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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Zwölftes Kapitel

Es ist sehr leicht, diejenigen zu betrügen, welche so begierig darnach sind, als die Menschen in dieser Welt des Betruges zu sein pflegen. Wir beweisen uns ausnehmend uneigennützig, was allgemeine Bewunderung erregt.

————

Fünf Tage lang bezauberten wir die guten Leute von ***, dann aber entdeckten wir die unzweifelhafte Thatsache, daß ihren Taschen kein weiteres Geld auszupressen sei, daher wir unsere gewöhnlichen Kittel wieder anzogen, unsere Bündel zur Hand nahmen und nach einem andern, fünfzehn Meilen von da gelegenen Marktstädtchen aufbrachen. Hier machten wir nicht weniger Glück, und Melchior war voll Freude, seiner Gesellschaft ein so talentvolles Paar erworben zu haben. Übrigens will ich mich nicht zu lange bei einem Gegenstande aufhalten, sondern den Leser kurz benachrichtigen, daß wir nach einer Fahrt von sechs Wochen, auf welcher wir überall sehr gut aufgenommen wurden, wieder einmal zu unserem Lager zurückkehrten, welches fünf Meilen von dem Schauplatz unserer zuletzt gegebenen Vorstellungen aufgeschlagen worden war. Wir freuten uns alle, wieder daheim zu sein und von unsern Arbeiten auszuruhen. Melchior war über seinen Gewinn vergnügt, die arme kleine Flita jubelte, da sie sich ihrem einsamen Zelte zurückgegeben sah, und Nattie erfreute sich unseres guten Glücks und der Heimkehr ihres Gatten. Timothy und ich hatten unsere Brauchbarkeit so bewährt, daß Melchior uns mit Freundschaft und Vertrauen überhäufte; auch machte er uns ein Geschenk von seinem Erwerbe: ich erhielt zehn Pfund, und Timothy fünf.

»Sieh, Japhet«, sagte er, »hättest Du Dich bei mir verdingt, so würd' ich Dir nicht mehr als sieben Schillinge die Woche bezahlt haben, da ich Dich außerdem verköstige; so aber wirst Du gestehen, daß das kein übler Lohn für sechs Wochen ist. Übrigens wird Deine Einnahme von unserem Erfolge abhängen, und ich denke, wir werden noch einen viel hübscheren Zug thun, wenn wir das nächste Mal aufbrechen, was in etwa vierzehn Tagen geschehen soll. Das bedarf aber noch einiger Vorbereitungen. Hat Timothy ein gutes Gedächtnis?«

»Ich glaube so.«

»Das ist gut. Ich habe Dir schon gesagt, daß wir das nächste Mal den weisen Mann spielen, da müssen wir aber erst Nattie ins Spiel ziehen. Morgen gehen wir nach ***.« – Er nannte hier ein kleines stilles Städtchen in der Entfernung von vier Meilen.

Am andern Morgen brachen wir auf, kamen gegen Mittag an und errichteten unsere Zelte auf der Gemeindewiese, nicht weit von der Stadt. Diesmal aber hatten wir die ganze übrige Truppe zurückgelassen, und nur Melchiors Familie samt seinen beiden Zelten war den Lasttieren aufgeladen worden.

Melchior und ich kleideten uns als Landleute und gingen abends in die Stadt in ein achtbares Wirtshaus, wo wir uns an einen der Tische im Schenkzimmer setzten, Bier verlangten und alsdann verabredetermaßen ein lautes Gespräch vor den Ohren der trinkenden und rauchenden Gäste anknüpften.

»Und ich glaub's eben nicht!« rief Melchior, »'s ist eitel Trug und Prellerei! Man will Euch eben die Tasche fegen. Euer Glück prophezeien, sieh doch. Vermutlich hat sie Euch ein reiches Weib und ein halb Dutzend Kinder versprochen.«

»Nein, das hat sie nicht«, erwiderte ich, »denn zum Heiraten bin ich noch zu jung; aber sie hat mir etwas Geschehenes gesagt und hat's auch erraten.«

»Nun, und was denn?«

»Ja, sie sagte mir, meine Mutter hab' wieder geheiratet und mich aus dem Haus geschickt, um mein Brot zu verdienen.«

»Davon kann sie aber gehört haben.«

»Ich möcht' auch wissen, wie? Nein, das kann gar nicht sein. Und dann hat sie mir gesagt, ich habe ein Muttermal am Knie; das sei ein Glückszeichen. Woher kann sie das wissen?«

»Ja, ja, das ist freilich kurios. Wie und was hat sie Euch sonst noch prophezeit?«

»Ja, sie hat gesagt, ich werde heut Abend mit meinem besten Freund zusammentreffen. Jetzt, das ist mir ganz wunderlich, denn ich hab' nur einen in der Welt, und der ist weit weg.«

»Gut, wenn das eintrifft mit dem Freund, dann will ich ihr glauben; trifft's aber nicht ein, so ist all' ihr Sach' nichts, als geraten. Aber, was habt Ihr für das Dings zahlen müssen? einen Shilling? oder hat sie Euch die Taschen ganz geleert?«

»Das ist mir auch so wunderlich: sie hat gar nichts genommen. Ich bot's ihr zwei-, dreimal an, aber sie nahm's nicht und sagte, sie wolle kein Geld, ihre Gaben könne man nicht kaufen.«

»Das ist doch kurios. – Hört ihr, was der junge Mann da sagt?« rief Melchior den andern zu, welche jedes Wort verschlungen hatten.

»Ja«, erwiderte einer. »Was ist's denn für eine Person?«

»Die Zigeunerkönigin, hab' ich gehört. So ein wundervolles Weibsbild hab' ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen. Die guckt einen durch und durch. Ich begegnete ihr auf der Gemeindewiese, und wie sie an mir vorüberkam, ließ sie ihr Schnupftuch fallen. Ich lief ihr nach und bracht's ihr, da dankte sie mir und sagte: Laß mich Deine Hand sehen. Hier sind starke Linien, Du wirst glücklich werden. Außerdem sagte sie mir noch viel anderes und wünschte mir Gottes Segen.«

»Wenn sie das gethan hat, so kann sie nichts mit dem Teufel gemein haben«, bemerkte Melchior.

»Sehr kurios! – ganz sonderbar! – nimmt kein Geld! – Zigeunerkönigin!« tönte es von allen Seiten.

Die Wirtin und das Schenkmädchen lauschten mit stummer Verwunderung; da kam, verabredetermaßen, niemand anderes herein, als Meister Timothy. Ich that, als sähe ich ihn nicht, er aber ging auf mich zu, ergriff meine Hand, schüttelte sie und schien ganz entzückt; »Wilson, hast Du Deinen Smith vergessen?«

»Smith!« rief ich und sah ihn erschüttert an. »Ja, Du bist's! Wie kommst Du hierher?«

»Ich verließ Dublin vor drei Tagen. Wie ich aber in dies Haus komme, das ist eine der wunderlichsten Sachen, die mir jemals widerfahren sind. Ich ging über die Gemeindewiese, da begegnete mir ein großes schönes Weib, sah mich an und sagte: ›Junger Mann, wenn Du ins dritte Wirtshaus gehst, an dem Du vorüberkommst, so findest Du einen alten Freund, der Dich erwartet.‹ Ich meinte, sie wolle mich zum Narren haben, da es aber ganz einerlei war, wo ich meine Nachtherberge nahm, so dacht' ich, ich wolle dem Spaß den Lauf lassen und ihren Worten folgen.«

»Wie sonderbar!« rief Melchior, »und ihm hat sie dasselbe gesagt, nämlich daß er einen Freund treffen werde.«

»Seltsam! – ganz seltsam! – wunderbar! – erstaunlich! –« ertönte es von allen Ecken und Enden, und der Ruf der Zigeunerin war gemacht.

Timothy und ich setzten uns zusammen und plauderten als alte Freunde, während Melchior von einem Tisch zum andern ging, um die wundervollen Begebenheiten zu erzählen. So trieben wir's bis Mitternacht, worauf wir uns, als Reisende, Betten im Wirtshause geben ließen.

Die Geschichte, die wir diesen Abend in Umlauf gesetzt hatten, zog manche Leute hinaus, um Nattie zu sehen; sie gab sich aber die Miene, als ob sie ihrer nicht achtete, und wenn jemand sie bat, ihm wahrzusagen, so winkte sie ihn mit der Hand hinweg. Melchior erreichte hierdurch seine Absicht vollkommen; da aber nun die Operationen geändert werden mußten, so stellte sich Timothy, der nebst mir im Wirtshause blieb, auf sehr vertrauten Fuß mit dem Schenkmädchen und machte sich mit den kleinsten Umständen aus ihrem Leben bekannt. Ebenso erlangte ich durch wiederholte Unterhaltungen mit der Wirtin bedeutende Aufschlüsse über sie selbst und über manche Familien in der Stadt. Da übrigens Natties Rolle für einen späteren Zweck berechnet war, so begnügten wir uns mit der Kunde, die wir für den Augenblick erlangen konnten. Nachdem unser Aufenthalt eine Woche gedauert, und der Ruf der Zigeunerin durch die wunderbarsten und unmöglichsten Geschichten eine kaum glaubliche Höhe erreicht hatte, schien es Melchior an der Zeit, daß Timothy das Schenkmädchen zu einem Versuche bei der Wahrsagerin bereden sollte. Das Mädchen ließ sich, nach einigen Bitten und zugleich in der Hoffnung, sie werde ebenfalls abgewiesen werden, bereit finden, mit ihm auf die Gemeindewiese zu gehen. Timothy wies sie an, sich zu stellen, als höbe sie einen Sechspence vom Boden auf. und Nattie zu fragen, ob er nicht ihr gehöre. Das Schenkmädchen befolgte diese Anweisung, nachdem sie den Arm ihres Führers losgelassen.

»Habt Ihr einen Sechspence fallen lassen? ich habe einen aufgehoben«, sagte sie zitternd und bebend, indem sie sich der Zigeunerin näherte.

»Kind«, erwiderte Nattie, welche vollkommen vorbereitet war, »ich habe weder einen Sechspence verloren, noch hast Du einen gefunden. Aber das hat nichts zu sagen: ich weiß, was Du möchtest, und weiß auch, wer Du bist. Nun, was willst Du von mir? Etwa wissen, ob der Wirt und die Wirtin vom goldnen Löwen Dich in ihrem Dienst zu behalten gedenken?«

»Nein«, antwortete das Mädchen, sehr betroffen von diesen Worten; »ich möchte wissen, wie es mir noch gehen wird.«

»Öffne Deine Hand, hübsche Dirne, so will ich Dir's sagen. Ha, ich sehe, Du bist im Westen geboren, – Dein Vater ist tot, – Deine Mutter ist im Dienst, – wie, laß mich sehen, – Du hast einen Bruder zur See – in Westindien jetzt.«

Diese Kunde, welche natürlich samt und sonders von uns herstammte, entsetzte das junge Mädchen so sehr, daß sie in Ohnmacht fiel und von Timothy fortgetragen werden mußte. Als er sie zu dem Wirtshaus brachte, war sie so angegriffen, daß man sie ins Bett legte. Dann redete sie so unzusammenhängend, und ihre Reden wurden durch Timothys Erzählung so geschickt unterstützt, daß die Verwunderung der Wirtin und der übrigen alle Grenzen überstieg. Ich gab mir die größte Mühe, auch die Wirtin hinauszubringen, aber sie wollte sich nicht dazu verstehen. Übrigens wurde Nattie jetzt von Leuten aus höhern Ständen belagert, die sich von ihr wahrsagen lassen wollten. Hier kamen nun ihre Talente recht ins Spiel. Sie wies die Leute nicht ab, gab aber auch keine Antwort, sondern kam ihnen mit Fragen zuvor. Da sie nun von uns alle möglichen allgemeinen Notizen erhalten hatte, so legte sie das, was sie wußte, in die Fragen und Anreden, und machte die Besuche glauben, sie wisse noch mehr. Kamen junge Leute zu ihr, so fragte sie zuerst nach dem Namen, da sie durch uns alle Namen, Familienangelegenheiten und Verhältnisse des Städtchens kannte. Hierauf gestützt, fragte sie noch einiges, brach dann kurz ab und schickte sie fort.

Ein solches Benehmen ließ man sich bei einer Frau von so gebieterischem Aussehen gefallen, welche kein Geld annahm und ihre Besuche mit fürstlicher Überlegenheit behandelte. Viele kamen täglich, sagten ihr alles, was sie wußten, und machten sie mit jeder Handlung ihres Lebens bekannt, um den Drang der Prophetie in ihr zu erwecken, denn dies, hatte sie ihnen gesagt, sei das sicherste Mittel, den Geist über sie kommen zu machen. Auf diese Weise lernten wir die geheime Geschichte des größten, und zwar des wohlhabendsten Teils der Einwohnerschaft von *** kennen, und obgleich Nattie selten prophezeite, so that sie es doch, wenn es einmal geschah, mit solch vollendeter und augenscheinlicher Kenntnis hinsichtlich der Beteiligten, daß, als sie nach sechs Wochen abging, die ganze Stadt von ihren wunderbaren Gaben sprach.

Es könnte seltsam erscheinen, daß Melchior seiner Gattin nicht erlaubte, aus diesen Gaben einen Gewinn zu ziehen, der zweifelsohne sehr reichlich ausgefallen wäre, aber seine wahre Absicht ging dahin, ein Kapital anlegen zu lassen, welches in der Folge um so größere Zinsen tragen sollte. Nattie verschwand, das Zigeunerzelt ward nicht mehr auf der Gemeindewiese gesehen, und das Gras, welches durch die Füße der zahlreichen Besuche zu einem Pfade niedergetreten war, erhielt die Freiheit, sich wieder aufzurichten. Bald nachher brachen wir ebenfalls auf und begaben uns zu Nattie ins Lager zurück, wo wir vierzehn Tage verweilten, damit inzwischen die Erinnerung an die Zigeunerin etwas schwächer werden möchte; denn wir wußten wohl, daß die Begierde rege bleiben und vor ihrer endlichen Sättigung nicht zur Ruhe kommen würde.

Nach Verlauf der vierzehn Tage zogen wir abermals in jenes Städtchen, Melchior, Timothy und ich. Wir waren als Reisende gekleidet, das heißt als Leute, welche im Auftrage der Manufakturisten das Land durchziehen. In dieser Eigenschaft besuchten wir ein Gasthaus höheren Ranges in einem andern Teile der Stadt, wo wir im Kaffeezimmer das Quartier und Nachtessen bestellten. Nicht lange, so kam die Unterhaltung auf die Wundergaben Natties, der Zigeunerin.

»Unsinn!« rief Melchior, »sie weiß nichts. Ich habe von ihr reden hören. Aber es ist ein Mann um den Weg – er kommt vielleicht durch Ihre Stadt –, über den Sie sich wundern und entsetzen werden. Niemand weiß, wer er ist; man nennt ihn den großen Aristodemus. Er kennt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er sieht den Leuten nicht in die Hand, er schaut ihnen nur ins Gesicht, und wehe dem, der sich eine Lüge gegen ihn erlaubt! Außerdem ist er wohlwollend und gefällig; er sagt die Zukunft vorher, und ich weiß keinen Fall, wo seine Weissagungen nicht eingetroffen wären. Man sagt, er sei Jahrhunderte alt. So viel ist gewiß, daß er silberweiße Haare hat.«

Gegen die Wahrheit dieser Erzählung drückten manche ihre Zweifel aus, andere hielten es mit der Zigeunerin.

Melchior erwiderte, er für seinen Teil könne versichern, daß ihm der Weise um zwei Guineen die Mitteilung von einem Legat von sechshundert Pfund gemacht habe, von welchem ihm sonst weder eine Kunde noch ein Penny zugekommen sein würde.

Da das ganze Städtchen die lebhafteste Teilnahme fürs Wahrsagen hatte, so fand diese zweite Neuigkeit rasche Verbreitung, und nach einem Aufenthalt von acht Tagen glaubte Melchior den Versuch machen zu können.

*

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