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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Ich renne meiner Nase nach und erhalte dabei eine Nase.

————

Als ich im Bette überlegte, daß ich nächstens zwanzig Jahre alt sei, ohne noch irgend eine Entdeckung gemacht zu haben, da sank mir der Mut, meine Monomanie erwachte mit verdoppelter Stärke, und ich beschloß, meine Forschungen aufs lebhafteste zu erneuern. Timothy jedoch, dem ich dies am nächsten Morgen bei seinem Eintreten sagte, gab mir geringen Trost; vielmehr auf den bisherigen schlechten Erfolg hinweisend, riet er mir, mich nach einer reichen Frau umzusehen und die Enthüllung jenes Geheimnisses der Zeit zu überlassen.

Die Stadt war noch nicht sehr voll, die Saison hatte kaum begonnen, und die Einladungen oder Besuche waren nicht zahlreich genug, um meine Gedanken von ihrem immerwährenden Gegenstande abzuleiten. Dazu wurden die Schmerzen in meinem Schenkel so heftig, daß ich eine ganze Woche auf dem Sopha zubringen mußte, während Timothy täglich ausging, um nach meinem Ebenbilde zu forschen, und jeden Abend ohne Erfolg zurückkam. Ich wurde schwermütig und nervenkrank; Carbonnell konnte sich gar nicht vorstellen, wo es mit mir hinauswollte. Endlich konnte ich wieder gehen. Jetzt wanderte oder jagte ich vielmehr durch eine Straße in die andere und blickte in jeden Wagen, so daß die Darinsitzenden erschraken und mich für toll halten mußten. Dabei sah meine Kleidung und mein Äußeres ganz unordentlich aus, denn ich war gleichgiltig gegen alles geworden, und Timothy glaubte selbst, daß ich von Sinnen kommen würde.

Endlich, etwa fünf Wochen nach unserer Ankunft in der Stadt, sah ich den Gegenstand meiner Forschungen wieder, in einem dunkelbraunen Wagen, dessen Wappen, stark schattiert, nur in großer Nähe zu erkennen war; er saß mit entblößtem Haupte aufrecht und feierlich da. »Das ist er!« rief ich aus vollem Halse, und rannte dem Wagen nach. »Es ist die Nase!« rief ich, während ich die Straße hinunterstürzte, und die Leute rechts und links bei Seite stieß. Ich verlor den Hut, aber in der Angst, den Wagen zu verlieren, rannte ich immer zu, das Geschrei: »Halt auf, halt auf!« hinter mir her. »Halt auf!« schrie ich ebenfalls, den schwarzgekleideten Herrn im Wagen meinend.

»So geht's nicht«, sagte ein Mann und faßte mich beim Kragen; »ich kenn' einen Pfiff, der zwei solche wert ist.«

»Laßt mich los!« donnerte ich, mit ihm kämpfend, aber er hielt mich nur um so fester. Ich riß mich mit ihm herum, bis mein Rock und Hemd in Stücken waren, aber vergebens; das Volk hatte sich um uns versammelt, und ich war eingeschlossen. Die Sache verhielt sich so: ein Taschendieb hatte, als ich eben vorüberlief, seinem Berufe obgelegen, und nun wurde durch meine Eile und den Verlust des Hutes der Verdacht auf mich gelenkt. Die Polizei bemächtigte sich meiner, umsonst berief ich mich auf meine Unschuld, man schleppte mich nach Marlboroughstreet vor den Richter. Als ich daselbst, von zwei Polizeibeamten aus Bowstreet geführt, erschien, konnte mein Äußeres gewiß nicht zu meinen Gunsten sprechen: meine Kleider waren in der größten Unordnung, Rock und Hemd in Fetzen, und der Hut fehlte ganz.

»Wen bringt Ihr da?« fragte der Richter.

»Einen Taschendieb, Sir«, war die Antwort.

»Aha, einen aus der Hefe. Sind Zeugen da?«

»Ja, Sir«, sagte ein junger Mann und trat vor: »Ich ging eben Bowstreet hinauf, da fühlte ich ein Zerren an der Tasche, und als ich mich umwandte, lief dieser Kunde davon.«

»Könnt Ihr auf diese Person schwören?«

Dutzende waren zu schwören bereit, daß ich die Person sei, die man habe davon laufen sehen.

»Nun, Sir, habt Ihr etwas zu Eurer Verteidigung zu sagen?« wandte sich der Richter an mich.

»Ja, Sir«, erwiderte ich; »allerdings rannte ich die Straße hinab, auch kann es sein – ich weiß nichts davon und kümmere mich nichts darum – daß man diesem Menschen die Tasche bestohlen hat, aber ich habe es nicht gethan. Ich bin ein Gentleman.«

»Diesen Rang giebt sich Eure ganze Sippschaft«, versetzte der Richter, »wollt Ihr mir etwa sagen, weshalb Ihr die Straße hinunterranntet?«

»Ich lief einem Wagen nach, Sir, um mit der Person zu sprechen, die darin saß.«

»So, wer war denn diese Person?«

»Das weiß ich nicht, Sir.«

»Wofür hattet Ihr einem Menschen nachzulaufen, den Ihr nicht kanntet?«

»Es geschah wegen seiner Nase

»Wegen seiner Nase?« rief der Richter zornig. »Wollt Ihr Euern Scherz mit mir treiben, Bursche? Jetzt folgt Eurer eigenen Nase, und zwar ins Gefängnis! Schreibt ihm einen Verhaftsbefehl!«

»Wie es Ihnen beliebt, Sir«, erwiderte ich; »aber ich habe Ihnen bei alledem die Wahrheit gesagt. Wenn Sie mir ein paar Zeilen gestatten wollen, so will ich meine Achtbarkeit bald bewiesen haben. Ich fordere das als Gerechtigkeit.«

»Es sei«, entschied der Richter; »laßt ihn innerhalb der Schranken niedersitzen, bis die Antwort kommt.«

Es dauerte keine ganze Stunde, so beantwortete der Major Carbonnell mein Billet durch seine persönliche Erscheinung. Ihn begleitete Tim, der, während Carbonnell auf den Richter zuging, die Polizeidiener mit zornigem Tone fragte, was sie seinem Herrn gethan hätten. Dies überraschte sie, noch mehr aber waren sie und der Richter bestürzt, als der Major erklärte, ich sei sein genauer Freund, Mr. Newland, ein Mann, der zehntausend Pfund jährlich besitze, und in der fashionabeln Gesellschaft so wohlbekannt sei, als irgend ein junger Mann von Vermögen in der Stadt. Der Richter setzte dem Major den Vorfall auseinander, und fragte ihn, ob vielleicht mein Verstand ein wenig aus den Fugen sei; der Major aber, der nun den Grund meines sonderbaren Betragens merkte, sagte ihm, ich habe eine Beleidigung von jemandem erlitten und gebe mir alle Mühe, mich der Person zu bemächtigen, die mir ausweiche und eben in jenem Wagen gewesen sein müsse.

»Nach Ihrer Erklärung, Major Carbonnell«, versetzte der Richter, »werde ich mich als Magistratsperson genötigt sehen, Ihrem Freund, Mr. Newland, den Friedenseid aufzuerlegen.«

Ich ließ mir das gefallen, der Major und Timothy mußten unterschreiben, und ich wurde freigelassen. Der Major bestellte eine Mietskutsche, in der er mir unterwegs die Tollheit meines Betragens vorhielt und das Versprechen, in Zukunft vernünftig zu handeln, abnahm. So endigte dieses Abenteuer; ich nahm mich eine kurze Zeit in acht, sah auch nicht mehr so begierig in die Karossen hinein, aber doch verfolgte mich der alte Gedanke unausgesetzt und machte mich oft sehr schwermütig.

Etwa einen Monat schlenderte ich mit dem Major herum, der mich nachgerade in dem bewußten Punkte für verrückt hielt, weshalb er mich selten allein ausgehen ließ, – da erblickte ich den dunkelbraunen Wagen und wiederum jenen Herrn darin.

»Da ist er, Major!« rief ich.

»Wer?« fragte er.

»Der Mann, der meinem Vater so ähnlich sieht.«

»Was? in diesem Wagen? das ist der Bischof von E..., Freundchen. Was haben Sie für eine wunderliche Idee in Ihrem Kopfe, Newland? das grenzt ja nahezu an Wahnsinn. Starren Sie nicht so dorthin! kommen Sie.«

Immer noch sah ich mit ganz rückwärts gekehrtem Kopfe dem vorbeigefahrenen Wagen nach, bis er mir völlig aus den Augen verschwand, aber ich wußte nun wenigstens, wer die rätselhafte Erscheinung war, und beruhigte mein Gemüt, indem ich mir vornahm, seine Adresse ausfindig zu machen, um ihn besuchen zu können. Timothy wurde alsbald von der Neuigkeit in Kenntnis gesetzt; sodann sah ich im Adreßbuche nach des Bischofs Stadtadresse. Am andern Tag nach dem Frühstück machte ich meine Toilette mit der äußersten Sorgfalt, entschuldigte mich bei dem Major, und begab mich nach Portland-Place.

*

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