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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
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Elftes Kapitel

Was auch der Leser von uns halten mag, er kann uns nicht absprechen, daß wir Hexenmeister sind. Wir richten uns mit unsern Waren nach unsern Kunden und haben einen beträchtlichen Gewinn.

————

Wir waren drei Tage im Lager gewesen, als der Reichstag aufgehoben wurde und jeder seinen eigenen Weg ging. Den Grund dieser Zusammenkunft konnte ich nicht genau entdecken. Jedenfalls hatte es sich unter anderm um die Verteilung der Grafschaften für das nächste Jahr gehandelt. Die kleineren Banden waren da- und dorthin gewiesen, ihre Verbindungskanäle geordnet und ihre Distrikte geregelt worden, damit sie nicht durch zu große Nähe einander beeinträchtigen; aber man hatte auch noch manche andere Gegenstände erörtert, über welche ich, als Fremdling, in Ungewißheit gelassen worden war. Melchior beantwortete alle meine Fragen mit scheinbarer Offenherzigkeit, aber sein ränkevoller Beruf hatte ihn zu einem Manne gemacht, dem man unmöglich im Gesicht ansehen konnte, ob er die Wahrheit sagte oder nicht.

Als die Versammlung auseinanderging, brachen wir ebenfalls auf und lagerten uns ungefähr zwei Meilen von dem Gemeindeplatze, am Saum eines Waldes, der aus Eichen und Eschen bestand. Unser Proviant war zum größten Teile Wildpret, denn wir hatten ausgezeichnete Wilderer unter uns. Die Fische vollends schienen rein unter ihrem Kommando zu stehen; da gab's keinen Weiher, keine Pfütze, wovon sie nicht im Augenblicke zu sagen wußten, ob Insassen darin seien oder nicht, und im ersteren Falle dauerte es keine halbe Stunde, bis auch der letzte Fisch infolge berauschender Beeren, die sie hineinwarfen, oben auf dem Wasser schwamm. Auch andere Artikel fanden gelegentlich ihren Weg in den Kessel: mit einem Wort, es war unmöglich, besser und wohlfeiler zu leben, als wir.

Unsere Zelte wurden gewöhnlich nicht weit von einem Teich oder sonst einem Wasser aufgeschlagen, und um jede unangenehme Nachforschung, welche denn doch mitunter stattfand, zu vermeiden, wurde jegliches, was irgend einer Entdeckung ausgesetzt war, unter das Wasser versenkt, bis man es zum Kochen brauchte. War es einmal im Topfe, so konnte es für geborgen angesehen werden. Mit der Fouragierung übrigens hatten wir, Timothy und ich, nichts zu schaffen; wir nahmen unsern Anteil an den Mahlzeiten, ohne zu fragen, wie man zu den Gottesgaben gekommen war.

Meine Zeit brachte ich zumeist in Melchiors Gesellschaft zu, der mich in alle Mysterien der Becher und Kugeln, in Kartenkünste und Taschenspielereien jeder Gattung einweihte, und mit seinem ganzen Apparat zu vorbereiteten Wundern bekannt machte. Stunden um Stunden ließ er mir die Karten durch die Hände laufen, um mich »Volte schlagen« zu lehren, denn fast alle Kunststücke in der Karte beruhen auf diesem Manöver. Nach einem Monat galt ich für einen sehr geschickten Adepten. In derselben Zeit mußte Timothy seinen gymnastischen Kursus durchmachen. Man sah ihn den ganzen Tag Purzelbäume schlagen, bis er sich zuletzt wieder auf die Füße zu wirbeln vermochte. Leicht und beweglich, wurde er bald ein geschickter »Künstler«, er konnte seine Purzelbäume vor- oder rückwärts machen, auf den Händen gehen, Feuer essen, Bänder von sich geben und verstand hundert andere Stücke zur Belustigung eines gaffenden Auditoriums. Auch Jumbo war hart angelegt, um sein Fett herauszuschwitzen und durfte nicht eher an sein Essen denken, als bis Melchior mit ihm zufrieden war. Selbst die kleine Flita hatte sich gelegentlich zu üben, da wir uns auf eine Expedition vorbereiteten. Melchior, der einen großen Schlag zu beabsichtigen schien, verließ uns auf drei Tage und brachte bei seiner Rückkehr neue Kleider mit, nicht bloß für mich und Timothy, sondern für die ganze Gesellschaft. Bald darauf sagten wir Nattie samt den übrigen Zigeunern Lebewohl und brachen auf, nämlich Melchior, ich, Timothy, Flita, Num und Jumbo. Spät am Abend erreichten wir die kleine Stadt ***, wo wir Quartier in einem Wirtshause nahmen, mit dessen Besitzer Melchior bereits akkordiert hatte.

»Nun, Tim«, sagte ich, sobald wir zu Bette waren, »wie gefällt Dir unser neues Leben und seine Aussichten?«

»Besser als des Herrn Kophagus Rudimente und Arzneiaustragen, so viel ist einmal ganz gewiß. Aber wie behagt Euer Gnaden der Faschingsnarr, Japhet?«

»Die Wahrheit zu sagen, er kommt mich gar nicht sauer an. Das Ding hat etwas so Phantastisches und Sorgloses, daß es mir für den Augenblick recht willkommen ist. Wie lange das dauern wird, weiß ich freilich nicht, aber ein, zwei Jährchen denk' ich, wird es uns ganz wohl dabei sein. Jedenfalls werden wir die Welt sehen und allerlei Fächer lernen, zwischen denen wir später die Wahl haben.«

»Das ist wahr, aber eins quält mich doch, Japhet, und das ist die Schwierigkeit, diese Leute zu verlassen, wenn wir's einmal möchten. Außerdem vergissest Du, daß Du Deinen früheren Hauptzweck ganz aus den Augen lässest, nämlich die Jagd auf Deinen Vater.«

»Ich kann freilich nicht hoffen, ihn unter den Zigeunern zu finden«, erwiderte ich; »denn Kinder stehen bei ihnen hoch im Preise. Sie stehlen sie andern Leuten und werden sie also wohl nicht dem Findelhause lassen. Ich weiß aber nicht, ob ich nicht bei unserem augenblicklichen Gewerbe so gute Aussicht dazu habe, wie bei jedem andern. Ich habe oft gedacht, wir könnten als Wahrsager in den Besitz mancher wunderlichen Geheimnisse kommen; nun ja, wir werden ja sehen. Melchior sagt, er habe diese Rolle zu spielen vor, sobald er in seiner gegenwärtigen sein Schäfchen geschoren habe.«

»Was hältst Du von Melchior, da Du jetzt so viel um ihn gewesen bist?«

»Ich halte ihn für einen Menschen ohne Grundsätze, aber doch mit manchen guten Eigenschaften. Er scheint mir eine Freude am Betrug zu haben und im Kriege mit der ganzen Welt zu sein. Dabei hat er aber etwas Edelmütiges und ist bis zu einem gewissen Grade zutraulich; er zeigt ein freundliches Gemüt und scheint ein guter Gatte zu sein. Es liegt etwas auf seiner Seele, was ihn mitunter niederbeugt und mitten in der höchsten Fröhlichkeit überfällt. Es kommt über ihn, wie eine dunkle Wolke über einen hellen Sommerhimmel, und dann ist er auf einige Augenblicke ganz verdüstert. Ich glaube nicht, daß er irgend ein großes Verbrechen begehen könnte, aber ich habe den Argwohn, daß er etwas gethan hat, was ihm beständig Gewissensbisse macht.«

»Du bist ein sehr guter Menschenkenner, Japhet. Aber welch' ein liebes Kind diese kleine Flita ist! Sie könnte mit Dir rufen: Wer ist mein Vater?«

»Ja, wir sind beide in der gleichen Lage, und das ist es, glaube ich, was mich immer mehr zu ihr hinzieht. Wir sind Bruder und Schwester durchs Unglück, und eine Schwester soll sie mir immer sein, wenn das des Himmels Wille ist. Aber wir müssen morgen früh ausstehen, Tim; also gute Nacht.«

»Ja, morgen heißt's gaukeln und purzeln – Feuer essen – mmh – und so, wie Mr. Kophagus sagen würde; also gute Nacht, Japhet.«

Am nächsten Morgen warfen wir uns in unsere neuen Anzüge. Der meinige bestand in seidenen Strümpfen, Schuhen, weißkasimirnen kurzen Beinkleidern, einer blauseidenen, über und über mit Flitterwerk besetzten Weste, einer kurzen blauen Samtjacke, einer Schärpe um den Leib und einem Federhut. Timothy behauptete, ich sehe sehr hübsch aus, und da der Spiegel, so deutlich als er konnte, dasselbe sprach, so glaubte ich ihm. Timothys Anzug bildeten ein paar weite türkische Hosen und ein rotes Jäckchen mit Goldflittern. Die andern waren meist ebenso gekleidet. Flita trug türkische Höschen von weißem Atlas, einen knappen blaumousselinenen silbergestickten Rock, gestickte Sandalen; ihr Haar fiel in langen Flechten nach hinten: sie sah wie eine kleine Sylphide aus. Melchiors Kleidung war durchaus der meinigen gleich, und so zogen wir aus als eine Gesellschaft, die ihresgleichen suchte. Wir hatten Musiker angenommen, und Zettel wurden in der ganzen Stadt verbreitet, mit der Ankündigung, daß Signor Eugenia Velotti mit seiner Gesellschaft die Ehre haben werde, sich vor einem hohen Adel und verehrungswürdigen Publikum zu produzieren. Auch gab der Zettel eine Liste der Vorstellungen, die Zeit des Anfangs und die Preise der Plätze an. Die Vorstellung sollte in einem großen, dem Gasthaus gehörigen Saale stattfinden, welcher vor dem Verfall der Stadt als Versammlungssaal gedient hatte. Außerhalb desselben wurde ein Balkon errichtet, der für die Musiker bestimmt war, und wo wir uns gelegentlich in unserer Herrlichkeit zeigten, um die Bewunderung des Volkes auf uns zu ziehen. Da stolzierten wir denn auf und ab, alle, nur die arme kleine Flita nicht, deren Sittsamkeit vor einer solchen Schaustellung zurückbebte.

Als die Musik schwieg, hielten wir einen komischen Dialog, Melchior und ich, mit Philotas und Timothy, als den beiden Narren, und Melchior erklärte uns nach der Vorstellung, wir hätten uns bewundernswürdig gehalten.

»Bitte, Mr. Philotas, thut mir den Gefallen, mir zu sagen, wie hoch Ihr jetzt die Zahl der Anwesenden schätzt?« sagte Melchior mit gebieterischem Tone zu Num.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Num und erhob sein blödsinniges, melancholisches Gesicht.

Schallendes Gelächter der Menge über diese stupide Antwort.

»Der Bursche ist ein Narr«, sagte Melchior zu dem gaffenden Auditorium.

»Nun denn, wenn er's nicht weiß, so könnt Ihr mir's vielleicht sagen, Mr. Dionysius«, wandte ich mich zu Tim.

»Wie viele da sind, wollen Sie wissen, Sir? und das genau, und auf der Stelle?«

»Ja, Sir, augenblicklich.«

»Ohne zu zählen, Sir?«

»Ja, Sir, ohne zu zählen.«

»Sehr wohl, Sir, so will ich's sagen, und das ohne Fehler: ganz genau noch einmal so viel als die Hälfte.«

»Ha ha ha!« tönte es von der Menge.

»Das ist keine Antwort, Sir. Wie viel ist denn die Hälfte?«

»Wie viel die Hälfte ist? Wissen Sie's etwa, Sir?«

»Ja wohl, Sir, Er kann sich drauf verlassen.«

»Dann werd' ich's Ihnen ja nicht zu sagen brauchen.«

»Ha ha ha!«

»Wohlan, Sir«, wandte sich Melchior wieder zu Philotas, »vielleicht sagt Ihr mir, wie viele Ladies und Gentlemen uns heute Abend die Ehre schenken werden.«

»Wie viele, Sir?«

»Ja, Sir, wie viele.«

»Ganz gewiß, ich weiß es nicht«, sagte Num nach einer Weile.

»Nein, das ist doch der größte Dummkopf, den ich je getroffen habe«, sagte Melchior.

»Ei, wie der seine Rolle natürlich spielt!« rief das Volk. »Was er für ein dummes Gesicht machen kann!«

»Vielleicht seid Ihr im stande, die Frage zu beantworten, Mr. Dionysius«, sagte ich zu Freund Tim.

»Ja, Sir, ich weiß es genau.«

»Nun, Sir, laßt hören.«

»Was einmal die Damen betrifft, so werden alle hübschen kommen, und alle häßlichen wegbleiben, und von den Herren kommen gewiß alle, die irgend Geld haben; die andern sind arme Teufel und müssen draußen bleiben.«

»Ich hoffe, Sir; Ihr macht den Damen eine Verbeugung?«

»Eine sehr tiefe, Sir, nicht wahr?«

»Ja, eine sehr tiefe, allerdings.«

Tim verbeugte sich bis auf den Boden und schlug einen Purzelbaum vorwärts. »Sehen Sie, Sir, ich hab' mich so tief verbeugt, daß ich auf der andern Seite in die Höhe kam.«

»Ha ha! ein Kapitalspaß!« hieß es bei der Menge.

»Ich hab' mir eine Verrenkung zugezogen, Sir«, fuhr Tim fort, indem er sich den Rücken rieb; »Wär's nicht besser, sie wegzubringen?«

»In alle Wege.«

Nun machte er einen Purzelbaum rückwärts. »Jetzt, Sir, ist alles wieder in Ordnung. Eine gute Verrenkung verdient eine andere. Aber jetzt muß ich fort.«

»Wohin, Sir?«

»Wohin, Sir! Nun, ich hab' ein Stückchen Zucker in der Zunderbüchse gelassen und will's holen.«

»Ha ha ha!«

»Musik, aufgespielt!« Und Meister Jumbo begann seine Gaukeleien.

Dies waren die geistreichen Witze, womit wir unsere Zuhörerschaft unterhielten und fesselten. Wären wir feiner gewesen, wir hätten vielleicht nicht solchen Erfolg gehabt.

Diesen Abend war der Saal so voll, als nur irgend möglich. Signor Velotti, sonst Melchior genannt, setzte die Leute in Erstaunen. Die Karten schienen seinen Befehlen zu gehorchen, Ringe gerieten in Damenschuhe, Uhren wurden zu Staub zerschlagen und wieder ganz gemacht, Kanarienvögel flatterten aus Eiern hervor. Das Publikum war entzückt. Die Unterhaltung schloß mit Flitas Tanz auf dem schlaffen Draht, und wirklich konnte man nichts Schöneres, nichts Anmutigeres sehen. Im Gleichgewicht auf dem Drahte schwebend, ununterbrochen in schwankender Bewegung, die Augen immerfort auf eine Stelle gerichtet, um den Schwerpunkt nicht zu verlieren, führte sie verschiedene Darstellungen aus, wie ich sie bereits oben angegeben habe. Ihre außerordentliche Schönheit, ihre malerische, höchst decente Tracht, ihre schwermütige Miene, ihre niedergeschlagenen Augen, ihr holdes Wesen, alles das schien ihr die Herzen der Zuschauer zu gewinnen, und als Melchior und ich sie aus ihrer gefährlichen Stellung herunterhoben, und sie ihre anmutige Verbeugung machte, da ertönte einstimmiger Beifall.

Nachdem die Zuschauer sich zerstreut hatten, ging ich zu ihr hin, um sie zu loben. Aber ich fand sie in Thränen. »Was ist Dir, meine liebe Flita?« sagte ich.

»O nichts! Sag's nicht, daß ich geweint habe. Ich kann nicht anders, ich halt's nicht aus, mich von so vielen Leuten ansehen zu lassen. Sag' ihm nichts davon! Ich will nie wieder weinen.«

Ich küßte sie und sprach ihr zu; sie schlang ihren Arm um meinen Nacken und verbarg ihr Gesicht an mir. Dann gesellten wir uns zu den andern, da es Zeit zum Abendessen war. Melchior zeigte sich mit unserem Erfolge sehr zufrieden, und Tim und ich erhielten große Lobsprüche von ihm, ja er erklärte, wir hätten bei diesem ersten Versuche seine Erwartungen weit übertreffen.

*

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