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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Wir kapitalisieren unsere Gewinnste, halten es aber für ein überverdienstliches Werk, unsere Verluste zu bezahlen. Bei meinem Suchen folge ich dem alten Sprichwort: »Der Nase nach!«

————

Sobald wir auf der Straße waren, fragte ich den Major nach den Gründen seines Benehmens. »Nicht ein Wort, Freundchen«, sagte er, »bis wir zu Hause sind.«

Daselbst angekommen, warf er sich in einen Stuhl, legte die Beine übereinander und begann: »Sie werden bemerkt haben, Newland, wie sehr ich darüber wache, daß Sie nichts thun, was Ihrem Charakter nachteilig sein könnte. Was den meinigen betrifft, so vermöchte ihn alle Redlichkeit auf der ganzen Erde nicht wieder herzustellen; nur eine Lordschaft ist imstande, mich in dieser Welt wieder zurechtzusetzen, und die Pairskrone wird auch der Sünden Menge decken. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, unsern Finanzen einen Zuwachs zu verschaffen, der sich auch, ehe wir von Cheltenham abgehen, noch beträchtlich vermehren soll. Sie haben hundert und achtundzwanzig Pfund gewonnen.«

»Allerdings«, erwiderte ich; »aber Sie haben ebenso viel verloren.«

»Nicht zu leugnen; da ich jedoch in der Regel meine Verluste niemals bezahle, so sehen Sie wohl ein, daß es eine Gewinn-Spekulation ist, so lange wir gegen einander spielen.«

»Ich begreife; aber bin ich dann nicht Ihr Helfershelfer?«

»Nein. Sie bezahlten, wenn Sie verloren, und nahmen Ihr Geld, wenn Sie gewannen. Überlassen Sie es mir, meine Ehrenschulden abzumachen.«

»Sie treffen aber Ihren Gegner morgen Abend wieder.«

»Ja, und zwar um ihm Revanche zu geben. Das will ich Ihnen sagen: ich hätte nie geglaubt, daß wir zwei so schlechte Spieler im Klub treffen würden. Jetzt müssen wir zusammen gegen sie spielen, und werden natürlich auf die Dauer gewinnen. Auf diese Weise komme ich dazu, ihm meine Schuld zu bezahlen, während Sie gewinnen und Geld einstreichen.«

»Ah, wenn Sie ihm eine Chance offen lassen wollen, dann habe ich nichts dagegen einzuwenden, das ist ganz billig.«

»Verlassen Sie sich darauf, Newland, wenn ich weiß, daß Leute so schlecht spielen, wie diese da, so werde ich's ihnen nicht verweigern; setzen wir uns aber mit anderen zusammen, so bleibt's beim alten: wir müssen gegeneinander spielen, und ich bleibe schuldig. Ich sagte dem Burschen ja, daß ich nicht bezahlen würde.«

»Ja, aber das hält er für einen Scherz.«

»Dann ist's seine Schuld: es war mein Ernst. Ich hätte das nicht so anfangen können, wenn Sie nicht als ein junger Mann von zehntausend Pfund jährlich bekannt wären, von dem man voraussetzt, daß er sich von mir ausbeuten lasse. Ich sage Ihnen das ganz aufrichtig, – und nun gute Nacht.«

Ich dachte, während ich mich entkleidete, über die Sache nach. Es war kein ehrliches Spiel. Freilich, ich bezahlte, wenn ich verlor, und zog gebührendermaßen das Geld ein, wenn ich gewann; dennoch wollte es mir nicht in den Kopf. Da fielen mir die Banknoten ins Auge, die auf dem Tische lagen, und siehe, ich war beruhigt. Ach, wie bald sind unsere Bedenklichkeiten gestillt, wenn wir Geld bedürfen! Wie mancher, umgeben von Glück und Überfluß, von keiner Versuchung angetastet, errötete schon bei dem bloßen Gedanken an eine Unredlichkeit; mit Abscheu hob er die Hände empor, wenn er hörte, daß andere derselben schuldig befunden wurden und doch beging er später, von widrigen Schicksalen bedrängt, dieselben Handlungen, die er einst so laut verurteilt hatte. Wie manches Mädchen, die ihren Unwillen, ihre Verachtung über eine Gefallene nicht stark genug auszudrücken wußte, ist in der Prüfungsstunde selbst gefallen. Darum laßt uns Liebe üben; keiner kann sagen, wozu er durch Umstände gebracht werden kann, und wenn wir die Größe eines Fehltrittes eingestehen müssen, so laßt uns Trauer und Mitleid eher als Entrüstung fühlen, laßt uns beten, daß wir nicht auch in Versuchung geführt werden möchten.

Wie wir verabredet, gingen wir am andern Abend wieder in den Klub und fanden die beiden Herren gleich bereit, es mit uns aufzunehmen. Diesmal weigerte sich der Major, anders als mit mir zusammen zu spielen, da ich solches Glück habe. Die Gegner machten keine Einwendung. Wir setzten uns, und spielten bis vier Uhr morgens. Anfangs wurden trotz unseres guten Spiels die Gegner vom Glück begünstigt, aber bald schlug es um, und das Ergebnis des Abends war, daß der Major einen Überschuß von vierzig Pfund hatte, während mein Gewinn nicht weniger als hundert und siebzig betrug. So hatten wir denn in zwei Nächten dreihundert zweiundvierzig Pfund gewonnen. Dies setzten wir beinahe drei Wochen lang fort und verließen Cheltenham mit einer Summe von achthundert Pfund. Der Major, der nur bezahlte, wenn es ihm angemessen schien, hatte ungefähr hundert und zwanzig Pfund sitzen lassen, und zwar bei Irländern, welche keinen Spaß verstehen.

Ich schlug ihm vor, die andern Spielschulden auch zu bezahlen, da wir immer noch einen reichlichen Überschuß behalten würden.

»Geben Sie mir das Geld«, sagte er.

Ich that es.

»Nun«, versetzte er, »so weit wären denn Ihre Bedenklichkeiten beseitigt, indem Sie sich streng ehrlich nennen dürfen; aber, mein lieber Junge, wüßten Sie, wie viele Schulden dieser Art bei mir ausstehen, von denen ich nie einen Heller sah, so würden Sie wie ich empfinden, daß es außerordentlich thöricht ist, sein Geld herzugeben. Ich habe alles aufgeschrieben, werde vielleicht mit der Zeit bezahlen – wenn's mir möglich ist; aber für den Augenblick ist das entschieden nicht der Fall.« – Er steckte die Banknoten zu sich, und wir sprachen nicht mehr darüber.

Die Pferde waren auf den andern Morgen bestellt; wir saßen eben am Frühstück, als Timothy zu mir trat und mir ein Zeichen gab, daß ich hinauskommen möchte. Ich folgte ihm.

»O Japhet«, sagte er, »ich kann nicht umhin – ich muß Dir's sagen – da ist ein Herr mit – –«

»Mit was?« rief ich hastig.

»Mit Deiner Nase, Japhet, ganz mit der nämlichen – auch hat er sonst sehr viel Ähnlichkeit mit Dir und ist gerade so alt, als Dein Vater sein könnte.«

»Wo ist er, Timothy?« rief ich ganz im alten Drang und Feuer.

»Drunten! eben steigt er in eine vierspännige Postchaise, die an der Thüre hält.«

Mit der Serviette in der Hand rannte ich hinab, zum Hotel hinaus. Da saß er im Wagen, dessen Thür soeben der Portier zuschloß. Ich blickte ihn an. Er war mir, wie Timothy gesagt hatte, sehr ähnlich, seine Nase ganz die meinige. Ich stand atemlos da und starrte ihn fortwährend an.

»Alles fertig!« rief der Hausknecht.

»Ich bitte um Vergebung, Sir«, – redete ich den Herrn in der Postchaise an, der mich wegen meiner Serviette wahrscheinlich für einen Kellner hielt, denn er erwiderte ganz kurz: »Ich habe Euch schon bedacht«, – zog das Fenster auf, und fort rollte der Wagen, meinem Schenkel mit der Nabe des Hinterrades einen so heftigen Stoß versetzend, daß ich nur mit Mühe zu unsern Gemächern hinaufhinken konnte, wo ich mich halb wahnsinnig und verzweiflungsvoll auf das Sofa warf.

»Himmel! was giebt es, Newland?« rief der Major.

»Ich habe meinen Vater gesehen«, sagte ich ganz schwach.

»Ihren Vater, Newland? Sind Sie närrisch? Er ist ja gestorben, ehe Sie ihn mit den Augen unterscheiden konnten; wenigstens sagten Sie mir so. Wie wollten Sie ihn denn jetzt, selbst wenn es sein Geist gewesen wäre, wie wollten Sie ihn erkannt haben?«

Diese Worte machten mir meine Unbesonnenheit fühlbar. »Major«, erwiderte ich, »ich glaube, ich bin sehr thöricht; aber er sah mir so ähnlich, und ich habe mich so oft nach meinem Vater gesehnt, habe so lange schon gewünscht, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, daß – daß – ich bin ein großer Narr, das ist alles.«

»Sie müssen in die andere Welt gehen, mein lieber Junge, wenn Sie ihn von Angesicht sehen wollen, das ist klar; drum denke ich, Sie werden nach einiger Überlegung geneigt sein, diese Reise noch aufzuschieben. Oft schon hab' ich Sie im Schlafe von Ihrem Vater reden hören und mich gewundert, daß Sie so viel an ihn denken.«

»Ich kann nicht anders«, versetzte ich. »Seit meinen frühesten Tagen lag mir mein Vater im Sinn.«

»Da kann ich nur sagen, daß selten ein Sohn so treu seines Vaters Andenken hegt; aber nun endigen Sie Ihr Frühstück und dann fort nach London!«

Ich that, wie er sagte, und bald befanden wir uns auf der Londoner Straße. Ich versank in Träumereien; beschäftigt von dem Wunsch, diesen Mann wieder zu finden, hatte ich leise meinem Timothy den Auftrag gegeben, von den Postillonen zu erfahren, welche Weisungen er auf der letzten Station erteilt habe. Da der Major mich nicht redselig fand, machte er nur einige wenige Bemerkungen; aber eine davon war mir auffallend. »Windemear«, sagte er, »warf, wie ich mich erinnere, eines Tages, da ich Sie lobte, ganz nachlässig hin, Sie seien ein tüchtiger junger Mann, nur in einem Punkt ein wenig tête montée. Ich glaube nun zu sehen, was er damit sagen wollte.« – Auf diese Bemerkung erwiderte ich nichts, aber ich fand es doch seltsam, und es war auch wirklich so, daß der Major nach dieser Seite hin gar nichts merkte. Ein paarmal hatten wir von meinen Angelegenheiten gesprochen, wobei ich ihn aber mehr durch indirekte Antworten, als durch positive Versicherungen auf den Glauben brachte, daß meine Eltern sehr früh gestorben seien, und daß ich, einmal volljährig, ein großes Vermögen antreten würde. Die Hauptsache aber war, daß der Major, ein Meister im Betrügen, sich nicht im entferntesten träumen ließ, er könne von einem so jungen, einnehmenden, offenherzigen Manne getäuscht worden sein. Eigentlich hatte er sich selbst betrogen; seine Meinung von meinem Vermögen war aus jener Frage entsprungen, ob er den Namen Japhet mit jährlichen zehntausend Pfund verschmähen würde. Lord Windemear hatte es nicht für nötig erachtet, ihn mit meiner wahren Geschichte, die er selbst nur im Vertrauen erfuhr, bekannt zu machen. Er ließ den Dingen ihren Lauf und mir die Wahl meines Weges durch die Welt. – So überlisten sich die Schlauesten, und mit den Augen, die gegen fremden Trug so offen stehen, sind sie ganz blind, wenn es gilt, sich selbst zu betrügen.

Timothy konnte auf der letzten Station nichts in Erfahrung bringen, als daß die Postchaise in der Richtung nach London gefahren sei. Wir kamen in später Nacht daselbst an, und erschöpft, wie ich war, that es mir wohl, ins Bett zu kommen.

*

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