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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Neunzehntes Kapitel

Ein wichtiges Kapitel. Ich mache wichtige Bekanntschaften, erhalte wichtige Papiere, und bin nichtswürdig genug, sie zu lesen.

————

Timothy, dem ich am Morgen meinen Traum erzählte, lachte herzlich über den Finger der Vorsehung; als er aber sah, daß mich das ärgerte, stellte er sich ebenfalls überzeugt. Nach dem Frühstück ließ ich mir Lord Windermears Hausnummer angeben und schrieb dann Seiner Herrlichkeit die einfache Anzeige: » Japhet Newland ist von seiner Reise zurück. – Piazza, Coventgarden.« Mit der Besorgung derselben wurde Timothy betraut. Ich selbst begab mich mit dem andern Briefe zu Mr. Masterton nach Lincolns Inn, wo dieser rechtsgelehrte Herr, wie ich aus der Namenliste ersah, im ersten Stock seine Wohnung hatte. Ich zog die Glocke, und es war, als hätte ich »Sesam, öffne dich!« gerufen, so plötzlich sprang die Thüre auf, ohne daß ein Mensch dabei zum Vorschein gekommen wäre. Nachdem ich durch ein Vorzimmer gegangen, befand ich mich vor Herrn Masterton; einem kleinen alten Manne, der eine Brille auf der Nase, an einem mit Papieren bedeckten Tische saß. Er bot mir einen Stuhl, und ich überreichte ihm den Brief.

»Mr. Neville, wie ich sehe«, begann er, als er gelesen. »Ich wünsche Ihnen Glück zur Heimkunft. Sie werden sich meiner wohl nicht mehr erinnern?«

»Aufrichtig gestanden, Sir, ich könnte mich nicht rühmen.«

»Ich durfte es auch nicht erwarten, mein lieber Sir, Sie sind so gar lange fortgewesen. Sie haben sich sehr vorteilhaft verändert, das muß ich sagen, wenn ich an ihr Aussehen denke, das mir von Ihrer Knabenzeit her noch ganz wohl erinnerlich ist. Ohne Schmeichelei, ich hätte mir nicht träumen lassen, daß Sie ein so hübscher Mann werden würden.« – Ich verbeugte mich. – »Haben Sie Nachricht von Ihrem Onkel?«

»Ich erhielt ein paar Zeilen von Lord Windermear, als Couvert zu Ihrem Briefe.«

»Ich hoffe, er ist wohl?«

»Ganz wohl, so viel ich weiß.«

Nun erhob sich Herr Masterton und holte mir aus einem eisernen Schrank ein Paket Papiere. »Sie werden dies mit Interesse lesen, Mr. Neville. Ich habe Anteil an der ganzen Unterhandlung, daher ich mir die Freiheit nehmen muß, Ihnen zu raten, Sie möchten im Lande nicht unter Ihrem Namen auftreten, ehe die ganze Sache beigelegt ist. Ihr Oheim hat wie ich lese, die gleiche Bitte gethan.«

»Ich habe bereits eingewilligt, Sir; ich führe einen angenommenen Namen.«

»Darf ich darnach fragen?«

»Ich nenne mich Mr. Japhet Newland.«

»Klingt etwas ungewöhnlich, ist aber am Ende so gut, wie jeder andere Name. Ich will ihn notiren für den Fall, daß ich Ihnen zu schreiben hätte. Ihre Adresse?«

»Piazza, Coventgarden.«

Herr Masterton zeichnete beides auf, während ich die Papiere zu mir steckte; dann nahmen wir unter vielen freundschaftlichen und verbindlichen Worten Abschied von einander.

Ich kehrte ins Hotel zurück, wo mich Timothy mit Ungeduld erwartete. »Japhet«, sagte er, »Lord Windermear hat die Stadt noch nicht verlassen. Ich hab' ihn gesehen, er schickte mir den Bedienten nach, um mich zurückholen zu lassen. Im Augenblicke wird er hier sein.«

»Wirklich? Sag' mir doch, was ist er für ein Mann? Was hat er zu Dir gesagt?«

»Er ließ mich ins Speisezimmer kommen, wo er eben frühstückte, und fragte mich allerlei über Deine Ankunft, Dein Befinden, wie lange ich in Deinen Diensten sei, und dergleichen. Ich sagte ihm, ich trüge Deine Livree erst seit ein paar Tagen. Dann trug er mir auf, Mr. Newland zu melden, daß er ihn in zwei Stunden besuchen würde. – ›Da muß ich geschwinde gehen, mein Lord‹, versetzte ich, ›damit er aufsteht‹. – ›Der Siebenschläfer‹, sagte er, ›fast ein Uhr und noch im Bette! Nun, so geht und kleidet ihn an, so schnell Ihr könnt.‹«

Während wir noch sprachen, fuhr eine schöne Equipage mit Schimmeln vor. Seine Herrlichkeit ließ durch den Bedienten fragen, ob Mr. Newland zu Hause sei. Der Kellner antwortete, es wohne seit ein paar Tagen ein junger Gentleman hier, der von Reisen komme und dessen Name mit N anfange. – »Das trifft zu; laß den Tritt nieder, James.« Seine Herrlichkeit stiegen aus und wurden die Treppen herauf in mein Zimmer geführt. Da standen wir, einer den andern anstarrend.

»Lord Windermear, glaub' ich«, sagte ich, und streckte ihm die Hand entgegen.

»Du hast mich zuerst erkannt, John«, erwiderte er, ergriff meine Hand und sah mir aufmerksam ins Angesicht. »Guter Gott! ist's möglich, daß ein abstoßender Knabe zu einem so hübschen Burschen herangewachsen sein soll? Ich kann stolz auf meinen Neffen sein. Erkanntest Du mich bei meinem Eintreten?«

»Aufrichtig gesagt, nein, mein Lord; aber da ich Sie erwartete, so konnte ich mir wohl denken, daß Sie es seien.«

»Neun Jahre machen einen gewaltigen Unterschied, John, – aber ich vergaß – ich muß Dich jetzt Japhet nennen. Hast Du neuerdings viel in der Bibel gelesen, daß Du auf den wunderlichen Namen gekommen bist?«

»Nein, mein Lord, aber dies Hotel ist eine solche Noahs-Arche, daß mich's nicht wunderte, wenn ich darauf verfiel.«

»Du pflichtvergessener Bursche, nicht nach Deiner Mutter zu fragen.«

»Eben wollte ich –«

»Ja, ja, ich verstehe schon!« unterbrach mich Seine Herrlichkeit; »aber bedenke, John, daß sie bei alle dem Deine Mutter ist. Nicht zu vergessen – hast Du die Papiere gelesen?«

»Noch nicht, mein Lord«, versetzte ich, nach dem Nebentische deutend, da liegen sie. »Ich habe keine große Lust, die Siegel zu erbrechen.«

»Freilich enthalten sie nicht eben die angenehmsten Nachrichten«, erwiderte der Lord, »aber ehe Du sie gelesen hast mag ich nichts über die Sache mit Dir reden. Also« – fuhr er fort, nahm das Paket und brach die Siegel auf – »also muß ich darauf bestehen, daß Du den Vormittag zu dieser Lektüre verwendest. Du speisest um sieben Uhr bei mir, dann wollen wir die Sache durchsprechen.«

»Nun gut, ich will sie ja lesen, wenn sie es wünschen.«

»Ich muß darauf bestehen, John; Dein Betragen überrascht mich, da Dich die Sache so nahe angeht.«

»Ich gehorche Ihren Befehlen, mein Lord.«

»Recht, mein Junge! so will ich Dir denn guten Morgen sagen, damit Du Dein Pensum bis zum Essen fertig hast. Morgen, – das heißt, wenn Du es gerne thust – aber Du kannst darauf zählen, daß ich junge Leute in solchen Sachen nicht drängen mag, ich weiß wohl, es ist ihnen oft ein lästiger Zwang – also, wenn Du es wünschest, so kannst Du morgen Deinen Koffer schicken und Dein Quartier bei mir aufschlagen. – Ei, sag' mir doch«, unterbrach er sich auf einmal und legte die Hand an meinen Rock: »Wer hat den gemacht?«

»Der Schneider Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs von Darmstadt war so glücklich, mein Lord.«

»Hm! ich dachte, sie verständen's besser in Deutschland; es ist nicht ganz der Schnitt. Wir müssen den Stulz konsultieren, denn bei einer solchen Gestalt und einem solchen Gesichte darf am Rock auch nicht ein Jota fehlen. Auf Wiedersehen, lieber Bursche, um sieben Uhr.«

Er schüttelte mir die Hand, und ich war allein. Kaum war Seiner Herrlichkeit Wagen abgefahren, so trat Timothy ein. »Nun Sir, war Ihr Onkel erfreut, Sie zu sehen?«

»Ja«, erwiderte ich, »und sieh', er hat die Siegel erbrochen; er bestand darauf, ich müsse die Papiere lesen.«

»Es wäre sehr ungehorsam, wenn Du Dich weigertest; also ist's das Gescheiteste, ich überlasse Dich Deiner Beschäftigung«, sagte Timothy lächelnd, indem er aus dem Zimmer ging.

*

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