Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frederick Marryat >

Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
Schließen

Navigation:

Siebzehntes Kapitel

Geheimratssitzung. Ich beschließe, als Gentleman aufzutreten, mit so rechtmäßigen Ansprüchen, als mancher andere hat.

————

Ich nahm das schluchzende Mädchen bei der Hand, und wir schritten eine Zeit lang schweigend fort. Erst als wir die Landstraße erreicht hatten, unterbrach Timothy mein Sinnen und Brüten mit der Frage: »Japhet, hast Du einen Entschluß gefaßt, was wir thun sollen?«

»Ich habe darüber nachgedacht, Timothy. Wir haben viel Zeit verloren. Der ursprüngliche Zweck, mit dem ich London verließ, ist ganz in den Hintergrund getreten. Das muß anders werden. Sobald ich diese gute Kleine in Sicherheit gebracht habe, will ich meine Forschungen fortsetzen und nie wieder aufgeben.«

»Darin kann ich Dir nicht beistimmen, Japhet, daß wir Zeit verloren haben sollen. Wir hatten blutwenig Geld, als unsere Fahrt begann; jetzt haben wir so viel, daß Du Deinen Plan eine ganze lange Zeit verfolgen kannst. Es handelt sich nur um die Richtung. Wir verließen London und reisten gen Westen, in der Meinung, es den Weisen gleich zu thun. Jetzt aber finde ich, mit allem Respekt gesagt, daß wir zwei Narren glichen.«

»Auch darüber habe ich nachgedacht und bin mit Dir einverstanden, Timothy. Aus verschiedenen Gründen, die Dir so gut wie mir bekannt sind, erwarte ich, meinen Vater in den höheren Klassen der Gesellschaft zu finden, während der Weg, den wir einschlugen, uns zu den niedrigsten geführt hat. Mir scheint es nun, wir können nichts besseres thun, als diesen Weg wieder zurückzugehen. Wir haben jetzt Mittel, um als Gentlemen und in guter Gesellschaft aufzutreten, und London ist der beste Ort, wohin wir uns begeben könnten.«

»Ich bin ganz und gar derselben Meinung, Japhet, nur mit einer Ausnahme, die Du alsbald hören sollst. Aber sage mir erst, hast Du schon berechnet, was unsere vereinten Börsen zusammen enthalten? Es muß eine beträchtliche Summe sein.«

Ich hatte das Papier noch nicht geöffnet, das mir Melchior beim Abschiede gegeben. Jetzt fand ich zu meiner Überraschung, daß es Banknoten im Betrage von hundert Pfund enthielt, eine Summe, die er mir, wie ich wohl denken konnte, um Flitas willen gegeben hatte. »Mit dieser Summe«, sagte ich, »kann ich nicht viel weniger als zweihundertundfünfzig Pfund besitzen.«

»Und ich habe mehr als sechzig«, versetzte Timothy. »Wahrhaftig, das war kein brotloses Handwerk.«

»Nein«, erwiderte ich lachend, »aber Du mußt bedenken, Tim, daß wir keine Auslagen hatten. Die Nahrung gab uns das Publikum, die Wohnung hatten wir umsonst, Steuern gab es auch nicht zu zahlen, dagegen legten wir der Thorheit und Leichtgläubigkeit recht derbe Taxen auf.«

»So ist's, Japhet; ob mich's übrigens gleich erfreut, das Geld zu haben, so thut mir's doch nicht leid, aus dem Gewerbe heraus zu sein.«

»Mir auch nicht, Tim; wir wollen's lieber vergessen. Aber sage mir, von was für einer Ausnahme wolltest Du reden?«

»Ja so, das ist ganz einfach. Höre: Obgleich dreihundert Pfund und drüber ein schönes Geld ist, so wird's doch nicht unerschöpflich sein, wenn wir unsern Gentlemanscharakter durchführen wollen. Zum Beispiel, wir müssen Bediente haben. Welch' eine Ausgabe! Dann die Kleider! Wir werden bald unsere Stellung in der Gesellschaft verlieren, es wäre denn, wir bekämen ein Ämtchen bei der Regierung.«

»Wir müssen so lange als möglich auszukommen suchen, Timothy, und unserm Glück vertrauen.«

»Das klingt ganz gut und schön, Japhet, aber ich hielt es für besser, uns unserm Verstand anzuvertrauen. So höre denn, was ich sagen will. Ein vertrauter Diener hilft Dir mehr, als alles andere. Ich wäre als Gentleman höchstens eine kostbare Last, aber als Diener kann ich Dir in die Hände arbeiten, während ich zugleich mehr als die Hälfte des Aufwandes erspare. So will ich denn mit Deiner Erlaubnis die mir angemessene Stellung ergreifen, Deine Livree anziehen und mich dadurch im höchsten Grade nützlich machen.«

Ich konnte freilich die Vorteile dieses Anerbietens nicht verkennen; dennoch widerstrebte es meinem Herzen. »Das ist sehr gut und freundlich von Dir, Timothy, aber ich kann Dich nur als Freund, als meinesgleichen ansehen.«

»Falsch und richtig in einem Atem!« sagte er. »Du thatest ganz wohl, Japhet, mich als Deinen Freund zu betrachten, und würdest noch besser thun, wenn Du mich meine Freundschaft auf die vorgeschlagene Art beweisen ließest; aber Unrecht hast Du, wenn Du mich für Deinesgleichen hältst, denn das paßt weder zu meinem Aussehen, noch zu meiner Erziehung, noch in irgend einer andern Hinsicht. Wir sind Findlinge, das ist allerdings wahr, aber Du bist nach Abraham Newland, ich bin nach dem Pumpbrunnen im Armenhause getauft. Du bist ein vornehmer Findling, der sich mit einer Fünfzigpfundnote und in guten Kleidern einführte. Ich trat in Lumpen und Elend auf. Wenn Du Deine Eltern findest, so wirst Du in der Gesellschaft emporsteigen; find' ich die meinigen, so werd' ich, allem Dafürhalten nach, nicht eben sehr stolz auf sie sein dürfen. Deshalb muß ich darauf bestehen, meine Rolle in diesem Stücke selbst zu wählen. Außerdem will ich Dir beweisen, daß ich das Recht dazu habe. Du mußt Dich erinnern: bei unserm ersten Ausbruch sagtest Du, Du habest im Sinne Deinen Vater zu suchen, und ich sprach den Vorsatz aus, nach meiner Mutter zu sehen. Du hast Dir als den Boden Deiner Forschungen die höheren Kreise erwählt; ich hoffe meinen Zweck in den niederen Regionen des Lebens zu erreichen. Du siehst also, wir müssen uns über eine Form einigen, welche den beiderseitigen Zwecken entspricht, ohne doch unsern Bund auszuheben. Machst Du Jagd auf Haarbeutelperücken, bernsteinene Stockknöpfe, Seide und Atlas, so will ich unter Nesteln, Troddeln, Barchent und Kugelhauben umherwühlen; vielleicht werden wir uns beide auf dem rechten Wege finden. Ich lasse Dir die Jagd in den Salons, während ich die Küchen durchstöbere. Wirf Du Dich auf ein Sofa und rufe: Wer ist mein Vater? – Ich will mich inzwischen der Köchin auf den Schoß setzen und fragen, ob sie nicht zufälligerweise meine Mutter sei.«

Tims Humor brachte selbst Flita zum Lachen, vergebens suchte ich ihm zu widerstehen und mußte endlich zugeben, daß er die Rolle meines Dieners spiele. Auch sah ich bei längerem Nachdenken die Vorteile dieser Einrichtung in immer hellerem Lichte. Während wir diese Übereinkunft besprachen, hatten wir uns einem Städtchen genähert, daß unser nächstes Reiseziel sein sollte. Wir nahmen unsere Quartiere in einem bescheidenen, aber sehr hübsch aussehenden Wirtshause. Meine erste Sorge war, mich nach einem passenden Unterkommen für die kleine Flita umzusehen. Ich übergab sie der Wirtin, einer muntern, gutmütigen jungen Frau, und ging mit Timothy aus, um eine Runde zu machen, wobei meine Absicht auf eine gute, nicht übermäßig teure Schule, falls eine solche sich in der Gegend finden ließe, gerichtet war. Eigentlich hätte ich sie lieber mit nach London genommen, wenn nur dort ihr Unterhalt nicht gar zu kostspielig geworden wäre. Da übrigens die Hauptstadt bloß zwanzig Meilen entfernt lag, so konnte ich leicht herüberfahren, um sie zu besuchen. Ich bat das Mädchen, mich ihren Bruder zu nennen, denn das wollte ich ihr ja künftig sein, und auf keine neugierige Frage zu antworten, – eine ziemlich unnütze Vorsicht, denn Flita war, wie ich bereits erwähnt habe, kein gewöhnliches Kind. Ferner galt unser Ausgang einem Schneider, denn unsere Garderobe verriet einen Geschmack und einen Zustand, bei denen man schleunig an Reformen denken mußte. Wir gingen die Hauptstraße hinab und stießen bald auf ein Atelier, welches in großen Buchstaben die Aufschrift trug: »Feodor Schneider, Hofkleidermacher Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs von Darmstadt.«

»Ist das genug, Japhet?« sagte Timothy, auf die Tafel deutend.

»Ei freilich«, erwiderte ich, » aber wie zum Henker sollte denn der Großherzog von Darmstadt dazu kommen, in einem solchen Landstädtchen einen Hofschneider zu haben? Das will mir nicht in den Kopf.«

»Vielleicht war er in Deutschland und durfte damals Kleider für ihn machen.«

»Möglich; jedenfalls soll er das Glück haben, die meinigen zu verfertigen.«

Wir traten ein, und ich bestellte einen hochfashionablen Anzug, wählte den Stoff aus und gab dem Obergesellen, der das Maß von mir nahm, die allergenauesten Weisungen. Als ich aber fortgehen wollte, wagte der Meister, auf meine freilich nicht sehr gentile Außenseite hin die Bemerkung, er sei gewohnt, von einem Gentleman, den er nicht zu kennen die Ehre habe, ein Angeld zu erhalten. Wiewohl nun dieses Ansinnen eine Schlappe für meine Gentilität war, so nahm ich es doch stillschweigend hin, zog eine Handvoll Guineen heraus, legte zwei davon auf den Tisch und begab mich dann zu einem andern Kleidermagazin, wo Tims Livree bestellt werden sollte, jedoch nur, um mich vorher zu orientieren, denn an Livree war nicht zu denken, ehe der Gentleman fertig war. Inzwischen gab es noch allerlei anzuschaffen: Koffer, Mantelsack, Hut, Handschuhe und dergleichen mehr. Wir besorgten dies und kehrten dann nach dem Wirtshaus zurück, um das Essen zu bestellen. Flita hatte wahrhaftig ihre besten Kleider an, aber die besten waren nur Fetzen, so daß die Wirtin, die das Kind vergebens ins Gebet genommen hatte, zu keiner rechten Vorstellung von unserm Stande kommen konnte. Übrigens war sie hinsichtlich der Zeche beruhigt, da ich sie Geld hatte sehen lassen, wodurch denn ihre Bedenklichkeit, wenn auch nicht ihre Neugierde, gehoben war.

Noch am nämlichen Abend fand ein langes Gespräch zwischen mir und Flita statt. Ich kündigte ihr an, daß wir scheiden müßten, daß sie in eine Schule komme, daß ich sie aber oft besuchen werde. Anfangs war sie untröstlich; ich redete ihr zu, und das holde, kluge Geschöpf erkannte meine Gründe an.

Am folgenden Nachmittag kamen meine Kleider, die ich alsbald anzog.

»Ohne Schmeichelei, Japhet«, sagte Timothy, »Du siehst ganz aus wie ein Gentleman.«

Flita lächelte und sagte dasselbe. Auch ich dachte so, sagte aber nichts, sondern nahm Hut und Handschuhe und ging aus, von Tim begleitet, um eine Livree für ihn, sowie auch eine Ausstattung für Flita zu besorgen.

Auf der Straße entdeckte ich, daß ich mein Taschentuch vergessen, weshalb ich umkehrte, es zu holen. Die Wirtin sieht einen Gentleman ins Haus kommen und machte eine tiefe Verbeugung; erst als ich sie scharf ansah, erkannte sie mich. Nun konnte ich zufrieden sein: dieser unwillkürliche Tribut wog alle schmeichelhaften Versicherungen auf. Wir gingen jetzt zu dem andern Schneider; ich trat mit selbstgefälliger, vornehmer Haltung ein und wurde unter tausend Verbeugungen empfangen. »Ich wünschte eine Livree«, sagte ich, »für diesen jungen Menschen hier, der eben in meine Dienste tritt. So kann ich ihn doch nicht mit nach London nehmen.« – Ich wählte die Livree, die mir, da ich den Wunsch ausdrückte, am nächsten Abend abzureisen, auf die bestimmte Stunde versprochen wurde.

Dann ging ich zur Putzmacherin, die ich ersuchte, ins Wirtshaus zu kommen und ein kleines Mädchen für die Erziehungsanstalt auszustatten. Die Garderobe der Kleinen, sagte ich, sei aus Versehen zurückgelassen worden. – Meine Nachfragen hatten mich zu einer sehr anständigen Pension geleitet, welche von einer verwitweten Dame gehalten wurde; auch die näheren Erkundigungen hatten einen befriedigenden Erfolg. Das Kostgeld betrug nicht mehr als zwanzig Pfund fürs Jahr. Ich bezahlte das erste Halbjahr voraus und legte fünfzig Guineen bei einem Bankier nieder mit der Weisung, sie terminweise an die Vorsteherin gelangen zu lassen. Diese Vorsichtsmaßregel gebrauchte ich, damit Flita für den Fall, daß ich in Armut geriete, wenigstens drei Jahre lang Kleidung und Unterricht erhalten möchte. Das arme Kind weinte beim Abschied bitterlich, kaum konnte ich ihre kleinen Arme von meinem Halse losmachen, und auch mir war es, als verließe ich mein einziges Erdengut.

Nun war alles fertig, am vierten Tage nach unserer Ankunft. Timothy durfte übrigens seine neue Livree noch nicht anziehen; es wäre aufgefallen, einen Menschen, den man vorher an einem Tische mit mir essen sah, auf einmal als meinen Bedienten zu erblicken. Deshalb wurde diese Verwandlung, da es in kleinen Städten immer viel Klatscherei giebt – wäre es auch nur um Flitas willen geschehen – auf unsere Ankunft in London verschoben. Die Wirtin hätte bei der Abreise sicherlich gern die Rechnung nicht überreicht, hätte sie nur herausbringen können, wer wir eigentlich wären. Wir bestiegen eine Landkutsche und waren abends in der Residenz. Warum ich diese unbedeutenden Einzelnheiten so ausführlich erzählt habe? Um zu zeigen, welch' eine verzweifelte Sache es ist, unbemerkt von einer Stufe der Gesellschaft auf die andere überzuspringen.

*

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.