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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
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Fünfzehntes Kapitel

Worin Timothy eine große Rede hält, so wahrhaft, als nur je eine von den Kustings vernommen worden ist. Melchior zählt, gleich den Parlamentskandidaten, seine Ansprüche an die öffentliche Gunst auf, und das Publikum verschlingt, wie gewöhnlich, den Köder.

————

Zum Glück für den guten Num waren wir nicht mehr weit von dem Marktstädtchen entfernt, wo wir unsern Feldzug zu eröffnen gedachten. Dies geschah am nächsten Morgen, und zwar durch Num und Tim, welche, jener mit einer großen Trompete in der Hand, dieser auf einem Esel reitend, den ersten Ausfall machten. Auf dem Marktplatz angekommen, begann Num mit Macht in die Trompete zu stoßen; Timothy aber stellte sich in seinem Flitterkleide, sobald sie einen Haufen um sich versammelt sahen, auf den Sattel, und haranguierte die Menge, wie folgt:

»Gentlemen und Ladies! Ich habe die Ehre, Ihnen die Ankunft des berühmten Doktors Appallacheosmocommetico anzukündigen, welcher weiter als die Sonne gereist ist und schneller als ein Komet. Er hat jeden Weltteil besucht. Er hat das Calumet mit den nordamerikanischen Indianern geraucht, hat bei den Araucas im Süden gejagt, ist auf wilden Rossen über die Ebenen von Mexiko galoppiert und hat den Eskimos die Nasen gerieben. Er hat bei den Chinesen mit Stäbchen gespeist, mit den Hindus die Tschirok-Puga geschwungen und dem Großchan der Tartarei eine neue Nase aufgesetzt. Er ist an jedem europäischen Hofe empfangen worden. Auf dem Newa-Eise hat er russisch getanzt, bei den Polen die Mazurka, bei den Deutschen Walzer, bei den Italienern die Tarantella, den Fandango bei den Spaniern und bei den Franzosen die Quadrille. Auch hat er die Bergwerke des ganzen Universums durchforscht, jede Stadt auf dem Festlande bereist, jeden Berg in der Welt untersucht, den Montblanc, die Anden und Pyrenäen bestiegen. In allen Vulkanen dieser Erdkugel ist er gewesen, hat sich in den Vesuv gestürzt und vom Stromboli wieder auswerfen lassen. Er lebt bereits mehr als tausend Jahre, doch ist er noch immer in der Blüte seiner Jugend. Hundertundvierzigmal hat er nacheinander die Zähne gewechselt, und auf Weihnachten wird er abermals zahnen. Sein ganzes Leben war dem Dienste der Menschen geweiht, dem Wohlthun gegen seine Brüder. Mit der Erfahrung von mehr als einem Jahrtausend ausgestattet, kann er auch mehr als tausend Übel heilen. Gentlemen, der Wunderdoktor wird sich Ihnen heute Abend präsentieren und die Eigenschaften seiner Arzneien auseinandersetzen, so daß Sie nach Ihren Beschwerden die Mittel selbst wählen können. Ladies, der Wunderdoktor kann Ihnen in allen Stücken helfen, er hat Arkana, welche, wenn es gewünscht wird, die Familie vermehren, Tränke, welche die Männer treu, Salben, die sie blind machen, kosmetische Mittel gegen die Finnen und zur Herstellung der Jugend und Schönheit, wie auch Pulver, welche den Kindern das Schreien vertreiben. Blase die Trompete, Philotas, blas' und laß jedermann vernehmen, daß der Wunderdoktor Appallacheosmocommetico diese Stadt erkoren hat, um den Bewohnern seine Segnungen zu teil werden zu lassen.«

Hierauf stieß Num wieder in die Trompete, bis er schwarz wurde. Tim aber ließ sich wieder auf dem Esel nieder und ritt in die andern Stadtteile, wo er sein Meisterstück hochtönender Beredsamkeit, natürlich unter einem Gefolge von hundert zerlumpten Straßenjungen, wiederholte.

Um vier Uhr nachmittags erschien Melchior auf dem Marktplatze. Wir folgten ihm, ich in meiner deutschen Studententracht, Timothy und Num in ihren Kostümen. Eine Bühne war inzwischen errichtet worden, und die Menge hatte sich, mehr lach- als kauflustig, um sie her versammelt. Jetzt wurden die verschiedenen Pakete vorn vor Melchior ausgelegt und aneinander gereiht, wobei er mich auf der einen und Timothy auf der andern Seite hatte, während Num sich mit seiner Trompete an einem Eckpfosten des Gerüstes hielt.

»Stoß' in die Trompete, Philotas«, sagte Melchior, der seinen dreieckigen Hut abnahm, und bei jedem Tusch eine tiefe Verbeugung vor dem Publikum machte. »Nun, Meister Narr, weißt Du auch, warum Du die Trompete geblasen hast?«

»Ich nicht, nein«, antwortete Num, seine Glotzaugen aufreißend.

»Aber Du, Mr. Dionysius?«

»Ja, Sir, ich kann's vermuten.«

»So erkläre es den Gentlemen und Ladies, die uns mit ihrer Gegenwart beehren.«

»Darum, Sir, weil man Trompeten immerdar vor großen Siegern bläst.«

»Sehr richtig, Sir, aber inwiefern bin ich ein großer Sieger?«

»Ihr habt den Tod besiegt, Sir, und das ist ein Kujon, mit dem man harte Arbeit hat.«

»Dionysius, Du hast gut geantwortet. Dafür sollst Du etwas Ochsenleber zum Nachtessen haben. Vergiß nicht, mich zu erinnern, falls ich es vergessen sollte.«

»Nein, gewiß nicht, Sir«, versetzte Tim, den Magen streichelnd, als ob ihm die Aussicht angenehm wäre.

»Ladies und Gentlemen«, redete Melchior zu den Zuschauern, welche die Gesichter gewaltig verzogen; »ich sehe, Sie thun bereits den Mund auf nach den Pillen, aber Sie müssen nicht gar zu ungeduldig sein! Ich kann nichts mit meinen Arzneien anfangen, außer Sie haben Beschwerden, die deren Hilfe erfordern; ich wäre ja ein trauriger Doktor, wenn ich verschreiben wollte, ohne das Übel zu kennen. Est neutrale genus signans rem non animatam sagt Herodot, und das bedeutet: was den einen nährt, ist dem andern Gift. Ferner heißt es bei ihm: ut jecur, ut onus, put ut occiput, womit er sagen will: was dem einen Temperament angemessen ist, das würde dem andern schädlich sein. Sie sehen also, Vorsicht ist äußerst nötig beim Gebrauche von Arzneien, ja, mein Ruf hängt davon ab, daß ich keinen etwas einnehmen lasse, was ihm nicht gut ist. Und nun, meine teuersten Freunde, will ich Sie fürs erste bitten, die eigentümliche Qualität der Tropfen in dieser kleinen Phiole zu betrachten. Sie bemerken, es sind nicht mehr als sechzig darin, und doch können diese sechzig Tropfen ein Menschenleben um zehn Jahre verlängern, indem sie es von ebenso vielen Übeln befreien. Erstlich: vielleicht, ist jemand unter Ihnen mit Ascites oder Wassersucht behaftet. Diese Krankheit kann man, wie der große Galen erörtert hat, in drei Unterabteilungen zerfallen lassen, in ascites, anasarca und tympanites. Ihre diagnostica sind Schwellen des abdomen oder Magens, schwerer Atem, Mangel an Appetit und ein stechender Husten. Ich frage, hat jemand von Ihnen diese Krankheit? – Niemand. – Nun, ich danke dem Himmel, daß er Sie von einem solchen Leiden verschont. – Die zweite Krankheit, für die meine Tropfen gut sind, ist Peripneumonia oder Lungenentzündung; – diagnostica oder Symptome: schwacher Puls, geschwollene Augen, Röte im Gesicht. Wenn Sie so etwas empfinden, so haben Sie die Krankheit. – Niemand? – Ich danke dem Himmel, daß er Sie, alle und jeden, von einem solchen Leiden verschont. – Auch sind meine Tropfen ein souveränes Mittel gegen die Diarrhoea, deren diagnostica folgende sind: Schwäche, häufiges Leibschneiden, Kollern in den Eingeweiden, kalter Schweiß, Krämpfe.«

Hier trat endlich ein Mann hervor und beklagte sich über häufiges Leibschneiden, dann folgte einer mit Kollern in den Eingeweiden und zwei oder drei andere mit kaltem Schweiß.

»Ganz gut! O ich danke dem Himmel, daß ich hier bin, um Euch zu behandeln! Denn was spricht Hippokrates? Relativum cum antecedente concordat, welches besagt, daß schnell angewandte Mittel die Krankheit in der Geburt ertöten. Hier, meine Freunde, nehmt hin, nehmt hin; zahlt mir nur einen einzigen Shilling und seid dankbar. Wenn Ihr schlafen geht, vergeßt ja nicht, Euer Gebet emporsteigen zu lassen. – Auch sind meine Tropfen ein souveränes Mittel gegen das schreckliche Chiragra oder Gichtleiden. Ich habe die gesamte Aldermanschaft der City von London, mit drei Flaschen auf den Mann, erst letzte Woche kuriert. Sie beschenkten mich dafür mit dem Bürgerrechte der Londoner City in einer goldenen Kapsel – wie schade, daß ich sie mitzubringen vergessen habe! Nun kann man das Chiragra in verschiedene Gattungen einteilen: es ist gonogra, wenn es die Kniee angreift, chiragra, wenn es in den Händen sitzt, onogra, im Ellbogen, omagra, in der Schulter, und lumbago, im Rücken. Diese alle sind lauter Gichtübel, und für alle sind die Tropfen in der kleinen Phiole da das souveränste Mittel. Bemerken Sie außerdem, sie halten sich und bleiben immer gut. Noch in zwanzig Jahren, wenn es Sie im Alter ergreift – und die Zeit wird nicht ausbleiben, meine guten Leute – dürfen Sie nur die kleine Phiole da vom Gesims herunternehmen und die Stunde segnen, in der Sie Ihren Shilling ausgegeben haben, nach den Worten der Eusebius: verbum personale concordat cum nominativo, was bedeutet: der Thätige wird alt werden und Gliederschmerzen zu erdulden haben. Wer also hat Gliederschmerzen oder lumbago? Und wer kann sagen, daß er frei davon bleiben werde?«

Dieser Aufruf zog eine große Anzahl von Leidenden oder von solchen, die sich wider das Übel zu bewaffnen wünschten herbei, daß alle unsere Phiolen abgesetzt wurden, und der Doktor erklären mußte, in einigen Tagen werde er wieder etwas von dem unschätzbaren Mittel vorräthig haben.

»Ladies und Gentlemen, jetzt möchte ich ihre Aufmerksamkeit für ein wertvolles Pflaster in Anspruch nehmen, dessen Wirkungen in der That wunderbarlich sind. Dionysius, komm' hierher. Du hast dieses wunderbare Pflaster kennen gelernt; erzähle den Anwesenden Deinen Fall und vergiß nicht, daß Du die Wahrheit sagen sollst.«

Hierauf schritt Thimotheus vor: »Gentlemen und Ladies, ich versichere Sie auf meine Ehre, daß es wahr ist; vor drei Wochen fiel ich von der Bühne herab und wurde mit dreifach gebrochenem Rückgrat zum Chirurgus hingetragen, der den Leuten nach einer kurzen Besichtigung erklärte, sie sollten das Maß zu meinem Sarge nehmen. Der große Doktor war eben damals zu einer Konsultation mit den königlichen Leibärzten über der Königin Kophagus, oder periodischem Brand in der großen Zehe, berufen, aber mein guter Stern wollte, daß er im Augenblicke, da sie mich in die Bahre bringen wollten, zurückkam. Er legte mir unverweilt ein souveränes Pflaster auf den Rücken; nach fünf Tagen konnt' ich wieder aufrecht sitzen, und am zehnten kehrte ich zu meinen Verrichtungen zurück.«

»So bist Du jetzt ganz gesund, Dionysius?«

»Vollkommen Sir, und mein Rücken ist wie Fischbein.«

»Laß einmal sehen.«

Dionysius machte zwei Purzelbäume vorwärts, zwei rückwärts, ging auf den Händen über die Bühne und zeigte seine Kunst nach allen Richtungen.

»Sie sehen meine Herren, daß ich ganz hergestellt bin, und auf meine Ehre! was ich gesagt habe, das ist Thatsache.«

»Sie werden hoffentlich zugeben, daß ich da eine sehr hübsche Kur ausgeführt habe«, fuhr der Doktor zum Publikum gewendet fort. »Ich brauche kaum zu sagen, daß dieses Pflaster bei Quetschungen, Brüchen, Verstauchungen, Kontusionen und Verrenkungen ganz unfehlbare Dienste leistet; besonders überrascht aber werden Sie sein, wenn ich Ihnen sage, daß ich es für acht Pence das Stück verkaufen kann.«

Das Pflaster ging reißend ab und war bald vergriffen, worauf der Doktor zur Beschreibung seiner andern wertvollen Artikel überging. Als er erst an die kosmetischen Wasser und dergleichen für Frauenzimmer kam, da hatten wir nicht Hände genug zum Hergeben.

»Und nun«, sagte der Doktor endlich, »muß ich mich für diesen Abend verabschieden.«

»Das ist mir angenehm«, rief Timothy: »denn jetzt gedenke ich meine Arznei zu verkaufen.«

»Deine Arznei, Mr. Dionysius. Was meinst Du damit.«

»Was ich meine, Sir? ich meine ein Pulver von meiner eigenen Erfindung, ein ganz souveränes Mittel.«

»Was für ein Mittel, Sir?«

»Ein Pulver gegen die Flöhe, Sir, just so untrüglich wie Eure Arkana.«

»In der That? Wie bist Du denn auf die Erfindung gekommen?«

»Ein Zufall hat mich im Schlaf darauf gebracht. Ich kann es mit gutem Gewissen probat nennen; bei richtiger Anwendung ist es so unfehlbar wie irgend eines von Euren Mitteln, Sir. Ladies und Gentlemen, ich setze meine Ehre zum Pfande, daß es die gewünschte Wirkung haben wird. Sechs Pence ist alles, was ich dafür verlange.«

»Aber wie muß man es anwenden?«

»Nun wie jedes andere Pulver auch, aber ich gebe die Anweisung erst nach dem Verkaufe –, wenn die Methode nicht anschlägt, so will ich das Geld zurückgeben.«

»So lass ich mir's gefallen, Mr. Dionysius und will dafür sorgen, daß Du Wort hältst bei Deinem Handel. – Will jemand sein Flohpulver kaufen?«

»Ich«, rief einer aus dem Haufen mit lachendem Munde. »Hier ist das Sechspencestück. So, Hanswurst, und wie muß ich's jetzt gebrauchen?«

»Ja, ja«, sagte Timothy, das Sechspencestück in die Tasche steckend, »will's gleich sagen. Erst fängt man den Floh, dann hält man ihn ganz fest zwischen Daumen und Zeigefinger und drückt ein wenig, bis er das Maul aussperrt; jetzt geschwind ein wenig von dem Pulver hinein, und es wird ihn augenblicklich umbringen.«

»Der Teufel! Wenn ich den Floh so fest habe, so kann ich ihn ja knicken.«

»Allerdings, das können Sie, wenn Sie es vorziehen. Im andern Falle aber bedienen Sie sich des Pulvers; auf Ehre, es ist untrüglich.«

Dieser Auftritt machte den Zuschauern gewaltigen Spaß. Timothy behielt sein Sechspencestück, und damit endigte unsere heutige Vorstellung. Melchior war sehr zufrieden und versicherte, heute mehr eingenommen zu haben, als sonst in einer ganzen Woche. Die Summe betrug nicht weniger als siebzehn Pfund und zehn Shillings, alles in Shillingen und Sechspencestücken, während die Waren nicht zehn Shillings gekostet hatten. Wir setzten uns daher mit den besten Hoffnungen zum Abendessen, auch sahen wir uns in der Folge keineswegs getäuscht. Vier Tage blieben wir in diesem Städtchen und hatten eine schöne Einnahme. Dann zogen wir weiter, überall von dem gleichen Erfolge begleitet. Timothy und ich mußten fast die ganze Nacht dasitzen, Signaturen schreiben, Pillen drehen und Mixturen machen, was alles auf höchst wissenschaftliche Art geschah. Nicht immer spielte Melchior die Hauptrolle, vielmehr entschuldigte er sich häufig beim Publikum mit Geschäften, die ihn anders wohin riefen, mit Krankenbesuchen, und bat um Erlaubnis, die Ausstellung der Arzneien seinem weit in der Wissenschaft vorgerückten Zögling überlassen zu dürfen. Meine einnehmende Gestalt verschaffte mir großen Erfolg, besonders bei den Damen; Timothy aber hielt sich in solchen Fällen, wenn er allein mit mir war, so gut, daß wir jedesmal einen großen Zuwachs zu Melchiors Erwerbe beitrugen, daher er sich zuletzt nur noch flüchtig zeigte und nach der ersten halben Stunde unter dem Vorwande, seine überhäuften Krankenbesuche erlaubten ihm nicht länger zu bleiben, uns die ganze Verrichtung überließ. Nach sechswöchentlichen andauernden Erfolgen kehrten wir in unser Lager zurück, welches, wie gewöhnlich, nicht sehr fern war.

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