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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Erstes Kapitel

Wie den meisten Kindern, giebt mir Mammon meinen Paten. Ich mache frühzeitig Lärm und werde einige Tage nach meiner Geburt aufgehängt. Zu rechter Zeit abgeschnitten, verursache ich eine blutige Scene. Meine ersten Neigungen verraten sich am deutlichsten in der Wahl meines Berufes.

————

Wer diesen Blättern die Ehre anthun mag, sie zu durchlesen, der hat nichts von einer langen Einleitung über meine Geburt, Herkunft und Erziehung zu befürchten. Der Titel schon spricht es aus, daß ich über diese Zeit meiner Denkwürdigkeiten betreffs der beiden ersten Punkte in Unwissenheit war, und um meiner Geschichte die gehörige Entwickelung zu geben, wird es nötig sein, daß ich auch den Leser in demselben paradiesischen Zustande lasse; denn beim Lesen einer Erzählung, so gut wie auf dem Pilgergang durchs Leben, darf Nichtwissen des Künftigen als die erste Quelle der Glückseligkeit angesehen werden. Übrigens will ich das Wenige, was aus dieser Zeit historisch ist, mitteilen, so gedrängt und genau, als ich es vermag. Es war in der – wahrhaftig, ich weiß das Datum nicht mehr; nun muß ich aufstehen von meinem Stuhle, nach einem Schlüssel suchen, ein Kabinet und darin einen eisernen Schrank öffnen, um einen Stoß Papiere zu durchfliegen, doch das hält uns zu lange auf! Es wird genug sein, wenn ich sage, es war in einer Nacht – aber ob die Nacht dunkel oder mondhell war, regnerisch oder neblig, wolkig oder klar und sternenhell, das kann ich fürwahr nicht sagen; auch ist es nicht von sehr großer Bedeutung. Also es war in einer Nacht ungefähr um – da bin ich wieder in Verlegenheit, denn ich weiß wahrhaftig so wenig Bestimmtes darüber, ob es zehn, elf, zwölf oder mitten in einer dieser Stunden – ja sogar nach Mitternacht und weit gegen Morgen gewesen sein mag. Der Leser wird ein Kind von – da ist mir schon wieder der Weg verbaut! indessen, wir wollen ein Alter von etlichen Tagen annehmen – ich sage, er wird es entschuldigen, wenn es, in Flanell gewickelt, in einem verdeckten Korbe und, was noch mehr ist, in tiefem Schlafe, den Stand der Witterung und der Kirchenuhr nicht eben pünktlich beobachtete. Ich hatte früher keine Ahnung von der großen Wichtigkeit des Datums bei Erzählung einer Geschichte; jetzt aber ist es zu spät, diese Thatsachen wieder festzustellen, welche die Zeit mit ihren großen Fittigen der Vergessenheit zugeweht hat. So sei denn das Wenige erzählt, was ich weiß, in der Hoffnung, daß des Lesers Nachsicht meine lückenhaften Data entschuldigen werde. Und zwar wie folgt: um die – – Stunde der Nacht vom – – bei dem und dem Wetter, ward ich als Kind von dem und dem Alter, durch eine Person oder mehrere Personen – am Thürklopfer des Findelhauses aufgehängt. Besagte Person oder Personen thaten, nachdem sie mich festgemacht, einen Zug an der Glocke, bei welchem der alte Portier in so großer Eile auffuhr, daß er seiner bessern Hälfte mit der verkehrten Hand einen Schlag auf die Nase versetzte, schwer genug, um diesem Werkzeug eine starke Blutvergießung, aber einen noch viel stärkeren Strom von Invektiven dem unmittelbar darunter befindlichen Organe zu entlocken.

Nachdem alles dieses durch besagten Zug an der Glocke bewirkt worden war, schien es mehrbesagter Person oder Personen geraten, sich alsbald auf die Fersen zu machen, und fort waren sie, lange ehe der alte Portier seine Beine durch die Unterkleider zwängen und dem derben Anruf gehorchen konnte. Endlich stieß der alte Mann den Thorflügel auf und der baumelnde Korb stieß ihn vor die Nase. Er ging hinein, holte ein Messer und schnitt mich ab, denn es war unchristlich, einen Säugling von wenigen Tagen aufzuhängen; dann trug er mich in sein Stübchen, zündete ein Licht an, und öffnete den Korb. Und also bin ich figürlich ans Licht hervorgegangen.

Als er den Korb aufthat, that ich meine Augen auf. Das alte Weib, obgleich ich es nicht bemerkte, stand sehr nachlässig gekleidet am Tische und wusch sich die Nase über einem Becken.

»Wahrhaftig, ein niedliches Bübchen mit schwarzen Augen!« rief der alte Mann mit zitternder Stimme.

»Schwarze Augen, ja wohl!« murmelte das alte Weib; »die werd' ich bis morgen haben.«

»Schöne schwarze Augen, ja wohl!« fuhr der alte Mann fort.

»Schreckliche schwarze Augen, gewiß und wahrhaftig!« sprach das alte Weib, indem sie sich beständig mit dem Schwamm betupfte.

»Armes Ding! es muß frieren«, murmelte der alte Portier.

»Was gilt's, ich habe den Tod vom Frostfieber,« brummte die Frau.

»Aber, Schatz, da ist 'n Papier!« rief der alte Mann.

»Essig und Löschpapier!« gab die Alte zurück.

»An die Direktoren des Spittels«, setzte der Portier hinzu.

»Schick Du zum Spittelapotheker«, keifte seine Frau weiter.

»Und versiegelt«, sagte er.

»Daß er mich kuriert«, maulte sie.

»Das Linnen ist gut; das Kind kann nicht von armen Leuten sein; wer weiß was – « monologisierte der Portier.

»Meine arme Nas'!« rief das alte Weib.

»Ich muß es den Ammen bringen, und den Brief will ich morgen abgeben«, sagte der alte Portier, auf seinen Anteil an diesem doppelten Monolog verzichtend, und humpelte mit dem Korb und meiner Wenigkeit über den Hofplatz fort.

»So, jetzt geht's hoffentlich«, sagte die Alte, wischte ihr Gesicht an einem Handtuche ab und ging wieder ins Bett, wo ihr bald ihr Ehegenosse Gesellschaft leistete; auch beendigten sie ihr Schläfchen, ohne in dieser Nacht weiter unterbrochen zu werden.

Am nächsten Morgen ward ich angezeigt und untersucht; sodann wurde der Brief an die Direktoren des Findelhauses eröffnet und gelesen. Er war lakonisch, aber, wie fast alles Lakonische, gerade auf seinen Zweck losgehend.

»Dieser Knabe ist ehelich geboren. Er soll Japhet heißen. Wenn die Umstände es erlauben, wird er reklamiert werden.«

Dabei war aber noch eine Nachschrift von Abraham Newland, Esq., welche dem Überbringer auf Verlangen fünfzig Pfund zusicherte; um deutlicher zu reden, dem Briefe beigeschlossen war eine Banknote von diesem Betrage. Da in der Regel Leute, welche Kinder in Körben aufhängen, längst ihre Baarleistungen an den Nagel gehängt haben oder jedenfalls sie mit im Korb aufzuhängen vergessen, so machte meine Ankunft keinen geringen Lärm, zu welchem ich das Meinige beitrug, bis ich meinen Anteil an den Brüsten eines jungen Weibes erhielt, welche, eine leibhaftige Charitas, zwei oder drei Kinder zusammen säugte.

Wir haben Vorbereitungsschulen im ganzen Königreiche: für junge Gentlemen von drei bis zu fünf Jahren unter weiblicher, und von vier bis zu sieben unter weiblicher, männlicher oder zusammengesetzter Leitung, wie sich's eben trifft; aber die vorbereitendste aller Vorbereitungsschulen ist sicherlich das Findelhaus, welches seine Zöglinge im Alter von einem bis zu drei Tagen, ja selbst ebenso vielen Stunden aufnimmt, für den Fall, daß die Eltern für deren augenblickliche Erziehung so ausnehmend besorgt sind. Diese beginnt hier mit dem Entwöhnen, wobei man sie im Mysterium des Breiessens unterweist; dann lehrt man sie gehen; und wenn sie das können, müssen sie das Stillsitzen lernen; dann kommt's ans Reden, und können sie das, so lehrt man sie den Mund halten. So werden sie unterrichtet und von einer Abteilung der Anstalt zur andern befördert, bis die Beförderung endlich zu den Thoren hinaus lautet, worauf sie sich, mit den Vorteilen einiger Erziehung und dem noch weit größern, weder Vater noch Mutter versorgen zu müssen, oder von armen Verwandten belagert zu werden, in der Welt vorwärts bringen sollen. So ging es mir. Ich erreichte mein vierzehntes Jahr, und ungeachtet des Versprechens, das jener Brief enthalten hatte, schien es noch immer, daß die Umstände meine Reklamation nicht erlaubten. Aber ich hatte einen großen Vorteil vor den andern Insassen des Hospitals: die Direktoren, die mit meiner Aufführung zufrieden waren und in meine Fähigkeiten den größten Glauben setzten, hatten jene fünfzig Pfund nicht zu den Fonds der Anstalt geschlagen, sondern großmütig zu meinen Gunsten angelegt. Anstatt bei einem Schuster oder andern Handwerkern als Lehrling eintreten zu müssen, nahm mich, auf Verwendung der Direktoren und gegen die fünfzig Pfund samt Zinsen als Prämie, ein Apotheker ins Haus, der sich verpflichtete, mich zu seinem Fach heranzubilden. Und nun ich das Hospital hinter mir habe, wollen wir etwas langsamer vorwärts schreiten.

Der Praktikus, der mich annahm, war ein gewisser Mr. Phineas Kophagus, dessen Haus sehr günstig gelegen war, indem die eine Seite des Ladens gegen Smiethfield-Markt, die andere in die zu demselben führende Hauptstraße sah. Es war ein Eckhaus, und keins, das im Eckchen stand. Zu beiden Seiten des Ladens waren zwei Branntweinschenken und zunächst an ihnen zwei Wirtshäuser, auf welche zwei von Viehmästern, Fleischern und Pferdehändlern besuchte Speisehäuser folgten. Tranken die Leute so viel, um beim Becher in Streit zu geraten, wer war dann so schnell bei der Hand, ihre zerwetterten Köpfe zu pflastern, als Mr. Kophagus? Aß sich ein fetter Viehmäster einen Schlagfluß an, wie gelegen war die allzeit fertige Lanzette des Mr. Kophagus. Stieß ein Stier einen Menschen, gleich war Mr. Kophagus da mit Diachylon und Charpie. Erschreckte ein Ochse eine Dame, so hatte Mr. Kophagus sein Hinterzimmer, wo sie sich von ihrer Ohnmacht erholen konnte. Markttage gaben den wahren Markt für meinen Lehrherrn ab; wenn ein gehetztes Stück Vieh andere zu Boden warf, so half das Mr. Kophagus nur um so mehr auf die Beine. Unsere Fenster litten gelegentlich darunter, aber es mochten zerschlagene Köpfe, zerschlagene Glieder oder zerschlagene Fenster sein, sie wurden gut bezahlt. Wenn auch alles litt, so war doch Mr. Phineas Kophagus keiner von den Leidenden, denn er litt niemals, daß ihm ein Patient entschlüpfte. Die Apotheke hatte die gewöhnliche Ausstattung von grünen, gelben und blauen Flaschen, und im Sommer schickte uns unsere Nachbarschaft reichlichen Besuch von Schmeißfliegen. In dem einen Fenster hatten wir ein weißes, im andern ein braunes Pferd, um den Roßhändlern anzuzeigen, daß wir uns auch mit der Kur ihrer Tiere abgäben. Wir besaßen sämtliche patentierte Arzneien der bekannten Welt, bis zu Mr. Enouys »Universalmittel für die Menschheit«, bei dessen erstem Anblick ich mich wunderte, warum wir uns überhaupt noch mit irgend einer andern Medizin bemühen sollten. Die Apotheke war groß, und im hintern Teile stand ein sehr umfangreicher eiserner Mörser mit einem Stößel dazu. Den ersten Stock hatte Mr. Kophagus, der ein Junggeselle war, inne, der zweite war vermietet, das Übrige aber der Haushälterin und dem Personal der Apotheke eingeräumt. In diesem wohlgelegenen Anwesen brachte sich Mr. Kophagus ganz behaglich fort. Ich will übrigens für jetzt die Apotheke nicht weiter schildern, damit mein Patron in der Meinung des Lesers sich erhebe, wenn ich seine Person und Qualitäten beschreibe.

Mr. Phineas Kophagus mochte etwa 45 Jahre alt sein, als ich die Ehre hatte, ihm im Empfangzimmer des Findelhauses vorgestellt zu werden. Er war von mittlerer Größe, hatte ein schmales Gesicht, eine sehr gebogene Nase, kleine lebhafte Augen, welche gutmütig zwinkerten, und einen großen, seitwärts herabgezogenen Mund. Er war stattlichen Leibes, und eine beträchtliche Protuberanz wandelte vor ihm her, welche er mit seiner linken Hand gar wohlgefällig zu streicheln pflegte. Doch ruhte dieser stattliche Oberbau auf wahren Spindelbeinchen, so daß seine Erscheinung an einen Vogel aus dem Kranichgeschlecht erinnerte. Ja, ich kann sogar behaupten, daß seine ganze Figur auf den Beschauer einen ähnlichen Eindruck machte, wie eine Orange, wenn sie sich zwei Tabakspfeifenröhrchen untergesteckt hätte. Seine Kleidung bildete ein schwarzer Rock samt schwarzer Weste, eine weiße Kravatte mit hohem Kragen, blaue gestrickte Pantalons und Halbstiefel, welche so eng saßen, daß es aussah, als ob er sich etwas auf seine Spindelbeine zu gute thäte. Er trug einen breitgeränderten, niedrigen Hut und in der Rechten ein starkes schwarzes Rohr mit goldenem Knopfe, den er fast immer beim Sprechen an die Nase legte, gerade wie es uns die Karikaturen bei Darstellungen von Doktorkonsultationen zeigen. War aber seine Figur seltsam, so waren es seine Sprache und Manieren noch weit mehr. Er sprach, wie gewisse Vögel fliegen, nämlich ruckweise, unterbrach seine Worte, ohne jemals den Satz zu vollenden, alle Augenblicke mit »mmh« – und schloß mit einem »und so«, indem er es dem Zuhörer überließ, den Zusammenhang aus den Hauptwörtern seiner Rede zu ergänzen. Fast immer in Bewegung, änderte er gemeiniglich seine Stellung, so wie er ausgesprochen hatte, und wandelte, seinen Stock an der Nase und den Kopf seitwärts emporgerichtet, mit einem selbstgefälligen Menuettschritt nach einer andern Seite des Zimmers.

Als ich ihm vorgeführt wurde, stand er bei zweien von den Direktoren. »Dies ist der Junge«, sagte der eine; »sein Name ist Japhet.«

»Japhet«, versetzte Herr Kophagus, »mmh, biblischer Name – Sem, Ham – und so. Junge liest?«

»Sehr brav und schreibt eine recht hübsche Hand. Es ist ein guter Knabe, Mr. Kophagus.«

»Lesen – Schreiben – Orthographie – gut und so. Muß ihn heranbringen – Rudimente – Spatel – Signaturen schreiben – mmh – Medicinae Doctor mit der Zeit – Mann aus ihm machen und so –«, sagte die seltsame Figur, welche auf den Fußspitzen, das Rohr an der Nase und mich mit den zwinkernden Augen durchforschend, um mich herum spazierte. Nach dieser Untersuchung und deren günstigem Resultate ward ich entlassen, den nächsten Tag aber in ehrbarer Kleidung durch den Portier in der Offizin des Herrn Phineas Kophagus abgeliefert, welcher bei meiner Ankunft nicht zu Hause war.

*

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