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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Achtundzwanzigstes Kapitel

Ich gerate bis über die Ohren ins Feuer wegen der Ohrgehänge einer Dame, werde von neuem, unter erschwerenden Umständen, verdächtig und entgehe kaum der Gefangenschaft.

————

Ich muß sagen, daß die Lage der Dinge mir sehr zu schaffen machte. Ich mußte natürlich vermuten, daß die Geldverleiher sich zu nichts entschließen würden, ohne etwas Näheres von meinen Gütern zu wissen und das Testament in Doktors-Commons untersucht zu haben, ein Umstand, der dem Major alles verraten und mich als einen Betrüger in seinen Augen erscheinen lassen mußte. Ich ging Pall-Mall in sehr unglücklicher Stimmung hinab und war so tiefsinnig, daß ich gegen eine Dame rannte, welche an einem eleganten Laden gerade aus ihrem Wagen stieg. – Sie wandte sich um – ich erblickte eine sehr hübsche Frau, der ich meine besten Entschuldigungen machte – da fesselte mich auf einmal der Anblick ihrer Ohrgehänge, welche mit Korallen und Goldperlen abwechselnd ganz auf die gleiche Weise, wie Flitas Kette, gearbeitet waren. Diese hatte ich während meines letzten Besuchs häufig in der Hand gehabt, und mir namentlich die Arbeit wohl gemerkt. Um noch sicherer zu gehen, folgte ich ihr in den Laden, stellte mich hinter sie, während sie sich eine Auswahl von Spitzen besah, und betrachtete die Ohrgehänge mit der größten Aufmerksamkeit. Es konnte kein Zweifel stattfinden. Ich wartete, bis die Dame wegzugehen im Begriffe war; dann wandte ich mich an den Ladendiener, den ich nach ihrem Namen fragte. Er wußte ihn nicht, sie war fremd hier; aber vielleicht wußte ihn Mr. H..., sein Herr; er ging zu diesem ins Hinterzimmer, Mr. H... war jedoch im Augenblick beschäftigt, und der Diener verweilte so lange, daß ich den Wagen inzwischen abfahren hörte. Voll ängstlicher Besorgnis, die Dame aus dem Gesicht zu verlieren, machte ich mich auf die Fersen und lief hinaus. Meine plötzliche Flucht von dem mit Spitzen bedeckten Ladentische setzte mich in den Verdacht etwas gestohlen zu haben. »Haltet den Dieb!« schrieen die Leute, so laut sie konnten, sprangen über den Tisch und liefen mir nach, während ich den rasch fortrollenden Wagen verfolgte.

Ein Mann sah mich rennen, sah andere ohne Hüte folgen, hörte das Geschrei: »Haltet den Dieb!« – flugs stellte er mir ein Bein, und ich stürzte aufs Pflaster, so daß mir das Blut in Strömen aus der Nase schoß. Ich wurde unsanft ergriffen, und wiederum der Polizei übergeben, die mich vor den nämlichen Richter in Marlboroughstreet führte.

»Wer ist dies?« fragte der Richter.

»Ein Ladendieb, Ew. Ehren.«

»Das bin ich nicht, Sir«, entgegnete ich; »Sie kennen mich hinlänglich, ich bin Mr. Newland.«

»Mr. Newland!« versetzte der Richter argwöhnisch; »das ist doch seltsam, zum zweitenmale unter einer solchen Anklage vor mir zu erscheinen.«

»Und ebenso unschuldig, Sir, wie das erste Mal.«

»Sie müssen mir's nicht übel nehmen, Sir, aber diesmal kann ich meinen Verdacht nicht unterdrücken. Wo sind die Beweise?«

Die Leute aus dem Laden traten vor und erzählten den Vorgang. »Man durchsuche ihn«, fuhr der Richter fort.

Ich wurde durchsucht, aber es wurde nichts bei mir gefunden. »Sind Sie jetzt zufrieden, Sir?« fragte ich.

»Keineswegs. – Die Leute sollen heimgehen und nach ihren Spitzen sehen, ob sie vollständig sind. Indessen werde ich den Gefangenen hier behalten, denn es ist sehr wohl möglich, einen so leichten Artikel, wie Spitzen, im Augenblick der Gefangennehmung wegzuwerfen.«

Die Leute gingen, und ich schrieb an Major Carbonnell, um seinen Beistand zu erbitten. Er kam zu gleicher Zeit mit dem Ladendiener, und ich erzählte ihm, was vorgefallen war. Der Ladendiener gab an, der Vorrat sei nicht ganz in Ordnung; so viel man schließen könne, fehlen zwei Stücke.

»Wenn das der Fall ist«, sagte ich, »so habe ich sie wenigstens nicht genommen.«

»Auf Ehre, Mr. B...,« wandte sich der Major an den Richter, »es ist sehr hart für einen Gentleman, auf diese Weise behandelt zu werden. Das ist nun das zweite Mal, daß ich geholt werde, um Mr. Newlands Achtbarkeit zu bezeugen.«

»So ist es, Sir«, versetzte der Richter, »aber erlauben Sie mir, an Mr. Newland, wie er sich nennt, die Frage zu stellen, was ihn bewogen habe, einer Dame in den Laden zu folgen.«

»Ihre Ohrgehänge«, erwiderte ich.

»Ihre Ohrgehänge! Wie, Sir! als man Sie das letzte Mal vor mich brachte, sagten Sie, es sei Ihnen um eines Gentlemans Nase zu thun gewesen; diesmal scheint es, wurden Sie von den Ohren einer Dame angezogen. Und endlich wünschte ich von Ihnen zu wissen, was Sie aus dem Laden fortzurennen bewog?«

»Ich mußte die Dame notwendig wegen ihrer Ohrgehänge befragen.«

»Mit diesen armseligen Entschuldigungen kann ich nicht zurechtkommen. Es scheinen nun einmal zwei Stücke Spitzen zu fehlen. Ich muß Sie zu wiederholter Untersuchung vorfordern, und auch Sie, Major Carbonnell; denn wenn er ein Schwindler ist, so müssen Sie sein Mitschuldiger sein.«

»Sir«, versetzte der Major höhnisch, »Sie sind ein kapitaler Richter, um über einen Gentleman zu urteilen, wenn Sie zufällig in seine Gesellschaft geraten. Mit Ihrer Erlaubnis will ich mich noch an einen andern Helfershelfer wenden.«

Der Major schrieb eilt Billet an Lord Windermear und sandte es durch Timothy ab, der, als er hörte, daß ich im Gedränge sei, ihn herbegleitet hatte. Inzwischen setzten wir uns nieder, wobei sich der Major das herausforderndste Ansehen gab, sehr zum Verdrusse des Richters, der ihm zuletzt mit augenblicklicher Einsteckung drohte. »Das werden Sie bereuen«, versetzte der Major, als er Lord Windermear kommen sah.

» Sie sollen es bereuen, Sir, bei Gott!« rief der Richter, außer sich vor Zorn.

»Legen Sie fünf Shillinge in die Strafbüchse, Mr. B...«.

sagte der Major; »Sie büßen andere Leute auch wegen Schwörens. Sehen Sie, da kommt noch ein Helfershelfer, Lord Windermear.«

»Carbonnell!« rief Seine Herrlichkeit, »was soll denn das bedeuten?«

»O nichts weiter, mein Lord, als daß unser Freund Newland als Ladendieb verhaftet ist, weil es ihm beliebte, hinter dem Wagen eines hübschen Frauenzimmers herzurennen; ich selbst bin von Sr. Ehren als Mitschuldiger angeklagt. Ich könnte ihm den Argwohn gegen Mr. Newland in Betracht seines Zustandes vergeben, aber mich für einen aus der Hefe zu halten, das beweist großen Mangel an Urteilskraft. Vielleicht steckt er auch Sie ein, ohne zu wissen, daß Euerer Herrlichkeit Person über Kapturbefehlen steht.«

»Ich kann Sie versichern, Sir«, sagte Lord Windermear von oben herab, »dies ist mein Verwandter, Major Carbonnell, und dies mein Freund, Mr. Newland. Ich leiste Bürgschaft für beide, so hoch als Ihnen beliebt.«

Der Richter war bestürzt und verdrießlich, denn er hatte bei alledem nur seine Pflicht gethan. Ehe er etwas erwidern konnte, kam ein Diener aus dem Laden, um zu melden, daß die Spitzen in Ordnung befunden worden seien. Lord Windermear nahm mich hierauf beiseite, worauf ich ihm den ganzen Hergang erzählte. Er erinnerte sich aus meiner Lebensgeschichte an Flitas Kette, und gab mir Recht, daß ich alles versuchte, um herauszubringen, wer die Dame sei. Der Richter entschuldigte sich wegen der Verhaftung, setzte aber dem Lord auseinander, daß ich schon einmal wegen einer ähnlichen Anklage vor ihm erschienen sei, und entließ uns mit einer tiefen Verbeugung.

»Mein lieber Mr. Newland«, sagte Seine Herrlichkeit, »ich hoffe, dies werde Ihnen eine Warnung sein, nicht mehr hinter anderer Leute Nasen und Ohrgehängen herzurennen. Übrigens will ich mich selbst nach diesen Ohrgehängen um= sehen, verlassen Sie sich darauf. Major, ich wünsche Ihnen einen guten Morgen.«

Der Lord gab uns beiden die Hand, sagte mir, es würde ihn freuen, mich häufiger bei sich zu sehen, als in der letzten Zeit, stieg in seinen Wagen und fuhr fort.

»Was zum Teufel meinte denn der Lord mit den Ohrgehängen, Newland?« fragte der Major.

»Ich sagte ihm«, gab ich zur Antwort, »ich hätte gern die Ohrgehänge der Dame, als eine große Merkwürdigkeit, untersucht.«

»Es scheint, Sie sind imstande, die ganze Welt zu betrügen, nur mich nicht, Freundchen. Ich weiß wohl, daß es Ihnen nur um die Dame selbst zu thun war.«

Ich ließ den Major stillschweigend in seinem Irrtum.

*

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