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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Zwanzigstes Kapitel

Ich eröffne mir einen Kredit, ziehe starke Summen auf die Firma Leichtgläubigkeit, und mein Unternehmen glückt ohne Bankerott.

————

Ich setzte mich zu den Papieren nieder, welche alsbald meine Aufmerksamkeit wunderbar erregten. Ein Geheimnis! – ja wohl, ein Geheimnis, woran Ruf und Ehre der hochgestelltesten Familien hing, ein Geheimnis, das von der tausendzüngigen Göttin zur Schmach der ganzen Aristokratie ausposaunt werden konnte. Hier hätte es bittere Thränen entlockt, dort eine kleinliche Bosheit gekitzelt; den Groll der Rachsüchtigen hätte es befriedigt und unter der Schmach den Unschuldigen samt dem Schuldigen zu Boden gedrückt. Es ist nicht nötig, auch könnte ich mich unter keiner Bedingung dazu entschließen, mich weiter darüber auszulassen. Als ich die Dokumente durchgelesen hatte, versank ich in tiefes Sinnen. Das ist allerdings ein Geheimnis, dachte ich, und zwar eines, womit ich gern verschont geblieben wäre. In einem despotischen Reiche würde mein Leben das Opfer dieser unseligen Kunde werden; hier hab' ich, Gott sei Dank, für Leben und Freiheit nichts zu fürchten.

Der Inhalt der Papiere gab mir genügenden Aufschluß, um die angenommene Rolle durchführen zu können. Derjenige, dessen Person ich vorstellte, hatte als eventueller Erbe in gerader Linie mit diesen Aufzeichnungen bekannt gemacht werden sollen. Es handelte sich nämlich darum, ob er, gleich andern Verwandten willens sei, seine Rechte aufzugeben, damit der Tod ein Verbrechen in Vergessenheit begraben könnte. Ich fühlte, daß ich in seiner Lage diesen Entschluß fassen würde, und war somit vorbereitet, dem Lord meine Willensmeinung zu erklären. Ich versiegelte die Papiere wieder, kleidete mich an und begab mich zur Tafel. Als diese vorüber war, sagte Lord Windermear, nachdem er erst den Schlüssel in der Thür umgedreht, mit leiser Stimme: »Du hast nun die Papiere gelesen; Du kennst die Entschlüsse der andern, die bei dieser jammervollen Angelegenheit so gut beteiligt sind, wie Du. Sage mir, was ist Deine Ansicht?«

»Meine Ansicht ist die, mein Lord, daß ich die Aufschlüsse dieses Tages lieber niemals erfahren hätte, daß es sehr geraten sein würde, den Gegenstand gar nicht mehr zu berühren, endlich, daß die gemachten Vorschläge durchaus geeignet und ausführungswürdig sind.«

»Nun ist's gut«, versetzte der Lord; »nun sind alle einig, und ich bin stolz darauf, so viel Ehrenhaftigkeit und richtiges Gefühl bei Dir zu finden. Von jetzt an soll die Sache tot sein zwischen uns. Hast Du Lust, die Stadt mit mir zu verlassen, oder was ist Dir sonst genehm?«

»Ich würde vorziehen, hier zu bleiben, wenn Euere Herrlichkeit mich bei einigen Familien Ihrer Bekanntschaft einführen wollten. Natürlich kenne ich jetzt niemanden mehr.«

»Das versteht sich. Ich will Dich verabredetermaßen unter dem Namen Newland einführen. Es wird am besten sein, mit keinem von unsern Verwandten anzuknüpfen. Ich habe sie im Glauben gelassen, daß Du immer noch auf Reisen seiest, und da wird es, sobald Du Deinen rechten Namen wieder annimmst, zu Verlegenheiten führen. Willst Du Deine Mutter besuchen?«

»Unmöglich, mein Lord! Wenigstens für den Augenblick. Später hoffe ich, dazu imstande zu sein.«

»Vielleicht ist es am besten so. Jetzt will ich ein Billet an Major Carbonnell schreiben, Dich als einen besonderen Freund von mir empfehlen und ihn ersuchen, Dir den Aufenthalt hier angenehm zu machen. Er kennt jedermann und wird Dich überall hinführen.«

»Wann gehen Eure Herrlichkeit aufs Land?«

»Morgen; also werden wir wohl diese Nacht Abschied nehmen. Nebenbei gesagt, Du hast Kredit bei Drummond für tausend Pfund auf den Namen Newland. Je länger Du damit reichst, desto besser.«

Darauf erhielt ich das Empfehlungsschreiben, gab ihm das versiegelte Paket zurück und schied unter Händedrücken von ihm.

»Nun, Sir«, rief Timothy unruhig; »was giebt's Neues? ich sterbe vor Neugier. Wie lautet denn das Geheimnis?«

»Das Geheimnis, lieber Tim, das muß Geheimnis bleiben; nicht einmal Dir darf ich es mitteilen«, – Timothy machte ein ernsthaftes Gesicht, als er dies hörte. – »Nein, Tim, als Mann von Ehre kann ich's nicht.« – (Mein Gewissen schlug mich, als ich diesen Ausdruck brauchte, denn als Ehrenmann hätte ich gar nichts von dieser Angelegenheit wissen sollen.) – »Mein lieber Tim, Unrecht hab' ich bereits: laß mich nicht noch ärger sündigen.«

»Ich will mich zufrieden geben, Japhet; aber sag' mir nur, was ist vorgefallen, und was willst Du thun?«

»Mit Vergnügen erzähl' ich Dir's, Timothy.« – Nun berichtete ich ihm den ganzen Auftritt zwischen dem Lord und mir. »Du siehst also«, schloß ich, »daß ich erlangt habe, was ich wünschte, Zutritt in die beste Gesellschaft.«

»Und die Mittel, Deine Rolle durchzuführen!« gab Tim zurück, der sich die Hände rieb. »Tausend Pfund, das wird eine Weite vorhalten.«

»Eine gute Weile wird's vorhalten, Tim, denn ich werde das Geld nicht anrühren. Das hieße schwindeln.«

»Ja so!« sagte Tim und machte ein langes Gesicht; »es ist wahr; daran hab' ich freilich nicht gedacht.«

»Ich habe noch viel weiter gedacht, lieber Tim. Erinnere Dich, daß ich in ganz kurzer Zeit Lord Windermear gegenüber bloßgestellt sein werde; denn der eigentliche Mr. Neville wird bald nach Hause kommen.«

»Du lieber Himmel! Was wird aus uns werden?« rief Tim erschrocken.

»Dir kann kein Leid geschehen, Tim; der ganze Zorn wird auf mich fallen. Aber ich bin vorbereitet, ihm die Stirn zu bieten; ja, zweimal so viel wollt' ich um die entfernteste Hoffnung, meinen Vater zu finden, über mich ergehen lassen. Was auch Lord Windermear gegen mich vorzunehmen geneigt sein möchte, er wird alsbald fühlen, daß ihn die Hände gebunden sind, und dies Geheimnis verbürgt mir sogar noch mehr als meine Sicherheit; es verschafft mir seinen Schutz, sobald ich ihn verlange.«

»Ich will's hoffen«, sagte Timothy; »aber es geht mir ein wenig kühl den Rücken hinauf.«

»Mir nicht! Morgen will ich das Empfehlungsschreiben abgeben und dann meinen Plan verfolgen. Also für jetzt gute Nacht, lieber Tim.«

Am andern Morgen verlor ich keine Zeit, meinen sozialen Paß bei Major Carbonnell abzugeben, der seine Wohnung im ersten Geschoß eines Hauses in St. Jamesstreet hatte, wo ich ihn, mit einem seidenen Schlafrock bekleidet, beim Frühstück fand. Ein wenig Freiheit im Betragen sollte mir ein fashionables Aussehen geben. Daher blickte ich ihn, als ich eintrat, mit selbstbewußter Miene an, legte ihm den Brief nachlässig auf den Tisch mit den Worten: »Da bring' ich Ihnen etwas zu lesen, Major, – indessen will ich mich auf diesem Stuhl ein wenig ausruhen«, – und, das Wort mit der That begleitend, warf ich mich in einen Sessel, wo ich mir die Unterhaltung machte, mit meinem Stöckchen an die Stiefel zu klopfen.

Major Carbonnell, auf den ich während seines Lesens verstohlene Blicke warf, erschien mir als ein großer, wohlgebildeter, unleugbar fashionabler Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, vorteilhaften Aussehens, nur daß ihn sein Backenbart entstellte, der sich bis in die Mundwinkel zog und unten am Halse zusammentraf. Seine Wäsche war bewunderungswürdig rein und sorgfältig geordnet. An den Fingern trug er so viele Ringe und über dem Anzug, als dieser nachher vollendet war, so viele Ketten und Geschmeide, als nur jemals eine Dame anzulegen pflegt.

»Mein teurer Herr, gönnen Sie mir die Ehre, auf den ersten Augenblick die allervertrauteste Bekanntschaft mit Ihnen zu machen«, sagte er, mit ausgestreckter Hand sich vom Stuhl erhebend. »Jeden Freund von Lord Windermear heiße ich willkommen, doppelt aber, wenn ihm seine eigene Empfehlung so ins Gesicht geschrieben ist.«

»Major Carbonnell«, entgegnete ich, »erst seit zwei Minuten seh' ich Sie, und schon fühle ich mich außerordentlich zu Ihnen hingezogen, eine Neigung, welche zweifelsohne von meinem Urteil zeugt. Sie werden wissen, daß ich soeben von Reisen zurückkomme?«

»Ich ersehe es aus Seiner Herrlichkeit Zeilen. Mr. Newland, meine Zeit ist vollständig Ihnen gewidmet. Wo sind Sie abgestiegen?«

»In der Piazza.«

»Sehr gut; ich will heute mit Ihnen speisen. Bestellen Sie Mulligatawny; das verstehen Sie dort famos. Nach Tische wollen wir ins Theater gehen.«

Ich war etwas überrascht von dieser kaltblütigen Art, sich bei mir einzuladen und das Mahl anzuordnen; aber im Augenblick hatte ich meinen Mann erkannt.

»Major, das sieht beinahe aus wie eine Beleidigung. Sie wollen heute mit mir speisen! Erlauben Sie mir zu sagen, Sie müssen es jeden Tag, sobald wir nicht anderswo eingeladen sind. Auch werde ich außerdem, Sir, ernstlich ungehalten sein, wenn Sie nicht, so oft Sie bei mir speisen, das Diner anordnen und jedermann mitbringen, den Sie für würdig halten, seine Füße unter unsern Tisch zu stecken. Lassen Sie uns nichts halb thun, Major; ich kenne Sie nun schon so gut, als ob wir seit zehn Jahren die vertrautesten Freunde wären.«

Der Major faßte meine Hand. »Mein teurer Newland, ich wünsche nur, wir hätten einander schon zehn Jahre lang gekannt! Der Verlust ist auf meiner Seite. Aber jetzt – Sie haben vermutlich schon gefrühstückt?«

»Ja; da ich nichts zu thun hatte und infolge meiner langen Abwesenheit keine Seele kannte, so hab' ich das zwei Stunden früher abgethan, um Sie zu Hause zu treffen; also zu Ihren Diensten.«

»Vielmehr zu den Ihrigen. Ich denke, Sie werden ausgehen wollen. In zehn Minuten bin ich fertig. Nehmen Sie eine Zeitung, pfeifen Sie eine, zwei Arien, oder thun Sie, was Ihnen beliebt, nur um zehn Minuten totzuschlagen – dann stehe ich zu Befehl.«

*

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