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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Achtzehntes Kapitel

Ich bekomme einen Brief von meinem Oheim, durch den ich natürlicherweise auch meinen Vater zu finden hoffen muß. Wie schon andern Verstoßenen, sagt mir ein Traum, was ich zu thun habe.

————

Aber ich vergaß, einen höchst wichtigen Umstand zu erwähnen, weshalb ich den Leser noch einmal in jenes Wirtshaus zurückführen muß. Am Abend, ehe ich Flita in Kostschule brachte, fiel mir bei der Besichtigung meines Mantelsackes jenes Geschenk von Nattie, an das ich gar nicht mehr gedacht, in die Augen, und ich säumte nicht, mein Versprechen zu erfüllen. Das Papier enthielt eine lange Kette von runden Korallen und starken Goldperlen, die miteinander abwechselten. Letztere, zwar nicht so groß wie die Korallen, gaben dem Schmuck durch ihre Menge und durch die Reinheit des Metalls einen bedeutenden Wert. Flita ließ sie durch die Finger gleiten, dann legte sie die Kette um den Nacken und saß eine ganze Weile in tiefen Gedanken da. »Japhet!« rief sie endlich, »diese Kette hab' ich schon einmal gesehen! Ich habe sie früher getragen, ganz deutlich kann ich mich erinnern; ich habe sie auf der Stelle erkannt, wie einen alten Freund. Noch ehe der Morgen kommt, hoffe ich zu wissen, was es mit ihr für eine Bewandtnis hat.«

»Gieb Dir alle Mühe, Flita, und sage mir's morgen früh.«

»Das hilft nichts; wenn ich mir Mühe gebe, so fällt mir niemals etwas ein. Ich muß sie heute Nacht anbehalten, dann tritt mir vielleicht plötzlich eine Erinnerung vor die Seele; möglich, daß es mir davon träumt. Gute Nacht.«

Mein erster Gedanke war, Flita werde höchst wahrscheinlich bei ihrer Entführung diese Kette getragen haben, welche jetzt als Wiedererkennungszeichen dienen könnte. Es war keine gewöhnliche Kette; sie mußte offenbar von Leuten aus besserem Stande herrühren. Sie war zu einfach für ihren Wert, hatte zu viel seines Gold im Vergleich mit ihrer kunstlosen Fassung, und ich zweifelte sehr, ob eine ähnliche Kette zu finden sein würde.

Am andern Morgen ließ sich Flita unsern Abschied allzu nahe gehen, um gesprächig zu sein. Ich fragte sie, ob sie sich auf etwas besonnen hätte; sie sagte nein, sie habe die ganze Nacht an unsere Trennung denken und weinen müssen. Ich schärfte ihr ein, wohl auf die Kette acht zu haben, und empfahl dies auch der Vorsteherin. Als aber das Städtchen hinter mir lag, bedauerte ich, den Schmuck nicht unter meine eigene Obhut genommen zu haben, und nahm mir vor, dies beim nächsten Besuche zu thun. Unterdessen konnte er doch vielleicht dem Mädchen durch irgend eine rasche Gedankenverbindung einen Zug aus ihrer Kindheit ins Gedächtnis rufen.

Ich fragte einen Herrn, der neben mir in der Kutsche saß, nach dem besten Hotel für einen fashionablen jungen Mann. Er empfahl mir die Piazza in Coventgarden. Dorthin begab ich mich auch nach meiner Ankunft in London, wählte mir hübsche Zimmer aus und bestellte ein kleines Nachtessen. Sobald der Tisch gedeckt war, erschien Timothy, ein gemachter Junge in seiner Livree. Ich entließ den Kellner, und kaum waren wir allein, so brach ich in lautes Gelächter aus. »Wahrhaftig, Tim, das ist eine hübsche Posse! Komm', setz' Dich und hilf mir diese Flasche Wein austrinken!«

»Nein, Sir«, versetzte Timothy, »mit Ihrer Erlaubnis will ich lieber bei der Weise meines jetzigen Standes bleiben. Lassen Sie nur die Flasche auf dem Nebentisch, dann will ich so viel daraus stehlen, als ich brauche; aber zusammensitzen, das würde zu vertraulichen Gewohnheiten führen und könnte uns, wenn man's bemerkte, sehr gefährlich werden. Wir dürfen nicht aus unserer Rolle fallen. – Da drunten haben sie mir schon gewaltig mit Fragen zugesetzt, sie wollten wissen, wer Du seiest, wie Du heißest, und Gott weiß, was alles. Da ich mir vorgenommen hatte, Dich in der Welt zu poussieren, so gab ich an, Du kommst soeben von der ›großen Tour‹ zurück, was ja im Grunde nicht ganz gelogen ist, und in betreff des Namens sagte ich, Du wünschest für jetzt incognito zu bleiben.«

»Aber wozu das Incognito?«

»Weil es Dir vielleicht zu statten kommen kann; auch ist's die reine Wahrheit, denn Du weißt ja doch Deinen rechten Namen nicht.«

In diesem Augenblick unterbrach uns der Kellner, der einen Brief auf dem Präsentierteller brachte. »Hier ist ein Brief«, sagte dieser, »adressiert an I. oder J. N., ›abzugeben bei dessen Zurückkunft von seiner Reise‹. Vermutlich gilt er Ihnen, Sir?«

»Ihr könnt ihn dalassen«, warf ich nachlässig hin.

Er legte den Brief auf den Tisch und entfernte sich.

»Wie sonderbar, Tim! Der Brief kann nicht an mich gerichtet sein, und doch hat er meine Anfangsbuchstaben. Es ist ebenso gut ein I als ein J. O, sicherlich ist's von einem Schlucker, der sich unten erkundigt hat und um Subskription auf seine Almosenliste bittet in der Meinung, daß ich ein freigebiger Nabob sei.«

»Kommt mir auch so vor«, sagte Tim; »übrigens brauchst Du ja nur zu sehen, was er will.«

»Öffne ich aber, so wird er etwas erwarten. Ich thäte besser, den Brief wieder zurückzugeben.«

»Nein, nein! Überlaß das mir, ich weiß die Leute schon abzufertigen.«

»Bei alledem ist's doch eine hübsche Sache, Gentleman zu sein und Bittschriften entgegenzunehmen.«

Ich erbrach das Siegel. In dem Briefe lag ein Einschluß an eine andere Person gerichtet. Der Brief selbst lautete folgendermaßen:

»Mein lieber Neffe!

»Recht so!« rief Tim, »da hast Du schon einen Onkel. Der Vater wird sich bald dazu finden.« –

»Bei der großen Unsicherheit der Posten durfte ich Dir nur entfernte Andeutungen über die Aufschlüsse dieses letzten Jahres geben; da Du aber notwendig mit der ganzen Angelegenheit bekannt werden mußt – Dein letzter Brief, in welchem Du noch unentschieden bist, ob Du den beabsichtigten dreimonatlichen Ausflug nach Sizilien machen, oder unmittelbar von Mailand zurückkehren willst, läßt mich befürchten, Du könntest während meiner Abwesenheit eintreffen – so schließe ich Dir einen Brief an Mr. Masterton bei mit der Anweisung, Dir ein bei ihm niedergelegtes, versiegeltes Paket zu übergeben, welches die sämtlichen Daten, die darauf bezüglichen Briefe, sowie auch die, um Bloßstellung abzuwenden, gemachten Vorschläge enthält. Du kannst es in aller Muße durchlesen, falls Du vor meiner Rückkehr in die Stadt anlangen solltest. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die Sache sich vertuschen läßt, und wir hoffen, Du werdest die Zweckmäßigkeit der Maßregel einsehen, welche allein das Bekanntwerden und die äußerste Beschimpfung unsers alten Wappenschildes verhüten kann.«

– »Ich hab' mir's ja immer gedacht, Du seiest von guter Familie!« rief Timothy dazwischen. –

»Ich wünschte, Du hättest meinen Rat befolgt und wärest nicht zurückgekommen; nun Du aber hierauf bestehst, so bitte ich Dich, zu bedenken, wie sehr es am Platze ist, Dein Incognito beizubehalten. Schon sind Gerüchte im Umlauf, und Dein plötzliches Erscheinen würde tausenderlei Vermutungen nach sich ziehen. Dein langer Aufenthalt in Göttingen und Deine großen Reisen werden jede Erinnerung an Deine Person verwischt haben. Du magst für einen besondern Freund von mir gelten, und ich werde Dich ohne Schwierigkeit überall als solchen einführen können. Nenne Dich also, wie Dir's beliebt, nur nicht Smith oder Brown und was dergleichen plebejische Namen sind. Gleich nach Empfang dieses Briefes sende ein Blatt nach meinem Hause in Portman Square, mit der einfachen Nachricht: »Der und der ist angekommen.« Das wird alle neugierigen Forschungen der Dienerschaft mit einemmale abschneiden, und da man mir alle Briefe auf meinen Landsitz in Worcestershire nachschickt, so werde ich alsbald auf Deine Ankündigung, die mich zugleich unterrichtet, nach wem ich im Hotel fragen muß, zu Dir hereinkommen.

Dein zärtlicher Oheim
Windermear

»Eins ist mir dabei ganz einleuchtend, Tim«, sagte ich, den Brief auf den Tisch legend: »an mich kann er nicht gerichtet sein.«

»Wie können Sie denn wissen, Sir, ob dieser Lord nicht Ihr Onkel ist? – Jedenfalls mußt Du thun, was er Dich heißt.«

»Was? die Papiere holen? In Ewigkeit nicht!«

»Aber im Namen aller guten Sterne, wie willst Du denn Deinen Vater zu finden hoffen, wenn Du eine solche Gelegenheit, in die Gesellschaft eingeführt zu werden, aus den Händen lässest? Über fremde Geheimnisse Meister sein, das ist das Werkzeug, um Dein eigenes herauszuwühlen.«

»Aber es ist nicht ehrlich, Timothy.«

»Da kommt ein Brief an Dich, der gewissermaßen Deine Adresse hat; Du brichst ihn in aller Harmlosigkeit auf und findest einen Inhalt, der möglicherweise nicht für Dich bestimmt wurde. Was kannst Du dafür? Aber, Japhet, verlaß Dich drauf: ein fremdes Geheimnis in Deinen Händen ist eins der sichersten Mittel, um vorwärts zu kommen. Erwäge Deine Lage: Du bist von der Welt abgeschnitten, mußt wieder in Berührung mit ihr zu kommen suchen, Deinen Standpunkt wieder gewinnen, Dir Teilnahme erwecken. Du hast keinen Beistand liebender Freunde: was bedenkst Du Dich, Deinen Zweck mit Hilfe der Furcht zu erreichen?«

»Das ist eine trübselige Wahrheit, Tim! es scheint, ich muß meine strenge Moral in die Tasche stecken.«

»Thun Sie das, Sir, thun Sie's um Gottes willen, bis das Auskommen dazu reicht; es ist eine sehr kostspielige Tugend, das! – Sieh', ein Deficit derselben verstieß Dich aus der Welt; nun mußt Du nicht ängstlich sein, mit einem kleinen Kassenreste Deinerseits die verlorene Stellung wieder zu erobern.«

Diese treffenden, schlangenklugen Worte, unterstützt von der brennenden Sehnsucht, meinen Vater zu entdecken, die seit dem Abschied vom Zigeunerlager doppelt heftig geworden war, überwanden meine Gewissensbisse und führten mich zu dem Entschlusse, eine solche Gelegenheit nicht zu versäumen. Doch schwankte ich immer noch. Ich begab mich in mein Schlafgemach, um zu überlegen, was ich thun sollte. Gedankenvoll ging ich zu Bett und warf mich von einer Seite auf die andere. Jetzt nahm ich mir vor, keinen Nutzen aus dem Mißverständnis zu ziehen, und dann war ich wieder ebenso entschieden der Meinung, eine so vielversprechende Aussicht für mein Vorhaben nicht unbenützt lassen zu dürfen. Endlich fiel ich in einen unruhigen Schlummer und hatte einen seltsamen Traum.

Ich stand auf einem einsamen, meerumflossenen Felsen, die Flut stieg, die Wellen tosten bis zu meinen Füßen heran. Ich war in Todesangst: noch ein Augenblick, und die Wasser mußten mich verschlingen. Das Land war nicht fern; ich sah Haufen wohlgekleideter Leute; ihr Jubeln, Schmausen, Tanzen, Lachen drang, ein fröhlicher Lärm, zu mir herüber. Ich streckte meine Hände aus, ich schrie ihnen zu. Sie sahen, sie hörten mich, aber sie achteten nicht auf mich. Das Wasser stieg; mit tödlichem Entsetzen fühlte ich, wie die Wellen mich ergriffen. Mein Geschrei wurde immer wilder. Auf einmal sah ich, wie sich etwas am Ufer drüben entrollte. Es legte sich allmählich über das Wasser her und bildete eine Brücke zu dem Eilande, über welche ich sicher ans Land gelangen konnte. Rasch wollte ich sie betreten, als auf dem mir zugekehrten Ende in Flammenschrift die Worte: »Verbotener Weg« erschienen. Ich fuhr mit Entsetzen zurück und wagte nicht, hinüber zu gehen. Da stand Plötzlich eine weiße Gestalt an meiner Seite; auf die Brücke deutend sagte sie: »Selbsterhaltung ist das erste Gesetz der Natur.« Ich sah sie an; sie wurde allmählich dunkler und verwandelte sich zuletzt in Herrn Kophagus, der mit dem Stock an der Nase sprach: »Japhet – purer Unsinn – ganz gute Brücke – mmh – hinüber – Vater finden und so.« Nun stürzte ich über die Brücke, die wie ein langer Pergamentstreif auf dem Wasser zu schwimmen schien, und wurde von der Gesellschaft drüben mit Jubel, Glückwünschen, Umarmungen empfangen. Vor allem trat mir ein ältlicher Herr entgegen, ich warf mich in seine Arme, ich wußte, es war mein Vater! –

Ich erwachte auf dem Boden, das Kissen mit aller Macht in die Arme gepreßt. Der Eindruck dieses Traumes war so lebhaft, daß ich meine Gedanken nicht von ihm abwenden konnte, ja, ich hielt ihn am Ende für einen göttlichen Wink. Alle meine Zweifel schwanden. Noch ehe der Tag graute, war ich entschlossen, Timothys Rat zu befolgen. Ein Enthusiast, der seine eigenen Einfälle für Ahnungen hält, ist leicht beredet, zu glauben, was er wünscht. Er glaubt sich von übernatürlichem Beistande umgeben, von der Vorsehung meint er sich berechtigt, seinen Lauf zu verfolgen, selbst wenn dieser Weg den Geboten der Vorsehung widerstreiten sollte. So wurde ich von meiner Einbildungskraft hingerissen, so wurde meine fixe Idee zu einem stürmischen Drange, der jeden Gedanken an Recht und Unrecht überwältigte.

*

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