Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frederick Marryat >

Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel

Worin Melchior den Astrologen spielt, wir aber, Tim und ich, zu unserm alten Gewerbe zurückkehren und unschuldige Rezepte bereiten.

————

Wir hatten Pferde bis zur nächsten Stadt bestellt. So bald wir aber einmal auf der Heerstraße waren, hieß ich die Postillone halten und bedeutete sie, der große Aristodemus wolle heute Nacht den gestirnten Himmel beobachten. Zu diesem Zwecke zeigte ich ihnen ein Gemeindefeld, wohin sie uns führen sollten. Die Postillone, wohlbekannt mit seinem Ruhm und so fest als die ganze übrige Welt davon überzeugt, lenkten nach dem Platze. Wir stiegen ab, nahmen das Gepäck heraus, und erhielten in ihrem Beisein Befehle von Melchior zur Aufstellung der Instrumente, worüber die Burschen Mund und Augen aufsperrten. Ich bezahlte sie gut; dann hieß ich sie umkehren, was sie auch mit großem Vergnügen zu thun schienen. Diese einfache Art, in unser Lager zurückzugelangen, vermehrte das Erstaunen des guten Städtchens, als die Postillone mit ihrer Neuigkeit daselbst ankamen. Sobald sie uns aus dem Gesichte waren, zogen wir unsere gewöhnlichen Kleider wieder an, packten alles zusammen, nahmen den größten Teil unsrer Sachen mit und verbargen das übrige im Ginster, um es in nächster Nacht holen zu lassen; denn wir hatten nicht mehr als zwei Meilen ins Lager. Dort wurden wir von Nattie und Flita empfangen.

Auf unserm Wege bemerkte ich zu Melchior: »Ob wohl diese Gestirne einen Einfluß auf den Sterblichen ausüben, wie man früher angenommen hat?«

»Ganz gewiß ist dies der Fall«, gab er zurück: »ich kann zwar nicht in ihnen lesen, aber ich glaube fest daran.«

Ich hatte die Bemerkung gemacht, weil es mir längst vorkam, als ob Melchior solche Ansichten hätte.

»Ja«, fuhr er fort, »jeder Mensch hat sein Verhängnis; so muß es sein. Alles, was uns begegnen soll, ist einem allwissenden Wesen von Ewigkeit her bekannt: was kann es also anderes sein, als unvermeidliches Verhängnis? Es giebt ein Fatum«, fuhr er fort, Hand und Auge zu den Sternen erhebend; »und dieses Fatum steht so gewiß hier geschrieben, als die Sonne über uns scheint. Aber das große Buch ist versiegelt, weil seine Aufschlüsse nicht zu unserm Glücke dienen würden.«

»Wenn aber alles nur Verhängnis oder Fatum ist«, versetzte ich, »welche Veranlassung bleibt uns dann, um Gutes oder Böses zu thun? Da können wir alle möglichen schlechten Streiche begehen und uns damit entschuldigen, daß es so über uns verhängt gewesen sei. Außerdem, wäre es wohl gerecht, wenn uns jenes allwissende Wesen strafen würde für Verbrechen, die wir nicht vermeiden können, die uns von unserm Schicksal auferlegt sind?«

»Japhet, Du stellst Deine Gründe gut, bist aber dennoch im Irrtum, weil Du, wie die meisten Christen, die Bibel nicht verstehst. Es ging mir ebenso, eh' ich Nattie kennen lernte. Ihren Glauben halte ich für den richtigen, und, was noch mehr heißt, er unterstützt die Wahrheiten der Schrift.«

»Ich glaubte, die Zigeuner hätten keine Religion.«

»Du bist der einzige nicht, der das meint. Es ist wahr, die meisten Mitglieder des Stammes werden von den höheren Klassen gleich Leibeigenen gehalten und wachsen ohne Unterricht auf; aber bei der Aristokratie, wenn ich diesen Namen gebrauchen darf, ist es etwas ganz anderes; ihren Glauben habe ich angenommen.«

»Ich möchte diesen Glauben kennen.«

»So höre denn. Die Sünde ist im Himmel entsprungen, als die Engel sich gegen Gott empörten; sie entsprang nicht auf der Erde.«

»Das will ich zugeben, daß die Sünde im Himmel entsprang.«

»Glaubst Du denn, daß ein so großer, ein so guter Gott jemals ein Wesen zur Vernichtung, zum ewigen Elend schuf, geschweige denn einen Engel? Sah er ihre Empörung nicht voraus?«

»Ich gebe es zu.«

»Diese Welt war vor dem Fall der Engel nicht mit dem Ebenbilde Gottes bevölkert: sie hatte ihre lebendigen Wesen, ihre Ungeheuer vielleicht, jedoch kein Menschengeschlecht mit unsterblichen Seelen. Dann aber wurde sie bevölkert, wie sie es jetzt ist, um die gefallenen Engel zur Seligkeit zurückzuführen, als eine Stätte der Pilgerschaft, durch welche sie Vergebung und ihre Sitze im Himmel wieder erlangen sollen. So oft ein Kind geboren wird, schlägt ein gefallener Cherub seinen Wohnsitz in dem kleinen Körper auf, um nach Erlösung zu streben. Manche erlangen sie, manche müssen wieder von neuem anfangen, denn der Geist ist unsterblich und kann nimmermehr vernichtet werden; der Allmächtige aber ist lauter Güte und immer zur Vergebung bereit.«

»Also glaubt Ihr nicht, daß es ewige Strafen giebt?«

»Ewig, nein! Strafen sind es allerdings, aber keine ewigen. Die gefallenen Engel aber waren nicht alle gleich: einige, minder verworfen als die andern, erhielten bald ihre Sitze wieder und durften als Kinder nur die leichte Prüfung durchmachen; andere aber, die von Kindheit an zeigen, wie verdorben sie sind, müssen sich vielen Wanderungen unterziehen, bis sie gereinigt werden können. Das ist die Strafe. Welche andere Züchtigungen es für sie zwischen diesen Pilgerfahrten giebt, das wissen wir nicht, aber gewiß ist es, daß kein Wesen zu ewiger Strafe erschaffen ward.«

»Aber das ist alles nur Behauptung«, versetzte ich; »wo sind Eure Beweise?«

»In der Bibel«, sagte er; »ich will sie Dir nächster Tage zeigen. Jetzt aber sind wir am Lager, und ich sehne mich, Nattie zu umarmen.«

Häufig dachte ich über diesen eigentümlichen Glauben nach. An und für sich stritt er nicht gegen die Religion, aber auf der andern Seite fielen mir auch keine Stellen ein, auf die er sich stützen konnte. Jedenfalls war der Gedanke schön, und ich verweilte mit Wohlgefallen bei ihm. Ich habe es bereits gesagt, und auch der Leser wird sich aus meiner Erzählung überzeugt haben, daß Melchior kein gewöhnlicher Mensch war. Täglich wurde ich anhänglicher an ihn, täglich gefiel mir unser Nomadenleben besser. Meine früheren Bedenklichkeiten verschwanden allmählich; die Zeit verfloß mir schnell, und obgleich ich mir gelegentlich den Hauptgegenstand meiner Wanderung ins Gedächtnis rief, so suchte ich mich doch wieder zu beruhigen, indem ich mir sagte, dazu sei es noch hinlänglich Zeit. Die kleine Flita war nun meine beständige Gesellschaft im Lager. Besondere Freude gewährte es mir, sie lesen und schreiben zu lehren.

»Japhet«, sagte Timothy eines Tages zu mir, als wir Haselstauden im Walde schnitten: »es kommt mir vor, als habest Du keine sonderliche Eile, Deinen Vater zu suchen.«

»Nein, Tim, das nicht, aber ich lerne die Welt kennen, und das wird mir sehr nützlich werden, wenn ich wieder zu suchen anfange. Außerdem, was noch besser ist, erspare ich mir ein schönes Stück Geld, das mich in den Stand setzen wird, mein Vorhaben zu verfolgen.«

»Was gab Dir Melchior nach unserm letzten Ausflüge?«

»Zwanzig Guineen, was mit dem Vorigen zusammen mehr als fünfzig macht.«

»Und mir gab er zehn, also hab' ich im ganzen zwanzig. Siebenzig Pfund, das ist eine große Summe.«

»Ja, Tim, und doch bald ausgegeben. Wir müssen noch ein wenig länger arbeiten. Auch kann ich das kleine Mädchen da nicht verlassen; sie ist wahrlich nicht zum Seiltanzen geboren.«

»Es freut mich, daß Du das sagst, Japhet! denn ich bin gerade so gesinnt, wie Du. Sie soll unser Schicksal teilen.«

»Eine glänzende Aussicht!« rief ich lachend; »doch gleichviel, immer besser als hier bleiben. Aber wie wollen wir das angreifen?«

»Ja, da sitzt der Knoten! Übrigens haben wir Zeit genug, darüber nachzudenken, wenn wir einmal unsere jetzige Lage aufgeben wollen.«

»Nun, ich weiß von Melchior, daß wir in wenigen Tagen aufbrechen werden.«

»Und was ist los, Japhet?«

»O, wir bleiben ganz beim Leisten; wir werden alle Übel unter der Sonne kurieren. Morgen fangen wir an, Pillen zu drehen; da können wir uns ganz zu Mr. Kophagus zurückträumen.«

»Gut, da werden wir Spaß haben. Ich hoffe aber, Melchior wird mir nicht zumuten, daß ich meine eigenen Pillen einnehme, um ihre guten Eigenschaften zu bewahren. Das wär' kein Witz.«

»O nein, das ist Nums Beruf. Zu was taugt der Narr sonst?«

Die nächste Woche wurde auf die angegebene Beschäftigung verwendet. Pillenschachteln von jeglicher Größe, mit zierlichen Aufschriften, Flaschen mit verschiedenen Mixturen, namentlich mit Stimulantien, bildeten unser Gepäck. Allerhand Pulver wurden in Papier eingeschlagen, aber nirgends befand sich etwas Schädliches darunter. Als alles fertig war, brachen wir auf, nur von Num begleitet, während Jumbo und Flita zu Hause blieben. Melchior hatte den Anzug gewählt, welchen wir von dem Frachtwagen her kannten, und seine Gestalt so völlig verwandelt, daß man ihn für einen Greis von wenigstens sechzig Jahren halten mußte. Wir wanderten diesmal zu Fuße, jeder mit seinem Bündel von Kleidungsstücken, außer Num, der wie ein Packpferd beladen war und bittere Klagen führte: »Könnt Ihr nicht auch was von dem tragen?«

»Nichts da«, sagte ich: »das ist Dein Gepäck; jeder trägt das seinige.«

»Nein! so schwer ist mir mein Flitterkleid noch nie vorgekommen! Wo gehen wir hin?«

»Nur noch eine kleine Strecke«, versetzte Timothy, »dann hast Du nichts mehr zu thun.«

»Weiß nicht. Wenn der Herr das Kleid da anhat, muß ich allemal kleine Dinger schlucken, bis ich ganz krank bin.«

»Das ist für Deine Gesundheit gut, Num.«

»Danke, mir ist ganz wohl«, erwiderte der arme Teufel, »nur sehr heiß; ach, und mächtig müde bin ich.«

*

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.