Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frederick Marryat >

Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel

Worin die Abenteuer im Frachtwagen fortgesetzt werden, und unser Erstaunen über die neuen Reisegefährten wächst. Wir geben das Lateinreben auf und treten in einen Dienst.

————

Seinem Rate folgend, lagen wir bald im festen Schlafe. Am Morgen erweckte mich eine Hand, die ich in meiner Tasche fühlte. Ich bemächtigte mich ihrer und hielt sie fest.

»Laß mir die Hand los, gleich!« rief eine weinerliche Stimme.

Ich fuhr auf – es war heller Tag – und sah das menschliche Wesen an, dem diese Hand gehörte. Es war ein sehr hagerer, mißgebauter junger Mann von etwa zwanzig Jahren dem Anscheine nach, aber ohne das geringste Zeichen von Mannheit an seinem Kinn, mit einem totenähnlichen Gesicht, großen, starren Augen, hervorstehenden Backenknochen, langen zottigen Haaren, dünnen Lippen und ungeheuren Elefantenohren. Einen erbarmungswerteren Wicht hab' ich in meinem Leben nicht gesehen; ich blickte ihn fortwährend mit Bestürzung an. Er wiederholte seine Worte mit einem blödsinnigen Ausdruck: »Gleich laß meine Hand los, ja?«

»Was hatte diese Hand in meiner Tasche zu schaffen?« rief ich ärgerlich.

»Ich hab' mein Schnupftuch gesucht«, erwiderte der junge Mensch; »ich hab's immer in der Hosentasche.«

»Doch nicht in des Nachbars Tasche vermutlich?«

»In des Nachbars!« versetzte er mit nichtssagender Miene; »ja so, jetzt seh' ich, ich glaubte, es sei meine eigene.«

Ich ließ seine Hand los, er steckte sie sogleich in die Tasche und zog sein Tüchlein hervor, wenn nämlich der Fetzen diese Benennung verdiente. »Da!« rief er; »ich hab's ja gesagt, daß ich's in die Tasche that; ich mach's immer so.«

»Und wer seid Ihr denn?« sagte ich, auf seine Kleidung blickend, welche aus einem Paar weißer türkischer Pumphosen und einer alten mit Flitterwerk besetzten Jacke bestand.

»Ich? ich bin der Hanswurst!«

»Mehr Spitzbube, als Hanswurst, sollt' ich denken«, versetzte ich, immer noch ganz verblüfft über sein sonderbares Aussehen und Gewand.

»Nein, da sind Sie im Irrtum«, sagte die Stimme von gestern Nacht. »Er ist nicht nur ein Narr von Beruf, sondern auch von Natur. Er ist ein Geschöpf mit halben Sinnen, das mir dazu dient, das Volk anzulocken. Es geht wunderlich zu in dieser Welt: Die Weisheit predigt auf den Straßen und niemand achtet ihrer, aber die Narrheit wird immer einen Haufen um sich sammeln.«

Während dieser Anrede wendete ich meine Blicke auf den Sprechenden. Ich sah einen ältlichen Mann mit weißen Haaren, der ein schwarzes Kleid, Manschetten und eine Hemdkrause trug. Seine Augen glänzten, aber über die andern Teile seines Gesichtes konnte man nicht so leicht ins klare kommen, denn es war augenscheinlich bemalt und durch das nächtliche Rütteln des Wagens so verschmiert, daß es in allen Farben des Regenbogens schillerte. Auf seiner einen Seite lag ein großer, dreieckiger, aufgekrempter Hut, auf der andern ein kleiner Klumpen. Bei näherem Hinblicken erwies sich dieser als ein Knabe, der sich wie ein Murmeltier im Stroh zusammengerollt hatte und gesund schlief. Timothy sah mich an und brach, als er meinen Blicken begegnete, in ein Gelächter aus.

»Sie lachen über mein Aussehen, scheint es«, sagte der alte Mann in mildem Tone.

»Ei ja freilich«, rief Timothy: »so einen hab' ich noch nie gesehen und werd's auch nicht wieder.«

»Wohl möglich. Übrigens ist es eine Frage, wenn wir uns wieder sehen, ob Sie mich noch erkennen.«

»O, unter Hunderttausenden!« erwiderte Timothy mit wachsender Lustigkeit.

»Wir werden sehen«, versetzte der Quacksalber, denn dafür wird ihn der Leser schon längst erkannt haben; »doch der Wagen hält und der Fuhrmann wird füttern. Jetzt ist es Zeit, wenn Sie etwas zu sich nehmen wollen. Auf, Jumbo, komm! Philotas, weck' ihn auf und folge mir.«

Philotas, denn so wurde der Narr von seinem Herrn betitelt, drehte einiges Stroh zusammen und steckte es dem Knaben in den Mund. »Jetzt wird Jumbo meinen, er habe etwas zu essen gekriegt; ich weck ihn immer so«, bemerkte der Hanswurst und grinste uns an.

Wie zu erwarten war, that das Mittel seinen Dienst: Jumbo erwachte, wickelte sich aus dem Stroh, rieb sich die Augen, starrte nach der Wagendecke, dann auf uns, und ohne ein Wort zu sagen, kugelte er hinaus, dem Narren nach. Tim und ich folgten. Wir trafen den Doktor, wie er sich eben etwas Brot und Speck erhandelte, wobei sein wunderbares Aussehen große Unterhaltung gewährte und ihm bei den Leuten einen bessern Handel verschaffte, als sie ihm wohl sonst gegönnt haben würden. Er gab dem Knaben und dem Narren etwas von seinen Erfrischungen; dann ging er mit seinem eigenen Anteil aus der Schenkstube hinaus. Timothy und ich begaben uns an den Brunnen, wuschen uns frisch und hell, und wurden sodann gegen einen Shilling zu einem sehr herzhaften Frühstück zugelassen. Nachdem der Wagen ungefähr eine Stunde gehalten hatte, rief uns der Fuhrmann ab; der Doktor aber war nirgends zu finden. Nach einigem Warten brach jener auf, fluchte und schwur, er wolle nie wieder etwas mit einem »Gelehrten« zu thun haben. Inzwischen hatten Tim und ich unsere Sitze im Wagen wieder eingenommen, in Gesellschaft mit dem Hanswurst und Master Jumbo. Wir knüpften eine Unterredung mit dem ersteren an, wobei wir uns bald überzeugten, daß er wirklich, wie der Doktor behauptet hatte, ein Blödsinniger war, und zwar in so hohem Grade, daß man nicht ohne Pein mit ihm reden konnte. Was den letzteren betraf, so hatte er sich wieder eingewühlt, um noch ein Schläfchen zu machen. Ich vergaß zu erwähnen, daß der Knabe so ziemlich auf dieselbe Weise gekleidet war, wie der Narr, in ein altes beflittertes Jäckchen und schmutzige weiße Hosen. Fast eine Stunde lang sprachen wir beide miteinander über das seltsame Verschwinden des Doktors, das um so seltsamer war, als er uns Hoffnung gemacht hatte, uns zu beschäftigen – wiewohl wir über dieses Anerbieten, falls es je gemacht werden sollte, noch nichts Bestimmtes im Sinne hatten – als wir unterbrochen wurden. »Holla, Mann!« rief eine Stimme. »Platz für eine Person bis Reading, um einen Shilling?«

»Ei ja, herauf da und grüß' Gott!« erwiderte der Fuhrmann.

Der Wagen brauchte nicht anzuhalten, im Augenblick war der neue Passagier hereingeklettert. Er trug einen sauberen Kittel, vorn hübsch ausgenäht, Ledergamaschen und starke Schuhe; in der Hand hatte er ein Bündel und einen Stock. Er lächelte, als er sich in der Gesellschaft umsah, und zeigte zwei Reihen schöner Zähne. Sein Gesicht war dunkel und sonnverbrannt, aber sehr hübsch, seine Augen schwarz wie Kohlen und leuchtend wie Gasflammen.

»He, Schauspielervolk – ich hab' schon einen Merks«, sagte er, während er sich setzte, blickte auf des Doktors Gefolge und dann lachend auf uns. »Kommt Ihr weit her, Gentlemen?« fuhr er fort.

»Von London«, war meine Antwort.

»Wie sieht's mit der Ernte da droben aus? Da herunter zu, scheint's, sind die Rüben allesamt mißraten. Trocken Wetter taugt nicht für Rüben.«

Ich erwiderte, ich könne ihm in Wahrheit hierüber keine Auskunft geben, da wir bei Nacht durch die Gegend gefahren seien.

»Ja so, an das hab' ich nicht gedacht!« rief er. »Übrigens die Gerste sieht gut aus; aber Sie verstehen sich vielleicht nicht auf den Landbau.«

Ich erwiderte nein, und so ging das Gespräch ein paar Stunden lang fort. Im Verlauf desselben kam ich auf den Quacksalber und sein sonderbares Verschwinden zu reden.

»Das ist derselbe Bursche, der so viele Leute kuriert hat in ***«, erwiderte er, und nun wandte sich die Unterredung auf den Beruf und die Lebensart des Marktschreiers, welche wir beide recht unterhaltend fanden. »Wir werden ihm sicherlich wieder begegnen«, sagte der Mann. »Würdet Ihr ihn erkennen?«

»Das will ich doch meinen!« erwiderte Timothy lachend.

»Ja, und so werdet Ihr auch meinen, Ihr könntet eine Guinee von einem Halbpenny unterscheiden, wenn ich sie Euch in die Hände gebe«, sagte der andere dagegen. »Ich will nicht wetten und Euch Euer Geld abgewinnen, aber ich sag' Euch, ich will jedem eins von beiden in die Hände geben, und wenn Ihr's eine Minute lang d'rin behaltet und die Augen mittlerweile schließt, so werdet Ihr nicht mehr im stande sein zu sagen, was Ihr d'rin habt.«

»Das wollt' ich mir doch getrauen!« rief Tim, und ich behauptete dasselbe.

»Nun gut, auf dem Jahrmarkt wurde ich auf diese Weise d'rangekriegt und verlor zehn Shilling in der Wette; jetzt wollen wir's einmal mit Euch versuchen.« – Er nahm Geld aus der Tasche, sonderte es aus, ohne daß wir zusehen konnten, drückte jedem von uns eine Münze in die Hand, schloß uns die Finger darüber, »und nun«, rief er, »macht die Augen eine Minute lang zu!«

Wir thaten es, und nach ein paar Sekunden vernahmen wir eine Stimme, die wir augenblicklich wieder erkannten: »Nein, es war doch nicht recht, mich so auf der Straße zu verlassen, da ich doch eingewilligt hatte, das verlangte Geld zu bezahlen. In meinem Alter ist das Gehen eine Anstrengung: excipenda tamen quaedam sunt urbium, spricht Philostratus und will sagen, daß alte Glieder ihre Beweglichkeit verlieren und Hilfe bei der Krücke suchen.«

»Das ist der Doktor!« rief Tim, immer noch mit geschlossenen Augen.

»Thut die Augen auf«, sagte der Fremde, »und nun, ohne die Hand zu öffnen, sagt mir was d'rin ist.«

»Ein Halbpenny in der meinen«, rief Tim.

»In der meinen eine Guinee«, sagte ich.

Wir öffneten unsere Hände, und sie waren – leer.

»Wo zum Teufel ist das Geld?« rief ich, Timothy ansehend,

»Und wo zum Teufel ist denn der Doktor?« erwiderte er, rings herumblickend.

»Das Geld ist in des Doktors Tasche«, versetzte der Mann lächelnd.

»Ja, wo ist denn des Doktors Tasche?«

»Hier!« erwiderte er, indem er auf seine Tasche klopfte und uns bedeutsam ansah. »Ich glaubte, Ihr wäret so gewiß, ihn wieder zu erkennen: – fast eben so gewiß, wie mit dem Geld in der Hand.«

Hierauf nahm er zu unserer Verwunderung des Doktors Stimme an und warf mit Prosodie, Syntax und Latein um sich. Wir waren ganz außer uns, als er fortfuhr: »Wenn ich nicht dahinter gekommen wäre, daß es Euch an Beschäftigung fehlt, und wenn ich nicht hoffte, daß Eure Dienste mir nützlich sein würden, so hätt' ich Euch nicht so in meine Karten blicken lassen. Glaubt Ihr jetzt genug von mir zu wissen, um in meine Dienste eintreten zu wollen? Die Arbeit ist leicht und die Bezahlung nicht schlecht. Ihr habt die Wahl.«

»Ich hoffe«, sagte ich, »daß nichts Unrechtes dabei ist.«

»Nichts, was Ihnen zu thun obläge«, antwortete er mir, »wenn Sie so bedenklich sind; übrigens werden sich Ihre Bedenken mit der Zeit geben. Ich suche meine Waren aufs beste anzubringen, und das thut jeder Kaufmann. Ich spekuliere auf die Dummheit der Menschen, denn davon müssen die gescheiten Leute leben.«

Timothy gab mir einen Stoß und nickte mit dem Kopf, um mich zur Einwilligung zu bewegen. Ich bedachte mich einige Sekunden, dann streckte ich ihm die Hand hin: »Ich willige ein«, sagte ich, »mit dem Vorbehalt, den ich gemacht habe.«

»Sie werden's nicht bereuen«, sagte er; »auch Ihren Kameraden will ich annehmen, nicht weil ich seiner, aber weil ich Ihrer bedarf. Die Sache ist die: ich brauche einen jungen Burschen von anständigen Manieren und hübschem Aussehen, gerade mit den Kenntnissen, die Sie besitzen, – und nun für jetzt nichts mehr davon. Übrigens, war das echtes Latein, was Sie gesprochen haben?«

»Bewahre«, erwiderte ich lachend, »ich sah, daß Sie die Grammatik citierten, und antwortete mit medizinischen Verordnungen. Eins war so gut, wie das andere.«

»Vollkommen – noch besser, muß ich sagen! denn mich können die Schulknaben auswittern, aber nicht Sie. Jetzt gebt acht: wenn wir an den nächsten Kreuzweg kommen, müssen wir absteigen, wenigstens glaub' ich so. Nun, in einer Minute werden wir's wissen.«

Gerade so lange dauerte es ungefähr, da sah ein dunkelfarbiger, zigeunerhafter Mensch in den Wagen herein und redete unsern Bekannten in einer fremden Sprache an. Dieser antwortete in derselben und der Mann verschwand. Wir setzten unsere Fahrt noch ungefähr eine Viertelstunde fort, dann stieg er aus, hieß uns folgen, sagte dem Narren ein paar Worte, die ich nicht verstand, und ließ diesen samt dem Jungen im Wagen zurück. Wir zahlten unsern Fahrlohn, nahmen unsere Bündel und folgten unserem neuen Genossen etliche Minuten auf dem Kreuzwege, bis er anhielt mit den Worten: »Ich muß Euch nun verlassen, um Eure Aufnahme in unserer Brüderschaft vorzubereiten. Geht immer auf dieser Straße fort, bis ihr zu einem Kalkofen kommt, und da wartet auf mich.«

Er sprang über eine Schranke, bog in einem Winkel von der Straße ab, drang in eine Hecke hinein und verschwand unsern Blicken.

»Auf mein Wort, Timothy«, sagte ich, »ich weiß kaum, was ich dazu sagen soll. Haben wir recht gethan, uns diesem anzuvertrauen, der, wie ich fürchte, ein großer Spitzbube ist? Ich habe keine sonderliche Lust, mich mit dem Zigeunervolk einzulassen, denn unter diese gehört er sicherlich.«

»Ich sehe gar nicht ein, was wir besseres thun könnten«, erwiderte Timothy. »Die Welt liegt offen vor uns, und wir müssen uns hindurchdrücken. Daß er ein Quacksalber ist, darin kann ich nichts so arges sehen. Die Leute setzen ein größeres Vertrauen aufs Arcanum, als auf ordentliche Arznei; auch ist's wohlbekannt, daß die Quacksalbereien just so oft helfen, als die Rezepte, und das gerade aus diesem Grunde.«

»Sehr wahr, Timothy; wenn das Gemüt einmal beruhigt ist, so erholt sich der Körper bald, und der Glaube macht selbst bei Quacksalbereien gar oft die Leute gesund. Aber glaubst Du, er werde die Leute bloß auf diese Art betrügen?«

»Mag er oder mag er nicht, jedenfalls denke ich, daß man außerdem nichts anderes von uns verlangen wird.«

»Dessen bin ich nicht so ganz gewiß; übrigens wir werden ja sehen. Er sagt, er könne uns brauchen, und das muß ich auch vermuten, sonst hätte er uns nicht angenommen. Wir werden bald im Klaren sein.«

*

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.