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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Sechzehntes Kapitel

Wichtige Neuigkeiten, die aber nicht mitgeteilt werden. Aufgelöste Geschäftsverbindung.

————

Melchiors Gewinn hatte alle Erwartungen überstiegen. Er bewies sich sehr freigebig gegen Timothy und mich, betrachtete mich als seine rechte Hand, und ich fand ihn von Tag zu Tag entgegenkommender und liebevoller. Wir waren natürlich froh, wieder ins Lager zu kommen. Die ewige Unruhe und Aufregung, die in unserm eigentümlichen Gewerbe lag, machte uns eine kleine Rast sehr wünschenswert. Wie glücklich fühlte ich mich, als Flita in meine Arme stürzte und Nattie mit ihrem würdigen Anstand, aber diesmal mit mehr als gewöhnlicher Herablassung und Freundlichkeit mich »daheim« willkommen hieß. Daheim! ach, ich fühlte es, dies war keine Heimat, weder für mich, noch für die kleine Flita. Es war ein vorübergehender Aufenthalt und weiter nichts.

Länger als ein Jahr hatten wir unsere Talente auf diese einträgliche Weise verwendet, als eines Tages – ich saß eben am Eingange des Zeltes, ein Buch in der Hand, in welchem ich Flita lesen ließ – ein fremder Zigeuner erschien. Er war sehr bestaubt, und die Schweißtropfen auf seiner dunkeln Stirne bewiesen, daß er einen weiten Weg gemacht hatte. Er redete Nattie, welche bei uns stand, in ihrer Sprache an; ich konnte nur so viel verstehen, daß er nach Melchior fragte. Nachdem sie einige Worte gewechselt, drückten Natties Züge Staunen und Schrecken aus. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, zog sich aber ebenso schnell wieder zurück, als ob es ihrer unwürdig wäre, sich bewegt zu zeigen; dann blieb sie in tiefem Sinnen stehen. Indessen näherte sich Melchior; der Zigeuner eilte auf ihn zu, und bald waren sie in lebhafter Unterredung. Diese dauerte zehn Minuten; dann ging der Zigeuner an den Bach, wusch sein Gesicht, that einen langen Trunk, eilte hinweg und war in kurzer Zeit verschwunden.

Melchior, der ihm nachgesehen hatte, kam langsam auf uns zu. Ich beobachtete ihn und Nattie, denn ich konnte mir denken, daß dieser Auftritt etwas Wichtiges zu bedeuten habe. Melchior richtete seinen Blick auf Nattie: sie sah ihn schmerzlich an, kreuzte die Arme, neigte sich ein wenig, um ihre Unterwerfung anzuzeigen, und sprach mit leiser Stimme die Worte aus der Schrift: »Wo Du hingehst, da will ich auch hingehen; Dein Volk soll mein Volk sein, und Dein Gott mein Gott.« Dann ging er mit ihr hinweg; sie setzten sich in einiger Entfernung, länger als eine Stunde in ernstem Gespräch verharrend.

»Japhet«, sagte Melchior zu mir, nachdem er Nattie verlassen hatte; »ich muß Dir etwas sagen, was Dich in Erstaunen setzen wird. Ich habe Dir alles anvertraut, was ich irgend mitteilen darf, aber es giebt Geheimnisse in jedes Menschen Leben, die allein bei ihm und dem Weibe, das durch heilige Bande an ihn geknüpft ist, ruhen müssen. Wir trennen uns, Japhet. In wenigen Tagen wird dieses Lager ohne uns aufbrechen und dieses Volk sich mit einer andern Abteilung des Stammes vereinigen. Du wirst mich nicht mehr sehen. Frage nicht, ich kann Dir nicht antworten.«

»Und Nattie?«

»Folgt meinem Stern, wohin er uns immer führen mag. Auch sie wirst Du nicht wieder sehen.«

»Um mich ist mir's nicht bange, Melchior. Die Welt steht mir offen, denn ohne Euch möcht' ich doch nicht bei den Zigeunern bleiben. Aber beantwortet mir eine Frage: Was soll aus der kleinen Flita werden? Muß sie bei dem Stamme bleiben, zu dem sie doch nicht gehört, oder soll sie mit Euch gehen?«

Melchior zögerte. »Ich weiß Dir kaum zu antworten, – aber was kann Dir am Schicksale eines Soldatenkindes liegen?«

»Wenn sie das auch wäre, Melchior, so hänge ich doch von ganzem Herzen an diesem Kinde und wäre nicht imstande, sie hier bleiben zu sehen. Übrigens bin ich fest überzeugt, daß Ihr mir hierin nicht die Wahrheit gesagt habt, denn das Mädchen besitzt gewisse Erinnerungen und hat mir gewisse Züge aus ihrer Kindheit erzählt, welche beweisen, daß sie aus keiner geringen Familie stammt, und daß sie den Ihrigen gestohlen worden sein muß.«

»So, ist ihr Gedächtnis so gut?« versetzte Melchior, und biß die Zähne aufeinander. »Davon hat sie weder gegen Nattie, noch gegen mich etwas merken lassen.«

»Das läßt sich vermuten; aber ein gestohlenes Kind ist sie, Melchior, und sie soll nicht hier bleiben.«

»Soll nicht?«

»Nein, sie soll nicht, Melchior. Wenn Ihr die Bande verlaßt, so habt Ihr keine Gewalt mehr und könnt auch kein Interesse mehr für das Kind haben. So mag sie denn wählen. Wenn sie mit mir zu gehen wünscht, so will ich sie zu mir nehmen, und nichts soll mich daran hindern! Ich thue Euch hiermit kein Unrecht, auch könnt Ihr's keinen Treubruch heißen.«

»Wie willst Du das wissen? Ich kann ja geheime Gründe haben.«

»Nein, was könnte Euch an einem Soldatenkinde liegen, Melchior?«

Er schien bestürzt und verlegen. »Sie ist kein Soldatenkind, Japhet. Ich will's bekennen, daß sie gestohlen worden ist; Du mußt aber deshalb nicht glauben, daß ich oder Nattie sie gestohlen haben.«

»Ich habe Euch nie beschuldigt, oder auch nur für fähig gehalten, aber eben deswegen überrascht mich Euer jetziges Benehmen. Geht sie lieber mit Euch, so hab' ich nichts mehr zu sagen; wo aber nicht, so fordere ich sie von Euch und werde, wenn sie zustimmt, mich Eurer Einmischung widersetzen.«

»Japhet«, sagte Melchior nach einer Weile, »wir wollen in der Abschiedsstunde keinen Streit anfangen. Du sollst sogleich Antwort haben.«

Er kehrte zu Nattie zurück, um sich wieder mit ihr zu besprechen. Ich aber eilte zu Flita.

»Flita, weißt Du, daß das Lager aufbricht, und daß Melchior und Nattie es verlassen?«

»Das wäre!« rief sie erstaunt. »Und was wird denn aus Dir und Timothy?«

»Wir müssen natürlich unser Glück anderswo suchen.«

»Und wie wird es mir gehen?« fuhr sie fort, indem sie mich ausdrucksvoll mit ihren großen blauen Augen ansah. »Muß ich hier bleiben?« fragte sie ängstlich.

»Wenn Du nicht willst, Flita, nein. Ich will Deine Stütze sein, so lange ich's vermag, wenn Du nämlich lieber bei mir leben willst, als bei Melchior.«

»Ob ich will, Japhet, das solltest Du wissen können. Wer ist so freundlich gegen mich gewesen, wie Du? Verlaß mich nicht, Japhet.«

»Niemals, Flita!« Aber Du mußt mir versprechen, meiner Leitung zu folgen und alles zu thun, was ich wünsche.«

»Das ist's ja eben, was mich glücklich macht, Japhet; also kann ich Dir's leicht versprechen. Aber, was ist denn vorgefallen?«

»Das weiß ich ebenso wenig, als Du. Melchior hat mir bloß gesagt, daß er mit Nattie die Zigeunerzelte für immer verlassen werde.«

Flita schaute umher, ob niemand in der Nähe sei, und sagte dann leise: »Ich verstehe ziemlich viel von ihrer Sprache, Japhet, ohne daß sie es merken; ich habe einige von den Worten des Zigeuners gehört, obgleich er etwas entfernt von mir stand. Er fragte nach Melchior; nun wollte Nattie wissen, was er begehre. Ich hörte ihn sagen: ›Er ist tot!‹ und Nattie bedeckte ihr Gesicht. Das Weitere konnte ich nicht mehr verstehen, aber von einem Pferd war auch die Rede.«

» Ertot –«. Hatte Melchior etwa einen Mord begangen und mußte aus dem Lande fliehen? Fast hätte ich dies nach allen Anzeichen für das wahrscheinlichste halten sollen, und doch konnte ich es nicht glauben; denn wenn auch seinen verschiedenen Gewerben Betrug zu Grunde lag, so hatte ich doch nie etwas Verbrecherisches an ihm finden können. Er war freundlich, edelmütig, rechtschaffen, wo er nicht vor dem Publikum stand, und ich hatte manchen schönen Zug in seinem Charakter kennen gelernt. Freilich war er voll rätselhafter Widersprüche: im Beruf betrog er jedermann, schlug der Wahrheit, der Redlichkeit geradezu ins Gesicht; aber in seinem Privatleben, wenn ich es so nennen darf, war er ängstlich gewissenhaft, und mit Ausnahme des Märchens von Flitas Herkunft hatte er mir nie etwas gesagt, was ich für eine Lüge erkannt hätte.

Eben hielt ich alle diese Umstände zusammen, als Melchior wieder zu mir trat. Er hieß das kleine Mädchen weggehen: »Japhet«, sagte er dann zu mir, »ich habe mich entschlossen, aus Rücksicht für Flita, Deinem Verlangen zu entsprechen, aber unter gewissen Bedingungen.«

»So laßt hören.«

»Fürs erste sage mir und mit all dem Vertrauen und der Aufrichtigkeit, die Du mir immer bewiesen hast, was ist jetzt Dein Vorhaben? Willst Du das Gewerbe fortsetzen, das Du bei mir gelernt, oder was ist Deine Absicht?«

»Aufrichtig gesprochen, Melchior, ich gedenke dieses Gewerbe nicht fortzusetzen, außer wenn die Not mich dazu treiben sollte. Ich will meinen Vater suchen.«

»Und wenn die Not Dich treibt, hast Du dann im Sinn, Dich Flitas und ihrer Fertigkeiten zu bedienen? Kurz, willst Du sie als eine gute Ware mit herumschleppen, auf jede Art ausbeuten und, wenn sie herangewachsen ist, in Laster und Elend stürzen?«

»Ich muß mich über diese Frage wundern, Melchior; es ist die erste Ungerechtigkeit, die ich von Euch erfahre. Nein, wenn ich zu diesem Gewerbe zurückkehren muß, so soll Flita keinen Teil daran haben. Eher will ich sie im Grabe sehen. Sie vor Laster und Elend zu bewahren, sie von einer Gesellschaft zu befreien, in welche sie nie gekommen sein sollte, das ist ja eben der Grund, warum ich sie mitnehmen will.«

»Auf Deine Ehre?«

»Ja, auf meine Ehre. Ich liebe sie wie eine Schwester und kann mich der Hoffnung nicht entschlagen, daß ich, während ich meinen Vater suche, vielleicht auch auf den ihrigen stoßen könnte.«

Melchior biß sich auf die Lippen. »Noch ein Versprechen muß ich Dir abfordern, Japhet«, sagte er nach einer Weile. »Alle sechs Monate mußt Du – ich will Dir nachher sagen, wohin – Deinen Aufenthaltsort melden und Nachricht von Flitas Befinden geben.«

»Mit Freuden verspreche ich das; aber, Melchior, es scheint Euch ja auf einmal sehr viel an dem kleinen Mädchen gelegen zu sein.«

»Es ist mir lieb, wenn Du das findest, wofern Du nur das Wie und Warum aus dem Spiele lässest. Willst Du die Mittel zu ihrer Unterhaltung annehmen?«

»Nur wenn die Not mich drängt; dann aber sollte es mich freuen, wenn ich nichts mehr für sie thun kann, zu finden, daß sie noch immer einen Freund an Euch hat.«

»Erinnere Dich, daß Du immer das Nötige erhalten wirst, wenn Du an die Adresse schreibst, die ich Dir vor unserm Abschied geben will. – Das wäre nun abgemacht, und im ganzen, glaube ich, es ist am besten so.«

Timothy, der an diesem Vormittag nicht im Lager gewesen war, vernahm bei seiner Zurückkunft das Vorgefallene und Bevorstehende von mir.

»Ich weiß nicht, Japhet«, sagte er, »unser gegenwärtiges Leben mißfällt mir eben nicht, aber es liegt mir auch nichts dran, es aufzugeben. Was wollen wir denn jetzt anfangen?«

»Das ist noch zu überlegen. Wir haben zum Glück einen guten Vorrat von Geld. Den müssen wir zusammenhalten, bis wir uns auf irgend eine Weise entschieden haben.«

Wir nahmen unser Abendessen zum letztenmal gemeinschaftlich ein. Melchior sagte uns, er sei entschlossen, morgen aufzubrechen. Nattie sah sehr traurig, aber ergeben aus. Dagegen war Flita so vergnügt, daß ihr sonst immer schwermütiges Gesichtchen, wenn unsere Augen sich begegneten, vor Freude strahlte. Entzückend war es, sie so glücklich zu sehen.

Die Lagergenossen hatten sich zurückgezogen; Melchior traf die nötigen Zurüstungen in seinem Zelt. Ich fühlte keine Lust zu schlafen: ich saß oder lag vielmehr, auf den Ellenbogen gestützt, nicht weit von den Zelten und beschäftigte meine Seele mit den Aussichten für die Zukunft. Es war eine klare Nacht, und die Sterne funkelten. Mein Auge verweilte bei ihnen; ich mußte an Melchiors Glauben an das Verhängnis denken. Eben hatte mich der thörichte Wunsch ergriffen, das meinige erfahren zu können, als ich Nattie kommen sah.

»Du willst also das Mädchen mit Dir nehmen, Japhet?« sagte sie. »Willst Du für die Kleine sorgen? Mein Gewissen müßte es verantworten, wenn sie der rauhen Welt preisgegeben würde. Sie geht mit Freuden; sieh' zu, daß ihre Freude nicht mit Thränen endet. Ich scheide in Schmerzen. Stamm, Familie, Lebensgewohnheiten, Ansehen, alles trifft ein Riß; aber es muß ja sein, das Schicksal will es so. Sie ist ein gutes Kind, Japhet; versprich mir, daß Du ihr Freund sein willst, und laß sie dieses zum Andenken an mich tragen – aber nicht jetzt – erst wenn wir fort sind.« – Sie hielt einen Augenblick inne. – »Japhet, laß es Melchior nicht sehen; es wäre ihm vielleicht nicht lieb, daß ich es weggebe.«

Ich nahm das Geschenk, das in ein Papier gewickelt war, und versprach ihr alles.

»Das ist das letzte, ja, das letzte Mal, daß mir dieser Anblick vergönnt ist«, fuhr sie fort, indem sie über den Anger, die Zelte, die grasenden Tiere hinblickte. »So sei es denn! Gute Nacht, Japhet, mögest Du glücklich sein.«

Sie wandte sich nach ihrem Zelt. Auch ich ging jetzt zur Ruhe.

Am folgenden Morgen war Melchior reisefertig. Zwei kleine Bündel enthielten sein Gepäck. Er redete den Stamm in seiner Sprache an; Nattie that dasselbe und alle küßten ihr die Hand. Die Zelte samt dem Hausgerät und fast allem übrigen Eigentum hatte er unter die Zigeuner verteilt, Jumbo und Num zweien von den Vornehmsten übergeben. Timothy, Flita und ich waren gleichfalls reisefertig, in der Absicht, zu gleicher Zeit mit Melchior und Nattie das Lager zu verlassen.

»Japhet«, sagte Melchior zu mir, »von unserm letzten Auftreten habt Ihr noch etwas gut, hier ist es, Ihr führt ja eine Börse zusammen. Und lebt wohl und seid glücklich!«

Wir drückten beiden die Hände, Flita trat mit gekreuzten Armen, mit gesenktem Haupt vor Nattie. Nattie küßte das Kind; dann führte sie es zu Melchior. Er beugte sich herab, um es auf die Stirne zu küssen, und ich sah, wie er eine tiefe Bewegung unterdrücken mußte. Unsere Wege trennten sich. Als beide Teile zu den entgegengesetzten Grenzen des Angers gekommen waren, winkten wir uns mit den Händen ein letztes Lebewohl zu und folgten dann unserm Pfade. Flita brach in Thränen aus, als sie ihren Pflegeeltern den Rücken wandte.

*

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