ihr eine arme Frau seid, so will ich es Euch nur zu neun berechnen.«

»Ich danke Ihnen tausendmal«, sagte die alte Frau, legte das Geld hin, wünschte mir einen guten Morgen und ging.

»Bravo!« rief Timothy, und rieb sich die Hände: »Halbpart Japhet, nicht?«

»Ja«, sagte ich, »aber zuerst müssen wir ehrlich sein und Mr. Kophagus nicht betrügen. Die Phiole kostet einen Penny, das weißt Du, und was ich aus den Flaschen genommen habe, ist kaum noch einen wert. Wenn wir also zwei Pence für Mr. Kophagus zurücklegen, so kann man nicht sagen, daß wir ihn betrügen oder das Seinige stehlen. Die andern sieben Pence gehören natürlich uns, das ist der ›Nutzen der Profession‹.«

»Aber unter welchem Namen wollen wir denn die zwei Pence bekommen haben?«

»Zwei Phiolen für eine rechnen; Du weißt ja, man zählt sie nie.«

»Das thut's aus dem Fundament!« rief Timothy, »und jetzt Halbpart!« – Damit aber dies bewerkstelligt werden konnte, mußte Timothy fortlaufen und das Sechspencestück wechseln lassen; alsdann hatten wir jeder vierthalb Pence, und so konnten wir endlich einmal in unserem Leben sagen, wir hätten Geld in der Tasche.

*

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