Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frederick Marryat >

Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel

Worin der Leser verschiedene neue Bekanntschaften macht und alle ihre Verhältnisse erfährt, ausgenommen ihre Herkunft und Familienbeziehungen, das einzige, was diesem ganzen Buche durchaus abzugehen scheint.

————

Unterdessen waren wir zu dem Kalkofen gekommen, wohin unser neuer Bekannter uns gewiesen hatte. Wir setzten uns auf unser Bündel und plauderten fünf Minuten, bis er wieder erschien. Er trug etwas in der Hand, das in ein Tuch gewickelt war.

»Ihr werdet besser thun«, sagte er, »Eure Röcke in die Bündel zu packen und diese Kittel anzuziehen; Ihr werdet anständiger unter uns erscheinen und anständiger aufgenommen werden, denn eben ist eine Versammlung, und es sind kuriose Käuze darunter. Übrigens habt Ihr nichts zu fürchten; sobald Ihr einmal bei meiner Frau und bei mir seid, seid Ihr ganz sicher; ihr kleiner Finger wird Euch gegen fünfhundert schützen.«

»Ihre Frau? wo ist sie denn?« fragte ich, während ich den Kopf durch den Kittel steckte.

»Sie ist eine große Notabilität unter den Zigeunern. Vermöge ihrer Abkunft ist sie eins von den Häuptern des Stamms; und niemand wagt, ihr ungehorsam zu sein.«

»Und Sie – sind Sie ein Zigeuner?«

»Ja und nein. Von Geburt bin ich's nicht, aber durch Wahl und Heirat kam ich unter sie. Übrigens bin ich nicht hinter der Hecke geboren, das kann ich Euch versichern, obgleich ich jetzt sehr oft die Nacht dahinter zubringe, das heißt, wenn ich nicht zu Hause bin. Ihr müßt jedoch nicht glauben, daß Ihr lange hier zu bleiben habt; wir werden in wenigen Tagen aufbrechen, und dann stoßen wir Monate lang nicht mehr auf den Stamm, wiewohl Ihr meine Familie gelegentlich sehen werdet. Ich hab' Euch nicht mit mir ziehen heißen, um ein Zigeunerleben zu führen; nein, nein, wir müssen rührig und thätig sein. Kommt, wir sind ganz dicht bei ihnen. Redet nichts, so lange Ihr an den Zelten vorübergeht, bis Ihr in dem meinigen seid; dann könnt Ihr thun, was Ihr wollt.«

Wir machten eine rasche Wendung, gingen durch eine Öffnung in der Hecke und fanden uns auf einer kleinen, abgelegenen Ebene, welche von zwanzig bis dreißig niederen Zigeunerzelten eingenommen war. Feuer brannten und Speisen kochten. Wir kamen etwa an einem Dutzend Zelten vorbei, der Warnung unseres Führers eingedenk. Endlich hielten wir an und standen zu unserer Überraschung vor dem Narren, der sich gleich uns in einen Kittel gesteckt hatte, und vor Mr. Jumbo, welcher sehr geschäftig war, einen Topf zum Sieden zu bringen, indem er Holz darunter anblies, bis er ganz schwarzblau im Gesicht wurde. Mehrere von den Männern gingen an uns vorüber und betrachteten uns lauernd, mit nicht sehr freundlichen Mienen. Es war uns daher keineswegs unangenehm, als unser Führer aus seinem Zelte zurückkam, von einer Frau begleitet, mit welcher er in der Sprache des Stammes redete.

»Nattie heißt Euch willkommen«, sagte sie, indem sie uns näher trat.

Niemals in meinem Leben wird die Erinnerung an Natties erstes Auftreten und den Eindruck, den es auf mich machte, aus meinem Gedächtnis verwischt werden. Sie war groß, zu groß, wäre nicht ihre Gestalt im vollkommensten Ebenmaß gewesen. Ihr ovales Gesicht hatte eine helle Olivenfarbe; ihre Augen waren schwarz, die Nase gerade und schön gebaut, der Mund klein, die Lippen schmal und mit einem Zug von Verachtung leicht aufgeworfen, die Zähne perlenweiß. Nie sah ich ein Weib von so gebietendem Äußern. Ihre Füße waren bloß und sehr klein, wie auch die Hände. An den Fingern trug sie viele Ringe von seltsamer alter Fassung, und mitten auf der Stirn, unter dem Scheitel, ein Goldstück. Sie blickte uns an, berührte ihre hohe Stirn mit den Fingerspitzen, während sie mit einer anmutigen Handbewegung und mit sanfter Stimme sagte: »Ihr seid willkommen.« Dann wandte sie sich zu ihrem Manne und sprach in der Mundart der Zigeuner mit ihm, worauf sie sich allmählich in ernster Unterredung von uns entfernten.

Nach kurzer Zeit kehrte sie ohne ihn zurück und redete uns mit einer äußerst sanften Stimme, aber mit höchst entschiedenem Ausdruck an: »Ich habe Euch gesagt, daß Ihr willkommen seid; sitzt also nieder und werdet heimisch bei uns; fürchtet Euch nicht, Ihr habt keine Ursache dazu. Seid treu, so lange Ihr ihm dient, wenn Ihr uns verlassen wollt, so sagt es und nehmt Euern Urlaub. Wollt Ihr aber versuchen, uns ohne Erlaubnis zu entweichen, so müssen wir argwöhnen, daß Ihr uns feind seid, und werden Euch danach behandeln. Das ist Eure Wohnung, so lang' Ihr hier seid«, fuhr sie fort und deutete auf ein anderes Zelt. »Es ist nur noch ein Kind bei Euch, dieser Knabe (sie deutete auf Jumbo), der zu Euren Füßen liegen kann. Und nun laßt uns Freunde sein. – Flita, wo bist Du?«

Eine sanfte Stimme antwortete aus Natties Zelt, und gleich darauf kam ein kleines Mädchen von etwa elf Jahren heraus, dessen Erscheinung eine neue anmutige Merkwürdigkeit war, eine kleine Feengestalt, mit einer Haut, so weiß wie frischgefallener Schnee, lichtbraunen Haaren und großen blauen Augen. Ihr Kleid war knapp und ließ einen guten Teil von ihren schlank gedrechselten Beinchen sehen. Sie eilte auf Nattie zu, kreuzte die Arme über der Brust, stand still und sagte demütig: »Hier bin ich.«

»Erkenne Diese für Freunde, Flita. Sende den faulen Num (dies war Philotas, der Narr) nach mehr Holz aus und sieh' zu, daß Jumbo das Feuer unterhält.«

Nattie lächelte und verließ uns. Sie ging, wie ich bemerkte, zu einer Gruppe von vierzig oder fünfzig Leuten ihres Stammes, die in ernsthaftem Gespräch versammelt waren. Sie nahm ihren Sitz unter ihnen ein und wurde mit auffallender Achtung empfangen. Inzwischen hatte Jumbo ein lustiges Feuer angeblasen; Flita wies uns an, Gemüse zu zerschneiden, welches sie in den siedenden Kessel warf, während Num mit mehr Brennholz erschien. Bald waren wir mit unsern Geschäften fertig. Flita setzte sich zu uns, warf ihr langes Haar zurück, das ihr über die Augen herabgefallen war, und sah uns beiden ins Gesicht.

»Wer gab Dir diesen Namen, Flita?« fragte ich.

»Sie«, war ihre Antwort.

»Welche Sie?«

»Nattie und Melchior, ihr Mann.«

»Bist Du denn nicht ihre Tochter?«

»Nein, ich bin's nicht, das heißt, ich glaube nicht.«

Das kleine Mädchen hielt plötzlich inne, als hätte sie zu viel gesagt, blickte zu Boden und kreuzte die Arme so, daß je eine Hand auf der entgegengesetzten Schulter lag.

Timothy flüsterte mir zu: »Sie muß gestohlen sein, verlaß Dich drauf.«

»Still!« sagte ich.

Das kleine Mädchen hatte seine halblauten Worte gehört und legte den Finger auf den Mund, indem sie zuerst auf Tim und dann nach der Stelle blickte, wo Num und Jumbo saßen. Dieses Kind hatte mein Herz gewonnen, ehe ich noch eine Stunde in ihrer Nähe war; sie war so anmutig, so weiblich, und auf ihrem Antlitz war ein eigentümlicher Zug von Trauer. Daß ein Zwang auf ihr lastete, war offenbar; dabei schien jedoch keine Furcht sie zu beunruhigen. Nattie war sehr freundlich gegen sie, und das Kind schien nicht zurückhaltender gegen die Zigeunerin zu sein, als gegen andere; vielleicht war dieser wehmütige, sinnende Blick ihr angeboren. Es dauerte lange Zeit nach der ersten Begegnung, bis ich einmal ein Lächeln auf ihren Zügen sah.

Bald nach diesem kurzen Gespräch kam Nattie mit der ganzen Anmut und Majestät einer Königin wieder zu uns. Dann gesellte sich auch ihr Mann, oder Melchior, wie ich ihn in Zukunft nennen will, zu uns, und wir setzten uns zu einer Mahlzeit nieder, welche ihresgleichen nicht hatte. Sie war aus allem Möglichen zusammengesetzt: bald hatte ich einen Hühnerflügel, bald ein Kaninchenbein, bald ein Schöpsenstück oder anderes Fleisch und Geflügel in Arbeit und konnte kaum alles unterscheiden. Dazu kamen alle möglichen Gemüse, unter welchen die Kartoffeln die Hauptrolle spielten, in einer schmackhaften Zubereitung, welche ein Epikuräer gepriesen haben würde. Abends hatte ich noch eine lange Unterredung mit Melchior, und um den Leser nicht zu ermüden, will ich gleich bei dieser Gelegenheit alles, was ich von ihm und andern über meine damaligen Verbündeten erfuhr, im Zusammenhang sagen.

Melchior wollte nicht angeben, wer und was er vor seiner Verbindung mit den Zigeunern gewesen war, nur so viel ließ er mich vermuten, daß er in seiner Jugend aus Liebe zu Nattie oder aus andern Gründen die Seinigen, und zwar allen Anzeichen nach keine geringe Familie, verlassen hatte. Schon viele Jahre dauerte seine Verbindung mit dem Stamme, und ob er gleich, als ein Aufgenommener, nicht so hoch in Rang und Achtung stand, wie seine Frau, so hatte ihm doch eben diese Heirat, verbunden mit seinen Talenten und seiner Geschicklichkeit, eine fast ebenso unumschränkte Geltung verschafft.

Melchior und Nattie galten für die reichsten unter den Zigeunern und waren zugleich am freigebigsten mit ihrem Reichtum. Melchior, so schien es, erwarb sich sein Geld auf drei verschiedenen Wegen: als Quacksalber, in welcher Rolle wir ihn zuerst gesehen haben; als Taschenspieler, eine Kunst, in der er erfahren war, und endlich als Wahrsager oder weiser Mann.

Nattie gehörte, wie ich bereits gesagt, zu einer in ihrem Volk sehr angesehenen Familie. Anfangs hatte sie viel von ihrem Einfluß durch die Heirat mit Melchior eingebüßt, weil diese als eine Herabwürdigung angesehen wurde; sie war aber damals noch sehr jung und muß äußerst schön gewesen sein. Melchiors Talente jedoch und ihr eigener kräftiger Geist setzten sie bald in den Stand, ihr Ansehen wieder herzustellen, ja zu vergrößern, und unglaublich ist es, wie weit sie, durch die Mittel, die ihr eigen waren, ihre Gewalt ausdehnte.

Melchior hatte keine Kinder aus dieser Ehe, und so viel ich aus eigenen Worten, welche Nattie einmal satten ließ, beurteilen konnte, wünschte sie auch keine zu haben, weil die Abstammung nicht als rein angesehen worden wäre. Die Abteilung des Stammes, welche unter Nattie stand, zählte etwa vierzig Köpfe, Männer, Weiber und Kinder. Diese regierte sie in der Abwesenheit ihres Mannes, welcher abwechselnd verschiedene Rollen annahm, je nachdem es sein Vorhaben verlangte. Aber an welchem Ort auch Melchior sich aufhalten mochte, immer war Nattie mit ihrem Gefolge in Verkehrsnähe gelagert.

Ich wagte es, Melchior über die kleine Flita zu befragen. Er gab an, sie sei das Kind einer Soldatenfrau, welche, auf der Reise zu ihrem Manne begriffen, unterwegs das Kind zur Welt gebracht und wenige Stunden nach seiner Geburt gestorben sei. Nattie und die Ihrigen haben ihr Hülse geleistet, so gut sie es verstanden; auch sei sie hernach von ihnen begraben und das Kind im Lager auferzogen worden.

Mit der Zeit wurde das kleine Mädchen sehr vertraut mit mir und zeigte mir große Zuneigung. Ich fragte sie nach ihrer Herkunft, worauf ich ihr erzählte, was Melchior gesagt hatte. Lange wollte sie nicht mit der Sprache heraus; das arme Kind hatte schon in so zartem Alter Vorsicht gelernt. Als wir aber allmählich vertrauter wurden, sagte sie mir, daß Melchiors Angabe nicht wahr sei. Sie erinnerte sich ganz gut, daß sie in einem großen Hause, unter schönen Umgebungen gelebt hatte, was ihr immer noch wie ein Traum vorschwebte. Sie erinnerte sich an zwei weiße Pferdchen, an eine Dame, die ihre »Mama« war, an einen Maulbeerbaum, der ihr einmal Flecken ins Kleidchen gemacht, und zuweilen auch an andere Dinge, die sie aber wieder vergaß. Aus all diesem ging augenscheinlich hervor, daß sie gestohlen und vermutlich von guter Herkunft war. Und gewiß, wenn Zierlichkeit und Ebenmaß der Gestalt hierfür einen Beweis geben können, so galt dies bei niemandem mehr, als bei diesem hübschen Kinde. Der Aufenthalt unter den Zigeunern, deren Lebensart und Sitten so eigentümlich sind, hatte ihren Verstand überraschend früh gereift. Erziehung besaß sie nicht, ausgenommen was ihr etwa Melchior eintrichterte, dem sie stets, wenn er als Taschenspieler auszog, zur Seite war. Da tanzte sie dann auf dem schlaffen Draht und machte dazu allerlei Kunststücke, wie Balancieren, Werfen mit Orangen und dergleichen mehr. Wenn Melchior andere Rollen spielte, so blieb sie im Lager bei Nattie.

Von Num, oder Philotas, wie ihn Melchior zu heißen für gut befand, habe ich bereits gesprochen. Er war ein Narr, den Melchior auf einem seiner Streifzüge aufgelesen hatte, und was mir dieser von ihm gesagt, bewährte sich vollkommen. Wenn der Blödsinnige auf der Schaubühne stand und die üblichen Fragen an ihn als Hanswurst ergingen, so wurde seine natürliche Albernheit, die dumme Leerheit seines Blicks und Gesichts von den Zuschauern als bewundernswürdige Kunst beklatscht. Selbst in den Bierhäusern und Tavernen, wo wir einkehrten, hielt jedermann seine Narrheit für eine angenommene Rolle und sah ihn als ein gescheites Bürschchen an. Nie gab es vielleicht ein so weinerliches Gesicht, als dieser arme Junge eines machte, und auch das erhöhte noch die Heiterkeit der Zuschauer, die alles für reine Mimik nahmen. Stephan Kemble spielte den Falstaff, ohne sich auszustopfen, Num spielte den Narren ohne alle Mühe oder Vorbereitung.

Auch Jumbo war »aufgelesen«, aber nicht von Melchior, welcher versicherte, es könne ihn jeder haben, der Ansprüche auf ihn mache. Er schlug Purzelbäume auf der Bühne mit dem Narren und aß Pudding zur Belustigung der Zuschauer. Letzteres war die einzige Rolle, welche Jumbos Geschmacke zusagte, denn er war ein entsetzlicher kleiner Ali, und verlor keine Gelegenheit weder zu essen noch zu schlafen.

Und nun, nachdem ich alle unsere Genossen beschrieben habe, muß ich etwas erzählen, was am Tage nach unserer Ankunft im Zigeunerlager zwischen mir und Melchior vorfiel. Er ging zuerst seine verschiedenen Professionen durch und deutete mir daraus an, daß er als Taschenspieler eines Verbündeten bedürfe, in welcher Eigenschaft ich ihm sehr nützlich werden könne, indem er mich nächstens in allen seinen Kunststücken unterrichten wolle. Als Quacksalber bedürfe er sowohl Tims als meiner, um Mixturen zu machen, Pillen zu drehen und dergleichen, auch um dem Publikum seine große Geschicklichkeit anzupreisen und sein Eigenlob zu bestätigen. Bei seinen Wahrsagereien könnte ich ihm ebenfalls große Dienste leisten, wie er mir später erklären wollte. Von Tim sagte er, er könnte sich, wenn ihm daran gelegen wäre, auf mancherlei Weise brauchbar machen. Unter anderem würde er gern sehen, wenn er Purzelbäume machen und den Hanswurst spielen lernte. Ich ließ mir meine Rolle gefallen. Hierauf hatte ich eine kleine Unterredung mit Timothy, welcher sich auf der Stelle einverstanden erklärte und in dem, was ihm angewiesen wurde, sein Bestes zu thun versprach. So war die Übereinkunft schnell getroffen, und Melchior bemerkte nur noch, er habe nichts von einer Belohnung gesprochen, indem ich finden solle, daß Zutrauen zu ihm weiter führen werde, als ein ausbedungener Sold.

*

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.